Titel: Das maschinen-technische Unterrichtswesen auf der Jubiläums-Landesausstellung in Nürnberg 1906.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1906, Band 321 (S. 805–808)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj321/ar321232

Das maschinen-technische Unterrichtswesen auf der Jubiläums-Landesausstellung in Nürnberg 1906.

Von Karl Drews, Ingenieur.

(Schluss von S. 772 d. Bd.)

Im Gegensatz zu den preussischen Maschinenbauschulen ist an der Industrieschule der Konstruktionsunterricht in der Elektrotechnik aufgenommen worden. Es waren mehrere Konstruktionszeichnungen von Dynamomaschinen ausgestellt, die an und für sich einen recht guten Eindruck machten. Als Grundlage für diese Entwürfe scheint eine Skizze gedient zu haben, die in grossen Umrissen die Form der Maschine angab; wenn ich mich nicht irre, so befand sich diese Skizze bei den schriftlichen Arbeiten aus dem Gebiete der Elektrotechnik in den Glaskästen. Dieser elektrotechnische Konstruktionsunterricht ist indes programmwidrig; denn das Schulprogramm kündigt nur Vortrag und Laboratorium an, nicht Uebungen im Konstruieren.

So sehr man auch den Eifer des betr. Lehrers loben mag, der unmittelbare Gewinn, den der Schüler daraus zieht, steht in keinem Verhältnis zu der aufgewendeten Arbeit. Vielleicht einer unter 100 Schülern kommt einmal in die Lage, derartige Maschinen zu bauen; die Nachfrage nach Konstrukteuren für Motor- und Dynamobau ist sehr gering, der Inseratenteil unserer Zeitschriften beweist dies.

Wenn man den Schülern aber eine derartige Arbeit auferlegt, die rein zeichnerisch schon ungemein zeitraubend ist, so muss die Möglichkeit, die dabei erworbenen Kenntnisse in der Praxis zu verwerten, in höherem Masse vorhanden sein.

Diese ausgestellten Entwürfe von Dynamomaschinen nebst anderen schon oben erwähnten aus dem Gebiete der Elektrotechnik sind so recht klassische Zeugen dafür, wie leicht das Ziel einer Mittelschule überschritten werden kann. Und es sind dann, wenn nicht immer, so doch vielfach die Lehrer mit reichem Können, die dieser Versuchung erliegen und über das Ziel hinausschiessen; natürlich bei der knapp bemessenen Zeit auf Kosten anderer wichtiger Gebiete des Maschinenbaues.

Hier muss ein jeder Selbstzucht üben, und der Leiter der Anstalt hat die Verpflichtung, mit fester Hand einen allzu starken Tatendrang zu zügeln.

In den Glaskästen an den Wänden lagen schriftliche Arbeiten und Laboratoriumsprotokolle der Schüler, auch Lehrmittel wie Skizzenbücher usw. aus.

Von den Laboratoriumsprotokollen sind diejenigen des elektrotechnischen Laboratoriums, das für die Verhältnisse einer Mittelschule reich ausgestattet ist, besonders lobend zu erwähnen. Für sehr zweckmässig halte ich auch die in den Protokollen aufgenommene genaue Beschreibung der von dem Lehrer für Elektrotechnik an der Nürnberger Industrieschule, Herrn Prof. Widmann entworfenen, sehr interessanten Schaltbrettanordnung. Von den Arbeiten im Maschinenlaboratorium lagen eine Anzahl aufgenommener Diagramme von Kraftmaschinen aus. Ferner lagen aus: aus der Maschinenkunde Berechnungen, aus der Mathematik und Mechanik Haus-, Schul- und freiwillige Arbeiten. Alle diese Arbeiten waren recht sauber ausgeführt; die gewählten Beispiele waren dem Zweck der Schule angepasst.

An den ausliegenden Arbeiten auf sprachlichem Gebiet fiel mir auf, dass die Aufsätze mit ganz wenigen Ausnahmen Themen moralischen, geschichtlichen, literar-ästhetischen Inhalts behandelten.

Man hätte doch erwarten können, dass der Charakter der Schule auch in der Wahl der Aufsatzthemen zum Ausdruck käme.

