Titel: Zeitschriftenschau.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1907, Band 322 (S. 108–112)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj322/ar322039

Zeitschriftenschau.

Dampfkessel.

Ebene Wandungen an Dampfkesseln. (Bach.) Der Umstand daß mit den Hamburger Normen 1905 eine Uebereinstimmung der Vorschriften für Land- und Seekessel nicht erreicht wurde und daß diese Vorschriften voraussichtlich in die gesetzlichen Bestimmungen über die Anlegung von Dampfkesseln und Dampfgefäßen aufgenommen werden sollen, gab Veranlassung zur Untersuchung der in diesen Normen enthaltenen Formel über „Ebene Platten“, wobei sich ergab, daß die Formel den Anforderungen nicht entspricht und zu irrtümlichen Werten führen kann. Solche Platten sind in ihrem Umfang entweder frei oder vollkommen oder nicht vollkommen eingespannt. Die Berechnung der Wandstärken kann nun nach einer (nicht streng wissenschaftlichen) Näherungsmethode erfolgen, indem man die Beanspruchungen der aus der Platte herausgeschnitten gedachten Streifen berechnet und durch, Koeffizienten berichtigt, welche bei Versuchen mit solchen Platten festgestellt worden sind (Streifenmethode). Bei der rechteckigen Platte von den Seitenlängen a und b (a > b) und der Stärke s denkt man sich in Richtung jeder Seite durch die Mitte der anderen Seite gehend je einen 1 cm breiten Streifen herausgeschnitten und beide Streifen zu einem rechtwinkligen Streifenkreuz vereinigt, dann erleiden beide Streifen unter der Flüssigkeitspressung p Atmosphären in der Mitte dieselbe Durchbiegung, der kürzere Streifen b daher die stärkere Beanspruchung. Für diesen ergibt sich das biegende Moment

M = mpb2 = ⅙ kb . s2,

worin m = ⅛, 1/12 oder 1/16 je nachdem die Platte in ihrem Umfang frei aufliegt, vollkommen oder etwas nachgibig eingespannt ist. Mit Rücksicht auf die Widerstandsfähigkeit des seitlich an den Streifen anschließenden Materials kann statt kb gesetzt werden

worin kz die zulässige Materialanstrengung auf Zug bedeutet (= etwa 900 kg/qcm). Genau ebenso ist der Rechnungsvorgang bei der elliptischen Platte, während das Trapez schätzungsweise durch ein Rechteck zu ersetzen ist. Man erhält also für die rechteckige Platte mit n = 4/3

für die quadratische Platte (Seite = b):

für die elliptische Platte (Große Achse = a, kleine = b): mit n = 7/4

für die kreisförmige Platte (Durchmesser = d):

m ist je nach der Befestigung wie angegeben zu bestimmen, meist liegt es zwischen 1/12 und 1/16, wobei außerdem die Widerstandsfähigkeit der Platte mit steigender Durchbiegung bis zu einer bestimmten Grenze hin wächst. Die Sicherheit gegen Bruch ist bei zähen Flußeisenplatten mit Wandstärken s nach Versuchen bedeutend größer, als bei zylindrischen Wandungen mit den üblichen Wandstärken. Für etwaige Abnutzung ist jeweils ein entsprechender Zuschlag zu machen. 6 Fig. (Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure 1906, S. 1940 bis 1944.)

Z.

Dampfturbinen.

