Titel: ROMBERG: Ueber das Erdöl.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1912, Band 327 (S. 513–517)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj327/ar327161

ÜBER DAS ERDÖL.

Im Zusammenhang mit seiner maschinentechnischen Verwendung.

Von F. Romberg, Charlottenburg.

Inhaltsübersicht.

Uebersichtliche Darstellung der wichtigsten, das Erdöl betreffenden Fragen: Namen, Geschichte und Entstehung – Vorkommen – Erdölindustrie – Lagerung und Transport – Verwendung und Eigenschaften – Preise.

––––––––––

Die „flüssige Kohle“, als welche das Erdöl nach Entstehung, Zusammensetzung, technischer und wirtschaftlicher Bedeutung bezeichnet werden kann, steht heute mehr denn je im Vordergrunde des Interesses.

Vorwiegend resultiert diese Tatsache aus der modernen Entwicklung der Oelmaschine, die begonnen hat, die Dampfmaschine vielfach zu verdrängen und die Krafterzeugung zu einem wesentlichen Teile zu beherrschen. Sie folgt auch daraus, daß neue Gebiete, neue Bahnen technischen Fortschritts durch die Verwertung dieser Kraftquelle erschlossen wurden, deren kulturelle und wirtschaftliche Folgen gegenwärtig unabsehbar sind. Um dies oberflächlich zu würdigen, ist nur erforderlich, an die Ergebnisse zu denken, die der Motor auf den Gebieten des Transportwesens, des Schiffsbetriebs, des Flugwesens, des Kleingewerbes usw. bereits gebracht hat. Staunend und bewundernd steht man vor diesen Erfolgen weniger Jahre, die im wesentlichen erst seit dem Beginn dieses Jahrhunderts zählen. Wie dem vergangenen Jahrhundert die Dampfmaschine, so verleiht dem beginnenden der Motor in der Maschinentechnik ein wesentliches Gepräge. Denn er gestattet, bekannte Betriebe einfacher, wirtschaftlicher und unabhängiger zu gestalten, neue Gebiete ihrer technischen Durchdringung zuzuführen; im ganzen leistet er auf solche Weise der Ausbreitung und Ausgestaltung der Technik gewaltigen Vorschub.

Maschinen- und Oelindustrie gelangen wechselseitig in immer engere Beziehungen zueinander, indem die Entwicklung der einen durch diejenige der anderen stetig gefördert wurde und noch weiter gefördert wird. Jeder Fortschritt auf dem einen Gebiet nützt dem anderen, und sei dies auch nur vom rein wirtschaftlichen Standpunkt genommen. Beide Industrien haben sich seit 50 Jahren etwa parallel nebeneinander entwickelt, wobei ihr gegenseitiger Einfluß dauernd gestiegen ist, bis zu der Höhe, die er gegenwärtig erlangt hat, nach dem gewaltigen Aufschwung der Motorenindustrie in den letzten zehn Jahren. Es tritt noch hinzu, daß der Leuchtölkonsum in allmählicher, relativer Abnahme begriffen ist: ein Umstand, der die Bedeutung anderweitigen Absatzes für die Oelindustrie wesentlich erhöht. Alles das legt heute diesen Industrien nah, gegenseitig dichteste Fühlung zu halten und innig zusammenzuarbeiten.

Die Beschaffung, Verarbeitung und Verwendung des Erdöls berührt jetzt zahlreiche Kreise der Technik und damit zusammenhängender Berufe, namentlich auch diejenigen des Schiff- und Schiffsmaschinenbaues, sowie der Schiffahrt. Daher sind gewisse grundlegende Kenntnisse auf ersteren Gebieten für viele Techniker, Reeder usw. ein unbedingtes Bedürfnis; allerdings nicht in dem Umfange, wie sie der in der Oelindustrie selbst Stehende braucht, sondern nur insoweit, als das betreffende Arbeitsgebiet verlangt. In bezug hierauf lassen sich die Bedürfnisse vieler durch relativ Weniges befriedigen; die vorhandene Literatur aber, die an sich sehr reichhaltig ist, bietet dies kaum in geeigneter Form.

