Titel: Polytechnische Rundschau.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1912, Band 327 (S. 252–256)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj327/ar327080

POLYTECHNISCHE RUNDSCHAU.

Der heutige Stand der drahtlosen Telegraphie. (Nach einem Vortrag von Graf Georg von Arco.) Die bedeutendsten technischen Fortschritte, welche die drahtlose Telegraphie in ihrem vierzehnjährigen Entwicklungsgang gemacht hat, stammen zum überwiegenden Teile aus den Laboratoriumsarbeiten der größten dieses Spezialgebiet betreibenden Gesellschaften.

Die beiden Unternehmungen, welche die Entwicklung fast ausschließlich beherrschen, sind die Marconi-Gesellschaft in England und die Gesellschaft für drahtlose Telegraphie in Deutschland. Jene hatte in den ersten zehn Entwicklungsjahren, diese hat in den letzten Jahren die Führung übernommen.

Professor Slaby wurde durch die ersten Versuche Marconis im Jahre 1897, denen er als Gast beiwohnte, zu eigenen neuen Gedanken angeregt. Er schuf ein unabhängiges drahtloses System, dessen Ausnutzung die A. E. G. übernahm und im Kabelwerk Oberschöneweide ausarbeitete. Fast gleichzeitig meldete Professor Braun in Straßburg mehrere grundlegende deutsche Patente an, deren Ausnutzung er der Firma Siemens & Halske übertrug. Im Jahre 1903 gründeten die beiden Großfirmen die Gesellschaft für drahtlose Telegraphie m. b. H. zur gemeinschaftlichen Ausnutzung dieser Patente. Als Systemnamen wurde Telefunken gewählt. Das Arbeitsgebiet der neuen Gesellschaft war zunächst Lieferung und Installation drahtloser Stationen, und zwar hauptsächlich für militärische Zwecke.

Marconis Erfindungen wurden durch eine englische Gesellschaft ausgebeutet, und zwar sowohl auf dem Lieferungs- und Installationsgebiet, als auch für die Einrichtung drahtloser Betriebsstationen zum Zwecke der gewerblichen Nachrichtenbeförderung. Die günstige geographische und politische Lage Englands war hierfür von großem Vorteil. Die Organisation der englischen Gesellschaft für die Nachrichtenbeförderung war bereits recht umfangreich und gut durchgebildet und ein englisches Marconi-Weltmonopol für die drahtlose Nachrichtenbeförderung halb fertig, als die deutsche Gesellschaft sich entschloß, auch auf dieses Gebiet ihre Tätigkeit auszudehnen.

Als Telefunken auf einigen Schiffen der deutschen Handelsmarine Betriebsstationen eingebaut hatte, verweigerte die Marconi-Gesellschaft beim Anruf den deutschen Schiffen den gegenseitigen Verkehr. Hierdurch war die deutsche Handelsmarine gezwungen, ihre sämtlichen Schiffe mit Marconi-Stationen auszurüsten und die Telegraphisten dieser ausländischen Organisation als Bordpersonal zu führen. Mit Rücksicht auf das große Interesse, das die deutschen Staatsbehörden und Schiffahrtskreise an dem Aufhören dieses Zustandes hatten, entschlossen sich die A. E. G. und Siemens & Halske, mit der Marconi-Gesellschaft ein finanziell opferreiches Abkommen zu schließen, wonach der drahtlose Betrieb an Bord der deutschen Handelsschiffe an eine neu gegründete Deutsche Betriebsgesellschaft für drahtlose Telegraphie m. b. H., Debeg genannt, überging. Diese hat das Verfügungsrecht über die deutschen Telefunken- und Marconi-Patente, und die von ihr heute betriebenen 160 Schiffsstationen genießen die gleichen Rechte wie die übrigen Marconi-Stationen. So gehört heute in das Arbeitsgebiet der deutschen Gesellschaft sowohl das Lieferungsais auch das Betriebsgeschäft.