Gerade in den fremden Sprachen müsste hier das Nützlichkeitsprinzip neben dem allgemeinbildenden etwas mehr betont werden.

Unter den ausgelegten Arbeiten habe ich nur einen Aufsatz technischen Inhalts (Geschichte der Dampfmaschine, französisch), gefunden.

Unsere grösseren Firmen führen viele ihrer Drucksachen, Kataloge usw. ausser in deutscher, auch in französischer und englischer Uebersetzung. Wenngleich diese Uebersetzungen nicht immer mustergültig sind, so dürfte die Lektüre dieser Schriften für die Schüler von ausserordentlichem Nutzen sein.

Auch vom pädagogischen Standpunkte aus wäre dies sehr zu empfehlen, da der Schüler hier durch die Bezugnahme auf sein Fachstudium eine grössere Anregung erhalten würde.

Ich bin überzeugt, dass unsere grossen Firmen einer Bitte um Ueberlassung einer Anzahl solcher Druckschriften sehr gern entsprechen würden.

Von den Arbeiten des praktischen Unterrichtes waren eine grosse Anzahl angefertigter Werkzeuge der verschiedensten Art, Lehren, Zirkel, dann Holzmodelle und deren Abgüsse ausgestellt; ferner einige grössere Arbeiten, bei denen sich die Schüler in der Montage geübt hatten, z.B. eine Laufkatze von 5000 kg Tragkraft (für den Maschinenraum der Schule bestimmt), eine Bohrmaschine, eine Zentrifugalpumpe, eine Plungerpumpe, eine Shaping- und eine Dynamomaschine. Die Arbeiten waren im Durchschnitt recht sauber ausgeführt.

An und für sich mögen ja diese Gegenstände recht interessant sein; nimmt man jedoch den oben dargelegten Standpunkt zu den Lehrwerkstätten überhaupt ein, so schrumpft die Bedeutung dieser Ausstellungsgegenstände erheblich zusammen.

Die maschinentechnischen Abteilungen der Industrieschulen München, Augsburg und Kaiserslautern hatten nur |806| Werkstättenarbeiten, Modelle, Lehrmittel und einige schriftlichen Arbeiten ausgestellt.

Sieht man die Ausstellung dieser Schulen als Gradmesser für ihre Leistungsfähigkeit an, und das kann man bis zu einem gewissen Grade – Gold wird der Fachmann auch hier von Talmi stets unterscheiden können – so muss man zugeben, dass die erzielten Resultate äusserlich recht gute sind.

Trotzdem muss ihre Organisation, ihr zwiespältiger Charakter als nicht zweckmässig, als nicht zeitgemäss betrachtet werden. Das zweite Ziel, die Ausbildung von mittleren Bureau- und Betriebsbeamten, wird durch das erste Ziel, Vorbereitung für die technische Hochschule, unbedingt beeinträchtigt. Das Pensum des dritten Jahreskursus ist ein viel zu reichhaltiges, als dass es der Durchschnittsschüler in dieser kurzen Zeit verdauen könnte. Dazu kommt noch der Mangel der praktischen Tätigkeit in einer Fabrikwerkstätte, für die die Lehrwerkstätte, wie oben ausgeführt, durchaus kein Aequivalent bietet.

Man macht geltend, dass der Industrieschüler beim Eintritt in die Praxis über ein hohes Mass mathematischer Kenntnisse verfüge. Dem ist zu erwidern, dass die Kenntnisse der Schüler einer preussischen höheren Maschinenbauschule in der Mathematik denjenigen der Industrieschüler in nichts nachstehen. Das bischen Differential- und Integralrechnung, das an der Industrieschule gelehrt wird, kommt eigentlich mehr dem Lehrer als dem Schüler zugute, indem sie ersterem die Beweisführung mancher Sätze der Mechanik erleichtert.

Ausserdem bedeutet jener Einwand eine Ueberschätzung der Rolle, die die Mathematik bei dem Schaffen des Ingenieurs spielt1).