Hieraus ergab sich die Veranlassung zu den folgenden Ausführungen, die, dem besagten Zweck entsprechend, nur das Wesentliche enthalten und vor allem den Standpunkt des Maschinentechnikers zu dieser Frage beachten.

I. Namen, Geschichte und Entstehung des Erdöls.

Die Nomenklatur im ganzen Gebiete des Erdöls ist äußerst verworren. Sie wirkt dadurch vielfach irreführend. Aber dieses betrifft mehr noch die Fabrikate des Erdöls, wie später sich zeigen wird, als das Naturprodukt selbst. Dieses heißt im Deutschen meistens Erdöl, seltener heute Steinöl, Rohpetroleum oder Bergöl; englisch heißt es crude oil oder auch petroleum, russisch Nafta (von dem medischen Wort nafata = ausschwitzen), französisch huile de nafte oder petrole. Das Wort Petroleum (von πετρος, |514| = Fels und oleum = Oel) wird in mehreren Sprachen bisweilen synonym mit Erdöl gebraucht; bei uns und im allgemeinen auch sonst bezeichnet es jedoch allein das Leuchtöl oder Kerosin (russisch), also ein Destillat, das aus dem Rohöl gewonnen wird. In Amerika und zum Teil auch in Europa benennt man nicht selten mit Nafta sogar die leichtflüchtigen Destillate des Erdöls, was gleichfalls den Wirrwarr der Namen deutlich zum Ausdruck bringt.

Die Geschichte1) des Erdöls ist uralt, obwohl, wie erwähnt, seine industrielle Ausbeutung und Verbreitung kaum 50 Jahre zählt. Trotz des Bekanntseins vieler Fundstellen war in ältesten Zeiten die Verwendung des Oels nur untergeordnet, und die Ausbeute hielt sich in den bescheidensten Grenzen. Immerhin war aber die Benutzung recht vielseitig, wie zahlreiche Aufzeichnungen und Funde beweisen. Nach der Bibel (Genesis XI, 3) wurde beim Turmbau zu Babel Asphalt, d. i. ein festes Bitumen, wie das Erdöl ein flüssiges ist, als Mörtel verwendet, und tatsächliche Spuren der gleichen Verwendung findet man noch heute in den alten Städten Aegyptens und Mesopotamiens, sowie in den Ruinen von Babylon, wo bei den Bauten des Nebukadnezar und der Semiramis usw. der Asphalt den Zement ersetzte. In Babylon diente Erdteer, d. s. die zähflüssigen Teile des Erdöls, zum Anstrich der Türen und Wände zwecks Schutzes gegen die Witterung, was Xenophon aber der Feuergefährlichkeit wegen verurteilt. Ebendort war Asphalt auch als Brennmaterial, die dunkle Nafta der babylonischen Quellen als Leuchtstoff für die Lampen bekannt. Mitchell fand in Nordostägypten über 3000 Jahre alte Tonlampen mit festem Bitumen gefüllt, das jedenfalls den Ueberrest vertrockneten Erdöls darstellt. So haben das Erdöl und verwandte Naturprodukte im Altertum noch mancherlei anderen Zwecken gedient, z.B. zum Einbalsmieren der Leichen, als Heil- und Desinfektionsmittel, zur Herstellung von Brandpfeilen und Feuerkugeln im Kriege. Bemerkenswert ist namentlich auch, daß die Verwendbarkeit des Erdöls als Schmiermittel schon zu Plinius Zeiten bekannt war.

Die Bezeichnung Asphalt findet sich bereits bei Herodot, sie wird von ασφαλιος = sicher, fest abgeleitet im Zusammenhang mit der erwähnten Verwendung als Mörtel bei den Bauten von Babylon.

