Titel: KASSNER: Gesichtspunkte für die industrielle Gewinnung von Sauerstoff usw.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1912, Band 327 (S. 593–597)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj327/ar327182

GESICHTSPUNKTE FÜR DIE INDUSTRIELLE GEWINNUNG VON SAUERSTOFF UND EIN NEUES CHEMISCHES VERFAHREN FÜR SEINE ERZEUGUNG (PLUMBOXAN-VERFAHREN).

Von Dr. Georg Kaßner, Professor in Münster i. W.

Inhaltsübersicht.

Technische Bedeutung reinen Sauerstoffs. Die Frage besserer Brennstoffausnutzung mit Anwendung von reinem Sauerstoff verknüpft. Einteilung der Verfahren zur Gewinnung von Sauerstoff in Klein- und in Großverfahren, in chemische und in physikalische Verfahren. Baryt-Verfahren von Boussingault-Brin. Seine frühere Anlage zu Berlin (Dr. Elkan). Vorzüge und Fehler desselben. Desgleichen Verfahren von Tessié du Motay. Desgleichen Kaßners Calciumplumbat-Verfahren. Verschiedene Modifikationen desselben unter Benutzung reiner oder verdünnter Kohlensäure. Physikalisches Verfahren von Linde. Prinzip desselben. Sauerstoff aus flüssiger Luft durch Destillation. Momente, welche hierbei Verluste bedingen. Grenze der Leistungsfähigkeit physikalischer Sauerstoffgewinnung. Die Möglichkeit weiteren Fortschritts liegt auf dem Gebiete der Chemie. Gründe dafür, besonders Unterschiede zwischen beiden in dem erforderlichen Aufwand an Energie. Ausnutzung direkt gewonnener Kalorien beim chemischen Verfahren und indirekt erhaltener beim physikalischen. Aeußere und innere Hemmungen eines Verfahrens. Bedingungen für ein ideales chemisches Sauerstoffverfahren. Kaßners Plumboxan-Verfahren. Möglichkeit seiner Anwendung in der Hüttentechnik.

––––––––––

Der Wunsch, Sauerstoff in reinem Zustande an Stelle atmosphärischer Luft zu mancherlei Zwecken der Heilkunde und der Technik zu verwenden, ist fast ebenso alt als die Kenntnis des Gases selbst.

Nachdem es allgemein ins Bewußtsein eingedrungen war, daß nur der Sauerstoff in der Atmosphäre die eigentliche Lebensluft ist, nachdem man die enormen Temperatursteigerungen beim Verbrennen mancher Körper in reinem Sauerstoff bestaunt und die hierbei stattfindenden glänzenden Lichterscheinungen bewundert hatte, lag eben nichts näher, als der Wunsch, sich des reinen Sauerstoffs, d.h. frei von dem in der gewöhnlichen Luft beigemischten, das Vierfache seines eigenen Volums ausmachenden Stickstoff, in allen solchen Fällen zu bedienen.

Durch seine Gegenwart wirkt der Stickstoff lediglich nur als Ballast, verdünnt unnötig die durch die Vereinigung mit Sauerstoff entstandenen Reaktions- und Verbrennungsprodukte und vernichtet die beim Verbrennungsakt auftretenden Kalorien insofern, als er fast ⅘ derselben zur eigenen Erwärmung braucht und somit das Zustandekommen einer ohne ihn erreichbaren Höchsttemperatur vereitelt.

Durch eine derartige Verdünnung und Verbreitung der erzeugten Wärme auf einen großen Raum wird aber gleichzeitig die Wärmeausnutzung erschwert, da diese um so besser wird, je größer das Temperaturgefälle zwischen wärmeerzeugendem und wärmeaufnehmendem Medium ist.

Man sieht, es schließt die Frage der Verbrennung in und mit reinem Sauerstoff auch die einer besseren Ausnutzung der Brennstoffe oder mit anderen Worten die der Verhinderung einer Brennstoff Verschwendung ein, ein Problem, das zu lösen bei der zunehmenden Knappheit der Brennstoffe ohne Zweifel für die Menschheit immer wichtiger wird.

Freilich, die zuletzt hervorgehobene Seite. der Sauerstofffrage ist erst neueren Datums, ja in manchen Köpfen besitzt sie nur etwa utopistischen Charakter, müßte doch, um ihr zu genügen, der reine Sauerstoff fast kostenlos dem Heizungstechniker zur Verfügung stehen.

Wer wollte jedoch einer Entwicklung der Sauerstofftechnik auch nach der eben berührten Seite der rationellen Brennstoffausnutzung alle innere Berechtigung versagen? Wer wollte ein absprechendes Urteil fällen, heutzutage, wo die Erfahrung wiederholt gezeigt hat, daß manche Zweige der Technik aller Voraussicht zuwider eine glänzende Entwicklung genommen haben?!