Wie viele Ingenieure kommen denn überhaupt in die Lage, von ihren erworbenen mathematischen Kenntnissen ausgebreiteten Gebrauch zu machen; viele kommen mit einigen wenigen Formeln aus, sehr viele brauchen gar nicht zu rechnen. Ich kenne viele hervorragende Ingenieure in leitenden Stellungen, deren mathematisches Rüstzeug sehr wenig umfangreich ist.

Die bayrischen Industrieschulen hören ja, wie schon oben erwähnt, in nächster Zeit auf, zu bestehen. Ihr jetziges erstes Lehrziel übernehmen die neuzugründenden Oberrealschulen; für das zweite Lehrziel, die Fachausbildung, werden besondere technische Mittelschulen ins Leben gerufen.

Die vorhergehenden Betrachtungen über die Organisation der Industrieschule kämen somit gewissermassen post festum; es kann indes nicht schaden, auch jetzt noch auf die Mängel jener Anstalten hinzuweisen, da sich in Bayern gegen die geplante Reorganisation ein Widerstand erhoben hat und zwar unerklärlicherweise in den Kreisen der früheren Industrieschüler, die doch jene Mängel aus eigenster Anschauung kennen gelernt haben.

Nach No. 353 der „Münchener Neuesten Nachrichten“ protestierte nämlich der Landesverband früherer Industrieschüler gegen die Reorganisation; er empfahl vielmehr den weiteren Ausbau der Industrieschulen zu Oberrealschulen mit Gewerbeakademie. Ein Redner in der betr. Versammlung sprach sogar die Hoffnung aus, dass diese Anstalten dann vorbildlich sein würden für sämtliche Bundesstaaten und darüber hinaus.

Nun, die Herren mögen nur recht viel Wasser in den Wein ihrer Begeisterung schütten; die ausserbayrischen Bundesstaaten werden sich sehr hüten, ihre bewährten Organisationen zu verlassen und zu solchen zurückzukehren, die für sie schon längst ein überwundener Standpunkt sind.

Hoffentlich lässt sich die bayrische Regierung durch keine Resolutionen in ihren Massnahmen, eine reinliche Scheidung zwischen allgemeinbildenden und technischen Mittelschulen herbeizuführen, beirren. Sie leistet damit der vaterländischen Industrie und auch weiteren Volkskreisen einen grossen Dienst.

Den aus den Industrieschulen hervorgehenden rein technischen Mittelschulen darf man von vornherein ein günstiges Prognostikon ausstellen. Jedenfalls bietet uns die Nürnberger Industrieschule Gewähr, dass sie nach Abwerfen ihres ersten Lehrzieles mit ihren vorzüglichen Einrichtungen, Lehrmitteln und Lehrkräften unter der zielbewussten Leitung ihres derzeitigen Rektors eine der hervorragendsten technischen Fachschulen Deutschlands werden wird.

Ob die neuzuerrichtenden technischen Mittelschulen auch die jetzigen scharfen Aufnahmebedingungen von den Industrieschulen übernehmen sollen, ist eine Frage, die im Hinblick auf den schwachen Besuch des dritten Jahreskurses der letzteren ernstlich in Erwähnung zu ziehen ist.

3. Die Maschinenbauschulen.

An die Industrieschulen reihen sich zunächst die Maschinenbauschulen an, die meist aus Kreismitteln mit Zuschüssen aus der Staatskasse unterhalten werden.

Von diesen Anstalten entspricht die höhere Fachschule für Maschinenbau und Elektrotechnik in Würzburg bezüglich ihrer Ziele, ihres Schulprogramms den preussischen höheren Maschinenbauschulen; ihre Aufnahmebedingungen sind indes schärfer.

Die Unterrichtsdauer umfasst zwei Jahre für diejenigen Schüler, die im Besitze des Abgangszeugnisses einer sechsklassigen Realschule sind, dagegen drei Jahre für diejenigen, die die Berechtigung zum einjährigfreiwilligen Dienst auf einem Gymnasium, Realgymnasium oder vor der Regierungskommission erworben haben. Für diese ist eine besondere Vorklasse eingerichtet. Diese Anstalt schliesst sich an die Kreisrealschule an; beide stehen unter der Leitung des Rektors der Realschule.