Seit den Tagen der Parsen leuchten die heiligen, nie verlöschenden Feuer von Surakhani, einem alten in der Nähe von Baku gelegenen Dorfe (auf der Halbinsel Apscheron westlich vom Kaspischen See). Diese von flüssigen und gasförmigen Bitumen gespeisten Feuer, die schon Jahrtausende bekannt sind, dienten nach Englers2) Annahme zur Feueranbetung und veranlaßten vielleicht Zoroaster, der wohl am Südostabhang des Kaukasus beheimatet war, zur Aufstellung seines bezüglichen Kults. Erst im Jahre 1881 endete dieser Kult durch Verbot der russischen Regierung.

Ueber zahlreiche andere Fundstellen des Erdöls findet man ebenfalls Aufzeichnungen in der alten Literatur, z.B. bei Herodot, Plinius, Plutarch usw. Diese berichten über das Vorkommen bei Babylon, in Syrien, Kleinasien, Persien, Cilicien, Aethiopien, Baktrien, Medien, Arabien,. Indien, auf der Insel Zante usw. Sehr eingehend bespricht namentlich Strabo das Vorkommen des Asphalts im Toten Meer, das der Sage nach aus heißen Asphalt- und Schwefelquellen entstanden ist, nachdem ein Erdbeben 13 dort gelegene Städte mit der großen Hauptstadt Sodom vollkommen zerstört hatte.

Mit der Zeit nahm die Kenntnis der Oellager nach Zahl und Verteilung auf der Erde stetig zu. Die heutigen Fundstellen von Bedeutung sollen gleich hinterher erwähnt werden, wobei dann auch Gelegenheit ist, auf bemerkenswerte historische Daten, die das jeweilige Lager betreffen, kurz zurückzukommen.

Es entsteht nunmehr die Frage: Was ist Erdöl und wie ist es entstanden? Daß es geologisch gesprochen, ein sogen. Bitumen sei, wurde bereits gesagt. Die bituminösen Körper in der Natur sind gasförmig, flüssig oder fest, womit sich folgendes Schema ergibt.

Bituminöse Körper.

I. Gase II. Flüssigkeiten III. Feste Körper
Erdgas od. Naturgas a) Erdöl (flüssig, klar
od. gefärbt)
a) Erdwachs (knet-
bar, gelb bis braun)
b) Erdteer (Bergteer od.
Maltha, zähflüssig od.
schwarz)
b) Erdpech (knetbar,
schwarz)
c) Asphalt (spröde,
schwarz)

Außer dem reinen Vorkommen der Bitumina gibt es in der Natur auch Mengungen mit anderen festen Körpern, z.B. mit Braun- und Schwarzkohle, mit Oelgesteinen wie Oelschiefer, Oelsandstein oder endlich mit Asphaltgesteinen, wie Asphaltkalk, Asphaltsand usw.

Chemisch definieren sich die Erdöle als Gemische verschiedener Kohlenwasserstoffe, die darin in mehreren Reihen auftreten, von denen jede in überaus zahlreichen Gliedern, eine aber vorherrschend vorhanden ist. Letztere ist entweder die Methan- oder Paraffinreihe (CnH2n + 2) oder aber die Naphtenreihe (CnH2n).

Außer den Kohlenwasserstoffen enthalten die meisten Erdöle noch geringe Mengen von Sauerstoff-, Stickstoff- und Schwefelverbindungen, die eine gewisse, aus dem weiteren ersichtliche Bedeutung haben können. Was sonst noch an anorganischen, sogen. accessorischen Beimengungen (Asche) mitunter gefunden wird, kommt hier kaum in Betracht.

