Titel: Ueber einige neuere Lager-Gebäude und -Behälter für Kohle.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1910, Band 325 (S. 711–714)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj325/ar325211

Ueber einige neuere Lager-Gebäude und -Behälter für Kohle.1)

Von M. Buhle, Professor in Dresden.

I. Allgemeines.

Speicher und Haufenlager sind bekanntlich meist als Bindeglieder und elastische Einschaltungen (nach Art der Windkessel bei Pumpen) zwischen den das Angebot und die Nachfrage bewältigenden mechanischen Lösch- und Ladevorrichtungen in Verbindung mit den gewählten Fördermitteln und mit Rücksicht auf sie zu entwerfen, sie dienen als Vorratsanlagen für den Winterbedarf, Streikreserven, eiserne Bestände (Krieg) usw. oder als Ausgleichmittel in Häfen, auf Bahnhöfen und dergl.

Textabbildung Bd. 325, S. 711

Ueber drei der neuesten, sehr bemerkenswerten Ergebnisse auf dem Gebiete der Lager-Gebäude- und Behälter-Gestaltung soll nachstehend berichtet werden.

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II. Die eigentliche Stapelbildung.

1. Eisenbetonsilos von Gebr. Rank, München.

Für die Aufspeicherung von Massengütern, besonders für das wichtigste derselben, die Kohle, ist der Eisenbeton von der weitgehendsten Bedeutung. Man hat schon lange versucht, die Kohle in hochliegenden Behältern mit trichterförmigen Böden zu lagern, wie man es mit dem Getreide in den modernen Siloanlagen seit Jahrzehnten tut, doch stellten sich derartige Bauten bei den verwendeten Baumaterialien, Stampfbeton- oder Eisenkonstruktionen, sehr teuer, und die Anzahl derartiger Ausführungen blieb gering. Erst in den letzten Jahren ist es durch die Verwendung des Eisenbetons als Baumaterial ermöglicht worden, Silos für Kohle und ähnliche Rohstoffe herzustellen, welche diese Lagerungsweise für weite Verwendungsgebiete wirtschaftlich möglich machen. Außerdem führten die gesteigerten Löhne dazu, das Füllen und Entleeren der Lagerraume möglichst mechanisch zu bewerkstelligen und vor allem die langwierige Handarbeit bei dem Wiederaufnehmen des Materials, wobei noch bei der Kohle die Belästigung der Arbeiter durch Staub hinzukommt, zu beseitigen. Für letztere Arbeit lassen sich zwar vielfach in ganz großen Betrieben mit Vorteil Selbstgreifer anwenden, doch sind dieselben nicht für alle Materialien brauchbar und bedingen eine geübte und sorgsame Bedienung. Man wird daher stets, besonders in weniger großen Betrieben, die Lagerung der Kohle in Silos vorziehen, da sich hierbei der Transport der Kohle vom Lager zur Verbrauchsstelle durch gewöhnliche Schmalspur–, bezw. Hängebahnen oder Förderrinnen in viel einfacherer Weise bewerkstelligen läßt, als wenn man gezwungen ist, die Kohle durch Selbstgreifer vom Boden aufzunehmen.

Besonders bei einigen Kohlenbränden, die infolge von Selbstentzündung entstanden waren, hat sich die Einrichtung der Silos vorzüglich bewährt; es konnten dort mittels der vorhandenen Förderrinnen die Behälter ohne weitere Unkosten in kurzer Zeit entleert werden, während in diesem Falle der Greiferbetrieb vielfach versagt hat. Ueberhaupt bietet die Lagerung der Kohle in Silos aus Eisenbeton, die durch feuersichere Zwischenwände in nicht allzugroße Abteilungen getrennt sind, den größten Schutz gegen die Selbstentzündung und, falls eine solche eintreten sollte, gegen die weitere Ausbreitung des Brandes, denn sobald die Entleerungsvorrichtungen dicht schließend ausgebildet sind, kann ein Zutritt von Verbrennungsluft nur mehr von oben her stattfinden.

