Titel: Polytechnische Rundschau.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1911, Band 326 (S. 45–48)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj326/ar326012

Polytechnische Rundschau.

Elektrisch betriebene Bagger und Verladevorrichtungen.

Die namentlich in Westfalen und Rheinland bei Baggerbetrieben von Bauunternehmungen wie auch in Hüttenwerken schon recht häufig benutzten Löffelbagger haben eigentlich erst in den letzten zwei Jahren ihre gegenwärtige Verbreitung gefunden. Ein für das Steinkohlenbergwerk Neumühl gelieferter elektrischer Löffelbagger von Menk & Hambrock, Altona bei Hamburg, arbeitet seit längerer Zeit zur vollsten Zufriedenheit. Der Hubmotor leistet 50 PS, der Vorschubmotor 30 PS, der Schwenkmotor etwa 15 PS. Der Bagger ist als Dreimotorenschaufel gebaut und hat daher den großen Vorteil, daß die Schaufel von einem einzigen Mann bedient werden kann. Sehr gut hat sich im Betriebe die Anordnung bewährt, daß mittels der gesteuerten Löffelklappe (D. R. P. 212284) der Baggerlöffel ganz allmählich geöffnet wird. Ein besonderer Vorteil der fahrbaren Drehscheibenschaufel von Menk & Hambrock gegenüber amerikanischen Konstruktionen besteht darin, daß sie infolge der gewählten großen Spurweite in sich standfest ist, also keiner Seitenstütze bedarf.

Während der Löffelbagger vielfach auch dort angewendet worden ist, wo die Anschaffung eines Eimerkettenbaggers sich nicht recht lohnte, kommt für manche Gebiete, wo Becherwerke nicht zufriedenstellend arbeiten, der Drehschaufelbagger, der sog. Selbstgreifer vielfach zur Anwendung. Die Verladeanlagen mit Selbstgreifer, insbesondere als Verladedrehkrane und Verladebrücken haben sich in wenigen Jahren bei Stundenleistungen von 150 bis 200, höchstens bis 400 t ein ausgedehntes Anwendungsgebiet verschafft.

Statt der früher als Tragmittel zum Heben und Oeffnen des Greifers ausschließlich verwandten Ketten wählt man jetzt nur noch Seile.

Die älteren Greifer waren teilweise keine zwangläufigen Gebilde. Im allgemeinen werden heutzutage für die Greifer ausschließlich zwangläufige kinematische Ketten benutzt. Sie lassen sich einteilen in Greifer mit einfacher und in solche mit zusammengesetzter Schaufelbewegung. Die ersteren werden als Greifer mit zwei innenliegenden festen Drehachsen (Priestmannsche Greifer von Menk & Hambrock, Altona-Hamburg) und mit zwei außenliegenden Drehachsen gebaut. Einfacher in der Konstruktion als der Priestmannsche Greifer ist der Selbstgreifer mit beweglicher gemeinsamer mittlerer Schaufeldrehachse.

Auf einzelnen Sondergebieten haben sich die drei- und vierschaligen, von den Amerikanern Orangepeel-Greifer genannten Greifer bewährt, z.B. beim Absenken von Brunnenschächten, beim Heben unregelmäßig gestalteter Steinstücke und beim Ausheben wurzeldurchwachsenen Bodens.

Die Greifer mit zusammengesetzter Schaufelbewegung haben meistens den Zweck, nach einer kurzen Schaufeldrehung eine möglichst große, wagerechte Scharrbewegung nach der Greifermitte zu bewirken. Da sie in erster Linie für grobstückiges Material verwendet werden sollen, haben sie eine ziemlich flache Schließkurve. Hauptsächlich für harte Erze bestimmt, wirken diese Greifer aber nicht wie Erzbrecher, da ein einziges Erzstück zwischen den Schaufelschneiden die übrige Füllung wieder durch den Spalt hindurchrieseln läßt. Für Schiffsentladung wird jedenfalls allgemein Kübelbetrieb vorgezogen. Die für besondere Zwecke auch eine Berechtigung habenden Greifer mit zusammengesetzter Schaufelbewegung bilden kinematische Ketten mit höherer Gliederzahl als die einfachen Greifer. Sie haben nur selten sechs Glieder, oft deren acht und zehn und nochmehr.