Die Zahl der gelieferten Stationen ist ein Maßstab für die Bedeutung der verschiedenen Firmen auf dem Weltmarkt. Das Bureau in Bern nennt in seiner offiziellen Liste im Jahre 1910 etwa 1300 drahtlose Stationen, die über alle Erdteile zerstreut sind. 80 bis 85 v. H. hiervon werden als Marconi- und Telefunken-System angeführt, und zwar entfällt auf jedes der beiden Systeme etwa die Hälfte.

Allein im Jahre 1911 wurden von Telefunken 390 Stationen in Arbeit genommen, und zwar für folgende 30 Länder: Deutschland, Ost-Afrika und West-Afrika, Australien, Argentinien, Bulgarien, Brasilien, Chile, China. Belgisch Congo, Columbien, Cuba, Dänemark, England, Holland, Japan, Mexiko, Norwegen, Neu-Seeland, Niederl. Indien, Oesterreich-Ungarn, Portugal, Peru, Philippinen, Rußland, Schweden, Sibirien, Spanien, Türkei, Vereinigte Staaten.

Das neue Telefunken-System ist der Niederschlag der kostspieligen jahrelangen Versuche, von denen eingangs gesprochen wurde. Jede drahtlose Unternehmung bemüht sich heute, ihre Einrichtungen möglichst diesem System ähnlich zu gestalten. Das tönende Löschfunkensystem ist aber durch gute Patente geschützt.

Folgende Hauptapparate gehören zu jeder drahtlosen Anlage: Senderapparate zur Erzeugung von Wechselströmen hoher Frequenz, eine Antenne zur Ausstrahlung dieser Energie, eine zweite Antenne am fernen Ort zur Aufsammlung der ankommenden Wirkungen und ein Empfangsapparat, der sie wahrnehmbar macht.

Wie erzeugt man Wechselströme hoher Frequenz für die drahtlose Telegraphie?

Die Wechselströme können zwei verschiedene Energieformen haben, nämlich die Form von ungedämpften oder |253| gedämpften Wellenzügen; erstere werden entweder nach Poulsen durch einen Lichtbogen in einer Wasserstoff-Atmosphäre oder direkt durch eine speziell hierfür gebaute Wechselstromdynamo, eine sogen. Hochfrequenzmaschine, die gedämpften Wellenzüge durch Funkenentladung erzeugt. Die Lichtbogenmethode hat die auf sie gesetzten enthusiastischen Hoffnungen nicht erfüllt, ihre Anwendungen in der Praxis sind sehr gering geblieben, man kann sogar sagen verschwindend klein, nämlich beschränkt auf bestimmte Spezialzwecke.

Die kontinuierlichen Schwingungen haben nur eine einzige Periodizität, die Schwingungszahl in der Sekunde, die diskontinuierlichen Schwingungen dagegen zwei, nämlich neben der Schwingungszahl eine Periodizität der Gruppen. Da jede Gruppe aus der Energie einer Funkenentladung hervorgegangen ist, so ist die Periode der Gruppe gleich der Anzahl der Funken, gleich der Funkenfolge in der Sekunde. Ein Sender mit diskontinuierlichen Schwingungen kann also eine Individualität mehr besitzen. Einige Worte über die Hochfrequenzmaschinen: Wie schon erwähnt, werden für Hochfrequenzströme bis zu 1000000 Perioden in unserer Technik angewendet. Solche Frequenzen kann man weder heute noch in absehbarer Zeit durch Hochfrequenzdynamo erzeugen. Aber auch Wechselströme von 50000 Perioden haben seit den letzten Jahren einen gewissen Wert erhalten, nämlich für die Telegraphie auf sehr große Entfernungen. Solche Frequenzen kann man direkt nach dem Dynamoprinzip aus mechanischer Energie mittels gewisser Spezialdynamos herstellen. Eine solche unterscheidet sich von einer gewöhnlichen Wechselstromdynamo zunächst dadurch, daß bei der Rotation nicht 100 Magnetpole i. d. Sek. vorbeibewegt werden, sondern 100000. Die Konstruktion führt zu sehr hohen Umfangsgeschwindigkeiten und sehr schmalen Magnetpolen bezw. kleiner Polteilung.