Ein weiterer Vorzug der Lagerung von Kohle in Silos entsteht in denjenigen Betrieben, welche mit beschränkten Raumverhältnissen zu rechnen haben. Es läßt sich in diesem Falle bei einer geeigneten Anordnung der Gesamtanlage fast die ganze bebaute Grundfläche für andere Zwecke nutzbar machen, da die Förderkanäle zum Entleeren der Silos nur wenig Platz einnehmen. Bei den älteren Siloanlagen aus Stampfbeton war dieses nur in beschränktem Maße möglich, da dort die Unterbauten der Silos zu schwer wurden, daher zu viel Platz fortnahmen und eine Beleuchtung der beireffenden Räume durch Tageslicht verhinderten. Bei Verwendung von Eisenbeton als Baumaterial dagegen ruhen die schrägen Siloböden auf verhältnismäßig dünnen Säulen und lassen den ganzen Platz unterhalb des Kohlenlagers frei. Weite und große Räume werden auf diese Weise gewonnen.

Infolge dieser vielfachen Vorzüge sind in den letzten Jahren für die verschiedensten Industriezweige Silos aus Eisenbeton zur Lagerung von Kohle und ähnlichen Sammelkörpern gebaut worden, u.a. für das Gaswerk Fürth in Bayern für 15 000 t und für Zürich-Schlieren in der Schweiz für 18000 t.2)

Textabbildung Bd. 325, S. 712

Durchaus neuartige, noch nicht allgemein bekannt |713| gewordene Einzelheiten zeigen die Fig. 15 des städtischen Gaswerkes in Hanau a. M.

Textabbildung Bd. 325, S. 713

Der Neubau dieser Gasanstalt, der unter der Leitung des Direktors Herrn von Gäßler in den Jahren 1909 und 1910 ausgeführt wurde, ist soweit fortgeschritten, daß im Frühjahr 1910 nach neunmonatlicher Bauzeit der erste Teil, d. i. die Kammerofenanlage mit Kohlensilo und Fördereinrichtungen, in Betrieb genommen werden konnte. Hier gelangte zum erstenmal für die Kohlenlagerung und -Förderung eine neue Anordnung zur Ausführung, welche von der Firma Gebr. Rank, München, gemeinsam mit der Berlin-Anhaltischen Maschinenbau – A.-G. und der Stettiner Chamottefabrik A.-G. entworfen wurde; es ist dieses der Schrägtaschensilo3) in Verbindung mit dem Ofenhause und einem großen Betriebsbunker, der auf dem Silo gelagert ist und den Kohlenbedarf der Oefen für etwa eine Woche (!) aufnimmt.

Der Schrägtaschensilo (D. R. P. 204984) gestattet in bezug auf die Grundfläche die Lagerung einer wesentlich größeren Kohlenmenge, als sie bisher üblich war; in Hanau werden auf einen Quadratmeter Grundfläche 13 t (~ 16 cbm) Kohle gelagert. Diese Leistung ist dadurch erreicht, daß der ganze Siloraum durch schräge, etwa unter dem Böschungswinkel der Kohle geigte Zwischenwände in einzelne Abteilungen getrennt ist. die taschenartig übereinandergreifen (s. Fig. 13, S. 248). Es lagert auf diese Weise die Kohle gewissermaßen in einzelnen Stockwerken übereinander; gleichzeitig wird der hohe freie Fall der Kohle beim Einbringen in den Lagerraum vermieden und so die Kohle auch bei der Einlagerung geschont (Fig. 1 und 2).

