Titel: Goldgewinnung in Sibirien.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1909, Band 324 (S. 139–141)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj324/ar324041

Goldgewinnung in Sibirien.

Hinsichtlich der Menge des erarbeiteten Goldes steht Rußland unter allen Staaten an fünfter Stelle1). Goldlieferer des russischen Reichs sind Sibirien, der Ural und Finnisch-Lappland. Etwa 70 v.H. des Gesamtertrages entfallen auf Sibirien2), dessen Gold mit wenigen Ausnahmen aus den Ablagerungen der Flüsse, aus lockeren oder festen Konglomeraten und aus Sandschichten als sogenanntes „Seifen- oder Waschgold“ gewonnen wird. Hauptlieferer des durch Gangbergbau gewonnenen Goldes, des sogenannten „Berg- oder Adergoldes“ ist der Ural. In kleineren Mengen wird Berggold auch im Marienkreise der westsibirischen Provinz Tomsk und im Kreise Nertschinsk Transbaikaliens gewonnen. Die reichsten Goldlagerstätten Sibiriens liegen im östlichen Teil, an den Nebenflüssen der Lena, an der Olékma und am Witim, ferner im Quellgebiet des Amur, an der Schilka und am Argún, an den linken Zuflüssen des Amur, an der Séja, Buréja und am Amgún. Jenes Gebiet liefert etwa zehnmal mehr Gold als der Westen. Fast 25 v.H. der gesamten Goldausbeute Rußlands entfallen auf den Ural, |140| ein Bruchteil entfallt auf Finnland (Finnisch-Lappland), den Rest erhält man durch Abscheidung auf chemischem Wege.

Im Jahre 1903 betrug die gesamte Goldausbeute Rußlands 34723,80 kg; von dieser Menge wurden 29709,51 kg aus Wäschen (Seifengold), 4302,04 kg durch Gangbergbau (Ader- oder Berggold) und 712,25 kg durch Abscheidung auf chemischem Wege gewonnen. Die größte Goldmenge von 44871,05 kg entfiel auf das Jahr 1893. Seitdem ist in der Goldgewinnung Rußlands mit gewissen Schwankungen ein Rückschritt eingetreten, der innerhalb des Zeitraumes von 1894 bis 1903 durch einen mittleren Jahresausfall von etwa 95 kg gekennzeichnet wird. Auch der durchschnittliche Goldgehalt der Seifen (der goldführenden Konglomerate und Sande) zeigt zwar eine gewisse Abnahme, betrug aber im Jahre 1903 noch immer rund 1,60 g auf 1 t Sand. Der größte Goldgehalt der Seifen betrug im Jahre 1902 40,37 g, 1903 etwa 18 g auf 1 t Sand, des durch Gangbergbau gewonnenen Goldes 1902 42,33 g, 1903 etwa 53 gr auf 1 t Gestein3).

Ungeachtet der seit 1894 beobachteten Abnahme der erarbeiteten Goldmenge kann von einem Niedergang der Goldindustrie Rußlands im allgemeinen, insbesondere Sibiriens, nicht die Rede sein, um so weniger als die Methode der Goldgewinnung in den Wäschen Sibiriens noch verbesserungsfähig ist, zurzeit dort nur verhältnismäßig reiche Lager bearbeitet werden und zahlreiche Lagerstätten in den nördlicheren Gebietsteilen Ostsibiriens, die außerhalb des Verkehrs und der Kultur liegten, sozusagen der Bearbeitung harren. Nach Ansicht der Bergingenieure Sibiriens würden, unter Verwendung der neuesten Waschapparate und Maschinen, manche Lager sich noch für die weitere Bearbeitung als lohnend herausstellen, die bei der gegenwärtigen Arbeitsmethode bereits aufgegeben worden sind4). Im übrigen besitzt Rußland in einzelnen Provinzen seiner mittelasiatischen Besitzungen (Russisch Turkestan) unberührte Goldlager, die sozusagen als Vorräte für die Zukunft gleiten können.