Nur sechs Glieder, ausschließlich mit Drehgelenken hat der Greifer von Hower und Mason, ebenso der Greifer von Brown. Von achtgliedrigen Greifern sind der Temperley-Greifer und der von Kesselheim zu erwähnen.

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Alle diese Greifer sind symmetrisch zur Aufhängelinie gebaut, so daß sich der Relativpol der beiden Schaufeln gegeneinander stets auf der Mittellinie bewegt. Wichtig für die Beurteilung der Greifer ist die Erreichung der Zwangläufigkeit mit möglichst wenig Gliedern und möglichst nur mit Drehgelenken.

Die Windwerke von Zweiseilgreifern sollen zunächst ein stoßfreies Oeffnen des Greifers in beliebiger Höhe, dann aber auch gestatten, ihn geöffnet hoch zu ziehen und zu senken. Für große Senkwege des leeren Greifers ist es zweckmäßig, ihn schneller senken zu können. Dieses wird durch verschiebbare Anordnung des Motorritzels oder durch eine besondere Reibungskupplung erreicht.

Da das Heben des Greifereigengewichtes meist eine beträchtliche Verlustarbeit darstellt, welche die eigentliche Nutzarbeit übersteigt, so hat man früher das Greifereigengewicht durch ein Gegengewicht am umgekehrten Flaschenzuge ausgeglichen. Gegenwärtig ist diese Bauart aber zugunsten einer schnelleren Arbeitsweise aufgegeben worden.

Verladedrehkrane und Verladebrücken mit Selbstgreiferbetrieb sind für Hüttenwerke sehr geeignet. Erstere stellen sich für eine verlangte Stundenleistung billiger. Ein für die Gewerkschaft Deutscher Kaiser in Hamborn von der Düsseldorfer Maschinenbau A.-G. gebauter Verladedrehkran ist hinsichtlich seines Unterwagens vollständig eisenbahnmäßig ausgerüstet und für 1500 kg Gesamtlast bei 13 m Ausladung gebaut. Die Nutzlast beträgt 500 kg, das Greifergewicht 1000 kg, die Zeitdauer eines Spieles etwa zwei Min., die Stundenleistung 15 t, der Stromverbrauch für ein Spiel 0,12 KW/Std.

Verladebrücken mit Selbstgreiferbetrieb sind nicht bloß für Erz- und Kohlenverladung, sondern auch für Bodenbaggerung z.B. zum Ausbaggern von Klärteichen in Hüttenwerken ausgeführt worden. Von der Düsseldorfer Maschinenbau A.-G. werden Verladebrücken mit Selbstgreiferbetrieb gebaut, die gleichzeitig die Verwägung des Fördergutes durch die Laufkatze gestatten. Wage und Laufkatze sind in senkrechter Richtung gegeneinander unabhängig beweglich. Eine durchlaufende Welle erteilt der Brücke die Fahrbewegung, die schon für Brücken über 80 m Stützweite ausgeführt worden sind. Bei größerer Spannweite erhält jeder Brückenfuß seinen eigenen Antriebsmotor. Ein Voreilen eines Brückenfußes je nach der Länge der Brücke um 5 bis 10 m nach jeder Richtung ist hierbei möglich. Da die Greiferkatze lange Zeit arbeiten kann, ehe die Brücke verfahren werden muß, wird die Brückenfahrgeschwindigkeit mit 10 bis 15 m für Schüttgutverladung als ausreichend angesehen.

Bei einschienigen Laufkatzen sind nur die beiden Hauptträger durch Querrahmen miteinander verbunden, an denen unmittelbar der Fahrbahnträger befestigt ist. Zweischienige Laufkatzen mit in der Mitte hängenden Greifern müssen eine Brücke für innenlaufende Katze erhalten.

Für die obenlaufende Katze mit festem Ausleger kann der obenlaufende Drehkran treten, der zwar teurer ist, aber einen Flächenstreifen gleich seiner doppelten Ausladung bestreicht, ebenso wie der hängende Drehkran.

Gegen Wind können die fahrbaren Verladebrücken für kurze Betriebspausen durch eine elektromagnetische Bremse gesichert werden. Als unbedingt einwandfrei gilt nur eine feste Verankerung des Kranes mit dem Unterbau durch Seile oder Ketten.