Die Oele verschiedener Herkunft sind häufig, wie in der Zusammensetzung, auch in den chemischen und physikalischen Eigenschaften stark verschieden voneinander. Selbst nachbarliche Brunnen liefern unter Umständen ganz unterschiedliches Oel, welche Tatsache allerdings dadurch leicht erklärlich wird, daß die Brunnen trotz ihrer Nachbarschaft zu verschiedenen Lagerstätten führen können.

Was die Entstehung der Erdöle, überhaupt der Bitumen betrifft, so herrschen hierüber noch stark widersprechende Ansichten, indem die einen meinen, sie seien pflanzlichen Ursprungs, etwa das Produkt der Entzündung verschütteter Wälder, wobei das Erdöl gedeutet wird als Terpentinöl vorweltlicher Pinien oder als ein Nebenprodukt |515| der Steinkohlenbildung oder als das Ergebnis trokkener Destillation von Steinkohlen, während andere wieder eine anorganische Entstehung durch Einwirkung von Wasserdämpfen auf die Metallcarbide des Erdinnern annehmen und endlich neuere Forscher einen animalischen Ursprung behaupten. Letztere unter anderen von Höfer vertretene Theorie, wonach das Erdöl aus einer besonderen Zersetzung ungeheurer Massen animalischer Stoffe wie von Fischen, Sauriern, Tintenfischen, Muscheln Korallentieren usw. hervorging, wurde von Engler durch grundlegende Versuche begründet, indem es ihm gelang, Fischtran durch Druckdestillation in ein erdölähnliches Produkt zu verwandeln.

Nach dieser Engler-Höferschen Theorie, welche viel Wahrscheinlichkeit hat, ist somit das Erdöl als das Ergebnis der Zersetzung tierischer Fettstoffe zu betrachten, bei welchem Vorgang das wesentliche in der Fäulnis und Verwesung der Nichtfettstoffe, sowie in der Umwandlung der restlichen Fette in Erdöle beruht. Geologisch wird dieser Prozeß dadurch erklärlich daß, infolge Hebens und Senkens der Ufer, Buchten und Seen vom Meere abgeschnitten wurden, in denen durch verschiedene Ursachen Massengräber mariner Fauna sich bildeten, welche allmählich, unter dem Druck der sich darüber lagernden und luftdicht abschließenden Erdschichten, bei mäßiger Temperatur zersetzt und umgewandelt wurden.

II. Vorkommen des Erdöls.

Daß die vorerwähnte Hypothese über die Entstehung des Erdöls wahrscheinlich ist, bestätigt auch das geologische Vorkommen vorwiegend in den Schichten der Erde, deren Bildung in der sogen. Tertiärzeit erfolgt ist. Damals fand auf weiten Gebieten ein Rückzug des Meeres statt; es bildeten sich Buchten und Meeresarme, die plötzlich geschlossen und wieder überflutet wurden, so daß auf diese Weise günstige Bedingungen entstanden für die Anhäufung faunistischer Massengräber, für die Ausbildung weiter Strandzonen, wie sie z.B. die langgestreckte Bucht darstellt, die sich von Südfrankreich, den Nordrand der Alpen entlang, durch Galizien, Rumänien bis ins westliche Asien erstreckt. Aus dieser Bucht trat als einsame Insel der Kaukasus hervor. Eigentliche Tiefseegewässer kennt die Tertiärzeit nicht, wohl aber schuf sie einen großen reichgegliederten Gürtel von Strandzonen. Hieraus erkennt man sogleich die günstigen Bedingungen für die Entstehung so gewaltiger Erdölmengen, wie sie z.B. der Bezirk von Baku aufweist, wenn man noch das gleichzeitige Vorhandensein einer sehr reich entwickelten höheren und niederen Meeresfauna in Betracht zieht.

Aus vorstehenden Darlegungen folgt bereits a priori, daß Erdöl an vielen Punkten der Erde vorhanden sein muß, weil die Grundbedingungen seiner Entstehung vielerorts erfüllt sind. Daß dieser Schluß richtig ist, bestätigen die zahlreichen Erdölfunde, die bereits gemacht sind, und wird durch neue Funde andauernd weiter erwiesen werden.