Die Lager von Olékma-Witimsk, auch Olekminsk-Witimskische genannt, werden von den Ausläufern des Sajanischen Gebirges durchzogen, durch die Flüsse Lena, Witim und Olékma begrenzt, und sind die reichsten Sibiriens. Die Wasserscheide der Olékma und des Witim bildet die Grenze der beiden goldführenden Hauptgebiete. Die Witimskischen Lagerstätten liegen etwa 1815 km nordöstlich der Stadt Irkutsk und besitzen im allgemeinen bessere Verbindungen als die von Olekminsk. Auf dem Witim verkehren Dampfer flußaufwärts bis zur Mündung des Bodaibo, von wo mangelhafte Wege nach den Wäschen abzweigen. Die größte Goldmenge, die bisher im Kreise Olekminsk erzielt worden ist, betrug im Jahre 1880 etwa 15381 kg. Einzelne Gesellschaften erarbeiten dort auch noch heute mehr als 2000 kg Gold im Jahr5).

Die reichsten Goldlager des Amúrgebietes liegen unweit der Quellen der links in den Amur mündenden Zuflüsse, an der Séja, Buréja und am Amgún. Um sie zu erreichen, müssen zunächst auf diesen Flüssen weite Strecken und dann noch einige hundert Kilometer über Land zurückgelegt werden. Kleinere Unternehmer lassen ihre Vorräte durch Kosaken und Bauern von den nächstgelegenen Ortschaften heranführen, größere Unternehmer (Gesellschaften) besitzen eigene Dampfer, die Waren und Lebensmittel von Blagowétschensk oder Nikolájewsk möglichst weit flußaufwärts befördern.

In Transbaikalien wird Gold im westlichen Teil, innerhalb der Kreise Bargusinsk und Werchne-Udinsk, im östlichen Teil, innerhalb der Kreise Nertschinsk, Tschitinsk und Atschinsk, gewonnen. Auch das sibirische Küstengebiet (Ussuri-Provinz einschl. Ochotsk-Kamtschatka) liefert Gold. Dort wurden im Jahre 1902 2772,85 kg, 1903 3419,58 kg Gold aus Wäschen erzielt6). Ferner befinden sich Goldlager in den Steppengebieten der Kreise Tobolsk-Akmolinsk und Semipalatinsk-Semirjetschensk. Letzteres Gebiet wird in Verwaltungsbeziehung bereits zu Rußlands mittelasiatischen Besitzungen gezählt. Goldlieferer sind noch die Kreise Mariinsk, Biïsk und Kusnetzk der Provinz Tomsk, einzelne Gebiete im nördlichen und südlichen Teil der Provinz Jenisseisk und das Altaigebiet.

Das Altaigebiet ist Privatbesitztum des Zaren und umfaßt eine Landfläche von etwa 429490 Geviertkilometern, die etwa zehnmal größer ist als die Schweiz. Fast ein Drittel dieser Fläche ist Gebirge, dessen Erhebungen im östlichen Kegel des Bjelucha rund 4500 m Höhe erreichen. Das Hauptgebirge besteht aus kristallinischen Gesteinen, aus Graniten, Dioriten, Porphyren usw., die paläozoische Formationen (Silur, Devon und Karbon) durchbrochen haben. Im Altai ist Gold im Bleiglanz und einigen Kupfererzen als Nebenbestandteil enthalten. Die gröberen Ablagerungen einzelner Gebirgsflüsse und die Sande enthalten Gold, aus denen es in größeren Mengen als Seifengold gewonnen wird. Im übrigen wird im Altai Gold in kleineren Mengen (50 bis 100 kg) durch Gangbergbau mit der Silberausbeute gemeinsam erarbeitet. Im Jahre 1901 wurden noch 2260,5 kg, 1902 etwa 1038 kg, 1903 nur 937,33 kg Gold erzielt. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind aus dem Altaigebiet etwa rund 82 t Gold gewonnen worden, eine Menge, die etwa nur 5 v. II. der gesamten Goldausbeute Rußlands für denselben Zeitraum beträgt7).