Hohe Verladeleistungen bei beliebig großen Förderwegen lassen sich durch vollständige Trennung der Hebevorrichtung von der Fördervorrichtung erzielen. In diesen Fällen erfolgt das Entladen von Schiffen durch Ausschütten in einen Trichter, aus dem das Material zwecks Verteilung auf dem Lagerplatz auf Gurtförderer oder andere stetige Förderer, oder in Einzelfördergefäße, wie Drahtseilbahnwagen usw. gelangt. Die Fördermittel laufen über eine feste Förderbrücke, zu deren beiden Seiten eine bewegliche Verteil- und Rückförderbrücke angeordnet ist. Die Rückverladung vom Platz geschieht durch Greiferlaufkatzen oder Greiferdrehkran, oder auch durch Becherwerke. Statt der verfahrbaren Verteilbrücken kann eine Verladeanlage mit Zentralkran verwandt werden. (R. Richter.) [Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure, 1910.]

J.

Amerikanische Lokomotiven.

Seit etwa einem Jahrzehnt ist bei den amerikanischen Eisenbahnlinien das Prinzip durchgeführt, bei Güterzügen die zu fördernde Nutzlast bis zu den äußerst zulässigen Grenzen zu vergrößern. Mit der zunehmenden Zuglast werden die Lokomotiven immer größer und stärker gebaut. Noch im Jahre 1899 war die Zahl von schweren Lokomotiven sehr klein. Von Lokomotiven, die ohne Tender etwa 100 t wogen, waren nur drei Stück vorhanden. Die Zahl der Lokomotiven hat innerhalb zehn Jahren um 56 v. H. zugenommen, ihr Durchschnittsgewicht aber um etwa 114 v. H. Im Jahre 1899 besaß die Illinois Zentral-Eisenbahn die schwerste Lokomotive, eine sechsachsige Lokomotive mit 103 t Gewicht ohne Tender. Zur Zeit sind viele Lokomotiven mit größerem Gewicht vorhanden, selbst einige mit mehr als 200 t.

Nach einer Veröffentlichung der Baldwin Lokomotiv-Werke „Records of Recent Production“ beliefen sich die Gestehungskosten für 1 t Lokomotivgewicht zu jener Zeit auf 695 M. Die in neuerer Zeit für die Atchison, Topeka und Santa Fe Eisenbahngesellschaft gebauten schweren Mallet-Verbundlokomotiven haben 280 t Dienstgewicht mit Tender. Der Preis einer solchen Lokomotive ist etwa 210000 M, somit kostet eine 1 t Lokomotivgewicht 730 M. Da von diesen starken Lokomotiven gewöhnlich nur eine von jeder Bauart ausgeführt wird, sind hier die Herstellungskosten größer als bei einer Bauart, von der viele Lokomotiven ausgeführt werden. [Engineering 1910, S. 783–784.]

W.

Signalvorrichtung für elektrische Lokomotivförderung unter Tage.

Auf dem Steinkohlenbergwerk comb. Hugo Zwang, Kreis Kattowitz (O.-S.), ist statt des Betriebes durch einen Weichensteller an der Kreuzungsstelle zweier Querschläge, in denen elektrische Lokomotivförderung umgeht, eine selbsttätige elektrische Signalvorrichtung ausgeführt worden. Die Förderung beträgt 1250 t in der neunstündigen Schicht, wozu 43 leere und 43 volle Züge von je 50 Wagen erforderlich sind. Die neue Anlage besteht aus zwei getrennt und unabhängig voneinander arbeitenden Schaltersystemen. Als Betriebsstrom dient Gleichstrom von 250 Volt. Die Stromzuführung erfolgt durch Oberleitung mit Schienenrückleitung. Ueber der Fahrleitung liegt in Lagern drehbar eine vierkantige eiserne Welle von etwa 20 mm Stärke, an der zwei Holzkreuzsysteme sitzen, zwischen denen die Fahrdrähte hindurchführen. Die Stromabnehmerrolle der Lokomotive führt nun gegen eines der beiden Holzkreuze und dreht es um 90°. Hierdurch wird unter Vermittlung eines Fingerkontaktes die Stromzuführung für das entsprechende Signal einer Laterne geschlossen und diese zum Leuchten gebracht. Die Laternen geben nach jedem Schalten die Zahl der in die betreffenden Querschläge gefahrenen Züge an. Die seit 14 Monaten ohne irgend welche Reparaturen im Betriebe befindliche Anlage ist auf der Grube selbst hergestellt worden. Die Kosten des Apparates haben insgesamt 1030 M |47| betragen. Nach dem früheren Verfahren würde bei zehnjähriger Betriebszeit der Weichendienst 8400 M gekostet haben, da der Schichtlohn des Weichenstellers 2,80 M, sein Jahresverdienst also etwa 840 M beträgt. Die Signalanlage erfordert dagegen in dem gleichen Zeitraum bei 1030 M Anlagekosten und 10 • 12 (Verschleiß von Glühlampen) = 120 M Unterhaltungskosten nur 1150 M. Es ergibt sich demnach eine Ersparnis von 7250 M in zehn Jahren, oder von 725 M in einem Jahr. (Meyer.) [Glückauf 1910, Nr. 4 2, S. 1658.]

