Titel: Polytechnische Rundschau.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1910, Band 325 (S. 493–496)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj325/ar325147

Polytechnische Rundschau.

Die neue Förderanlage auf dem Gaswerk der Stadt München in Moosach.

Die zu vergasenden Kohlen werden in Eisenbahnwagen herangebracht und durch eine elektrisch betriebene Schiebebühne von 60 t Tragfähigkeit in die Kohlenschuppen eingebracht, in denen parallel zu den Ankunftgleisen vier Absturzgleise angeordnet sind. Zurzeit werden die Wagen von Hand entladen, jedoch sind bei Steigerung des Betriebsumfanges fahrbare Wagenkipper vorgesehen. In den 16000 t Kohlen fassenden Schuppen, deren Boden sattelförmige Rutschflächen hat, laufen zwei Verladekrane, welche die Kohlen mit 1,5 t fassende Hone-Greifer dem Lager entnehmen und an ein unter Flur liegendes Stahlförderband abgeben, welches die Kohle in die an das Ofenhaus angebaute Siebanlage befördert. Letztere besteht aus einem, die Feinkohle bis zu 80 mm Stückgröße absiebenden Schwingsieb und einem, die größeren Stücke zerkleinernden Backenbrecher. Die abgesiebten und gebrochenen Kohlen fallen in die Becher eines Huntschen Förderers, der sie nach dem Ofenhause schafft, wo die Kohle mittels eines selbsttätig wirkenden, fahrbaren Frosches gleichmäßig auf die Bunkerreihe verteilt wird. Für den Becherförderer und das Stählband ist eine aus einem Sirokko-Ventilator und einem Staubsammler bestehende Entstaubungsanlage vorgesehen. Eine auf der einen Seite von einer Pendelstütze, auf der anderen Seite von einer auf zwei Gleisen in einem Abstande von 6,5 m Entfernung laufenden Hauptstütze getragene Verladebrücke von 42 m Spannweite und 72 m Fahrbahnlänge dient zum Kokstransport für die Generatorenfeuerung. Das Brückenfahrwerk wird an jeder Stütze durch einen Motor angetrieben. Aus dem, in einer Brückenpendelstütze eingebauten Füllrumpf entnimmt der elektrisch betriebene Zubringerwagen eines Schrägaufzuges den Koks und befördert ihn nach einem neben dem Ofenhause befindlichen, 50 cbm fassenden Behälter mit vier Ausläufen, von denen aus vier Wagen gleichzeitig gefüllt werden können. In die Hauptstütze der Brücke ist die Koksaufbereitung nebst einem Füllrumpf für den Feinkoks eingebaut, in dem sich der Koks von 0–10 mm und von 10–15 mm Größe sammelt und zum Kleinverkauf in Straßenfuhrwerke abgezogen werden kann. Der gröbere Koks wird in einem Trichter nach einem in Eisenbeton ausgeführten Sackschuppen gefördert. (H. Hermanns.) [Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure 1910, Nr. 17, Seite 667.]

J.

Das Dampfturbinenkraftwerk der Zeche Shamrock I/II der Bergwerksgesellschaft Hibernia in Herne i. W.

Die sechs Kraftwerke der Hibernia, die mit einem Stromringnetz die vorhandenen zehn Zechen mit elektrischem Strom versorgen, haben eine Leistung von insgesamt 20000 PS und weisen elf Frischdampfturbinen, zwei Abdampfturbinen und einen Gasmotor als Betriebsmaschinen auf. Die Kraftwerke sind auf denjenigen Schächten errichtet, die in Kokereien usw. Ueberschußgase liefern. Das Kraftwerk Shamrock I/II besteht aus einer Abdampfturbine von 1500 KW und zwei Frischdampfturbinen von 1000 und 1800 KW, insgesamt von 4300 KW Normalleistung. Den Abdampf für die Niederdruckturbine liefern zwei Fördermaschinen, zwei Hilfsfördermaschinen, eine Ventilatormaschine und fünf Kompressoren. Der Abdampf dieser Maschinen wird zuerst entölt und dann von zwei Akkumulatoren von 4 m ⌀ und 6 m Höhe, System Schwartz, aufgenommen, wo er seine Wärme mit der Wärme des darin enthaltenen und künstlich in Umlauf gehaltenen Wassers austauscht. Im Falle die Dampfzufuhr aussetzt, sinkt der Druck im Akkumulator und das Wasser von höherer Temperatur liefert durch Verdampfen der Abdampfturbinen den Dampf. Der Wasserakkumulator gibt annähernd konstanten Dampfdruck für die Turbine; ein Zuführen von Frischdampf in den Fällen, wo der Abdampf der Fördermaschinen usw. aussetzt, findet nicht statt; es wird während der gewöhnlichen Förderzeit mit dem Abdampf von 0,1–0,2 at Spannung und 90 v. H. Vakuum die volle Turbinenleistung erreicht. Der aus dem Akkumulator austretende Dampf wird unmittelbar am Austritt und dann noch einmal vor dem Eintritt in die Turbine von dem mitgerissenen oder sich bildenden Wasser befreit. Die beiden Frischdampfturbinen werden mit Dampf von 8 at und 300° Ueberhitzung betrieben. Die 1000 KW-Maschine ist eine A. E. G.-Dampfturbine mit 3000 Umdr., während die andere Hochdruckturbine wie die Abdampfturbine Parsons-Turbinen von Brown, Boveri & Cie. sind und mit 1500 Umdrehungen laufen. Zur Kondensation des Abdampfes der Turbinen dienen Oberflächenkondensatoren; die Kühlwasserförderung der zugehörigen Pumpen beträgt 3000 cbm i. d. Stunde. Die gesamte Kondensationsanlage ist für eine stündlich zu kondensierende Dampfmenge von zusammen 60000 kg bei 90 v. H. Vakuum und 28° Kühlwassertemperatur bemessen. Der Ausguß der Kühlwasserpumpen wird in Kühltürmen rückgekühlt.

Die elektrischen Generatoren erzeugen Wechselstrom von 50 Perioden und 5000 Volt Spannung, der für die Fernleitung dient; für den Betrieb der Zeche Shamrock selbst wird der Strom zum Teil auf 1000 Volt transformiert. [Zeitsch. für das gesamte Turbinenwesen 1910, S. 113.]

M.

3/6 gekuppelte Schnellzuglokomotive der Oesterreich. Staatsbahn.

Für schwere Schnellzüge bis 320 t Zuggewicht und 50–60 km Geschwindigkeit in hügeligem Gelände mit 8–12 v. T. Steigung erweisen sich die 3/5 gekuppelten Lokomotiven mehr und mehr als unzureichend. Bei der üblichen Bauart dieser Lokomotiven mit vorderem Drehgestell ist nur eine lange und schmale Feuerkiste verwendbar. Die Rostbreite ist dabei etwa 1 m. Die Paris-Orléans-Bahn hat mit solchen Vierzylinder-Lokomotiven bei den erwähnten Betriebsverhältnissen mit 3,1 qm Rostfläche, 240 qm Heizfläche (Serve-Rohre), 16 at Dampfdruck und 56,3 t Reibungsgewicht eine Leistung von 1100 PS am Radreifen erhalten. Die Kessel waren dabei stark überlastet, die Verdampfung sank von etwa 7,7 auf 5,3. Diese Eisenbahnverwaltung entschloß sich darum zuerst zur Beschaffung von 3/6 gekuppelten Lokomotiven. Ebenso drängten die ungünstigen Streckenverhältnisse der süddeutschen Bahnen zur Anschaffung dieser schweren Schnellzugslokomotiven. Auch England hat trotz des dort zulässigen hohen Achsdruckes und guter Kohle eine solche Lokomotive „The Great Bear“ (siehe D. p. J. 1908, S. 285) in den Dienst gestellt. Die Achsenanordnung bei diesen Lokomotiven ist durchweg: Vorderes Drehgestell – Treibachsen – hintere Laufachse. Folgende Zusammenstellung gibt die Hauptabmessungen der erwähnten Lokomotiven.

Um die Nachteile dieser Bauart (gezwungene Kesselform, starke Belastung der hinteren Laufachse) zu vermeiden, |494| hat der Erbauer dieser neuen Lokomotiven, Gölsdorf, die umgekehrte Achsenanordnung gewählt. Die vordere Laufachse ist mit der ersten Kuppelachse zu einem Drehgestell, Bauart Krauß-Helmholtz, vereinigt. Das hintere Drehgestell ist ein Deichselgestell, dessen vorderste Achse Seitenspiel hat. Der Kessel besitzt sehr zweckmäßige Formen.

Bahn Zylinder-
Abmessungen

mm
Feuerkisten
Form
Dampf-
druck

at
Dienst-
gewicht

t
Rei-
bungs-
gewicht
t
Paris-Orléans

Badische
Staatsbahn
Bayrische
Staatsbahn
Reichs-
Eisenbahn





vorn schmal
hinten breit

breit



schmal
16


16

15

15
91,0


88,3

86,5

82,6
52,9


49,5

48,0

42,0
Oesterreich.
Staatsbahn
breit 15 83,8 43,8

Die folgende Zusammenstellung gibt einen Vergleich der Kesselabmessungen der oben angeführten Lokomotiven.



Bahn

Rost-
fläche

qm

Heiz-
fläche

qm
stündliche
Dampf-
erzeugung
kg
Paris-Orléans
Badische Staatsbahn
Bayrische „
Reichs-Eisenbahn
4,27
4,5
4,5
3,2
257,3
258,7
268,4
238,7
64
57
60
75
12600
12850
12000
10000
49
50
48
50
2950
2860
2870
3140
Oesterr. Staatsbahn. 4,62 282,4 59 13200 49 2860

Schnellzuglokomotiven von über 250 qm Heizfläche erfordern etwa 4 qm Rostfläche. Diese kann aber nicht mehr in einer schmalen Feuerkiste untergebracht werden. Eine Breite von 1025 mm bedingt eine Länge von 3900 mm. Ein solch langer Rost ist aber mit der Hand nicht mehr bedienbar. Die Mängel der breiten Feuerkiste (siehe z.B. D. p. J. 1910, S. 125 und S. 272) müssen durch entsprechende Neigung der Wände, große Breite des Bodenringes und möglichst großen Wasserraum zwischen Feuerkiste und Mantel vermieden werden.

In dem Kessel der Lokomotive ist ein patentierter Speisewasserreiniger eingebaut. Er besteht aus einem rechts und links neben den Heizrohren liegenden Kasten. In ihm tritt das vom Injektor kommende Speisewasser ein. Durch die starke Erwärmung des Wassers beim Eintritt in diesen Kasten und durch die plötzlich eintretende Geschwindigkeits- Verminderung scheiden die meisten Kesselstein bildenden Teile aus dem Wasser aus. Während sich aber ohne diesen Speisewasserreiniger der Kesselstein im ganzen Kessel verbreitet und an den heißen Stellen festbrennt, findet die Ablagerung nunmehr im Reiniger statt. Nach jeder Fahrt wird dieser unter Druck ausgeblasen.

Die gewählte Achsenanordnung dieser neuen Lokomotive gewährt als Vorteil eine geringere Belastung der hinteren Laufachsen, wie aus folgender Zusammenstellung hervorgeht.

Abweichend von der üblichen Anordnung sind die Kolbenschieber für Hoch- und Niederdruckzylinder nicht parallel zu einander, sondern beide sitzen auf einer gemeinsamen Schieberstange. Alle vier Kolben arbeiten auf die mittlere Kuppelachse. Diese ist nicht aus einem Stück geschmiedet, sondern aus drei Teilen zusammengesetzt, (siehe D. p. J. 1910, S. 396).



Bahn

Achsbelastung in t bei Achse
Durchm.
der
Treib-
räder
mm
1 2 3 4 5 6
Paris-Orléans
Badische Staatsbahn
Bayrische „
Reichs-Eisenbahn.
11,3
11,6
12
11,8
11,3
11,6
12
11,8
17,6
16,5
16
16
17,6
16,5
16
16
17,6
16,5
16
16
15,5
15,6
16
11
1850
1800
1870
2040
Oesterr. Staatsbahn 14 14,6 14,6 14,6 13 13 2140

Leistungsversuche sind mit der von der Wiener Lokomotiv-Fabrik A.-G. gebauten Lokomotive noch nicht ausgeführt. Doch haben die Betriebsfahrten die gute Bewährung dieser Bauart ergeben. Die Oesterreichischen Staatsbahnen haben darum zehn solche Lokomotiven nachbestellt. (Metzeltin). [Zeitschr. d. Ver. deutsch. Ing. 1910, S. 537–545.]

W.

Neue Starklichtlampe für Gasbeleuchtung.

Der große Vorsprung, welchen die elektrische Beleuchtung durch die Starklicht-Bogenlampen gegenüber der Gasbeleuchtung erlangt hatte, ist erst mit der Einführung der Preßgasbeleuchtung wieder einigermaßen eingeholt worden und die große Verbreitung dieser Beleuchtungsart ist wohl der beste Beweis dafür, daß ein großes Bedürfnis auf diesem Gebiete vorgelegen hatte.

Textabbildung Bd. 325, S. 494

Nun erfordert aber die Preßgasbeleuchtung wegen der besonderen Rohrleitungen, die für das Preßgas erforderlich sind, sowie wegen der Gebläseanlage verhältnismäßig hohe Anlagekosten, die sich durch die beim Legen der Rohrleitungen entstehenden Erdarbeiten bedeutend erhöhen und naturgemäß umso schwerer ins Gewicht fallen, je kleiner das Gebiet ist, welches mit Preßgas versorgt werden soll. Für die gewöhnlichen Gasverbraucher, z.B. die Inhaber von Ladengeschäften in belebten Straßen, bei denen auch ein großer Bedarf nach Starklichtlampen besteht, kommt deshalb das Preßgas nicht in Frage. Auf diesem außerordentlich ertragsreichen Gebiete blieb somit die elektrische Bogenlampe bis vor kurzer Zeit vorherrschend.

Die Starklichtlampe von Lucas, welche vor einiger Zeit von der Berlin-Anhaltischen Maschinenbau-A.-G. auf den Markt gebracht worden ist, und welche diese Lücke ausfüllt, hat demnach mit Recht großes Aufsehen erregt. |495| Die Lampe, die in Fig. 1 in einem Schnitt dargestellt ist, wird vorläufig einflammig für eine Lichtstärke von 1000 bis 1200 Kerzenstärken hergestellt, wobei ihr stündlicher Gasverbrauch 0,76 l f. d. Kerzenstärke beträgt.

Die Wirkungsweise der Lampe beruht auf dem gleichen Gedanken, wie diejenige der ursprünglichen Lucas-Lampen1), mit dem Unterschiede, daß die Lampe für hängendes Gasglühlicht eingerichtet ist. Durch einen Abzugsschlot von 1 m Länge werden die verbrannten Gase aus der Lampe mit großer Geschwindigkeit abgesaugt, so daß unterhalb des Brenners ein Unterdruck entsteht, welcher die gleiche Wirkung hervorbringt, wie der höhere Druck bei dem Preßgas. Außerdem wird dadurch die Flamme gezwungen, den Glühkörper vollkommen auszufüllen. Trotz des übermäßig hohen Schlotes wird aber die Lampe nicht sehr groß. Ihre gesamte Bauhöhe beträgt einschließlich der Hähne 1350 mm. Damit ein vollkommen windsicherer Betrieb erreicht wird, wird die Außenluft an der Außenseite des Abzugsschlotes in der gleichen Höhe eingeführt, in welcher die Gase austreten und hierbei zugleich stark vorgewärmt. Durch die unten aufgesetzte Gasglocke, die vollständig abgedichtet ist, kann keine Luft eintreten. Der Brenner ist so gebaut, daß dem Gas bereits vorher die erforderliche Luft beigemengt wird, damit die beim hängenden Gasglühlicht günstigste Wirkung erreicht werden kann. Da aber dann die Flamme leicht zurückschlagen könnte, so wird das Gas zunächst nur mit einem Teil der erforderlichen Luft gemischt, dann durch eine Anzahl von dünnen Brennerrohren, welche das Zurückschlagen unmöglich machen, in das Innere des Glühstrumpfes geleitet und dort mit dem Rest von Luft gemischt. Der erwähnte erste Teil von Luft wird durch das bekannte Düsenrohr mit dem Gasstrom mitgerissen, der Rest tritt außen um die Brennerrohre in den Glühstrumpf.

Das wesentliche Kennzeichen der Lampe ist, daß sie ihre volle Wirkung schon bei einem Gasdruck von 30 bis 50 mm Wassersäule, sogar bei noch geringeren Drucken, erreicht und vollkommen ruhig brennt. Ein Vorteil des geringen Druckes ist schon darin zu sehen, daß man bei der Lampe nicht besonders gehärtete Glühstrümpfe zu verwenden braucht und daß die Glasglocken nicht so leicht verstauben, da sie nach unten vollständig abgeschlossen werden können.

H.

Sterilisierung großer Wassermengen durch ultraviolette Strahlen.

I. Die an ultravioletten Strahlen reichen Quecksilberdampf-Quarz-Bogenlampen können dazu dienen, die Bakterien im Wasser zu vernichten. Wieviel Wasser auf diese Weise im günstigsten Falle von einer Lampe sterilisiert werden kann, hat kürzlich Vallet durch eingehende Versuche festgestellt. Eine 220 Volt-Lampe mit 30 cm langem Brenner von einer Pariser Firma ergab geringe Wirkung. Danach benutzte er eine 110 Volt-Lampe mit 6 cm langem Brenner und doppeltem Quarzmantel von der deutschen Quarzlampengesellschaft in Hanau. Sie erwies sich bedeutend wirksamer.

Das Versuchswasser entnahm er aus der Stadtkanalisation in Montpellier. Vor dem Sterilisieren klärte er es so gut, wie es seine Einrichtungen ermöglichten, durch Filterung. Danach enthielt das Wasser in jedem Liter noch etwa 1000 Kolibazillen, wovon jegliche Probeentnahme in Bakterien-Nährbouillon innerhalb 24 Stunden aufging. (Der Kolibazillus ist eine dem Typhusbazillus nahe verwandte Art; er unterscheidet sich von ihm dadurch, daß er vom Typhus-Immunserum nicht vernichtet wird.) Das Versuchswasser durchfloß einen geschlossenen Behälter geeigneter Größe, in dessen Mitte die Lampe war. Bei einer Durchflußmenge von 5 cbm/Std. wurden darin stets alle Kolibazillen vernichtet; denn wieviel Proben er auch in Nährbouillon brachte, nicht eine einzige ging auf. Bei Durchflußmengen zwischen 5 und 9,2 cbm/Std. dagegen gingen von einer Anzahl Proben einige auf. Dieser teilweise Mißerfolg kam daher, daß seine Filtereinrichtungen so große Wassermengen nur unvollkommen reinigen konnten. Besonders bei Regenwetter enthielt das gefilterte Kanalisationswasser immer noch Schwebeteilchen aus Ton, die erst bemerkbar wurden bei größerer Schichtdicke des Wassers und beim Scheine des Brenners. Sobald er aber die Durchflußmenge verlangsamte, wurden auch in diesem, ein wenig trübem Wasser sämtliche Kolibazillen vernichtet.

Bei völlig klarem Wasser wird man mit dieser einen Lampe in einer Stunde etwas mehr als 10 cbm Wassers gefährlichster Art vollkommen sterilisieren können. Weiter ist dazu aber Bedingung, daß, wie bei diesen Versuchen

  • 1. das Wasser ganz gleichmäßig an den Brenner herangeführt wird,
  • 2. die Behältergröße und die Durchflußmenge in gutem Verhältnis sind, damit jedes Wasserteilchen wenigstens 1 Minute lang sich innerhalb der Wirkungsweite der Strahlen befindet,
  • 3. die Entnahme des Wassers aus dem Behälter unmittelbar am Brenner erfolgt, damit das sterilisierte Wasser nicht im Behälter wieder von neuem infiziert wird.

Der Energieverbrauch der Lampe war 0,4 KW insgesamt; also ist jedenfalls für 1 cbm/Std. zu sterilisierendes Wasser nicht ganz 0,04 KW zu erwarten.

II. Im Laboratorium für Physiologie an der Universität Paris benutzten Henri, Helbronner und Recklinghausen folgende Versuchseinrichtung: In einem offenen Kanal von 25 cm Breite und 50 cm Tiefe bewegte eine Zentrifugalpumpe klares Wasser, dem reichlich Kolibazillen beigemischt worden waren; ein Wasserzähler diente zur Bestimmung der Durchflußmenge. Die Wassertiefe war 40 cm. Mehrere 220 Volt-Quecksilberdampf-Quarz-Bogenlampen von der Pariser Westinghouse-Cooper-Hewitt-Gesellschaft lagen quer zur Breite des Kanals 2 cm über dem Wasserspiegel. Schirme über den Lampen warfen das Licht nach unten zurück. Damit der Abstand von 2 cm auch bei etwaigen Schwankungen des Wasserspiegels unverändert blieb, lag jede Lampe auf zwei Hohlkörpern, die in Seitennischen der Kanalwände auf dem Wasser schwammen. Fig. 1 zeigt den Kanal im Grundriß; zwischen den einzelnen Lampen verläuft der Kanal im Zickzack, damit womöglich die unter der ersten Lampe nahe am Boden geflossene Wasserschicht aufgerührt würde und unter der folgenden Lampe mehr in der Nähe der Wasseroberfläche durchginge; das aber dürfte durch jene Krümmungen kaum erreicht worden sein.

Textabbildung Bd. 325, S. 495

Während des Betriebes wurden dann an verschiedenen Stellen zwischen den Lampen mittels langer Pipetten Proben aus den Wasserschichten am Kanalboden entnommen, und in Röhrchen mit Bakteriennährbouillon gebracht. Bei einer Durchflußmenge von 10 l i. d. Sek., entsprechend 36 cbm/Std. und einer auf den Wasserquerschnitt des Kanals bezogenen Geschwindigkeit von |496| 0,1 m/Sek. wurden gefunden im Wasser vor der ersten Lampe 5250 Bazillen auf 1 cbm, hinter der ersten Lampe 3650 und hinter der zweiten 0; die hier entnommenen Proben gingen in Nährbouillon nicht mehr auf; das Wasser war also keimfrei geworden. Da jede Lampe 0,66 KW verbrauchte, so berechnet sich als Energieverbrauch für 1 cbm/Std. der Wert

III. Bei den Versuchen unter II war also der Energieverbrauch zur Sterilisierung von 1 cbm/Std. auf keinen Fall größer als bei den Versuchen unter I. Nun ist aber bei II gerade die Lampensorte benutzt worden, die sich, wie berichtet, bei I wenig wirksam erwiesen hatte. Dieser auffällige Widerspruch in den Beobachtungen der Forscher ist vollständig erklärlich. Bei I waren die Lampenbrenner im Wasser, bei II über dem Wasser. Die 220 Volt-Lampen hatten nur das einfache Leuchtrohr, in dem der Lichtbogen zwischen den Quecksilberpolen übergeht; die 110 Volt-Lampe dagegen hatte einen doppelten Quarzmantel, d.h. das Leuchtrohr war umgeben von einem zweiten Quarzrohr mit beträchtlich größerem Durchmesser und der Raum zwischen beiden Rohren war ziemlich luftleer. Wird diese 110 Volt-Lampe unter Wasser gebracht, so wird ihr Leuchtrohr vom Wasser nicht abgekühlt. Wird dagegen eine jener 220 Volt-Lampen unter Wasser gebracht, so wird dem Leuchtrohr hundertfach mehr Wärme entzogen als in der Luft über Wasser.

Die so verursachte Abkühlung des Leuchtrohres teilt sich auch den Quecksilberdämpfen im Innern des Leuchtrohres mit. Es steht aber fest, daß glühende Quecksilberdämpfe um so stärker ultraviolette Strahlen aussenden, je höher ihre Temperatur ist. Eine 220 Volt-Lampe mit einfachem Leuchtrohr muß daher unter Wasser wie bei Versuch I geradezu unwirksam sein, im Vergleich zu der 110 Volt-Lampe mit doppeltem Quarzrohr: Nur bei der ihrer Konstruktion angemessenen Verwendung als Ueberwasserlampe kann sie reichlich ultraviolette Strahlen aussenden und damit wirksam sein; dann ist, wie die Versuche II bewiesen haben, ihre Wirksamkeit sogar allerwenigstens ebenso gut wie diejenige der Unterwasserlampen.

Die Leistungsfähigkeit dieser überaus einfachen Sterilisiereinrichtungen und ihr geringer Energieverbrauch berechtigt zu der Erwartung, daß bald die Wirkung der ultravioletten Strahlen auch in Wasserwerken zur Verbesserung des Leitungswassers benutzt werden wird.

Erich Schneckenberg.

|495|

s. D. p. J. 1905, Bd. 320, S. 284.

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