Dampfturbinen. Prof. Schröter hat im Sommer v. J. an einer 500 KW-Dampfturbine, Bauart Melms & Pfenninger, eingehende Versuche vorgenommen, die wegen ihrer Vollständigkeit und vorbildlichen Bearbeitung des Versuchsmaterials sehr bemerkenswert sind. Die Turbine der genannten Firma, die der Lokomotivfabrik von J. A. Maffei in München angegliedert ist, ist eine kombinierte Gleichdruck- und Ueberdruckturbine, in welcher der hochgespannte Dampf zuerst die Gleichdruckräder in mehreren Druckstufen anfänglich teilweise, am Schlusse voll beaufschlagt, darauf in den Reaktionsschaufeln des Niederdruckteils mit zunehmender Schaufelhöhe und zunehmendem Durchmesser der Trommel bis auf seinen Enddruck expandiert. Auch die Gleichdruckräder sind zu einer Trommel vereinigt Der im Ueberdruckteil entstehende Axialschub auf die Welle wird durch eine Ringfläche aufgenommen, welche sich an der Uebergangsstelle vom Gleichdruck- zum Ueberdruckteil befindet und unter dem Drucke des eintretenden Dampfes steht. Die Regulierung der Turbine erfolgt durch Drosselung des eintretenden |109| Dampfes. Ein Achsenregler, der auf einer von der Hauptwelle durch Schneckenrad angetriebenen Nebenwelle sitzt, verstellt den Hub eines Exzenters, das dem Regulierkolben des Einlaßventils seine auf- und abgehende Bewegung erteilt. Durch einen besonderen auf der Hauptwelle angeordneten Sicherheitsregler wird bei Ueberschreitung der höchsten zugelassenen Tourenzahl das Absperrventil plötzlich geschlossen und damit die Dampfzufuhr abgeschnitten. Es wurden sieben Versuche mit verschiedenen Belastungsstufen ausgeführt. Die Mittelwerte der Versuchsergebnisse sind nachstehend zusammengestellt. Zur Belastung der zwei mit der Turbine direkt gekuppelten Gleichstrommaschinen diente ein Wasserwiderstand. Die Hilfsmaschinen zur Erzeugung der Luftleere hatten getrennten Antrieb durch Elektromotoren, deren Leistungsverbrauch gemessen wurde und in die Zusammenstellung der Versuchsresultate aufgenommen ist. Es bedeutet im folgenden p der absolute Druck, t die Temperatur und ü die Ueberhitzung an der angegebenen Stelle in ° C.

Aus den Versuchsergebnissen geht zunächst hervor, daß der Dampf nur bei den beiden ersten Belastungsstufen gesättigt in das Abdampfrohr gelangt, in allen übrigen Fällen aber mit um so erheblicherer Ueberhitzung, je mehr die Belastung abnimmt.

Bemerkenswert ist besonders die geringe Zunahme des Dampfverbrauches mit abnehmender Leistung. Zwischen Volllast und nahezu halber Belastung beträgt der Unterschied im Dampfverbrauch noch nicht einmal 8 v. H.

Die Spalten 18, 19 und 20 geben die Wärmeverbrauchszahlen f. d. PS für die ausgeführte und für die vollkommene Maschine ohne Verluste und mit adiabatischer Expansion und das Verhältnis beider, den sogen, indizierten Wirkungsgrad. Die Dampfverbrauchszahlen für die PSe/Std. müssen als außerordentlich niedrig bezeichnet werden; jedoch ist zu berücksichtigen, daß die Turbine unter den günstigsten Bedingungen arbeitete: mit hoher Ueberhitzung und fast vollkommenem Vakuum. Das Zurückgehen auf den indizierten Wirkungsgrad

Mittelwerte der Versuchsergebnisse.

Textabbildung Bd. 322, S. 109
|110|

ergibt ein besseres Urteil über die Wärmeausnutzung im Vergleich zur Ausnutzung des Dampfes in anderen Turbinensystemen und in der Kolbendampfmaschine.

Der Originalbericht enthält am Schlusse noch eine Erörterung über die indizierte Leistung der Turbine und eine Darstellung der Versuchsergebnisse im Wärmediagramm, ferner des Verlaufs der Expansion in den einzelnen Stufen. Es ergibt sich daraus, daß der Gleichdruckteil mit größeren Widerständen arbeitet als der Ueberdruckteil; durch die Vorschaltung des ersteren fällt aber die Turbine wegen der geringeren Zahl von Stufen erheblich kürzer aus als bei einer reinen Ueberdruckturbine. 21 Fig. (Z. d. V. d. I. No. 45 und 46, S. 1811 bis 1821 und S. 1862–1867.)

M.

Elektrotechnik.