J

Ein neuer Schachtverschluß.

Der neue, auf einer Reihe von Schachtanlagen in Oesterreich bereits eingeführte „Schachtverschluß“, Patent Karlik, hat den großen Vorzug, daß die Geschwindigkeit seiner Auf- und Abwärtsbewegung völlig unabhängig von jener der Förderschalen erfolgt. Die über Tage und im Füllorte jedes Fördertrumm zu beiden Seiten abschließende senkrecht verschiebbare Gittertür wird an der vorhandenen Eisenkonstruktion entsprechend geführt. Jede Schubtür ist an ein Drahtseil angehängt, welches über eine im Schachtmittel außerhalb des Schachtprofils verlagerte Rolle führt, und dessen Ende an einer seitwärts gelagerten größeren Scheibe festgelegt ist, auf deren Welle noch eine kleinere Scheibe sitzt. An dieser ist das Ende eines zweiten, an der Kolbenstange eines senkrechten, am Gerüst festgelegten Zylinders angeordneten Drahtseiles befestigt. An dem oberen Zylinderdeckel schließt eine Rohrleitung an, die zu dem Stutzen eines Dreiweghahnes führt. Die Betriebsenergie kann in Form von Dampf, Druckwasser oder Preßluft zugeführt werden. Wenn die Förderschale sich der Hängebank bezw. dem Füllorte nähert, so wird durch eine Gleitschiene der Dreiweghahn geöffnet, so daß durch die einströmende Betriebsenergie der Kolben im Zylinder herabgedrückt, das befestigte Seil an der Scheibe aufgewickelt und die Tür geöffnet wird. (Ryba.) [Zeitschrift des Zentralverbandes der Bergbaubetriebsleiter Oesterreichs 1910, S. 482.]

J.

Elektrische Streckenförderung.

Auf der Grube von der Heydt bei Saarbrücken ist als erste derartige Anlage eine Förderung mit Akkumulatorenlokomotiven hergestellt worden, die sehr zufriedenstellend arbeitet. Die Förderstrecken sind teils ein-, teils zweigleisig bei 720 mm Spurweite und im ersteren Falle mit eisernen Streckengestellen, im letzteren Falle mit Türstockzimmerung ausgebaut. Die Lokomotiven besitzen schmiedeeiserne Rahmen und an jedem Ende federnde Buffer und Zughaken, sowie einen Scheinwerfer zur Beleuchtung der Förderstrecke. Zum Antriebe dienen zwei wasserdicht gekapselte Hauptstrommotoren von je 7,5 PS Stundenleistung, die durch Zahnräder mit den Laufachsen gekuppelt sind. Ihre Steuerung erfolgt von dem an einem Ende angebrachten Führerstand mittels eines Fahrschalters, neben dem die Handhebelbremse, Volt- und Amperemeter mit durchscheinend beleuchteter Skala und die Signalglocke sich befinden. Die Motoren verleihen der Lokomotive, welche bei einer Länge von 4300 mm, 800 mm Breite und 1500 mm Höhe betriebsfertig rund 5 t wiegt, eine Höchstgeschwindigkeit von 12,6 km/Std.

