Titel: Münzplattensortiermaschinen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1907, Band 322 (S. 68–70)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj322/ar322024

Münzplattensortiermaschinen.

Von Dr. Anton Munkert.

Abgesehen von der durch die Prägung geschaffenen äußeren Form hat jedes umlauffähige Münzstück im Gewichte und Feingehalt, in Schrot und Korn, den gesetzlich festgelegten Normen zu entsprechen.

Im Münzbetrieb beansprucht das Justieren, das ist die Erzielung des genauen Gewichtes eines jeden einzelnen Stückes die größte Sorgfalt und bedeutenden Zeitaufwand.

In früherer Zeit war bei den primitiven Hilfsmitteln der damaligen Münztechnik die richtige Stücklung nur innerhalb verhältnismäßig weiter Grenzen erreichbar. Zur Sortierung der ausgeschnittenen Münzplättchen mußte jedes einzelne Stück mittels kleiner Handwagen gewogen werden und das Justieren der schweren Platten geschah sodann durch Abfeilen oder Abschaben mit Hilfe primitiver Werkzeuge.

Erst in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts fanden sinnreich konstruierte selbsttätige Wägemaschinen im Münzbetrieb allgemein Eingang und die Leistungsfähigkeit der Münzstätten erfuhr hierdurch eine bedeutende Steigerung.

Die Wurmsche Münzplättchensortierungs- oder Wagelmaschine1), von Mechaniker Franz Xav. Wurm in Wien im Jahre 1834 konstruiert, ist als das Urmodell einer derartigen maschinellen Wägevorrichtung zu betrachten. Genannte Maschine sortiert die Münzplatten nur nach zwei Sorten, während die späteren Konstruktionen mindestens drei Sortierungen zu liefern vermögen.

Die Konstruktion und Arbeitsweise dieser Maschine besteht in folgendem: Ein System von zehn Münzwagen, deren Wagbalken auf der einen Seite je ein Normalgewicht tragen, wird durch eine der ganzen Maschine entlanglaufende Antriebswelle in Tätigkeit gesetzt, indem von zehn in eine Hülse gefüllten Münzplättchen je eines mittels eines gemeinschaftlichen Zubringers auf die andere Wagschale geschoben wird. Nach Hebung der Wagen und nach erfolgtem Spiele der Wagbalken wird jedes einzelne Plättchen durch eine Feder seitwärts von der Wagschale geschnellt und fällt, je nachdem es zu leicht oder zu schwer ist, in einen höher oder tiefer gelegenen Schlitz und von da durch einen Trichter in das Sortiergefäß.

Die Wurmsche Sortiermaschine erwies sich für den praktischen Gebrauch als nicht geeignet. Der Maschine hafteten insbesondere zwei Fehler an; einerseits gewährte das rasche Wegschnellen der Münzplättchen keine genügende Sicherheit dafür, daß die einzelnen Plättchen immer in das richtige Fach gelangten und andererseits hatte die stoßweise Erschütterung, welcher die Maschine ständig ausgesetzt war, eine zu schnelle Abnutzung der empfindlichen Wagen im Gefolge.

In chronologischer Beziehung ist hier nun zunächst die Münzwage von Séguier2) zu erwähnen, welche mit fünf einzelnen, nebeneinander befindlichen Wagen eingerichtet war. Nähere Angaben über die Verwendbarkeit dieser Maschine liegen nicht vor.

Bei dem Bestreben von Ludwig Seyß in Atzgersdorf bei Wien, die Fehler der Wurmschen Maschine zu beheben, entstand schließlich im Jahre 1871 eine ganz neue Maschine. Die gleichzeitige Betätigung der zehn Wagen durch eine gemeinsame Welle, sowie die einseitige Belastung der Wagbalken durch Normalgewichte blieben zwar beibehalten, die übrigen Einrichtungen schuf aber Seyß auf ganz neuen Grundlagen.

Bei der Münzplattensortiermaschine von Ludwig Seyß3) (Fig. 13) sind nachfolgende Maschinenteile zu unterscheiden, welche von der Hauptwelle aus hauptsächlich durch Exzenter angetrieben werden.

a) Der eigentliche Wägemechanismus setzt sich aus zehn einzelnen Wagen zusammen, bestehend aus je einem gleichschenkligen Wagbalken, der durch zwei hochkant gestellte, parallele Stahlblechstreifen f (Fig. 3) gebildet wird. Der Wagbalken trägt einerseits die Aufhängevorrichtung mit dem Normalgewichte g, andererseits eine besonders konstruierte Tasche e zur Aufnahme der zu wägenden Münzplatten. Die Tasche hat einen federnden Verschluß, welcher durch ein bewegliches Kulissensystem ausgelöst werden kann.

