Titel: Pneumatische Getreideförderung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1910, Band 325 (S. 373–376)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj325/ar325109

Pneumatische Getreideförderung.1)

Von M. Buhle, Professor in Dresden.

Zur Beförderung von losem Getreide bedient man sich bekanntlich schon seit vielen Jahren mechanischer Fördermittel und zwar für die senkrechte Richtung der Becherwerke, für die wagerechte oder schwachgeneigte Richtung der Gurtförderer oder der Förderschnecken. Diese Vorrichtungen sind im Laufe der Zeit immer mehr vervollkommnet worden, und man vermag heute mit ihnen unter einem sehr geringen Aufwand von motorischer Kraft Getreide von einem Punkte nach einem beliebigen, etwa 100 m weit entfernten Lagerplatz zu befördern.

Textabbildung Bd. 325, S. 373

Trotz der technischen Vollkommenheit dieser Fördermittel haftet ihnen aber doch ein Nachteil von grundsätzlicher Bedeutung an, nämlich, daß die Förderung nur in gerader Linie vor sich gehen kann. Sobald die Förderrichtung gewechselt wird, muß ein neues Förderelement eingeschaltet werden, so daß man bei Anlagen mit wenig einfachem Grundriß oft einer unverhältnismäßig großen Anzahl von Maschinen bedarf, um die Förderung zu ermöglichen.

Unter diesen Umständen lag es nahe, daß man darauf bedacht war, eine Förderungsart ausfindig zu machen, bei der die Förderrichtung belanglos, d.h. beliebig ist. Man wandte sich deshalb der Förderung durch Saugluft oder Druckluft zu, und man glaubte, damit die mechanische Förderung bald vollständig zu überwinden und sich ihrer entäußern zu können.

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Diese Hoffnung hat sich jedoch nicht erfüllt, trotzdem die pneumatische Getreideförderung bereits seit etwa 30 Jahren angewendet wird, denn ein sehr empfindlicher Mangel, der ihr von jeher anhaftete, nämlich der unverhältnismäßig große Kraftaufwand, dessen man bedarf, um eine gewisse Kornmenge auf einer geraden Strecke zu fördern, konnte bisher weder beseitigt, noch in wünschenswertem Maße gemildert werden.

Als die pneumatische Förderung noch wenig ausgebildet war, betrug der Arbeitsaufwand das Sechs- bis Zehnfache dessen, was bei Elevatoren und Förderbändern gebraucht wird. Dieses Verhältnis hat sich jedoch in neuerer Zeit mit den Fortschritten |374| der Technik wesentlich günstiger gestaltet, so daß der Arbeitsaufwand, wenn er auch noch, wie gesagt immer nicht als „angemessen“ bezeichnet werden darf, doch nicht mehr so hoch ist, daß er eine häufigere Anwendung des pneumatischen Förderverfahrens mit seinen unbestreitbar großen Vorzügen ausschlösse.

Textabbildung Bd. 325, S. 374

Unter diesen Umständen wächst das Interesse an der pneumatischen Förderung offensichtlich von Jahr zu Jahr, und in der Tat sind mit ihr unter gewissen Voraussetzungen und in bestimmten Fällen so mannigfaltige Vorteile verbunden, daß sie der mechanischen Förderung oft vorzuziehen ist.

Insbesondere trifft das zu, wenn die Entladung von Schiffen in Frage kommt. Die Uferverhältnisse sind oft so beschaffen, daß sich die Schiffe dem Lande nicht weit genug nähern können, sondern eine gewisse Strecke vom Ufer entfernt Anker werfen müssen. Wollte man nun in solchen Fällen die Entladung durch mechanische Fördermittel bewirken, also einen Schiffselevator dazu benutzen, so müßte dieser unter Umständen ganz außergewöhnliche Größenverhältnisse aufweisen, und er würde infolgedessen großer Stützgerüste bedürfen, die sehr kostspielig sind. Auch starke Schwankungen des Wasserstandes erschweren die Bauart von Schiffselevatoren ungemein, wogegen sich eine pneumatische Förderanlage dank den dabei zur Verwendung kommenden biegsamen Rohren jedem Wasserstande ohne weiteres anpaßt.

Typisch für den hier geschilderten Fall ist die nachstehend beschriebene, von Amme, Giesecke & Konegen, A.-G., Braunschweig, erstellte Anlage. Das Lagerhaus ist 15 m vom Ufer entfernt, und es handelte sich in diesem Falle um die Aufgabe, das Getreide in möglichst einfacher Weise aus dem Schiffe nach den einzelnen Schüttböden zu befördern.

Zu diesem Zwecke wurde auf einem der oberen Böden ein Kapselgebläse aufgestellt, das die Luft aus einem auf dem höchsten Punkte des Speichers aufgestellten Rezipienten von zylindrischer Form ansaugt. Das hierbei im Behälter entstehende Vakuum zwingt die Luft, sich mit großer Geschwindigkeit durch das Saugrohr zu bewegen, das über die Bahngleise hinweg bis in den Schiffskörper reicht. Das zwei- oder mehrästige Ende dieses Saugrohrs trägt eine sogen. Saugdüse, die in den Getreidehaufen versenkt wird. Die in die Düse eintretende Luft reißt nun das in die Rohrleitung eintretende Getreide mit sich fort und befördert es mit großer Geschwindigkeit in den Rezipienten.