Das Eisen der Maschine ist eine große Verlustquelle bei Wechselströmen so hoher Frequenz. Es muß durch feinste Unterteilung möglichst unschädlich gemacht werden. Die Maschinen werden aus Eisenblechen von 0,03 mm, d.h. von Papierdicke, zusammengesetzt und Blech gegen Blech durch Papierzwischenlagen isoliert. So enthält die Dynamo 50 v. H. Papier. Dieses mechanisch komplizierte Gefüge enthält eine Umfangsgeschwindigkeit von 200 bis 250 m i. d. Sek., d.h. etwa die Geschoßgeschwindigkeit eines älteren Militärgewehres.

Die mechanischen Schwierigkeiten steigern natürlich die Kosten der Fabrikation wesentlich und bringen eine gewisse Betriebsunsicherheit mit sich; aber das mag noch angehen. Schlimmer ist, daß alle Hochfrequenzmaschinen gewisse prinzipielle Fehler haben, für deren Beseitigung heute noch die Mittel fehlen.

Die Periode ist von der Umdrehungszahl der Maschine abhängig. Gefordert wird eine Genauigkeit der Periode von mindestens ¼ v. H. auch während der schnell schwankenden Belastung beim Telegraphieren. Gibt es einen so regulierten oder so regulierenden Antriebsmotor?

Auch die Isolation der Maschine ist äußerst schwierig. Sollen beispielsweise 50 KW ausgestrahlt werden, so pulsiert in der Maschine eine leer schwingende Energie von mehr als 500 KW mit entsprechend hoher Spannung und Stromstärke.

Schließlich kann eine aus Metall bestehende Maschine Hochfrequenzströme von etwa 200000 Perioden oder mehr überhaupt nicht liefern, weil bei diesen höheren Periodenzahlen infolge der Kapazität der Wicklung gegenüber dem Gestell ein Hochfrequenzkurzschluß eintritt und keine Energie mehr nach außen geliefert wird.

Von Professor Goldschmidt rührt eine Vervollkommnung einer solchen Maschine her, die in Deutschland ein gewisses Aufsehen erregt hat. Bei seiner Anordnung wird in der Maschine eine niedrigere Periodenzahl erzeugt und diese in der Maschine durch elektrische Mittel gesteigert.

Eine nach diesem Patent hergestellte Maschine hat eine Polteilung und Umfangsgeschwindigkeit, die einer niedrigeren Periode entspricht, so daß die mechanischen Schwierigkeiten verringert werden.

Von der Hochfrequenzmaschine wird erwartet, daß sie eine vermehrte Schwingungsenergie erzeugt.

Bisher ist aber eine Aufgabe der drahtlosen Telegraphie noch nie daran gescheitert, daß für den Sender nicht genügende Energiemengen in Hochfrequenzform erzeugbar waren, sondern daran, daß man sie nicht ausstrahlen konnte. Die Antennenschwierigkeiten begrenzen die Leistungen. Sind erst einmal Antennen gefunden, mit denen man 500 oder 1000 KW ausstrahlen kann, dann versagt vielleicht die Funkenmethode, dann kann die Maschine größere Bedeutung erhalten.

Mit Rücksicht auf diese Entwicklungsmöglichkeit hat die A. E. G. in der Maschinenfabrik Brunnenstraße im Auftrage von Telefunken jetzt schon mehrere Hochfrequenzmaschinen verschiedener Typen in Arbeit genommen und zwei solche nähern sich der Fertigstellung.

Jetzt einiges über die Erzeugung der Schwingungen durch Funken.