Stromrückgewinnung bei der Regelung elektrischer Fahrzeuge. (Raworth.) Die Verwendung von Nebenschlußmotoren bei elektrischen Fahrzeugen bietet Schwierigkeiten. Das Parallelschalten ist erschwert, das Parallelarbeiten erfordert außerdem einige Hauptstromwindungen auf den Schenkeln der Motoren; neben den Vorschaltwiderständen im Ankerstromkreise sind solche im Erregerstromkreise vorzusehen usw. Der Verfasser beschreibt dann einen Fahrschalter von ziemlich verwickelter Bauart, der die Schaltungen richtig herstellt und von dem bereits 100 Stück (die ersten davon seit 12 Monaten auf der Yorkshire Woollen-District Tramway) zufriedenstellend im Betriebe arbeiten.

Besondere Vorteile der Regelung sind, daß jede Stellung der Fahrschalterkurbel einer bestimmten Geschwindigkeit entspricht und, daß beim Entgleisen des Stromabnehmers beim Befahren eines Gefälles durch das Anwachsen der Klemmenspannung über einen gewissen Betrag die Motoren selbsttätig über Widerstände kurz geschlossen werden. Auf verschiedenen Bahnen wurde festgestellt, daß Stromersparnisse im Betrage von 24, 26,7 und 28,7 v. H. erzielt wurden. 3 Fig. (The Electrician 1906/07, S. 290–292.)

Pr.

Materialienkunde.

Pergamyn ist eine Nachahmung von Pergamentpapier, die gegenwärtig vielfach verwandt wird, z.B. zum Einwickeln von Butter usw. Es wird durch langdauerndes scharfes Mahlen von Sulfitzellstoff gewonnen. Dabei wird die Masse schließlich gallertartig und gibt ein zähes durchscheinendes Papier, das bis zu gewissem Grade für Wasser und Fett undurchlässig ist. Wie Hans Hofmann durch chemische Analysen und durch Mikrophotographien nachweist, handelt es sich beim Pergamyn nicht etwa um eine chemische Verwandlung der Cellulose in Hydrocellulose oder Zellstoffschleim, sondern nur um eine weitgehende Zerteilung in sehr feine Fäserchen.

Zur näheren Untersuchung stellte sich Hofmann selber in einem Versuchsholländer Pergamynproben her. Es ließ z.B. ungebleichte Mitscherlich-Sulfit-Cellulose 11 Stunden umlaufen bei einem Abstande von 1 mm zwischen Walze und Grundwerk während weiterer 3 Stunden betrug der Abstand 0,5 mm, 2 Stunden 0,2 mm, 14 Stunden 0,05 mm; 20½ Stunden lag die Walze auf dem Grund werk auf; weitere 25 Stunden wurde noch schärfer gemahlen. Das so gewonnene Pergamyn zeigte eine mittlere Reißlänge von 8575 m, 7,6 v. H. mittlere Dehnung und eine Falzzahl von 4932 Doppelfalzungen bei 65 v. H. Luftfeuchtigkeit und 18° C; es gab eine vorzügliche Blasenprobe1).

Ob der Zellstoff Gummi enthält oder ob ihm dieser entzogen ist, hat keine Bedeutung für die Pergamyngewinnung. (Hans Hofmann, Dissertation, Göttingen 1906, 71 S. mit einer Lichtdrucktafel.)

A.

Physik.

Die Verdampfungswärme (L) des Wassers. (F. Henning.) Verfasser hat L zwischen den Temperaturen t = 30 C° bis t = 100 C° mit einer Genauigkeit von etwa 0,1 v. H. neu bestimmt und durch die empirische Formel

L = 94, 210 (365 – t)0,31249.... Kal. (15 C° Kalorien)

wiedergegeben.

Temperatur 30 40 50 60 70 80 90 100 C°
V-Wärme L. 579,6 574,2 568,6 562,9 557,0 551,1 545,0 538,7 Kal.

(Annal. d. Pbys. 1906 (15) S. 849 ff. Mitteilg. aus der Physik. Techn. Reichsanstalt.)

E. R.

Straßen- und Kleinbahnen.