Ueber die bedeutendsten und wertvollsten Erdölgebiete verfügt Amerika in den Vereinigten Staaten, wo vom Jahre 1859 ab stetig neue Quellen erschlossen wurden, Feld auf Feld eröffnet wurde und der Reihe nach in die wichtigsten Staaten die Oelindustrie ihren Einzug hielt. Im genannten Jahre machte Pennsylvanien mit der Erbohrung des Drakebrunnens zu Titusville den Anfang. 1860 wurde der erste Brunnen in Westvirginien erschlossen, 1874 das berühmte Bradford-Feld eröffnet, das Schritt vor Schritt in den Staat New York erweitert worden ist. Nun folgten die Funde in Pennsylvanien rasch aufeinander. Das reiche Feld von Mac Donald in den Alleghany- und Washington-Counties kam 1891 in Betrieb und mit ihm das ergiebigste Oellager, das je in jener Gegend erbohrt worden ist; hier wurden wochenlang mehr als 40000 barrels3) = rund 7640000 l pro Tag gefördert. Auch in Ohio, Kalifornien, Kansas und Texas wurden bald bedeutende Oelgebiete gefunden; 1901 erschloß man bei Beaumont in Texas, wenige Meilen von der Küste des mexikanischen Golfs, mächtige Sprudler, bald darauf die Felder von Bakersfield in Kalifornien, ferner solche im südöstlichen Kansas und in Lousiana. Der Wert der hier überall erbeuteten Oele korrespondiert nicht mit der gewonnenen Menge. Im Jahre 1905 betrug der Anteil der Staaten westlich vom Mississippi rund 52 v. H. von der Gesamtförderung Amerikas, wenn man die Menge in Betracht zieht. Dem Werte nach aber ergeben sich nur 23 v. H., weil das Oel der Nord- und Oststaaten dasjenige der West- und Südstaaten an Güte entsprechend übertrifft. Wertvoll ist der besondere Gehalt an Leicht- und Leuchtölen, Paraffin, sowie an Schmierstoffen, nachteilig der Mangel daran und daneben ein höherer Gehalt an Schwefel, Asphalt und Asche, welche die Verarbeitung schwieriger und kostspieliger machen. Pennsylvanien, Kansas, Oklahoma und das Indianergebiet liefern die besten Oele, Texas und Kalifornien die geringwertigsten. Heute verteilt sich die amerikanische Produktion auf sechs voneinander getrennte Felder: 1. Das Appulachische Feld (in den Staaten: New York, Pennsylvanien, West-Virginien, Südost-Ohio, Kentucky und Tennessee); 2. das Lima-Indianafeld (in Nordwest-Ohio und Mittel-Indiana); 3. das Illinoisfeld (im Osten von Illinois); 4. das Midcontinentfeld (in Südost-Kansas, Oklahoma, Indianerterritorium und Nord-Texas); 5. das Goldfeld (in Texas und Louisiana); 6. das Kalifornische Feld (in Kalifornien). Weitere Oelfelder liegen noch in Wyoming, Kolorado, Missouri, Utah usw. Die Ergebnisse dieser sämtlichen Felder von 1905 bis 1910 und ihren Anteil an der amerikanischen Gesamtproduktion zeigen die Tab. 1 und 2 S. 516.

Sehr beachtenswert erscheint auch die aus diesen Zahlen ersichtliche Bewegung der Produktion im ganzen und im einzelnen, welch letztere zum Teil schon abwärts gerichtet ist. Entsprechend hat sich die Lage der Oelzentren Amerikas in kurzer Zeit beträchtlich verschoben. Nur durch stetige Neuaufschlüsse von Feldern, nicht aber durch Steigerung der Bohrtätigkeit, wurde die amerikanische Produktion bisher noch gehoben. Roosevelt |516| hat also wohl Recht, zu verlangen, daß für sachgemäße Ausbeutung der Oelreichtümer des Landes, unter Vermeidung von Raubbau, ernstlich gesorgt werde.

