Titel: Ein Seewehr aus Eisenbeton.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1907, Band 322 (S. 282–284)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj322/ar322095

Ein Seewehr aus Eisenbeton.

Auf der holländischen Insel Schouwen wurden im vergangenen Jahre nach Angabe des Ingenieurs R. R. L. de Muralt Seedeiche aus Eisenbeton gebaut, welche in der Fachpresse die ihnen gebührende große Beachtung fanden.1) Die Bauweise fand nun eine Erweiterung in der nach demselben Prinzip ausgeführten Anlage eines Seewehrs auf der gleichen Insel, worüber wir „De Ingenieur“ vom 16. Febr. d. J. folgendes entnehmen. Es handelt sich hier um ein an einer Spitze der Insel erbautes Seewehr, welches die durch Ebbe und Flut verursachten Ströme von der Küste ablenken und sie daher verhindern soll, längs derselben hinzustreichen und dadurch die übrigen Küstenverteidigungswerke zu schädigen.

Die gleiche Bauart wäre unter Beachtung der besonderen Erfordernisse auch für Strandwehre geeignet und wird voraussichtlich auch bald dafür Verwendung finden. Ein Seewehr soll den Zweck erfüllen, die Stromrichtung zu ändern. Seine Wirksamkeit ist bis zur Hochwassergrenze eine Funktion der Höhe. Die Strandwehre dagegen bezwecken nur den Stromfaden des schnellen und mächtigen Seestromes örtlich vom Ufer abzuhalten, sie brauchen nicht die Richtung des Stromes zu ändern, sondern sollen ihn nur parallel zu sich selbst seewärts verschieben. Strandwehre, welche demnach gewöhnlich mehrere nebeneinander ausgeführt werden, sollen mit ihrem Scheitel in gleicher Höhe mit dem normalen Strande liegen; ihre Wirksamkeit ist mehr eine Funktion ihrer Länge.

Das Seewehr auf Schouwen liegt mit seiner Oberkante in Hochwasserhöhe. Es besteht abwechselnd aus einer Platte und einer Leiste, wie aus den nachfolgenden Abbildungen ersichtlich, Fig. 1 und 2 zeigen im Querschnitt die Form und die Armierung der betreffenden Teile. Was die Form betrifft, so sei darauf aufmerksam gemacht, daß das Gewicht des Wassers i eine Sicherung gegen Umkippen bewirkt, wenn die Kraft des Stromes h in wagerechter Richtung gegen den erhöhten Dammrücken wirkt. In Hinsicht hierauf ist demnach die Knie-Armierung bei k aus zolldicken Rundeisen-Stäben angebracht. Im Uebrigen besteht die Armierung aus Streckmetall, wie aus Fig. 3 ersichtlich, wo das Einformen einer Platte wiedergegeben ist.

Die Betonmischung besteht aus 3 Volumenteilen Portland-Zement, 5 Teilen Sand, 8 Teilen Kiesel von 1½ bis 3 cm, und ½, Teil Traß.

Die Ausführung des Werkes veranschaulicht die |283| perspektivische Skizze Fig. 4. Alle Platten und Leisten wurden mit Hilfe eines einzigen Satzes von Holzrahmen hergestellt. Die flachen Teile des Wehres sind über die ganze Länge gleich, nur die Höhe des Rückens nimmt mit der Entfernung vom Strande zu, damit der Dammscheitel überall in gleicher Höhe zu liegen kommt. Dieses wurde dadurch erzielt, daß man die Wände des Holzrahmens, welche zur Begrenzung des erhöhten Rückens dienten, aus übereinander liegenden Holzplatten herstellte und dem Vorarbeiter vorschrieb, bei jeder folgenden Platte eine Latte hinzuzufügen (Fig. 4). Die Leisten überlappen die Platten auf beiden Seiten mit 20 cm Breite. Die Gewichte der fertigen Platten und Leisten betragen rund je 40000 und 12000 kg.

Textabbildung Bd. 322, S. 283
Textabbildung Bd. 322, S. 283
Textabbildung Bd. 322, S. 283

Bei der Ausführung war man imstande, zwischen zwei Gezeiten eine Platte oder eine Leiste herzustellen. Die Fugen der Deckbretter, sowie die Unter- und Seitenkanten wurden darauf gründlich mit fettem Lehm vollständig gegen Durchspülung gedichtet, die Holzrahmen durch Basalt beschwert und mittels Ketten und schwerer Anker gegen eventuelles Wegschlagen gesichert. Das Werk ging im ganzen bei recht günstigem Wetter von statten, so daß es nur zweimal vorkam, daß eine Leiste mit ihrem Holzrahmen während der Erhärtung fortgespült wurde, was einen Schaden von nur einigen hundert Mark bedeutete. Obwohl die Platten und Leisten unabhängig von einander ausgeführt wurden, so bilden sie dennoch durch die übergreifenden Ränder der Leisten ein einheitliches Ganzes, während die Konstruktion starken Stößen besser widerstehen kann, wie es bei einem durchlaufenden Damm der Fall wäre. Auch infolge der kurzen Zeiträume, welche immer zwischen zwei Gezeiten zur Verfügung standen, war man darauf angewiesen, die Arbeit in kleinen Teilen auszuführen.