Man erzeugt mit Funkenentladungen Hochfrequenzströme bis zu mehr als 100 KW Energie und Frequenzen hinauf bis zu Millionen i. d. Sek. und herunter bis zu wenigen Tausend. Eine angeschlagene Stimmgabel demonstriert gut die modernste Funkenmethode. Die Energie wird der Stimmgabel durch einen kurzen Schlag zugeführt und diese Energie in einen abklingenden akustischen Wellenzug umgesetzt und ausgestrahlt. Ist der Ton ganz oder fast ganz verklungen, dann erfolgt ein neuer Schlag. Den Hammerschlägen entsprechen elektrisch die Funken. Das Energiequantum eines Funkens wird in einen abklingenden Wechselstromzug umgesetzt. Bei den Telefunkenstationen ist die Funkenfolge meist 1000 i. d. Sek. Nehmen wir an, daß die erzeugte Wechselstromperiode 100000 sei und daß jeder Wellenzug nach 100 Schwingungen aufhöre, so sind die Pausen zwischen den Wellenzügen gerade verschwunden, und der neue Funke setzt immer in dem Moment ein, wo der vorhergehende Wellenzug gerade aufgehört hat. Die Funkenmethode hat manche Vorzüge vor der Maschine. Von diesen seien nur die absolute |254| Konstanz der Periodenzahl erwähnt, die hier von festen elektrischen Größen abhängig ist, und die doppelte Charakteristik der Sender nach Hoch- und Tonfrequenz sowie die variable Akkumulierung der sekundlichen Energie zur Erzielung größerer Momenteffekte am Empfänger.

Die vollkommenste Form der Funkenmethode ist heute das System der „tönenden Löschfunken“. Drei elektrische Eigenschaften sind hervorzuheben. Die Pausen zwischen den Wellenzügen sind verschwindend klein. Die Gruppenabstände sind gleich lang und die Wellenzüge folgen mit absoluter Regelmäßigkeit, wodurch im Empfangstelephon ein Ton erzeugt wird. Der Löschfunke, d.h. der schnell erlöschende Funke hat schließlich noch den Vorteil, daß er nur während der allerersten Schwingungen besteht, dann erlöscht und ein langer Wellenzug nach seinem Absterben ausschwingt. Der Energieverlust ist auf einen winzigen Bruchteil der Zeit beschränkt, oder praktisch gesprochen: er ist überwunden. Das Löschprinzip, von Prof. Max Wien angegeben, ist nach langer Laboratoriumsarbeit von Telefunken bis zur absoluten Betriebssicherheit durchgebildet, selbst bis zu Anordnungen für 100 KW Schwingungsenergie.

Was die Antennen angeht, so wird beim Sender die verfügbare Hochfrequenzenergie zugeführt und ein Teil von ihr als Fernwirkung von ihnen ausgestrahlt. Es ist dies die Nutzleistung der Antenne.

In die Vorgänge in der Antenne und die Fernwirkungen ist erst in neuester Zeit etwas mehr Licht gekommen.

Jede fortschreitende Erkenntnis hat zur Folge, daß eine Reihe von Einzelerscheinungen, die anfangs zusammenhanglos erschienen, plötzlich in einer gemeinschaftlichen Erklärung zusammenfließen.

So kommt es, daß bei der Erklärung der Antennenwirkungen auf Versuche zurückzugreifen ist, die lange vor dem Geburtstage der modernen drahtlosen Telegraphie liegen und bisher scheinbar nichts mit ihr zu tun hatten.

In diesem Zusammenhang sei hier auf die Versuchsergebnisse hingewiesen, die der leider so früh verstorbene Erich Rathenau im Jahre 1894 in der Elektrotechnischen Zeitschrift veröffentlicht hat.

Rathenau benutzte zwei in das Ufer des Wannsees eingegrabene Erdplatten und schickte aus einer Akkumulatorenbatterie einen unterbrochenen Gleichstrom von 3 Amp., der mit einem Taster im Tempo der Morsezeichen geöffnet und geschlossen wurde. Der Empfänger bestand aus ebenfalls zwei Platten, die in das Wasser des Sees tauchten und zwischen die ein Telephonhörer geschaltet war. Bis auf 4½ km Entfernung konnten die Zeichen im Empfänger gehört werden.