Tabelle 1.

Rohölproduktion in Millionen Barrels.

Felder 1904 1905 1906 1907 1908 1909 1910
Appalachisches
Lima-Indiana
Illinois
Midcontinent
Golf
Kalifornisches
Andere
31,41
24,69

6,19
24,63
29,65
0,51
29,37
22,29
0,18
12,53
36,53
33,43
0,38
27,74
17,55
4,40
22,84
20,53
33,09
0,34
25,34
13,12
24,28
46,85
16,41
39,75
0,34
24,94
10,03
33,69
48,32
16,27
44,85
0,41
26,53
8,21
30,89
49,80
11,91
54,43
0,39
26,55
6,60
33,00
33,50
15,90
77,70
0,35
Summa 117,08 134,72 166,09 178,53 178,53 182,13 213,60

Tabelle 2.

Rohölproduktion in v. H.

Felder 1904 1905 1906 1907 1908 1909 1910
Appalachisches
Lima-Indiana
Illinois
Midkontinent
Golf
Kalifornisches
Andere
26,83
21,09

5,28
21,03
25,33
0,44
21,80
16,55
0,14
0,30
27,11
24,81
0,29
21,93
13,88
3,47
18,05
16,23
26,17
0,27
15,26
7,90
14,72
28,20
9,88
23,93
0,21
13,97
5,62
14,87
27,07
9,11
25,13
0,23
14,57
5,51
16,96
27,34
6,54
29,89
0,19
12,43
3,09
15,45
25,04
7,44
36,38
0,17
Summa 100,00 100,00 100,00 100,00 100,00 100,00 100,00

Nächst Amerika hat Rußland die bedeutendsten Erdölgebiete der Welt in dem Gouvernement Baku auf der Halbinsel Apscheron, wie schon erwähnt. Fast 95 v. H. der russischen Erzeugung entfallen auf dieses Gebiet mit seinen acht Oelfeldern, von denen Balachany, Ssabuntschy, Romany und Bibi-Eibat die bekanntesten und ergiebigsten sind. Allein Ssabuntschy hat 1500 tätige und über 600 verlassene Bohrlöcher, was einen schlagenden Beweis für die Intensität dieses Betriebes ergibt. Neben Baku kommen noch mehrere andere Erdölgebiete im Kaukasus in Betracht, wie das Daghestangebiet im Bereiche des Kaspischen Meeres, das Terekgebiet bei Großny unweit der Rostow-Wladikawkaser-Bahn, das Gouvernement Tiflis mit dem Bezirk Kutais und das Gouvernement Jelissawetpol, sowie das Kubangebiet östlich der Hafenstadt Noworossisk. Wertvolle Erdöllager, die noch wenig erschlossen sind, besitzt auch Russisch-Turkestan, ebendort die Insel Tscheleken am östlichen Ufer des Kaspischen Meeres und die Provinz Ferghana, wo bei dem Orte Tschimion heute schon viel Erdöl gebohrt wird.

Bakus Geschichte reicht, wie gesagt, in die graue Vorzeit zurück; dennoch ist seine eigentliche Oelindustrie noch sehr jung, wie diejenige Amerikas. Um 900 berichtet Massudi ausführlich von den Quellen bei Baku im Reiche Schirwan, zu dem es damals gehörte. Er erwähnt das Vorkommen weißer und andersartiger Nafta an diesem Orte und nennt ihn ein Nephataland, d.h. reich an brennenden Naftabrunnen. Im Mittelalter war die Oelgewinnung bei Baku Monopol der persischen Schahs, die daraus durch Verpachtung großen Gewinn erzielten.

Von den Persern fiel Baku 1723 durch Eroberung an Peter den Großen, der die Bedeutung der Quellen erkannte, auch schon eine Untersuchung und geregelte Ausbeutung derselben erstrebte. Aber diese weitsichtigen Pläne wurden unter der folgenden Perserherrschaft wieder zuschanden. Im Jahre 1806 erwarb Rußland das Bakugebiet dauernd und machte es zum Kroneigentum und die Oelgewinnung zum Monopol, das bis 1834 verpachtet, dann wieder bis 1850 in den Händen der Regierung und darauf abermals bis 1872 verpachtet war. Im letzteren Jahr wurde durch Kaiserlichen Ukas das Bakuer Oel frei, und die der Krone gehörigen Quellen wurden zu hohen Preisen verpachtet; aber mehr als die bisherigen Verpachtungen brachten dem Staate die Landpacht und die Fabrikationssteuer, die neu eingeführt wurden. Den gewaltigsten Aufschwung nahm Baku nur wenige Jahre später mit dem Beginn der industriellen Tätigkeit der Gebrüder Nobel, deren Name unauflöslich mit der Petroleumindustrie Rußlands verbunden ist, wie der Name Rockefeller mit der amerikanischen.

Tabelle 3.

Rohölproduktion in Millionen Tonnen.

Jahr Balachany Ssabuntschy Romany Bibi-Eibat
1900 2,04 4,12 1,88 1,79
1901 1,92 4,83 2,03 2,18
1902 1,67 4,38 2,28 2,08
1903 1,46 3,88 1,96 2,58
1904 1,34 3,56 2,18 2,97
1905 0,93 2,23 1,51 2,07
1906 1,11 2,56 1,56 2,09
1907 1,16 3,00 1,45 2,15
1908 1,14 3,22 1,28 1,96
1909 1,19 3,38 1,42 2,01

Tabelle 4.

Rohölproduktion in Millionen Tonnen.

Jahr Baku Grosny Total
1900 9,84 0,49 10,33
1901 11,05 0,57 11,62
1902 10,43 0,56 10,99
1903 9,78 0,54 10,32
1904 10,06 0,65 10,71
1905 6,79 0,70 7,49
1906 6,84 0,63 7,47
1907 7,80 0,64 8,44
1908 7,62 0,86 8,48
1909 8,07 0,93 9,00
1910 7,83 1,12 8,95

Größe und Bewegung der Produktion in den Hauptfeldern Bakus von 1900 bis 1909 zeigt obenstehende Tab. 3, während Tab. 4 die gleichen Verhältnisse für die beiden Hauptgebiete Rußlands, Baku und Grosny, veranschaulicht. Diese Zahlen geben im ganzen ein ähnliches Bild wie die oben für Amerika registrierten. Abgesehen von Bibi-Eibat ist die Ausbeute in den Hauptfeldern |517| Bakus zurückgegangen und im Gegensatz zu Amerika hat die Steigerung in anderen Feldern das Sinken der Gesamtproduktion im letzten Jahrzehnt nicht aufhalten können. An eine Erschöpfung der Bakuer Lager ist allerdings vorerst kaum zu denken. Und diese sind nach wie vor der Mittelpunkt der russischen Petroleumindustrie. Das Gebiet von Baku ist ferner im Vergleich zu den noch unerschlossenen Petroleumfeldern Rußlands nur klein; ebenso sind ihm die der Produktion voll erschlossenen Oelfelder Amerikas räumlich weit überlegen. Sonach rechtfertigt sich die Meinung vieler, daß Rußland noch das erste Petroleumland der Erde zu werden verspricht, wenn seine neueren Gebiete im Laufe der Jahre auch nur annähernd die gleiche Ausbeute ermöglichen sollten wie die alten.

(Fortsetzung folgt.)

|514|

vergl. Höfer, Das Erdöl und seine Verwandte.

|514|

D. p. J. Bd. 260. S. 61.

|515|

1 barrel = 42 Gallonen à 4,543 l.

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