An der gleichen Inselspitze, dem sogenannten Ossehoofd, hatte früher schon ein Seewehr aus Basalt bestanden. Durch häufigen Sturmschaden war man veranlaßt gewesen die Höhe des Dammes, welcher früher bis Hochwasser reichte, bedeutend zu erniedrigen. Dies hatte zwar den gewünschten Erfolg; der Sturmschaden am Damm selbst hörte auf, die seitwärts liegende Küste jedoch wurde nun in solchem Maaße angegriffen, daß man sich besonders nach den heftigen Märzstürmen des vergangenen Jahres notgedrungen zum Bau eines neuen Dammes bis auf Hochwasserhöhe entschließen mußte. Die neue Konstruktion hat also eine schwere Aufgabe zu erfüllen, welcher sie durchaus gewachsen erscheint. Zur Erneuerung der Seewehr hatte man zuerst den Entwurf eines Basaltdammes gemacht, dessen Kostenvoranschlag sich auf 35000 M. stellte, während die Ausführung gewiß eine höchst beschwerliche gewesen wäre. Die Kosten des Wehres aus Eisenbeton beliefen sich dagegen nur auf rund 13400 M. Außerdem werden sich die Unterhaltungskosten an ihm bedeutend niedriger stellen.

Textabbildung Bd. 322, S. 283

In Fig. 5 geben wir schließlich eine vom Strande aufgenommene Gesamtansicht des Seewehres, woraus zu ersehen ist, wie es seine Aufgabe erfüllt: der Ebbestrom V wird in der Richtung W von der Küste abgelenkt. Die Aufnahme zeigt die Wirkung bei besonders ruhigem Wetter.

An dieser Stelle der Küste sind Wellen, welche sich 2,50 m über dem mittleren Wasserspiegel erheben, nichts seltenes. Die ganze Höhe der Wellen zwischen Sohle und Scheitel beträgt in diesem Falle also 5 m. Solche Wellen wurden u.a. während der Stürme Ende Februar dieses Jahres mehrfach beobachtet. Eine Vorstellung von der Kraft dieser Wellen mag die folgende Betrachtung geben, welche jedoch natürlich nur eine grobe Annäherungsrechnung darstellen soll.

Nimmt man die Länge einer solchen Welle zu 12 m an, so würde das Gewicht des in Bewegung befindlichen |284| Wassers für jedes Meter Breite etwa 12 × 2,50 × 1020 = 30600 kg betragen. (Das Gewicht eines cbm Seewasser = 1020 kg). Hätte man mit einer festen Masse zu tun, so wäre das Arbeitsvermögen gleich dem Produkte aus Gewicht und Fallhöhe. Nimmt man für diese Fallhöhe den halben Abstand zwischen Scheitel und Sohle der Welle, so wäre das Arbeitsvermögen 30600 × 2,5 = 76500 m/kg.

Textabbildung Bd. 322, S. 284

Die Welle wäre also imstande, 76,5 t einen Meter hoch zu heben.

Es wurden seinerzeit gegen die Errichtung von Seedeichen in Eisenbeton von verschiedenen Seiten Bedenken laut wegen der Gefahr der Schädigung durch Frost. Allein in der holländischen Provinz Zeeland waren bis zum Herbst letzten Jahres 20000 qm zur Ausführung gelangt, bei denen sich bis Anfang Februar nirgends Risse gezeigt haben. Die Frostbeständigkeit der neuen Bauart darf man nach diesem strengem Winter also wohl als vollständig erwiesen betrachten.

Das für die Armierung dieser Küstenverteidigungswerke gebrauchte Streckmetall hat rautenförmige Maschen mit einer kurzen Diagonale von 75 mm und wiegt je nach dem Verwendungszweck 1,9 bis 2,7 f. d. qm.

F. Kerdyk.

|282|

U.a. „De Ingenieur“ 1906, Nr. 12 und 34,

„Eisen und Beton“ 1906, Heft XI,

„D. P. J., Zeitschriftenschau“ S. 64.

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