Im allgemeinen krankt die Goldgewinnung, überhaupt das Bergwesen im Altai, unter den elenden örtlichen Zuständen. Der ganze Bergwerksbezirk besitzt keine Verbindung mit der sibirischen Eisenbahn, alle Geräte, Apparate, Lebensmittel usw. müssen auf mangelhaften Wegen, streckenweise auf Saum- und Bergpfaden, zugeführt werden. Im Bergwerksbetrieb werden noch immer Strafgefangene beschäftigt, die für diesen Betrieb gänzlich ungeeignet sind und auf die übrige Knappschaft einen verderblichen Einfluß auszuüben pflegen. Die Feuerung der Lebensmittel, die dadurch bewirkte Höhe der Arbeitslöhne für frei anzuwerbende Bergwerksarbeiter, der Mangel von örtlichen Anstalten zur Prüfung goldführender Erze und goldhaltigen Sandes und dergleichen mehr haben es bewirkt, daß bisher nur die reichsten Goldfunde verwaschen worden sind und die Aufbereitung goldhaltiger Erze8) noch nicht stattgefunden hat.

Für das Recht, nach Gold zu schürfen und Wäschen zu errichten, erhebt der Staat von den Unternehmern in Sibirien einen Grundzins, verschiedene Abgaben und Gebühren. In Ostsibirien ist der Grundzins bedeutend |141| höher als in Westsibirien9). Die Abgabe richtet sich nach dem in den staatlichen Goldschmelzereien zu Irkutsk oder Tomsk ermittelten Gehalt des chemisch reinen Goldes und wird nach Hundertteilen desselben berechnet. Außerdem haben die Unternehmer für die Beförderung des Edelmetalls aus den genannten Goldschmelzereien nach dem St. Petersburger Münzhof und für die Ermittlung des Edelmetalls bestimmte Gebühren zu entrichten10). Nach Bestimmung des Goldwertes in den staatlichen Prüfungsanstalten stellt der Staat den Unternehmern Zahlungsanweisungen auf die Reichsbank aus, die indessen auch von den sibirischen Banken eingelöst werden. Diese Anweisungen werden nach Goldrubeln berechnet, von den Banken aber in Kreditrubeln ausgezahlt. Da für t Pud = 3840 Solotnik Gold etwa 14014 Goldrubel anzusetzen sind und 1 Rubel Gold etwa r,5 Kreditrubeln entspricht, erhalten die Unternehmer für je einen Solotnik reinen Goldes etwa 5,50 Kreditrubel oder etwa 2,75 M. für 1 g11).

Obgleich die russische Staatsregierung unter Androhung hoher Strafen bestimmt, daß alles in Sibirien erarbeitete Gold den staatlichen Goldschmelzereien einzuliefern ist, wird ein großer Teil des dort gewonnenen Goldes von Goldsuchern und kleinen Unternehmern heimlich verkauft, im übrigen auch von Arbeitern gestohlen. In allen Dörfern oder Ortschaften, die sich in der Nähe der Wäschen befinden, ist Goldstaub erhältlich; teils stammt er aus den Fundstellen der Wäschereibesitzer, teils ist er gestohlen. Andere Mengen werden heimlich über die chinesische Grenze geschafft und von den Chinesen mit 3 bis 4,50 Kreditrubeln für je t Solotnik Gold bezahlt12). Für die Unternehmer ist indessen ein derartiger Goldschmuggel nach China nicht lohnend, weil sie mit dem russischen Staate bessere Geschäfte erzielen. Die Goldmenge, die auf diese Weise dem russischen Staate jährlich entzogen wird, haben russische Schriftsteller bis zu ⅕ der Jahresausbeute geschätzt, die Aufsichtsbeamten der Goldwäschen Sibiriens indessen als unzutreffend bezeichnet.

Neben den Goldschmelzereien zu Irkutsk und Tomsk besteht noch eine im Ural zu Jekaterinenburg. In diesen drei Goldschmelzereien wurde aus der im Jahre 1903 eingelieferten Goldmenge von 24591,68 kg (einschließlich des bei der Silberausbeute im Altai und zu Nertschinsk gewonnenen Goldes) ein Feingoldgehalt (chemisch reines Gold) von rund 21047 kg im Werte von 28899232 Rubeln oder etwa 62422345 Mark erzielt13). Diese Menge chemisch reinen Goldes ist die kleinste, die Rußland seit Ende der achtziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts aus seinen Goldschmelzereien erzielt hat.