Lehrwerkstätten sind auch hier vorhanden: das Arbeiten in ihnen ist obligatorisch, es können jedoch diejenigen Schüler davon befreit werden, die eine genügende Fabrikpraxis nachweisen können.

Diese Anstalt hatte eine Anzahl von Konstruktionszeichnungen eines ihrer letzten Absolventen und Arbeiten der Lehrwerkstätten ausgestellt.

Die Konstruktionszeichnungen (Maschinenteile, Dampfzylinder mit Steuerung, Dampfkessel, Kran usw.) waren |807| sachlich und auch zeichnerisch sauber durchgeführt und überschritten nicht das Ziel solcher Schulen.

Die Arbeiten des praktischen Unterrichts wiesen unter anderem eine Dampfmaschine, eine Dampfpumpe, eine Dynamomaschine, Ventile, Schieber, Teile von Werkzeugmaschinen, Giessereimodelle zu obiger Dampfmaschine u.a.m. auf; alles in recht sauberer Ausführung. Diese Arbeiten dürften indes zum grösseren Teil von den Schülern der Werkmeisterschule, die mit der Maschinenbauschule verbunden ist, hergestellt sein.

Die Fachschulen für Maschinenbau in Landshut und Ansbach gliedern sich ebenfalls den dortigen Realschulen an; bei der Aufnahme wird indes nur Elementarschulbildung verlangt.

Das Ziel dieser Schulen ist die Ausbildung von Technikern, Werkmeistern, Monteuren, Mechanikern usw. in drei Jahreskursen. Dem Ziel dieser Anstalten entsprechend, füllt die Arbeit in den Lehrwerkstätten den grösseren Teil der Unterrichtszeit aus. Von 49 Wochenstunden entfallen 30 auf den praktischen Unterricht.

Diese Schulen hatten ebenfalls Arbeiten des Zeichen- sowie des praktischen Unterrichts ausgestellt, von denen die letzteren hier natürlich anders bewertet werden müssen als bei den vorhergehenden Anstalten.

Die Zeichnungen waren nach Modellen und Vorlagen hergestellt und im grossen Ganzen sauber und sachgemäss ausgeführt, hielten sich auch in den zulässigen Grenzen. Unter den Blättern der Landshuter Schule befanden sich auch einige perspektivische Zeichnungen wie Dampfmaschine, Flügelgumpe, Ringschmierlager.

Ich bin im Zweifel, ob der daraus erzielte Nutzen dem Aufwände von Zeit entspricht.

Die Werkstättenarbeiten bestanden hauptsächlich aus Werkzeugen und Werkzeugmaschinen. Einige Werkzeugmaschinen der Landshuter Schule waren nach Entwürfen des Betriebsleiters dieser Anstalt hergestellt.

Die ausgestellten Arbeiten der mechanischen Lehrwerkstätten der Realschule in Kaiserslautern, der mechanisch-technischen Fachschule Bamberg, der Maschinenbauschule (Abteilung der Baugewerkschule) in Nürnberg bewegten sich in demselben Gleis und wiesen durchschnittlich recht gute Resultate auf.

Alle diese Schulen mit Ausnahme der letzteren sind den Kreisrealschulen angegliedert.

Dies Abhängigkeitsverhältnis reiner Fachschulen von allgemein bildenden halte ich aus mehreren Gründen für unzweckmässig.

Denn über die Ziele und Wege der ersteren entscheiden bei solcher Angliederung Personen, die vielleicht den besten Willen, aber doch nicht das notwendige tiefere Verständnis für die Bedürfnisse der Industrie haben; dieses kann nur der Ingenieur nach längerer praktischer Tätigkeit haben.

Es wird stets die Gefahr vorliegen, dass Unterrichtsmethoden, die für die Realschule als allgemeinbildender Anstalt wohl Sinn haben, auch auf die Fachschulen übertragen werden, wo sie wenig angebracht sind und den Unterricht in falsche Bahnen lenken können.

Die Fachschule muss selbständig sein, wenn sie gedeihen soll; an ihrer Spitze muss ein Mann stehen, der stets Fühlung mit der Industrie, ihren Fortschritten, ihren Bedürfnissen zu halten vermag.