Seilbahn in Barcelona. (Playá) (Schluß von Bd 321, S. 780.) Das nach dem System Lang ausgeführte Kabel der Seilbahn besitzt bei einem Durchmesser von 29,8 mm ein Gewicht von 2,95 kg/m. (6 Litzen und Hanfseile, insgesamt 90 Drähte. Drahtdurchmesser 2,61 mm, Drahtquerschnitt 0,0535 qcm, Metallquerschnitt des Kabels 3,30 qcm, Länge einer Litzenwindung 24 cm. Litzendurchmesser 0,98 cm). Das Kabel ist in üblicher Weise in einer Hülse am Seilhebel vergoßen. Die Seilbahnwagen für je 80 Personen sind in üblicher Weise ausgeführt (Länge 10,20 m, Breite 2,45 m, fünf geschlossene Abteile, zwei Führerplattformen). Der Wagen wiegt leer 6500 kg, besetzt 12100 kg. Zur Sicherung des Fahrzeuges dienen drei Zangenbremsen, welche selbsttätig bei Ueberschreitung einer Höchstgeschwindigkeit oder auch von Hand an die konischen Laufschienen gepreßt werden können. Der Antrieb der Seilleitung erfolgt von der oberen Station aus durch einen 90 PS-Gleichstrommotor (525 Volt) mit 600 Uml/Min. Das Seil läuft auf symmetrischen Seilrollen von 290 mm Durchmesser und 20,5 kg Gewicht, während in den Krümmungen schräge Rollen von 385 mm Durchmesser und 54 kg Gewicht verwendet wurden. Die sonstigen Stations- und Sicherheitseinrichtungen, welche näher beschrieben, entsprechen der üblichen Ausführung. 19 Fig. (Revista Tecnologico-Industrial, Barcelona, S. 277–318.)

A. M.

Drahtseilbahn in Argentinien. (Dieterich) (Schluß von S. 46.) Ueber die schwierigen Bauarten werden Mitteilungen gemacht. Da die Beförderung der Materialien größtenteils durch Maultiere erfolgen mußte, durften die einzelnen Teile der Eisenkonstruktionen nicht über 150 kg wiegen. Durchschnittlich waren rund 600 Maultiere (gegen Ende des Baues bis 1000) mit dem Hinaufschaffen der Baustoffe und 90 Esel mit dem Hinaufschaffen der Nahrungsmittel beschäftigt. Die Tragseile wurden in Stücken von 3000 kg Gewicht durch Trägergruppen von je 60 bis mehreren Hundert Mann befördert. Die Eisenkonstruktionen wurden großenteils durch Verschrauben zusammengebaut. Der Bau wurde Mitte Oktober 1903 begonnen (nach Vorbereitung der Wege und Anlage von Einschnitten), beendet war die obere Station IX im Dezember 1904. Zeitweilig waren bis 1200 Arbeiter beschäftigt; im unteren Teil wurden täglich 10 bis 12 Stunden gearbeitet, während von Station VI ab nur von 8–4 Uhr (Sonnenzeit) gearbeitet werden konnte.

Die Gesamtfahrzeit für die 36 km lange Strecke beträgt 4 Stunden. Das gesamte rollende Material umfaßt 640 Wagen. Die Bahn wird seit 1. Januar 1905 ohne Störung betrieben. Während früher die Frachtsätze für Erze von Upulungos nach Chilecito mit Maultieren 50 M./t hetrugen, sinken dieselben bei einer stündlichen Höchstleistung von 40 t auf 5,30 M/t. 4 Fig. (Zeitschr. d. Vereins deutscher Ingenieure, S. 1867–1870.)