Die in einem eisenbeschlagenen Holzkasten eingebaute Batterie ruht auf dem Rücken der Lokomotive, der mit vier drehbaren Längswalzen ausgerüstet ist. Durch einfaches Drehen der durch Ketten und Kettenräder unter sich verbundenen Walzen kann die Batterie auf einen besonderen Ladetisch nach der einen Seite des Gleises hin abgerollt und eine auf einem Ladetisch auf der anderen Seite des Gleises bereitstehende zweite Batterie aufgebacht werden. Auch die Ladetische besitzen eine entsprechende Walzenanordnung.

Zum Aufladen der aus 80 Zellen bestehenden Akkumulatorenbatterien wird Gleichstrom von 245 Volt zwei Motorgeneratoren entnommen. Die mit Nebenschlußerregung versehenen Maschinen besitzen eine normale Dauerleistung von 30 KW. Die zugehörigen Antriebsmotoren von 45 PS Leistung sind asynchrone Hochspannungs-Drehstrommotoren, die mit einer Spannung von 5000 Volt arbeiten. Die Entladespannung der Batterien beträgt etwa 160 Volt, ihre Kapazität bei einem Entladestrom von 74 Amp. etwa 78 Amperestunden.

Vor der Hand beträgt die größte Förderlänge nur 2300 m und zwar schleppt die Lokomotive über diese Strecke einen beladenen Zug von 25 Wagen mit einer I mittleren Geschwindigkeit von 2,8 m/Sek. Auch die Belegschaft wird zu den Arbeitsstellen mit den Lokomotiven befördert, indem in die leeren Förderwagen besondere Bänke eingehängt werden. Die Leistung einer Lokomotive in einer achtstündigen Schicht beträgt vorläufig etwa 175 t/km. Hierbei stellen sich die Förderkosten für den t/km auf 6,1 Pf. Da die Förderlänge bei weiterem Ausbau 4500 m beträgt und dann die Lokomotiven erst voll ausgenutzt werden, so werden sich diese Kosten noch ermäßigen. Die für den geförderten Tonnenkilometer dem Drehstromnetz entnommene Energie beträgt etwa 0,4 KW/Std.

Vergleichsweise wird angeführt, daß sich bei Pferdebeförderung die Kosten für den Tonnenkilometer auf 14,4 Pf. gestellt haben. (Recktenwald.) [Elektrische Kraftbetriebe und Bahnen, 1910, S. 46–47.]

Pr.

Das Kraftwerk Piedimulera.

Durch dieses von der A.-G. Brown, Boveri & Cie. in Baden (Schweiz) in Verbindung mit ihrer Tochtergesellschaft in Mailand errichtete Wasserkraftwerk wird die untere Gefällstufe der Anza, des bedeutendsten Nebenflusses des in den Lago Maggiore mündenden Toce auf einer Strecke von 6,5 km Länge ausgenutzt. Das auf einer Felsbank errichtete Wehr besteht aus einem 33 m langen Grundwehr, auf welchem vier kräftige, durch Gewölbe verbundene Pfeiler aufgeführt sind, derart, daß fünf Oeffnungen von je 5 m Breite und 18 qm freiem Durchflußquerschnitt entstehen. Von diesen Oeffnungen liegt die eine mit ihrer Sohle 2,30 m tiefer als die anderen und bildet den zur Entfernung von Geschiebe bestimmten Grundablaß. Alle Oeffnungen sind durch auf Rollen laufende Schützen mit Zahnstangen und Handwinden verschließbar. Die Schütze für den Grundablaß, die häufiger benutzt wird, ist mit einem Gegengewicht in der Form eines Blockes aus armiertem Beton versehen. Durch das Wehr wird ein Stauweiher von vorläufig 50000 cbm Inhalt erzeugt, der aber nach Erhöhung der 25 m langen Ueberfallmauer um 2 m und Verlegung des benachbarten Teiles der Provinzialstraße auf 80000 cbm erhöht werden kann.