Wenn ich oben sagte, dies könne nur ein Ingenieur sein, so will ich gern zugeben, dass unter besonderen Umständen auch ein Mathematiker oder Physiker die Aufgaben der Fachschule ebensogut oder noch besser als mancher Ingenieur zu erfassen vermag, und dass ihm ihre Leitung dann sehr wohl anvertraut werden kann; immer jedoch unter der Voraussetzung, dass seine volle Tätigkeit der Fachschule gehört und nicht zwischen zwei Schulen verschiedenen Charakters geteilt ist.

4. Die Handwerker-Fachschulen und gewerblichen Fortbildungsschulen.

Diese Schulen waren auf der Ausstellung recht zahlreich und auch mit recht guten Leistungen vertreten.

Beim Betrachten der ausgestellten zeichnerischen Arbeiten dieser Schulen fiel mir die oft recht stiefmütterliche Behandlung des Linear- und Maschinenzeichnens auf. Manches davon war geradezu mitleiderregend. Bei mehreren Blättern musste man fast raten, was sie eigentlich darstellten, so verwischt waren die Formen; dabei strotzten sie von Zeichenfehlern. Auch die Vorlagen und Modelle, wonach die Zeichnungen angefertigt waren, waren vielfach nicht sachgemäss und zweckentsprechend ausgewählt.

Der Grund für diese teilweise geringen Leistungen im Maschinenzeichnen ist wohl darin zu suchen, dass dieser Unterricht nicht von Fachleuten, sondern von Mittelschul- und Volksschullehrern erteilt wird, die ihm in keiner Weise gewachsen sind. Durch einen mehrwöchigen Zeichenkursus erwirbt man sich noch keineswegs die Fähigkeit einen sachgemässen Unterricht im Maschinenzeichnen zu erteilen; denn hier kommt es nicht nur auf Handfertigkeit an, sondern Kenntnis der Materialien, der Arbeitsvorgänge, des Zweckes, wozu die betr. Konstruktion dient, sind für die Anfertigung einer richtigen Maschinenzeichnung unbedingt erforderlich.

Mittelschul- und Volksschullehrer besitzen diese einschlägigen Kenntnisse aber nicht, sie werden auf diesem Gebiete stets Dilettanten bleiben.

Es ist daher unbedingt nötig, dass der Unterricht im Fachzeichnen und was damit zusammenhängt nur von Fachleuten erteilt wird, wenn etwas Erspriessliches hierin geleistet werden soll.

Da nach den Grundsätzen für die Neugestaltung der gewerblichen Fortbildungsschulen in Bayern der Charakter dieser Schulen ein fachlicher sein soll, so muss auch folgerichtig technisch gebildeten Fachleuten die Leitung übertragen werden, den Fachlehrern der überwiegende Einfluss auf die Gestaltung des Unterrichts zugebilligt werden. Die Fortbildungsschulen werden dabei nur gewinnen.

Die kürzlich unter allseitiger Zustimmung aus der Mitte der Berliner Stadtverordnetenversammlung gegebene Anregung, für die neueinzurichtende Stelle eines Stadtschulrates für die Berliner Fortbildungsschulen einen technisch gebildeten Fachmann zu wählen, ist daher im Interesse dieser Schulen lebhaft zu begrüssen und es wäre sehr zu wünschen, dass der Magistrat von Berlin dieser Anregung Folge gäbe und bahnbrechend in dieser Richtung wirkte.

Liessen die Leistungen der Fortbildungsschulen im Maschinenzeichnen vieles zu wünschen übrig, so konnte man dem Zeichenunterricht, den mehrere grosse Firmen ihren Lehrlingen angedeihen lassen, ungeteiltes Lob spenden. Es kommen hier die Vereinigte Maschinenfabrik Augsburg, die Siemens-Schuckertwerke und die Kgl. Eisenbahnwerkstätten in Betracht. Diese Arbeiten waren in dem Museum für Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen und in der Ausstellung des Verkehrsministeriums im Gebäude des bayrischen Staates zu finden.