b) Der Zubringer b mit Füllbecher a steht mit einer Vorkammer in Verbindung, aus der die Münzplatte durch Oeffnen des Schiebers d in die Wagtasche e fällt. Der Zubringer und die mit Schieberverschluß versehene Vorkammer stellen die Nebenapparate der Maschine vor.

c) Zur Arretierung des ganzen Wagsystems stehen drei Vorrichtungen zur Verfügung. Zum Festhalten des Wagbalkens vor Beginn des Wagens sind Balken- und Schalenarretierungen an dem bügelartigen Rahmen kl angebracht, welcher sich an der die Tragsäule h der Wage umschließenden beweglichen Hülse i befindet. Um nach beendigter Wägung die Platte aus der Wagtasche entfernen und hernach eine neue Platte zuführen zu können, ist eine besondere Arretierungsvorrichtung vorhanden, welche unterhalb |69| der Tasche e eingreift und aus zwei Klemmbacken mit mehreren Einkerbungen besteht.

Textabbildung Bd. 322, S. 69

d) Zur Erreichung einer stufenweisen Aussonderung der Münzplättchen befinden sich auf den Wagbalken geeignete Reitergewichte (II-V), welche auf staffelförmig ausgeschnittene Stahlbleche (2–5) abgelegt werden können. Die äußersten Grenzlagen des schwingenden Wagbalkens sind durch zwei im Balken festsitzende Stifte I und VI festgelegt.

e) Der staffelförmigen Ablage der Reitergewichte entsprechend, besteht das bewegliche Kulissensystem aus 3 bis 6. Kanälen.

Textabbildung Bd. 322, S. 69

Der ganze Sortierungsvorgang erfolgt somit in nachfolgenden Phasen: Herunterfallen der zu wägenden Platte aus der Vorkammer in die arretierte Tasche – Lösen der Taschenarretierung – Festhalten der Wage durch die beiderseitigen Balken- und Schalenarretierungen – Auslösen dieser beiden Arretierungen – Eigentliches Wägen mit gleichzeitigem Abheben bezw. Ablegen der betreffenden den Reitergewichte – Festhalten der Tasche durch die beiderseitige Backenarretierung – Entleeren der Wagtasche infolge Auslösens des federnden Verschlusses durch das bewegliche Kulissensystem. (Beim Vorgehen des Zubringers gelangt die Platte in die Vorkammer und verbleibt in derselben solange, bis bei der Rückbewegung des Zubringers auch der Schieber zurückgezogen wird und die Platte in die Wagschale fällt.)

Hartig erachtet die Zuverlässigkeit der Sortenbildung am größten, wenn die dem Wagbalken zur Erlangung der Gleichgewichtslage gelassene Zeit etwas mehr beträgt als die volle Schwingungsdauer, welche zu 8–10 Sekunden angenommen wird, so daß jede Wage i. d. Minute 3–4 Platten zu sortieren vermag.

Die Arretierungsperiode umfaßt die Zeitdauer vom Herunterfallen der Platte bis zum Auslösen der Arretierungen; die nunmehr folgende bis zur Entleerung der Tasche verfließende Zeit beansprucht die eigentliche Wägungsperiode. Wenn z.B. der ganze Wägungsprozeß in 17 Sekunden verläuft, so kommen auf die Füll- und Arretierungsarbeiten 5 Sekunden und auf die eigentliche Wägung 12 Sekunden.

Das Heruntergleiten der Plättchen aus den Vorkammern in die Taschen hat stets eine gewisse Erschütterung der Wagen im Gefolge; dieser Umstand macht sich zwar selbst nach jahrelanger Benutzung der Maschine für mäßig schwere Platten nicht sehr fühlbar, wohl aber verbietet er das Sortieren sehr schwerer Münzplatten.

Textabbildung Bd. 322, S. 69

Die sinnreiche Anordnung der staffelförmigen Ablage der Reitergewichte, welche die sehr zweckmäßige Aussonderung der sog. schwarzen Platten in 6 Klassen mit Hilfe einer Maschine gestattet, bildet einen schätzbaren Vorzug der Seyßschen Maschine gegenüber den anderen meist nur dreiklassigen Münzsortiermaschinen.

In zahlreichen Münzstätten hat die Seyßsche Maschine,. welche jetzt in der fast ursprünglichen Form von Mechaniker Karl Nicolaus Richter in Wien gebaut wird, Eingang gefunden und nach amtlichen Angaben befanden sich im Jahre 1900 in den verschiedensten Ländern 88 Maschinen in Verwendung. –

Ebenso wie in Oesterreich war man auch in England bemüht, die langwierige Arbeit des Auswiegens jeder einzelnen Münzplatte durch eine maschinelle Vorrichtung zu ersetzen. Die im Jahre 1870 von W. Cotton4) und R. Pilcher konstruierte selbsttätige Wage |70| bildete eine Lösung der gestellten Aufgabe; später wurde die Maschine von Napier wesentlich verbessert und fand in dieser Form große Verbreitung.