Seine Veröffentlichung gipfelte in folgenden Vorschlägen: Ein Ton von guter Hörbarkeit am Sender, ein mechanisch oder akustisch hierauf abgestimmter Empfänger und schließlich in Verbindung hiermit ein Mikrophon als Anruf- oder Schreibapparat.

In den nächsten Jahren ruhten die Erdversuche fast vollkommen, und erst in den letzten zwei Jahren hat Dr. Kiebitz, Ingenieur des Telegraphen-Versuchsamtes, neue Versuche mit verbesserten Erdanordnungen gemacht, deren teilweise recht günstige Ergebnisse er veröffentlicht hat. Unter anderem teilt er mit, daß er mit einer von 5 Arbeitern an einem Vormittage ausgelegten Antenne die Signale einer 6000 km entfernten, in Kanada gelegenen Station gehört hat.

Hierdurch angeregt, hat auch Telefunken systematische Versuche angestellt und auf gewisse Verbesserungen mehrere Patente angemeldet. Besonders für Empfangsstationen, vielleicht auch für sehr große Senderanlagen scheinen diese Anordnungen recht aussichtsvoll zu sein.

Die bisherigen Antennen waren im allgemeinen senkrecht heraufgeführte, durch hohe Mäste getragene Drähte mit einer oberen leitenden Endfläche; die Dimensionen richten sich nach den Entfernungen und Energiebeträgen. Je größer die Entfernung ist, die überbrückt werden soll, um so größere Energie muß aufgewendet, in die Antenne geschickt und von ihr ausgestrahlt werden. Je größer die Energie ist, um so größer muß auch die Antenne werden, und zwar sowohl die Ausdehnung der oberen Drahtfläche als auch deren Höhe. Die Kosten der Türme steigen fast mit dem Kubus ihrer Höhe. Hier liegt also die praktische Begrenzung der Reichweiten drahtloser Sendestationen. Man kann wohl 100 KW, vielleicht auch mehr KW in Form hochfrequenter Wechselströme herstellen, man kann aber nicht ohne phantastischen Kostenaufwand eine genügend strahlende Antenne bauen. Hält die Erdantenne das, was viele Fachleute sich hiervon versprechen, dann beginnt vielleicht eine neue Epoche des Baues drahtloser Großstationen für die größten Entfernungen, die unser Erdball überhaupt aufweist, und dann erhält vielleicht die Hochfrequenzmaschine den Vorzug vor den Funken. Aber bis jetzt ist es noch nicht sicher, ob die Erdantennen dieselbe Oekonomie der Strahlung ergeben wie die alten Antennen, und darum muß vor zu großem Optimismus gewarnt werden.

Für den Empfang wird die gleiche Antenne benutzt wie für den Sender.

Durch Abstimmung des Empfängers erreicht man einerseits größere Entfernungen und andererseits die Möglichkeit, die Signale des einen oder anderen Senders aufzunehmen oder nicht zu hören, je nach der Einstellung.

Die elektrische Abstimmung wird nicht nur bei den Antennen angewendet, sondern an sehr vielen anderen einzelnen Apparaten, die sämtlich zu einer modernen drahtlosen Station gehören. Auf Abstimmung beruhen viele Meßapparate, z.B. der zur Bestimmung der Periodenzahl des Hochfrequenzstromes des Wellenmessers.

Wie macht man nun die schwachen Ströme der Empfangsantenne wahrnehmbar? Das Telephon kann hiermit nicht betätigt werden, denn seine Schallplatte ist viel zu träge, um den 100000 oder mehr Perioden des Empfangsstromes zu folgen. Auch der Hörapparat im menschlichen Ohr ist zu träge und würde diese Telephontöne nicht hören. Es ist also noch eine Umformung der Energie nötig. Der Hochfrequenzwechselstrom wird in Gleichstrom verwandelt. Dies geschieht durch einen Gleichrichter, |255| den „Detektor“, der heute meistens aus einer Metallspitze besteht, die ein besonderes Mineral berührt, z.B. Platin oder Bleiglanz.