Die Wasserentnahme erfolgt durch einen 3,5 m oberhalb des Wehres ausmündenden Stollen, dessen 5 m breite Oeffnung durch Grobrechen und Dammbalken geschützt ist. Hieran schließen sich nach 20 m Länge des Stollens eine Segmentschütze zur Regelung der Wasserentnahme und ein durch eine schmiedeeiserne Falle verschließbarer Leerlaufstollen, sowie nach 75 m Länge ein 45 m langes und 4 m breites Becken, in welchem das Betriebswasser von dem letzten mitgeführten Geschiebe befreit wird. Das Becken ist nach dem Bett der Anza hin mit einem Ueberlauf versehen, welcher bei unrichtiger Einstellung der Segmentschütze in Tätigkeit tritt. Der |48| nunmehr folgende, im wesentlichen als Hangkanal aufgeführte Oberwasserkanal hat 6,2 km Gesamtlänge und ist an 22 Stellen von insgesamt 2225 m Länge als Stollen sowie mehrfach als Aquädukt über Flußtäler hinweggeführt. Der Kanal ist aus Bruchsteinmauerwerk mit Stampfbetonsohle gebaut und mit 1,50 m Breite bei 1,75 m Wassertiefe mit rechteckigem Querschnitt durchgeführt. Nur in den Stollenstrecken ist ein nach unten trapezförmig sich verjüngender Querschnitt verwendet. Das Sohlengefälle beträgt 1,5 v. T., die Wassertiefe bei einer sekundlichen Wassermenge von 5000 l 1,68 m und die Wassergeschwindigkeit 2 m i. d. Sekunde. Im letzten, 500 m langen Stollenstück ist der Kanal auf 15 qm Durchflußquerschnitt verbreitert, wodurch ein Ausgleichbecken von 8600 cbm Inhalt für schnell auftretende Betriebsschwankungen geschaffen wird.

Das Wasserschloß enthält zwei 8 m lange, durch j Tellerventile am Boden an die Druckleitungen angeschlossene Kammern. Bei den Ventilen wird ein einfacher Selbstschluß infolge Ueberschreitens der Wassergeschwindigkeit dadurch ermöglicht, daß sie durch Gegengewichte offen gehalten werden, derart, daß man durch Veränderung der Gewichte die zulässige Wassergeschwindigkeit beeinflussen kann. Die beiden je 262 m langen schmiedeeisernen, genieteten Druckleitungen von 1100 mm lichter Weite sind mit 84 v. H. Neigung im oberen und 74 v. H. Neigung im unteren Teile verlegt und ergeben ein Gefälle von 170 m. Die Wandstärke der 1450 mm langen Blechschüsse nimmt von 6 mm in Stufen von 1 mm auf 18 mm zu und ist für den 1½-fachen Betriebsdruck ausreichend. An der Längsseite des Maschinenhauses sind die beiden Leitungen zu einer Schleife derart vereinigt, daß alle von dem einen Strang abgezweigten, 700 mm weiten Rohrstutzen entweder von der einen oder von der anderen Leitung versorgt werden können. Durch 700 mm weite Schieber sind die Zuflußleitungen zu den Turbinen absperrbar.

Das Maschinenhaus enthält vorläufig vier große Maschinen- und zwei Erregergruppen, während für eine fünfte Maschinengruppe Raum vorhanden ist. Die von Ingenieur A. Riva & Co. in Mailand gebauten Turbinen sind als Freistrahlturbinen mit innerer Beaufschlagung (Schwamkrugturbinen) ausgeführt. Die großen Turbinen sind für eine normale Leistung von je 2750 PS bei 170 mm Gefälle und 420 Umdrehungen i. d. Min. bemessen und mit Drehstromerzeugern von 8000 Volt Spannung und 42 Perioden i. d. Sek. gekuppelt. Sie haben drei symmetrische Düsen von 80 mm breitem und 150 mm langem rechteckigem Austrittsquerschnitt, deren freie Oeffnung durch Segmentschieber geregelt wird. Diese Schieber sind miteinander fest gekuppelt und werden gleichzeitig mit einem durch den Wasserdruck ausbalancierten Leerlaufschieber von einem Hartung-Regulator unter Vermittlung eines Servomotors derart eingestellt, daß selbst bei den größten plötzlichen Belastungsänderungen Druckschwankungen von mehr als 10 v. H. vermieden werden. Für die Turbinen ist bei Leistungen von 1500–3000 PS ein Wirkungsgrad von 75 v. H. garantiert. Die Erregerturbinen sind ähnlich gebaut wie die großen Turbinen, haben oben nur eine Düse und keine Freilaufschieber.

Das Kraftwerk versorgt hauptsächlich die Stadt Novara, wo außerdem eine Dampfanlage zur Aushilfe errichtet ist. (Menge.) [Zeitschr. f. d. gesamte Turbinenwesen 1910, S. 417–421, 439–442 und 449–453]

H.

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