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Die innere Einrichtung des Behälters ist so beschaffen, daß die mit Getreidekörnern gefüllte Luft in ihre Bestandteile getrennt wird, also nur die von Getreide befreite Luft in das Gebläse eintritt, während sich das Korn selbst im tiefsten Punkte des Rezipienten ansammelt. Von dort aus wird es von Zeit zu Zeit durch eine luftdicht abgeschlossene Schleuse in einen darunter stehenden Behälter abgelassen. Dieser dient als Vorbehälter einer selbsttätigen Wage, von der aus die Frucht unter Benutzung von Elevatoren und Bändern in den Speicher verteilt werden kann.

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Bei der hier beschriebenen Anlage vollzieht sich die Weiterbeförderung jedoch ebenfalls pneumatisch, und zwar durch Druckluft; Saugluft- und Druckluftverfahren ergänzen sich also in diesem Falle.

Der Behälter unter der selbsttätigen Wage bringt die gewogene Frucht über einen Zuführungsapparat, der sie seinerseits in die Druckrohrleitung fallen läßt; aus dieser gelangt das Getreide nach einem der verschiedenen Ausläufe, die unmittelbar unter dem Dache in den Rohrstrang eingeschaltet sind.

Am Ufer selbst bedarf man im Gegensatz zu Schiffs elevatoren nur eines sehr leichten Standgerüstes, um die Saugrohre mehr oder weniger weit in den Schiffskörper durch dessen Luken einzuführen. Da die Saugdüsen leicht von einer Stelle zur anderen und überallhin geführt werden können, so ist kein Zuschaufeln des womöglich in unzugänglichen Winkeln liegenden Getreides nötig.

Bei der großen Geschwindigkeit, mit welcher das Korn durch die Rohrleitungen strömt, reiben sich die einzelnen Körner natürlich kräftig an den Rohrwänden, wobei der an ihnen haftende Staub zu einem großen Teile losgelöst wird. Das ist für Mühlenbetriebe recht erwünscht, weil dadurch die Reinigungsmaschinen wesentlich entlastet werden. Der Staub kann am Rezipienten in Säcke abgelassen werden; geeignete Vorkehrungen verhindern, daß er in das Gebläse gelangt.

Wünscht man. jedoch den Gewichtsverlust zu vermeiden, der durch die Absonderung des Staubes entsteht, was beispielsweise für solche Speicherbetriebe gilt, die dem öffentlichen Verkehr dienen, so kann der Staub dem Getreide auch wieder gleichmäßig beigemischt werden. Die Mühlenbauanstalt Amme, Giesecke & Konegen A.-G., Braunschweig, hat eine ganze Reihe pneumatischer Förderanlagen ausgeführt. Unter ihnen ist besonders eine zu erwähnen, deren Förderstrecke 300 m lang ist, deren Rohrleitungen in den mannigfaltigsten Krümmungen verlaufen, und die auch in ihrer Höhenlage sehr häufig wechseln.

Die älteste Firma, die sich auf dem europäischen Festland mit allerbestem Erfolg der Einführung, Verbreitung und dauernden Verbesserung der pneumatischen Getreideheber gewidmet hat, ist die Lizenzträgerin des auf den Millwall-Docks in London tätigen Pioniers auf diesem Gebiet, F. E. Duckham, die rühmlichst bekannte Aktiengesellschaft G. Luther in Braunschweig, über deren neuerdings für eine Reihe namhafter Häfen gebaute derartige Elevatoren nachstehend berichtet werden soll. Doch sei zuvor kurz noch folgendes, zum Verständnis grundsätzlich Wichtige ausgeführt:

Saugluft wird im allgemeinen angewendet, wenn von verschiedenen Stellen aus das Gut nach einem Ort gefördert wird (Entladung von Schiffen gleichzeitig durch mehrere Schläuche), Druckluft zur Verteilung von einem Orte nach mehreren (auch hochgelegenen) Stellen.

In einem Behälter v (Fig. 1) wird durch Kolbenluftpumpen die Luft dauernd stark verdünnt; die äußere Luft dringt durch den Mantel der in das Korn hineingehängten Saugrüssel (Fig. 2) und reißt die Frucht durch das Kernrohr mit nach v, wo sie in den Trichterboden und von hier in eine Luftschleuse (Pendelkasten, Zwillingswieger, Fig. 3) fällt. Letztere besteht im wesentlichen aus zwei Gefäßen R R1, die abwechselnd unter die Oeffnung von v gebracht werden, indem sie um eine wagerechte, seitlich gelagerte Achse T schwingen. Wenn das mit v in Verbindung stehende Gefäß sich gefüllt hat, überwiegt es in einem bestimmten Augenblick das Gewicht der andern nun entleerten Kammer (der Schwerpunkt des Systems ändert sich fortwährend) und fällt nach der entgegengesetzten Seite, wodurch das andere leere Gefäß in die Füllstellung gelangt. Das volle Gefäß, jetzt ohne Verbindung mit v, öffnet sich nun infolge der oben einströmenden atmosphärischen Luft, so daß das Getreide durch eine Klappe S S1 am Boden des Gefäßes in eine Kammer O (Fig. 1) fällt, aus der sie vermöge der Druckluftzuführung durch d in Röhren r hinausgedrückt wird (1,2 m Wassersäule Unterdruck in v sind mit 2 m Druck in O vereinbar).