A. M.

Freibahnzug. (Dietrich.) Für die Beförderung schwerer Lasten auf Landstraßen wurde der Freibahnzug der Freibahngesellschaft m. b. H. in Seegefeld bei Spandau ausgebildet. Der Freibahnzug besteht aus sechs einachsigen Fahrzeugen, welche zu je zwei miteinander verbunden sind; eine Dampflokomotive |111| und ein Tender bilden das erste Achsenpaar. Die Lokomotive leistet normal 30 PS, maximal 45 PS und ist für Oelfeuerung eingerichtet (Teeröl, Petroleum, Rohöl usw.). Das Oel wird durch ein Dampfstrahlgebläse in die Feuerkammer des Kessels eingespritzt, wo die sofortige Vergasung und vollständige Verbrennung des Gasgemisches erfolgt. Der Kessel ist zur Gewichtsverringerung als Wasserröhrenkessel mit ∪-förmigen Röhren ausgebildet. Jedes Lokomotivrad wird durch eine besondere Dampfmaschine angetrieben, so daß die bei Motorfahrzeugen üblichen Differenzialgetriebe entbehrt werden. Die beiden Dampfmotoren sind Vierzylindermaschinen. Zur Mitführung des Wasser- und Oelvorrats (Wasserverbrauch 10–15 kg, Oelverbrauch 1,2 kg-PS/Std.) dient der Tender mit 4 t Ladegewicht. Das Dienstgewicht der Lokomotive beträgt 6000 kg, des Tenders 5500 kg, die Ladefähigkeit der Karren je 4,5 t. Die Nutzlast des 18 m lannen Zuges ist somit 18 t; der leere Zug fährt auf ebener Strecke mit 12 km/Std. der vollbeladene mit 8 km/Std. Versuche haben ergeben, daß Steigungen von 1 : 20 mit 16 t Nutzlast überwindbar sind. Bei größeren Steigungen wird der Zug geteilt, so daß zwei Karren mit 8–10 t auch auf Steigungen 1 : 12 befördert werden können. Die Lokomotive mit Tender allein nimmt Steigungen bis 1 : 6, in diesem Falle werden die Anhängewagen mit Seilwinde (Seiltrommel mit 60 m Seillänge) nachgezogen. Mit Hilfe einer besonderen Lenkkonstruktion kann der Zug Krümmungen von 6–7 m Halbmesser durchfahren. Zu diesem Zweck stehen Lokomotivrahmen und Tenderrahmen durch wagerechte Zahnsegmente in Verbindung, die Lenkung erfolgt dabei von der Lokomotive aus durch eine Schraubenspindel. Die vier Anhängekarren sind zu je zweien durch einen Unterzug zu einem Wagen verbunden; der Unterzug ist an seinen Enden über der Mitte der Karrenachsen drehbar gelagert, wodurch sich die Karren radial einstellen lassen. Für ein Ausführungsbeispiel werden die Beförderungskosten für das Tonnenkilometer zu 7 Pfg. berechnet. 7 Fig. (Eisenbahntechnische Zeitschrift, S. 975–978.)

A. M.

Technische Chemie.

Chlorgewinnung aus Chlormagnesium. Bei der Verarbeitung der Staßfurter Abraumsalze werden gewaltige Mengen von Chlormagnesium als ziemlich wertloses Nebenprodukt gewonnen. Es sind zahlreiche Vorschläge gemacht worden, diesen Abfall auf Chlor oder Salzsäure und Magnesia zu verarbeiten. Zuerst (1847) wollte De Sussex das Chlormagnesium mit Braunstein gemischt erhitzen und so Chlor gewinnen. Es folgten zahlreiche andere Patente, die alle durch Beimischung eines Oxydes Chlor austreiben wollten. Viel einfacher ist das Verfahren von Weldon (1881): er leitete heiße Luft durch eine klumpige Masse, die er durch Vermischen von gesättigter Chlormagnesiumlauge mit Magnesia hergestellt hatte. Péchiney arbeitete dies Verfahren aus und nach diesem Weldon-Péchiney-Verfahren wurde auch eine Zeit lang in Salindres Chlor gewonnen. Solvay schließlich (1889) ließ heiße Luft lediglich auf geschmolzenes wasserfreies Chlormagnesium einwirken.

Nach Angabe von Solvay spaltet das geschmolzene Chlormagnesium im Luftstrom augenblicklich Chlor ab und gibt einen stetigen Gehalt des austretenden Gases von 15–20 v. H. Chlor während der ganzen Umsetzung. Dies entspricht einer Ausbeute von etwa 50 v. H., auf den angewandten Sauerstoff berechnet. Da Chlormagnesium gegen 700° schmilzt, dürfte die Arbeitstemperatur bei etwa 750° liegen. Lunge gibt aber an, daß schon bei 450° der Luftsauerstoff sich quantitativ gegen Chlor umsetzt.

Das Weldon-Péchiney-Verfahren soll nach Lunge erst bei weit höherer Hitze (über 1000°) gut arbeiten.

Daß andererseits Magnesia durch Chlor zersetzt wird, ist schon seit einem Jahrhundert bekannt.

Es liegt also ein umkehrbarer Vorgang vor:

MgCl2 + ½ O2MgO + Cl2.