Aus einem gedämpften Hochfrequenzwellenzug wird durch Gleichrichtung ein Gleichstromstoß erzeugt, und dieser endlich bewegt die Membran des Hörers. Für jeden fernen Funken erfolgt eine Membranbewegung. Bei 1000 Funken i. d. Sek. hört man den Ton mit der Schwingungszahl 1000 am Empfänger.

Textabbildung Bd. 327, S. 255

An der Vergrößerung des Anwendungsgebietes erkennt man am deutlichsten die technischen Fortschritte der letzten Jahre. Die Reichweiten der Stationen sind relativ gestiegen, denn man kann jetzt 50 bis 75 v. H. der Maschinenenergie in Antennenenergie umsetzen. Man kommt daher mit kleineren Primäranlagen aus. Durch den Fortfall der Pausen zwischen den Wellenzügen kann ein und derselben Antenne mehr Energie zugeführt werden, und wegen der kurzen Zeitdauer der Löschfunken kann man ohne Zerstörung der Funkenelektroden sehr große Energiebeträge in Schwingungen umwandeln. Auch die Freiheit gegen Störungen durch andere Stationen und die atmosphärischen Entladungen sind ganz außerordentlich gestiegen. Der hohe singende oder pfeifende Ton der Sender dringt durch das Brodeln der Tropengewitter durch, selbst dann noch, wenn die störenden Geräusche 10, ja 100 mal stärker sind als er. Die Apparate für die normalen Anwendungen sind vereinfacht, Regulierungen sind fast vollkommen in Fortfall gekommen, so daß an das Bedienungspersonal nur noch eine Forderung gestellt wird: Die Kunst, zu telegraphieren, und zwar sowohl zu senden als auch nach dem Gehör die Telegramme aufzunehmen.

Zahlreiche Meß- und Kontrollapparate sind in den letzten Jahren entstanden. Fast alle Schwingungsvorgänge werden am Sender durch Spezialinstrumente gemessen. Selbst einen Rechenschieber für die Hochfrequenztechnik hat Telefunken jetzt hergestellt. Die Anzahl der Modelle, die Telefunken für die Sende- und Empfangsapparatur baut, ist überaus groß. Die Sendermodelle sind nach den geforderten Reichweiten und den hierzu erforderlichen Energien abgestuft. Die kleinsten sind für etwa 50 km Entfernung bestimmt und arbeiten mit 100 Watt in der Antenne. Die größten Sender sollen 4000 km überbrücken, und zwar mit 35 KW im Luftdraht. Die ebenfalls recht zahlreichen Empfängermodelle unterscheiden sich in der Ausführung nach dem Grade der geforderten Störungsfreiheit und nach den Antennengrößen. Grundsätzlich verschieden sind die Konstruktionen aller Apparate, je nachdem sie für militärische Zwecke oder für gewerbliche Nachrichtenbeförderung gebaut werden. Für Kriegszwecke kommt es darauf an, bei absichtlichen Störungen durch den Feind die eigenen Telegramme durchzubekommen. Es wird eine große Selektion |256| und eine große Tonskala gefordert, und alle Veränderungen der elektrischen Einstellung müssen möglichst rasch vor sich gehen. Komplikationen und hoher Preis der Apparate sind eine selbstverständliche Folge.

Die Apparate der Handelsflotte fallen wesentlich einfacher und kleiner aus, weil meistens geringere Entfernungen verlangt werden. Telefunken baut hierfür drei Typen, eine große für große Passagier- und Frachtdampfer, eine mittlere für kleinere Passagierdampfer und eine kleinste für Fischereifahrzeuge, Feuerschiffe, Motorboote usw Einzelne dieser kleinen Fahrzeuge wünschen und erhalten nur den Empfangsapparat, aber keinen Sender.