Die Napiersche Münzsortiermaschine5) umfaßt zwei Wagsysteme mit den zugehörigen Einfüllröhren und Arretierungsvorrichtungen. Jede Wage besteht aus einem gleicharmigen Balken, an dessen Enden zwei steigbügelähnliche Wagschalen aufgehängt sind, wovon die eine zur Aufnahme des Gewichtsstückes dient, während die andere oberhalb des Balkens einen Wagtisch trägt, auf welchen die zu wägenden Münzplatten mittels des Zubringers aus dem Zuführungskanal gelangen.

Zur Arretierung der Wage dient eine unterhalb der Wagschalen befindliche Regulierungsstange, sowie eine unterhalb des Wagbalkens angebrachte besondere Klemme. Durch die Regulierungsstange erhält gleichzeitig auch ein Indikator die entsprechende Stellung; letzterer bewirkt, daß die ausgewogene Platte in den richtigen Sammelbehälter gelangt.

Als Gegengewicht dient das gesetzlich zulässige Minimalgewicht der zu sortierenden Münzsorten. Am unteren Ende der mit Gegengewicht belasteten Wagschale befindet sich ein Toleranzreiter im Gewichte des gestatteten Remediums. Das Toleranzgewicht stellt somit die gesetzliche Gewichtsabweichung unter dem Normalgewichte dar und ergänzt das in der Schale befindliche Grenzgewicht bis zum Normalgewicht. Es sind demgemäß alle Platten, welche das Toleranzgewicht nicht zu heben vermögen, zu leicht; alle schwereren Platten werden je nach der Indikatorstellung als „normal“ oder „schwer“ ausgeworfen.

Die Wage sortiert nach zwei oder drei Klassen; im ersteren Fall trennt sie diejenigen Platten, welche schwerer als das festgesetzte Grenzgewicht sind, von jenen, welche leichter sind; bei der Sortierung nach drei Klassen scheidet die Maschine die Platten in solche aus, welche das gestattete obere Grenzgewicht überschreiten, dann in jene, welche innerhalb der Toleranz liegen und schließlich in leichte.

Die dreiklassige Maschine vermag Platten zu sortieren, welche im Gewicht von einem Fünffrankstück oder Dollar abwärts bis zu einem englischen ½ Sovereign variieren dürfen. Die Schnelligkeit, mit welcher die Maschine arbeitet, hängt natürlich von dem Gewichte der zu sortierenden Platten ab, so können z, B. bei Platten im Gewicht von einer Rupie (11,66 g) i. d. Minute 26 Stück ausgewogen werden.

Die zweiklassige Maschine ist besonders für den Gebrauch in Banken eingerichtet und kann, wenn nötig, auch mit der Hand angetrieben werden; sie vermag i. d. Minute 60 Stück zu sortieren.

Von der Napierschen Maschine, welche die Firma D. Napier & Son, Acton Vale, London W, anfertigt, steht besonders die dreiklassige Maschine in zahlreichen Münzstätten in Verwendung, so allein über 140 Stück in den indischen Münzen und über 70 Stück in der russischen Münze.

Im Anschlusse an die Napiersche Maschine ist nun die Münzsortiermaschine von Paul Stückrath in Friedenau-Berlin zu erwähnen, welche der Napierschen Maschine sehr ähnlich konstruiert ist. Dieselbe ist mit drei Wagsystemen ausgestattet, sortiert Münzplatten, welche im Gewicht und Größe zwischen einem Zehnmarkstück und einem Zweimarkstück liegen, in drei Klassen und liefert i. d. Minute 60 Stück (20 Stück für die Wage).

Eine von dem Mechaniker Paul Bunge in Hamburg im Jahre 1876 neukonstruierte selbsttätige Münzwägemaschine wurde zunächst in den Münzstätten Berlin und Hamburg eingehenden Prüfungen unterzogen, welche günstige Ergebnisse lieferten.

(Schluß folgt.)

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Katalog der österreichischen Abteilung. Weltausstellung Paris 1900, Heft 1 S. 76–78.

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Armengaud. Génie industriel 1858.

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Dinglers Polyt. Journal 1872, Bd. 203, S. 241; 1874, Bd. 213, S. 279. – Oesterr. Zeitschrift für Berg- und Hüttenwesen 1871. – Amtlicher Bericht über die Wiener Weltausstellung 1873, Bd. II, Heft 1. – Katalog der österr. Abteilung. Weltausstellung Paris 1900, Heft 1. S. 78–82.

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Bulletin de la Société d'Encouragement 1870 p. 179. – Dinglers Polyt. Journal 1870, Bd. 197, S. 195–199.

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E. Schlösser, Münztechnik Hannover 1884.

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