Bezeichnet v die Luftgeschwindigkeit in m/Sek., p den Luftdruck auf runde oder spitze Körper in g f. d. Quadratmillimeter, so gehören zusammen2)

v = 4 6 8 10 12 14 16
p = 0,00098
0,002
0,0039
0,0061
0,0088
0,012
0,0155
v = 18 20 22 24 26 28 30
p =
0,0198
0,0245
0,0296
0,0353
0,0414
0,0481
0,0551
v = 32 34 36 38 40
p = 0,0627
0,0706
0,0792
0,0835
0,098
Textabbildung Bd. 325, S. 375

Ein Weizenkorn von 3,5 qmm Querschnitt und 0,0411 g wird also getragen von Luft mit v = 14 m; zum Heben gehören mindestens Geschwindigkeiten ≧ 20 m (Auftrieb bei 20 m: 0,0245 . 3,5 – 0,0411 = 0,0436 g).


Bei h =
1200 mm
1500 „
2000 „

Wassersäule Unterdruck bezw. Druck

ist nach v. Ihering die theoretische Luftgeschwindigkeit


v = 3,961 √h =
137,21 m/Sek
153,41 „
175,05 „
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d.h. bei der Ausflußzahl 0,65 ist


v' =
89,19
99,72
113,78
m/Sek.

(durch Röhren, Krümmungen usw. natürlich noch bedeutend vermindert).

Während die ersten schwimmenden Saugluftförderer von dem Hause G. Luther, A.-G., nach eigenen wie nach Duckham-Patenten3) für den Norddeutschen Lloyd nach Bremerhaven geliefert wurden, arbeiten zurzeit außer den schon früher für die Hamburg-Amerika-Linie gebauten derartigen Hebern zehn solche Elevatoren (Fig. 4), die der dortigen Getreideheber-Gesellschaft gehören, im Hamburger Hafen.

Textabbildung Bd. 325, S. 376

Ferner sind gegenwärtig acht derartige pneumatische Elevatoren (Fig. 5 und 6) im Hafen von Rotterdam im Betrieb bezw. für die Maatschapij tot Exploitatie van Drijvende Elevators im Bau.

Die Durchschnittsleistung beträgt 150 t/Std., während die stündliche Höchstleistung zu 225 t angegeben wird.

Die gesamte Einrichtung eines derartigen schwimmenden pneumatischen Hebers ist im Rumpf und auf Deck eines pontonartigen eisernen Fahrzeuges untergebracht. Der Rumpf ist durch wasserdichte Schottwände in mehrere Abteilungen getrennt, die den Kessel zum Betriebe der Hauptdampfmaschine, die Luftpumpen, die Dampfpumpen für die Kondensation und die Kesselspeisung, die Dampfmaschine zur Erzeugung des elektrischen Lichtes, ferner Ketten, Seile und sonstige Gegenstände sowie Mannschaftskabinen, die Küche usw. aufnehmen.

Auf Deck befindet sich ein turmartiges Gerüst, das oben eine zylindrische Kammer trägt. Vom Kopf dieser Kammer geht die Saugrohrleitung zu den Luftpumpen, während die mit Düsen versehenen Getreidesaugrohre am Fuße der Kammer angeschlossen und an kleinen Masten aufgehängt sind; sie können um etwa 180° geschwenkt werden.

An dem unteren, trichterförmigen Teil der Kammer ist eine Vorrichtung angebracht, die den Austritt des Getreides unter Luftabschluß in einen Sammelbehälter ermöglicht, aus dem es in pendelnd aufgehängte selbsttätige Wagen fällt. Das gewogene Korn fließt in einen zweiten Behälter, um aus diesem durch ein mit Drosselklappe versehenes Teleskoprohr in den Leichter geführt zu werden.

Im unteren Teil des Turmgerüstes ist eine Staubkammer angeordnet, in welche die Luftpumpen den mit dem Getreide fortgerissenen Staub ausstoßen.

(Schluß folgt.)

Vergl. des Verf. Aufsätze: „Ueber pneumatische Getreideelevatoren“, Z. d. V. d. I. 1898, S. 921 ff.; 1909, S. 354 ff. sowie Glasers Annalen 1899, I, S. 59 und 82; ferner Lufft, D. p. J., S. 35 ff. d. Bandes.

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Baumgartner, Mühlenbau und Müllerei, I. Band, 1. Teil, Berlin 1900, S. 28.

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Vergl. auch des Verfassers Buch „Massentransport“, Stuttgart 1908, S. 241 ff.

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