Die deutschen Staatsbehörden haben in den letzten Jahren ein großes und immer wachsendes Interesse für die drahtlose Technik gezeigt, besonders das Reichspostamt, das Reichsmarineamt- und die Generalinspektion der Verkehrstruppen. Die Einrichtungen, welche die Behörden von Telefunken beziehen, sind die technisch vollkommensten, die von der Gesellschaft gebaut werden. Technisch besonders schwierige und mannigfaltige Aufgaben stellt die Marine. Hieraus fließen aber viele neue Anregungen und technische Fortschritte.

Textabbildung Bd. 327, S. 256

Die bei weitem verbreitetste Schiffsstationstype ist in Fig. 1, der dabei verwendete A. E. G.-Umformer in Fig. 2 V dargestellt.

Wenn man hört, daß mit dieser kleinen Station, die 1,5 KW in die Antenne liefert, Entfernungen von vielen Tausend Kilometer überbrückt werden, so müßte man glauben, mit 35 KW Antennenenergie auf phantastische Zahlen kommen zu können. Das ist indes nicht der Fall. Diese großen Schiffsleistungen werden bei Nacht erzielt, bei Tage dagegen nur 600 bis 700 km. Marconi war der erste, der die Ursache erkannte. Das Licht ist der Feind der elektrischen Wellen, und ein um so größerer Feind und Energiezerstörer, je höher die Periode der Wechselströme ist. Es ist zwar leicht, niedrige Perioden zu machen, aber sehr schwer, sie ökonomisch auszustrahlen. Die Antennen schreiben die maximale Periodenzahl vor, und zwar durch ihre Höhe. Je höher eine Antenne, um so besser für niedrige Perioden. Wir stehen also hier vor einer erheblichen Schwierigkeit. Will man eine Dauerverbindung auf große Entfernung, eine Verbindung, die auch bei stärkstem Sonnenlicht, z.B. mittags in den Tropen, arbeitet, so braucht man eine niedrige Frequenz. Dazu sind sehr hohe Antennen notwendig.

Marconi war wieder der erste, der eine Dauerverbindung auf 3100 km zwischen England und Kanada schuf, heute noch die einzige derartige Anlage. Seine beiden Stationen sind gleichgroß und beide mit enormen Antennen versehen. Telefunken besitzt nur eine Versuchsstation: Nauen. Die Antennenenergie ist die gleiche wie bei den Marconi-Stationen, aber es fehlt die zugehörige große Gegenstation. Versuche wurden nur nach einem Schiff und daher mit mittlerer Frequenz gemacht, und so wurden bis auf 5000 km noch Telegramme übermittelt.

Nunmehr aber wird Nauen umgebaut für ganz lange Wellen und für eine viermal größere Antennenenergie als die Marconi-Stationen. Das neue Antennennetz bedeckt die Fläche von 140000 qm in der senkrechten Projektion. Die von der Turmspitze abgehenden Drähte werden von 18 Außenmasten abgefangen, die auf dem Umfange eines zum Turmfuß konzentrischen Kreises von 800 m ∅ aufgestellt sind. Das neue Maschinen- und Apparatehaus enthält eine Sendereinrichtung für 100 KW Hochfrequenzenergie, die einerseits nach der Methode der tönenden Löschfunken, andererseits durch eine Hochfrequenzmaschine erzeugt wird.

Es ist anzunehmen, daß Nauen mit einer annähernd gleichgroßen Gegenstation selbst im Dauerbetrieb eine Verständigung auf Entfernungen von 6000 bis 7000 km ergeben wird.

(Inzwischen ist der 200 m hohe Antennenmast der Station Nauen infolge eines heftigen Orkans leider eingestürzt, so daß wohl noch einige Zeit vergehen dürfte, bis die erwähnten großen Entfernungen tatsächlich überbrückt werden können. Anm. d. Red.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: