Titel: Aërogengas.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1907, Band 322 (S. 245–247)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj322/ar322084

Aërogengas.

Von Dipl.-Ing. Friedrich Meyenberg, Braunschweig.

(Fortsetzung von S. 228 d. Bd.)

Textabbildung Bd. 322, S. 245

In Fig. 3–6 ist nun ein Bild einer derartigen Aërogengasanstalt gegeben, wie sie etwa in einer Ortschaft der anfangs gekennzeichneten Größe zur Aufstellung kommen würde. Sie besteht aus einem massiven Gebäude mit vier voneinander getrennten Räumen, von denen drei nur von außen durch nach außen schlagende Türen zugänglich sind, der Wärterraum A, der Gasapparateraum C und der Gasbehälterraum D, während der vierte der Motorenraum B mit A durch eine Tür verbunden ist. Der Wärterraum A enthält, abgesehen von dem für den Wärter erforderlichen Mobiliar eine Kontrollgasuhr 6 zum Prüfen von Brennern und einen Füllofen 7, welcher eine für sechs Stunden strenger Kälte ausreichende Menge Brennmaterial aufzunehmen vermag. In seinem Feuerungsraume liegt eine Heizschlange, die an eine die sämtlichen Räume durchziehende Zirkulationswasserleitung angeschlossen ist. Durch diese Einrichtung wird überall eine derartige Erwärmung herbeigeführt, daß das in den Apparaten befindliche Wasser vor dem Einfrieren geschützt wird. Im Gasmotorenraum B stehen zwei kleine Motoren 8 u. 9 normaler Durchbildung, mit Ventilsteuerung und Glührohrzündung, welche unter Zwischenschaltung eines Druckreglers an die Gasleitung angeschlossen sind. Ihr Kühlwasser wird dem Gasbehälterbassin entnommen. Jeder von den Motoren arbeitet mittels fester und loser Riemenscheibe auf die durch die Wand hindurch in den Gasapparateraum tretende Transmission und ist stark genug, um den ganzen Betrieb allein übernehmen zu können. Vorschrift ist, daß sich beide Motoren einen um den anderen Tag in der Arbeit abwechseln, damit so der in Reserve stehende Motor stets überwacht wird und Betriebsstörungen ausgeschlossen sind.

Textabbildung Bd. 322, S. 245

Im Gasapparateraum C sehen wir zunächst die in ihrer Wirkungsweise bereits eingehend geschilderten Gaserzeuger 13–16 in Verbindung mit dem Hauptgasmesser 17, dem Benzinbehälter 17a, Schöpfwerk und Verteilungsapparat 17b u. c. Fig. 7 gibt ein Bild dieser Apparate für eine Anlage, bei der drei Gaserzeuger Aufstellung gefunden haben, Rechts ist über dem Hauptgasmesser das von dessen Achse durch Kette angetriebene Schöpfwerk mit dem Verteilungsapparat sichtbar. Auf Fig. 4 sind vier Gaserzeuger angedeutet. Ihre Zahl richtet sich selbstverständlich ganz nach der Größe der Anlage. Jeder einzelne kann durch Umlegen des Riemens auf die lose Scheibe und Schließen des entsprechenden Ventils am Verteilungsapparat abgestellt werden. |246| Durch eine aus drei Hähnen bestehende Umschaltvorrichtung 18 wird das Gas von den Erzeugern aus beliebig erst in den Gasbehälter und von dort zum Hauptdruckregler 19 oder direkt zu letzterem geleitet. Durch diesen soll ein gleichmäßiger Druck an den Verbrauchsstellen auch bei stark wechselndem Betriebe erzielt werden. Der Gasapparateraum C erhält drei Fenster aus eingemauertem Siemens-Drahtglas und eine nach außen aufschlagende, nur von innen ohne Schlüssel zu öffnende Tür. Vor einem der Fenster wird außen eine Reflektorlaterne angebracht, die den Raum abends während des Betriebes erleuchtet, so daß dessen Betreten mit Licht unnötig gemacht wird. Der Gasbehälterraum D wird zum größten Teil durch eine Gasglocke 24 bekannter Konstruktion eingenommen; nur zwei Ecken sind zur Unterbringung der Abortanlage 32 und des Geräteraumes 33 benutzt.

Textabbildung Bd. 322, S. 246

Beide sind nur von außen, nicht vom Gasbehälterraum aus zugänglich. Bei E ist schließlich das unterirdische Benzinlager angedeutet, dessen Einrichtung aus Fig. 8 genauer zu erkennen ist, Von dem in die Erde gegrabenen Fasse aus gehen drei Rohrleitungen nach dem Gasapparateraum; die erste (links) dient zum Ein- und Ausfüllen des Benzins, die zweite zum Luftausgleich und die dritte zum Anzeigen des Faßinhaltes; diese letzte mündet nämlich in ein Manometer, das durch den Luftdruck die Größe des Flüssigkeitsvorrats kennzeichnet. Die zweite Leitung führt in etwa 3 m Höhe ins Freie; in die erste ist eine kleine Flügelpumpe sowie ein Absperrhahn eingebaut, der mit einem zweiten Absperrhahn in der Luftleitung durch ein Hebelsystem verbunden ist (in der Zeichnung der Deutlichkeit halber fortgelassen). Ein Gewicht sorgt dafür, daß beide Hähne im allgemeinen geschlossen sind. Sodann hat die Benzinleitung noch eine Abzweigung, die unmittelbar unter der Erdoberfläche in einem durch Deckel, Sieb sowie Verschraubung abgeschlossenen Trichter endigt. Luftleitung und Benzinleitung haben endlich noch Abzweigungen, die an der Außenwand des Gebäudes Anschlußstutzen besitzen. Die Abfüllung eines Fasses Benzin ist mit Hilfe dieser Einrichtung sehr einfach. Der Transport geschieht zweckmäßig in eisernen, geschweißten Gefäßen von etwa 300 l Inhalt, die eine eiserne Spundverschraubung erhalten. Ein solches ist auf Fig. 8 außerhalb des Gebäudes wiedergegeben. Es wird bis an dessen Wand herangerollt und in die Spundverschraubung, die nach oben steht, das in Fig. 9 angedeutete Standrohr mit Luftventil eingesetzt, das wie gezeichnet, mit Luft- und Benzinleitung verbunden wird. Leitet man nun durch einige Bewegungen der Pumpe ein Ueberfließen des Benzins aus dem Transportfasse in das Lagerfaß ein, so entleert sich jenes durch die Heberwirkung von selbst, während die mit Benzindämpfen geschwängerte Luft gefahrlos aus dem Lagerfasse in das Transportfaß übertritt. Etwa in dem letzteren verbleibende Reste entfernt man nach Abschrauben des Standrohres dadurch, daß man das Transportfaß über den Trichter rollt. Soll nun der Benzinbehälter im Gaserzeugungsraume aufgefüllt werden, so werden mittels des Gewichtshebelsystems die beiden Hähne in der Benzin- und Luftleitung geöffnet und mit der Pumpe das Benzin aus dem Lagerfasse gehoben, wobei die mit Benzindämpfen vermischte Luft wieder gefahrlos in das Lagerfaß treten kann. Es ist behauptet worden, daß diese eben geschilderte Einrichtung nicht alle Möglichkeiten einer Explosion oder eines Brandes beseitige; ein großer Streit hat sich hierüber entsponnen, der zu längeren Auseinandersetzungen und Versuchen auf beiden Seiten geführt hat. Dem sei nun, wie ihm wolle: soviel steht wohl durch die Erfahrung fest, daß die vorgeschlagene Anordnung bei sorgsamer und sachgemäßer Behandlung allen Ansprüchen, die man billigerweise in bezug auf Gefahrlosigkeit stellen kann, genügt.