Wilhelm Moldenhauer hat unternommen, das Gleichgewicht, bei dem dieser umkehrbare Vorgang zum Stehen kommt, für verschiedene Temperaturen zu ermitteln. Er beschickte ein pipettenartiges Porzellangefäß mit Chlormagnesium oder mit Magnesia und leitete Sauerstoff bezw. Chlor ein. Das Gefäß wurde in einem elektrischen Widerstandsofen erhitzt. Da sich bei der Umsetzung das Volumen des Gases ändert, so hat der äußere Druck Einfluß auf das Gleichgewicht; deshalb wurde durch zeitweiliges Regulieren dafür gesorgt, daß stets im Gefäß Atmosphärendruck herrschte. Nach Beendigung des Versuches wurde das Gemisch von Chlor und Sauerstoff möglichst rasch durch Kohlensäure herausgespült und analysiert.

Die niedrigste Temperatur, bei der Sauerstoff noch merklich auf Chlormagnesium einwirkte, lag bei 350°; bis zu 500° verlief die Umsetzung zu langsam, als daß sich Gleichgewicht in absehbarer Zeit einstellte. Nach zehnstündiger Einwirkung von Sauerstoff hatte das Gas folgende Zusammensetzung:

Temperatur Sauerstoff Chlor
350° C 80,7 v. H. 0,1 v. H.
400° „ 78,2 „ 2,4 „
450° „ 66,0 „ 15,8 „

Der Rest des Gases war Stickstoff.

Bei 550° wurde das Gleichgewicht, von Sauerstoff ausgehend, nach ungefähr 36 Stunden, von Chlor ausgehend, schon nach 5 Stunden erreicht. Bei 650° und 700° verlief die Umsetzung erheblich rascher.

Für die Gleichgewichtskonstante k, die durch die Gleichung

gegeben ist, worin [Cl2] und [O2] die Konzentrationen von Chor und von Sauerstoff bedeuten, ergaben sich folgende Werte:

Temperatur k
550° 17,4
650° 25,3
700° 29,5

Nach den üblichen Methoden der Thermodynamik läßt sich aus diesen Werten von k die Wärmetönung der Umsetzung berechnen; sie ergibt sich zu –5600 cal. bei 600°. Die Wärmetönung ändert sich stark mit der Temperatur, da die spezifische Wärme des Chlors in ganz anderem Maße mit der Temperatur ansteigt als die des Sauerstoffes. Die Rechnung ergibt gute Uebereinstimmung mit der bei Zimmertemperatur von Berthelot gemessenen Wärmetönung.

Aus den obigen Zahlen läßt sich in der üblichen Weise auch für andere Temperaturen das Gleichgewicht berechnen; Moldenhauer gibt folgende Tabelle über die Zusammensetzung, die das Gasgemisch im Gleichgewichte mit Magnesiumchlorid und Magnesia besitzt; die letzte Reihe gibt den zugehörigen Wert von k, aus dem man sich z.B. berechnen kann, wie das Gas zusammengesetzt wäre, wenn man statt Sauerstoff Luft einleitet:

Temperatur Chlor Sauerstoff k
50° C 0,3 v. H. 99,7 0,03
150° „ 4,0 „ 96,0 0,4
250° „ 17,6 „ 82,4 1,9
350° „ 40,8 „ 59,2 5,3
450° „ 63,5 „ 36,5 10,6
550° „ 79,3 „ 20,7 17,6
650° „ 88,0 „ 12,0 25,3
700° „ 90,6 „ 9,4 29,5
750° „ 93,3 „ 6,7 35,9

Aus dieser Tabelle geht hervor, daß Lunges Angabe, be 450° setze sich der Sauerstoff quantitativ mit dem Chlormagnesium um, keineswegs zutrifft; überdies ist die Umsetzung bei 450° viel zu langsam. Die Angabe von Solvay dagegen, daß er bei 750° 50 v. H. Umsatz erziele, kann zutreffen. Leider ist bis jetzt das Entwässern von Chlormagnesium noch zu |112| kostspielig als daß das Verfahren von Solvay praktisch leicht durchgeführt werden könnte.