Dieser Silo (Fig. 1–3) ist parallel zu der aus acht Münchener Kammeröfen bestehenden Ofenanlage gestellt und mit dem Ofenhause als einheitlicher Bau ausgeführt. Ueber dem Silo (auf der Seite nach dem Ofenhause hin) ist der Betriebsbunker für die Oefen angeordnet (Fig. 1 und 3). Der Bunker geht über die ganze Ofenreihe hinweg und besitzt über jeder Kammer der Oefen einen Auslauf; das Beschicken der Ofenkammern wird mit Hilfe eines fahrbaren Meßgefäßes vorgenommen. Der Betriebsbunker selbst führt den Kohlenbedarf der Oefen für etwa fünf Tage, so daß die ungleichmäßige Kohlenzufuhr während einiger Tage in diesem Bunker ausgeglichen wird, und nur noch wenig Kohle auf Lager geschafft zu werden braucht. An Sonn- und Feiertagen ist es überhaupt nicht mehr notwendig, Kohle nach den Oefen zu fördern.

Textabbildung Bd. 325, S. 713

Die maschinelle Kohlenförderung für diese Anlage gestaltet sich daher sehr einfach und übersichtlich. Die Kohlenwaggons werden in einen Einwurftrichter unter dem Bahngleis entleert (Fig. 1 und 3); von dort aus wird die Grobkohle mittels eines schräg ansteigenden eisernen Förderbandes nach dem auf der Werksohle unter dem Silo stehenden Kohlenbrecher geschafft und daselbst zerkleinert. Die gebrochene Kohle fällt in den Schöpftrog eines Elevators, der sie hebt und oben auf ein Kratzerband abgibt Von letzterem wird die Kohle in dem langgestreckten Betriebsbunker verteilt oder aber mit Hilfe eines kurzen fahrbaren Querförderers in eine der schrägen Taschen des Silos gebracht (Fig. 3 und 5). Für die Förderung aus dem Silo nach dem Betriebsbunker ist in einem Längskanal unter dem Silo ein weiteres Förderband angeordnet, das die Lagerkohle |714| wieder dem Becherwerk am vorderen Ende des Baues zuführt. Die ganze Fördereinrichtung besteht somit der Hauptsache nach nur aus der Einrichtung, die man bei vielen anderen Anlagen allein für die Förderung der Kohle nach den Oefen benötigt; hier wird dieselbe Einrichtung auch für den Silo benutzt; wobei dessen kleine Grundfläche sehr zustatten kommt.

Der ganze Bau ist nahezu vollständig in Eisenbeton ausgeführt; auch für das Ofenhaus gelangte hier zum erstenmal Eisenbeton zur Anwendung. Unter den schrägen Böden des Silos zwischen den Auslauftrichtern sind noch Räume gewonnen, die als Magazine und Arbeitsraume Verwendung finden.

Trotz der gedrängten Anordnung der Anlage wird von allen Fachleuten, welche das Werk besuchen, die Uebersichtlichkeit und leichte Zugänglichkeit aller Teile, sowie die gute Entlüftung und Belichtung aller Räume, in denen die Bedienungsleute zu tun haben, gelobt.

Nach außen hin wurde der Bau vollständig der Zweckmäßigkeit entsprechend unter Weglassung aller überflüssigen Ornamente und Aufbauten in den einfachsten Bauformen unter Betonung der tragenden Konstruktionen ausgebildet und so versucht, den Bau, welcher mit seinen großen Abmessungen mitten in einem bebauten Stadtteil steht, zu einer Zierde des Gaswerkes und seiner Umgebung zu machen. Bereits mehrere andere Gaswerke haben sich entschlossen, die gleiche Anordnung vorzusehen. Auch für große Kesselanlagen und Lokomotivbekohlungsanlagen (s. unten) werden gegenwärtig ähnliche Lösungen durchgearbeitet.

(Fortsetzung folgt.)

Vergl. auch D. p. J. Bd. 317, S. 249 und Berg- u. Hüttenmännische Rundschau 1909, S. 153. sowie Buhle, „Massentransport“, Stuttgart 1908, S. 319.

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Vergl. des Verfassers Veröffentlichung darüber in den Elektr. Kraftbetrieben und -Bahnen 1907, S. 606 ff.

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s. D. p J. S. 248 d. Bd. sowie Z. d. V. d. I. 1908, S. 725 ff.

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