Die Auswahl der dargestellten Gegenstände, ihre zeichnerische Wiedergabe kann als vorbildlich für den Unterricht im Maschinenzeichnen an Fortbildungsschulen angesehen werden.

Die ausgestellten Blätter gaben ein klares Bild, in welchen Bahnen und innerhalb welcher Grenzen sich der Zeichenunterricht dort bewegen muss; sie zeigten auch |808| deutlich, wie erfolgreich der Unterricht sein kann, wenn der Lehrer die nötige Sach- und Fachkenntnis besitzt.

Die Zeichnungen und Skizzen von Lehrlingen der Eisenbahnwerkstätten waren vielfach nur sauber in Bleistift ausgeführt.

Ich halte dies für sehr zweckentsprechend und für völlig genügend, denn das Ausziehen und Anlegen der Zeichnungen hat doch für Handarbeiter keinen rechten Zweck; die dafür erforderliche Zeit kann viel nützlicher verwandt werden.

Von Versuchen, das Maschinenzeichnen auch in die Volksschule einzuführen, zeugten einige Zeichnungen von einfachen Maschinenteilen, die in der Sonderausstellung der Stadt Nürnberg ausgestellt waren. Ut desint vires, tarnen est laudanda voluntas.

Ob ein solcher Unterricht auf jener Entwicklungsstufe schon angebracht ist, darüber können wohl die Meinungen auseinander gehen. Ich bin der Ansicht, dass ein derartiger Zeichenunterricht nur in Verbindung mit dem Handfertigkeitsunterricht Früchte tragen kann.

Es mögen hier auch die ausgestellten zeichnerischen Arbeiten der höheren Schulen, Gymnasien und Realschulen kurz besprochen werden.

An diesen Schulen trat das Freihandzeichnen nach Vorlagen und nach Natur in den Vordergrund. Das geometrische Zeichnen scheint demgegenüber mehr als erwünscht zurückzutreten. Das ist zu bedauern; denn gerade dieser Teil des Zeichenunterrichts ist für die Entwicklung des Raumverstellungsvermögens so überaus wichtig.

Allerdings muss dieser Unterricht, wenn er erzieherisch in jenem Sinne wirken soll, in Händen eines Lehrers liegen, der seiner Aufgabe auch gewachsen ist, was nicht immer der Fall ist.

Es genügt nicht, dem Schüler einige Methoden beizubringen, wie man diese oder jene Durchdringungskurve ermittelt; das ist im Grunde nur eine mechanische, schematische Arbeit. Fruchtbringend wird die Arbeit erst dann, wenn der Lehrer den Schüler zwingt, von der Ebene des Zeichenblattes in den Raum zu gehen, alle Linien, die der Schüler dort zieht, auch an dem vor seinem geistigen Auge schwebenden Körper selbst zu ziehen, d.h. ihn zwingt, körperlich zu sehen und zu denken.

Das erzieherische Moment, das in der darstellenden Geometrie liegt, ist ungleich wichtiger als das blosse Erlernen einiger ihrer Regeln. Von dem Eifer und dem Geschick des Lehrers wird es abhängen, wie weit das Interesse des Schülers für diesen Gegenstand wachgerufen wird.

Dass dieses Interesse in der Regel sich mehr dem figürlichen Zeichnen zuwendet, ist ja psychologisch erklärlich; und nach dieser Seite hin wiesen die Schulen im allgemeinen recht hübsche, zum Teil sogar hervorragende Resultate auf.

Ich erwähne hier unter anderem die Arbeiten der Münchener Realgymnasien, die auch in instruktiver Beziehung interessant waren. Die Blätter waren vielfach nach der Natur gezeichnet; von der einfachen Bleistiftskizze, die die Hauptlinien z.B. einer Strasse, eines Schienenweges, eines Tunnels wiedergaben, fortschreitend bis zur detailierten getuschten Zeichnung von Gebrauchsgegenständen usw.

Besonders erwähnenswert waren auch die Aquarellstudien nach der Natur von Schülern des Luitpold-Gymnasiums in München; flott gemalte, richtig gesehene, oft farbenfreudige Blätter von Landschaftsdetails z.B. von Türmen, Erkern, Giebeln, Bäumen usw.