Daß beim Weldon-Péchiney-Verfahren eine 1000° übersteigende Temperatur nötig sein soll, erklärt Moldenhauer folgendermaßen: Da hier von vornherein Magnesia zugefügt wird und beim Entwässern viel Salzsäure entweicht, so ist schon zu Beginn mehr Oxyd als Chlorid vorhanden. Das an der Oberfläche vorhandene Chlorid gibt zunächst sein Chlor ab; dann muß die Luft in die poröse Klumpen eindringen, das dort freiwerdende Chlor staut sich in den Poren und diffundiert nur bei sehr hoher Hitze genügend rasch fort.

Des weiteren hat Moldenhauer auch die Einwirkung von Wasserdampf auf Chlormagnesium untersucht. Er findet, daß sich zwischen 350 und 505° ein Gleichgewicht einstellt:

MgCl2 + H2OMg(OH)Cl + HCl,

dessen Gleichgewichtskonstante mit steigender Temperatur kleiner wird. Die Hälfte der Salzsäure spaltet sich also aus dem Chlormagnesium unter Wärmeentwicklung (exotherm) ab; dadurch wird erklärt, daß diese Abspaltung schön bei niederer Temperatur vor sich geht. Zwischen 500 und 510° zersetzt sich das Chlorhydrat Mg (OH) Cl. Oberhalb dieser Temperatur haben wir es mit dem Gleichgewichte;

MgCl2 + H2O = MgO + 2 HCl

zu tun, das sich mit steigender Temperatur nach rechts verschiebt. 3 Fig. (Z. f. anorgan. Chemie 51, S. 369–390.)

Gleichzeitig mit Moldenhauer veröffentlichen F. Haber und F. Fleischmann ihre Untersuchungen über die umkehrbare Einwirkung von Sauerstoff auf Chlormagnesium. Ihre Versuche wurden sehr dadurch gestört, daß das Gemenge von wasserfreiem Magnesiumchlorid und Magnesiumoxyd alle Gefäßmaterialien angriff; Quarz wurde rasch zerstört, Glas und Porzellan veränderten sich langsam. Manchmal destillierten erhebliche Mengen von Aluminiumchlorid ab.

Die vorläufigen Ergebnisse dieser Untersuchung stimmen ganz gut mit denen von Moldenhauer überein. 1. Fig. (Z. f. anorgan. Chemie 51., S. 336–347.)

A.

Wasserkraftanlagen.

Hochwasserausnutzung bei Wasserkraftanlagen. (Gruner.) Bei Wasserkraftanlagen mit Wehreinbauten in unmittelbarer Nähe des Turbinenhauses (z.B. Chèvres, Trezzo, Laufenburg, bei welchen größere Ober- und Unterwasserkanäle fortfallen, darf bekanntlich das Hochwasser nicht in dem Maße gestaut werden wie das Niedrig- und Mittelwasser, so daß das Nutzgefälle in Hochwasserzeiten stark verringert wird. Die Anlage in Chèvres besitzt ein rechtwinklig zur Rhone gestelltes Stoney Wehr mit sechs Schützen von 6 bezw. 10 m Breite, an welches unter einem stumpfen Winkel das Turbinenhaus anschließt. Der Unterwasserkanal wird nur durch eine Trennmauer gegen den freien Flußlauf hin gebildet. Es wurde nun beobachtet, daß sich in diesem Unterwasserkanal der Wasserspiegel höher einstellte als im Fluße. Man brach daher in die Trennmauer (nahe dem Wehr) eine durch Schützen verschließbare Oeffnung, wodurch der Wasserspiegel im Unterwasserkanal gesenkt und durch die saugende Wirkung der großen Schützentore die Senkung auf 45 cm vermehrt wurde. In Chèvres hatte sich ferner ergeben, daß beim Oeffnen einer Wehrschütze um nur 0,5 m, der Unterwasserspiegel um 1,6 m gesenkt wurde. Um zu ermitteln, ob das Betriebswasser in das erheblich gesenkte Unterwasser geleitet werden kann und welchen Einfluß das auf die Turbinen hat, wurden die Schützenöffnungen 3 und 5 als die senkenden Ejektoren benutzt, während eine Turbine in Schützenöffnung 4 eingebaut gedacht war. Da der Einbau einer wirklichen Turbine nicht möglich war, wurde eine besondere Vorkehrung mit Hilfsschütze getroffen. Die Ergebnisse dieser Versuche sind in ausführlicher Zahlentafel dargestellt. Um die Wasserspiegelsenkung für das Nutzgefälle der Turbine zu ermitteln, wurde in Vessy an der Arve eine eigene Versuchsanlage gebaut, deren Ergebnisse ebenfalls in einer Zahlentafel wiedergegeben sind.