Der Goldreichtum Sibiriens allein hat es bewirkt, daß Rußland bereits im Anfangszustande- seiner wirtschaftlichen Entwicklung die Goldwährung einführen konnte, die sonst nur wirtschaftlich weit vorgeschrittenere Länder aufrechterhalten, und im Zeitraum von 1871 bis 1898 fast dieselbe Goldmenge ausgeprägt hat14), wie Deutschland, das innerhalb desselben Zeitraumes in wirtschaftlicher Beziehung auf einer weit höheren Stufe stand.

F. Thiess.

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Im Jahre 1903 betrug die Goldausbeute der Welt 477454 kg. Von dieser Menge entfielen 119314 kg auf Australien; 110729 kg auf die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika; 92467 kg auf Transvaal; 28337 kg auf Kanada; 21047 kg auf Rußland; 16859 kg auf Indien; 15277 kg auf Mexiko; 14922 kg auf Neuseeland; 13438 kg auf das chinesische Reich usw. Diese Angaben beziehen sich auf den Gehalt des Gesamtertrages von chemisch reinem Golde (Statistisches Jahrbuch der Montanindustrie Rußlands. Nach amtlichen Quellen unter Redaktion von J. Popow, herausgegeben von J. Dmitrijew und W. Ryschkow. Ausgabe des Bergkomites. St. Petersburg 1906)

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Im Zeitraum von 1882 bis 1891 schwankte der Anteil Sibiriens zwischen 69 und 79 v. H (Siberia and the Gr. Sib. Railway. Seite 148.)

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Statistisches Jahrbuch der Montanindustrie Rußlands.

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In Amerika wird ein Goldgehalt von 0,05 gr auf 1 t Sand für die Bearbeitung noch als lohnend erachtet (unter Verwendung verbesserter Waschapparate und Maschinen); in Sibirien dagegen werden solche Lager nur sehr selten bearbeitet.

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Beispielsweise wird die Goldausbeute der Pribreschno-Witimskischen Gesellschaft im Kreise Olekminsk auf 2768 bis 3751 kg jährlich geschätzt. (Handels- und Gewerbebuch. Herausgegeben von F.P. Romanow in Tomsk.)

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Statistisches Sammelwerk der Montanindustrie Rußlands.

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Rußland, Vollständige geogr. Beschreibung unseres Vaterlandes. Band XVI. Westsibirien. Kapitel III/IV Berg- und Hüttenwesen. Herausgegeben von Semenow. Verlag von A.F. Devrient. St. Petersburg 1907.

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Mit Ausnahme der Bleisilber- und Kupfererze.

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Nach Angabe des sibirischen Handels- und Gewerbebuches von Romanow betrug der jährliche Grundzins Ende der neunziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts in Ostsibirien 5 Rubel bis 10 Rubel für je 1 Dessjätine oder etwa 10 bis 20 M. für 1 ha, in Westsibirien dagegen nur 1 Rubel für je 1 Dessjätine oder etwa 2 M. für 1 ha.

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Diese betrugen gegen Ende der neunziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts für je 1 Pud Edelmetall der Goldschmelzerei zu Tomsk 33 Kreditrubel (etwa 433,15 M. für 100 kg), der Goldschmelzerei zu Irkutsk 46 Kreditrubel (etwa 603,80 M. für 100 kg). (Nach Sibirisches Handels- und Gewerbebuch von Romanow in Tomsk.)

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Im Jahre 1903 wurden in den Goldschmelzereien Rußlands für je 1 Pud Feingold durchschnittlich 22493 Rubel Kredit oder etwa 14996 Rubel Gold berechnet. (Statistisches Sammelwerk der Montanindustrie Rußlands.)

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Handels- und Gewerbebuch von Romanow.

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Statistisches Sammelwerk der Montanindustrie Rußlands.

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Nach „Bulletin russe de Statistique“ (1899 Seite 82) wurden im Zeitraum von 1871 bis 1898 in Deutschland etwa 1223713 kg Goldmünzen im Werte von 4215,011648 Mill. Fr., in Rußland etwa 1120940 kg im Werte von 3861,015811 Mill. Fr. ausgeprägt.

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