Textabbildung Bd. 322, S. 246
Textabbildung Bd. 322, S. 246

Die Ausbildung aller sonstigen Teile, das Straßenrohrnetz, die Straßenbeleuchtung selbst, die Hausanschlüsse und Rohrleitungen in den Gebäuden, die Gasmesser, Brenner, Koch- und Heizapparate bieten gegenüber den Ausführungen, wie sie für Steinkohlengas üblich sind, nichts grundsätzlich Neues. Ja, die Uebereinstimmung ist so groß, daß alle diese Teile ohne weiteres für den Betrieb mit Steinkohlengas brauchbar sind, eine sehr schätzenswerte Eigenschaft der Aërogengasbeleuchtung. Denn angenommen, daß eine Ortschaft heute noch nicht die Größe und Bedeutung hat, daß sich der Bau einer Steinkohlengasanstalt lohnt, so ist es doch möglich, daß sich das im Laufe der Jahre geändert hat, wenn die Bevölkerung entsprechend gewachsen ist. Ist dann diese Gemeinde im Besitze einer Aërogengasanstalt, so können sämtliche Teile der ganzen Einrichtung mit Ausnahme der Anstalt selbst ohne weiteres für die jetzt wirtschaftlicher gewordene und daher seitens der Gemeinde erbaute Steinkohlengasanlage |247| im Betriebe bleiben, d.h. ein erheblicher Teil des ursprünglichen Anlagekapitals ist selbst in diesem Falle nicht umsonst ausgegeben oder jener spätere Uebergang zu der jetzt wirtschaftlicheren Beleuchtungsart ist ganz wesentlich erleichtert.

Wie eingangs bereits erwähnt, beschränkt sich aber die Anwendbarkeit der Aërogengasbeleuchtung nicht auf ganze Ortschaften, sie paßt sich auch sehr gut den Forderungen an, die bei Beleuchtung eines einzelnen Gehöftes, Landhauses usw. auftreten. Eine solche sogenannte Hausgasanlage finden wir auf Fig. 10 dargestellt. Alle geschilderten Teile kehren hier in entsprechender Ausführung wieder, der Gaserzeuger, der Benzinbehälter mit Schöpfwerk, der Gasmesser, Gasbehälter und der Motor. Letzterer ist hier mit Rücksicht auf die nur sehr kleine erforderliche Betriebskraft als Heißluftmotor ausgebildet, der durch das selbst erzeugte Aërogengas betrieben wird. Vorn am Gasbehälter sehen wir noch eine Vorrichtung zur selbsttätigen Abstellung der Gaserzeugung. Sie besteht aus einem in das Verbindungsrohr zwischen Gasmesser und -behälter eingeschalteten Hahn, der durch Gewichtshebel und Lenker bedient wird, und von dem auch das Gasrohr zur Motorflamme abzweigt. Ist der Hahn offen, so kann die Motorflamme entzündet und dadurch die Anstalt in Betrieb gesetzt werden. Die Behälterglocke steigt nun, nimmt den Gewichtshebel mit und stellt sich selbst und den Hahn entsprechend dem grade vorhandenen Verbrauch ein. Steigt dieser, so sinkt die Glocke, wird dagegen weniger Gas gebraucht, so geht sie nach oben, und hört schließlich der Verbrauch ganz auf, so gibt in der höchsten zulässigen Stellung der Glocke der Lenker den Gewichtshebel frei, er fällt und sperrt den Hahn ab. Dadurch erlischt aber auch die Motorflamme und der Betrieb der Anlage ist überhaupt zu Ende. Man setzt also diese still, indem man abends in irgend einem beliebigen von ihr fern gelegenen Orte die letzte Flamme löscht.

Textabbildung Bd. 322, S. 247

Schließlich sei noch auf den „Gewichtsapparat“ für ganz kleine Anlagen mit sehr wechselndem Bedarf, wie Restaurants und dgl., hingewiesen, bei dem jeder motorische Antrieb vermieden ist. Fig. 11, die wohl ohne weiteres verständlich ist, gibt ihn wieder. Bemerkt sei nur, daß auch hier durch eine besondere Einrichtung die Erzeugung des Gases nach dem Verbrauche geregelt wird. Bei dem Druckregler, einem kleinen Gasbehälter, der hinter dem Schöpfwerk usw. oben auf dem Tische steht, wird nämlich die Glocke auf einem Mittelrohre geführt, welches zugleich als Luftzuführungsrohr des Gebläses dient. Ist nun die Glocke gefüllt und wird kein Gas gebraucht, so schließt sie das Rohr ab und bremst damit das Gebläse und so auch das Gewicht. Die Leistungsfähigkeit dieses Apparates hängt natürlich sehr von der Fallhöhe ab, die man dem Gewichte geben kann. Beträgt diese z.B. 12 bis 14 m, so können mit dem größten Modell 4 Stunden hindurch je 12 cbm entsprechend etwa 120 Flammen zu 45 H. K. erzeugt werden, ehe ein Wiederaufziehen des Gewichtes erforderlich ist. Dieses letztere kann übrigens auch während des Betriebes vorgenommen werden.

(Schluß folgt.)

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