Die Versuche haben bewiesen, daß durch das unter den Hochwasserschützen ausströmende Hochwasser eine bedeutende Senkung des Unterwasserspiegels erreicht werden kann, und daß hierdurch bei passender Anlage der Turbinenkammern der Gewinn an Leistung bis auf 30 v. H erhöht wird. Allerdings zeigen die Versuche auch, daß die Anlage nicht in gerade ansteigender Linie durch die Ejektorenschützen verbessert wird; für jede Anlage ergibt sich vielmehr ein größter Gewinn. 13 Fig. (Zeitschr. d. Vereins deutscher Ingenieure. S. 1821 bis 1826.)

A. M.

Werkzeugmaschinen.

Profileisenschneider. (Uhlig.) Mit den bis jetzt gebräuchlichen Scheren konnte man Profileisen nur rechtwinklig schneiden, während für Schnitte unter einem beliebigen Winkel nur die Kaltsäge zur Verfügung stand. Letztere braucht für ihre Arbeit aber eine erhebliche Zeit, z.B. zum Durchschneiden eines ⌶-Profileisens von 300 mm Höhe unter Winkel wenigstens 30 Minuten. Ein neuer von der Deutschen Niles Werkzeugmaschinenfabrik eingeführter Profileisenschneider leistet nun dieselbe Arbeit in rund 1½ Minuten. Die Schnittfläche wird dabei so glatt wie gehobelt, Nacharbeiten der geschnittenen Profile ist denn auch nicht nötig. Das Prinzip der Maschine beruht auf eine Verteilung des Arbeitsvorganges auf mehrere Stufen. Das Profileisen wird fest eingespannt und die verschiedenen Teile des Profilganzen, wie Füße und Steeg, werden einzeln durchgeteilt. Der Kraftverbrauch ist dabei ein geringer und es tritt keine Formänderung an der Schnittfläche ein. Die Schneidevorrichtung umfaßt zwei Ober- und zwei Untermesserpaare, ein Stanzmesser und eine Reihe von Hobelstählen, die starr mit dem Stössel der Maschine verbunden sind. Für das Stanzmesser wurden verschiedene Formen ausprobiert, wobei sich ein treppenartig abgestuftes Messer als das günstigste erwies. Man kann die Anwendung dieses Messers als eine Erweiterung des Teilungsprinzips für den Arbeitsvorgang betrachten.

Die sehr stark konstruierte Maschine besteht aus einer Grundplatte und zwei Böcken. Der Einspannbock, der die Unter- und Obermesser besitzt und das zu schneidende Profileisen festspannt, ist unverschiebbar mit der Grundplatte verbunden, während der zweite Bock, der den Antrieb und den Stössel mit Stanz- und Hobelmesser trägt, verschiebbar angeordnet ist. Der Antrieb erfolgt durch einen Elektromotor von 15 PS, der auf dem verschiebbaren Bock sitzt. 4 Fig. (Werkstatt-Technik 1907, S. 34–37.)

Ky.

Bei der Redaktion eingegangene Bücher.

Spannungen und Formänderungen einer um einen ihrer Durchmesser gleichmässig sich drehenden Kreisscheibe. Von Ingenieur Dr. Alfons Leon, Assistent an der k. k. Technischen Hochschule in Wien. Mit 5 Abb. Wien u. Leipzig, 1906. Carl Fromme. Proseminar-Aufgaben aus der Elastizitätstheorie. Von Ingenieur Dr. Alfons Leon, Assistent an der k. k. Technischen Hochschule in Wien. Mit 12 Abb. Wien und Leipzig, 1906. Carl Fromme. Preis geh. M. 2,50.
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Man macht die Blasenprobe, um ein Papier auf Dichtigkeit zu prüfen, indem man es über der Flamme vorsichtig erhitzt. Dabei entwickelt sich im Innern des Papiers Wasserdampf, der die äußeren Schichten, wenn sie undurchlässig sind, blasenartig auftreibt.

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