Auf das Ergebnis der Unterrichtsausstellung kann die Veranstalterin, die bayrische Staatsregierung, mit berechtigter Genugtuung zurückschauen. Sie hat hier bewiesen, dass sie den Bedürfnissen der Industrie und des Gewerbes volles Verständnis entgegenbringt, dass sie dem technischen Unterrichtswesen die sorgsamste Pflege angedeihen lässt. Zufriedenheit ist gewiss ein gutes Ding; für den Ingenieur als solchen würde sie indes Stillstand, d.h. Rückgang bedeuten; für ihn ist umgekehrt die Unzufriedenheit mit dem Vorhandenen geradezu eine Tugend; in ihr liegen die Keime zu immer neuen vollkommneren Formen der Technik. Bleiben daher von diesem Standpunkt aus betrachtet auch bezüglich des technischen Schulwesens noch mancherlei Wünsche übrig, so tut das jedoch dem Gelingen des ganzen keinen Abbruch. Befriedigt konnte der aufmerksame und sachkundige Besucher die Räume der Unterrichtsausstellung verlassen, in denen ein so schönes Stück vaterländischer Arbeit in Erscheinung trat.

Dass die hier geleistete treue Arbeit auch reiche Früchte trägt, dafür waren die Maschinenhalle, die Kunstgewerbehalle, das Industriegebäude sprechende Beweise.

Zwischen Schule und Praxis bestehen innige Beziehungen, ein stets gegenseitiges Geben und Empfangen.

Wir wollen nicht miteinander rechten, wer von beiden mehr gibt oder empfängt, sondern wir wollen uns dessen bewusst sein, dass das technische Unterrichtswesen ein integrierender Bestandteil der Praxis ist, beide sind aufeinander angewiesen.

Diese innigen Beziehungen aufrecht zu erhalten, die Organisation des Schulwesens stets den Bedürfnissen der Praxis anzupassen, ist Pflicht der staatlichen Unterrichtsverwaltung.

Dass die bayrische Regierung, unterstützt von der Volksvertretung, diese Pflicht in hohem Masse erfüllt hat, dafür liefert uns die wohlgelungene Unterrichtsausstellung den besten Beweis.

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Diese Ueberschätzung habe ich merkwürdigerweise sogar noch bei Leuten, die in der Praxis stehen, gefunden. Bei der Besichtigung einer der hervorragendsten Schweizer Firmen machte im Verlaufe eines Gespräches der Personalreferent dieser Firma die Bemerkung, dass die Züricher Hochschule leistungsfähigere oder doch besser vorgebildete Ingenieure in die Praxis schicke als z.B. die Charlottenburger Hochschule. Die Ingenieure, die von der Züricher Hochschule kämen, würfen nur so mit den Integralen umher. Nun, Herr Prof. Riedler ist zweifellos ein Ingenieur von Weltruf; aber dass das „mit Integralen Umherwerfen“ für seine Bedeutung irgendwie ausschlaggebend sei, wird er wohl selbst in der ihm eigenen sarkastischen Weise ablehnen.

Ich empfehle jenem Herrn die geradezu klassischen Ausführungen Riedlers über diesen Punkt in seinem Vortrage „Die Ziele der technischen Hochschulen“ in der Z. d. V. 1896, S. 304 nachzulesen, ein Vortrag, dessen wiederholte Lektüre auch jetzt noch nach zehn Jahren jedem Ingenieur nicht dringend genug zu empfehlen ist.

Niemals ist das Wesen der Ingenieurtätigkeit klarer erfasst und dargelegt worden als in jenen Ausführungen.

Wie weit die Behauptung des oben genannten Herrn bezüglich der besseren Vorbildung der Züricher Studenten berechtigt ist, lässt sich sehr schwer entscheiden. Wenn dies aber mit dem grösseren Lernzwang an der Züricher Hochschule begründet wurde, so ist dem zu entgegnen, dass nirgends so fleissig und intensiv gearbeitet wird wie an der Charlottenburger Hochschule trotz voller akademischer Freiheit.

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