Es lag in der Natur der Sache, daß die ersten nach der Entdeckung des Sauerstoffs benutzten Verfahren zu, seiner Herstellung rein chemischer Natur waren. Wurde doch der Sauerstoff von Lavoisier durch Erhitzen von Quecksilberoxyd zuerst gewonnen. Später folgte die |594| Abscheidung aus Braunstein, aus chlorsaurem Kali, aus Salpeter, aus konzentrierter Schwefelsäure usw., alles Substanzen, welche in der Glühhitze unter mehr oder weniger großer Abgabe von Sauerstoff zerfallen,

Heute wissen wir, daß die auf Verwendung dieser und ähnlich sich verhaltender Substanzen basierenden Verfahren für eine Massenfabrikation des Gases, für seine industrielle Herstellung gar nicht in Betracht kommen können, und zwar deswegen nicht, weil der nach Abspaltung des Sauerstoffs verbleibende Rest der Verbindung nicht ohne weiteres wieder in die ursprüngliche sauerstoffreiche Verbindung aufgearbeitet werden kann.

Sie gehören zu den sogen. Kleinverfahren, welche wohl hier und da, wie z.B. in Laboratorien, Schulen usw. bei geringem Bedarf an Sauerstoff noch eine gewisse Rolle spielen können, welche aber für den Großkonsum ganz außer acht bleiben müssen. Im Gegensatz zu ihnen stehen die Großverfahren. Sie sind es, welche den Sauerstoff direkt aus dem unerschöpflich uns zur Verfügung stehenden Reservoir, der atmosphärischen Luft, entnehmen und ihn nach chemischer oder physikalischer, d.h. meist mechanischer Vorbehandlung uns in reinem Zustande liefern. Daher kann man auch das elektrolytische Verfahren der Wasserzersetzung, obwohl es in diversen Systemen noch viel verbreitet und durchgeführt wird, eigentlich nicht zu den Großverfahren rechnen.

Abgesehen von der Herkunft des Sauerstoffs spricht hier schon die Tatsache dagegen, daß zur Zerreißung der Verbindung H2O ein ganz gewaltiger Energieaufwand von 285714 Volt-Coulombs oder 68400 kl. Kalorien für das Gramm-Molekül erforderlich ist, während die Trennung des mechanischen Gemenges der Luftbestandteile theoretisch keinerlei Energieverbrauch erfordert.

Wie schon gesagt, gelangt man aus der Luft zu reinem Sauerstoff durch Vorbehandlung derselben mit Hilfe chemischer, sich in dem Prozeß immer wieder ergänzender, regenerierbarer Stoffe oder durch Einwirkung physikalischer Methoden. In dem Entwicklungsgang dieser Technik war das erste der als brauchbar erkannten und zu kontinuierlichem Betriebe versuchsweise herangezogenen Großverfahren dasjenige von Tessié du Motay, das sogen. Manganatverfahren, welches auch von anderen Technikern mit relativ günstigem Resultat in früherer anspruchsloser Zeit erprobt wurde. Dann folgte die Verwendung des Baryumsuperoxyds zu gleichem Zweck. Noch erinnere ich mich deutlich, mit welcher Begeisterung mich in meinen ersten Studiensemestern die im chemischen Universitätskolleg zu Basel1) im W.-S. 1879/80 vernommene schöne Entdeckung von Boussingault hinsichtlich der beständigen Bildung und Zersetzung von Baryumsuperoxyd beim Erhitzen an der Luft erfüllte, eine Entdeckung, welche mein wirtschaftlichchemisches Empfinden seitdem fortdauernd beschäftigte und welche, von anderer Seite bearbeitet, die Grundlage des späteren Verfahrens von Brinfrères wurde. Ich will bei diesem Verfahren zunächst etwas stehen bleiben, da es unter den chemischen Prozessen dasjenige ist, welches sich im Fabrikbetriebe am längsten erhalten hat.

Mitte der 80 er Jahre des vorigen Jahrhunderts gelangte es in diversen Großstädten zur Einführung und hat sich z.B. in seiner Berliner Anlage, welche ursprünglich von Dr. Elkan geschaffen war, bis in die letzten Jahre daselbst im Betriebe erhalten. Noch im Jahre 1910 sah ich denselben Ofen in Tätigkeit, welcher schon 1889 bei der Einführung des Artikels „komprimierter Sauerstoff“ auf dem deutschen Markt zur Produktion dieses Gases diente.

Diese Stabilität verdankte das Verfahren trotz mancher inneren Mängel der völlig selbsttätigen Betriebsweise, bei welcher durch ein Uhrwerk in ganz bestimmten Zeiträumen die Ventile zur Lufteinfuhr und zur Herausnahme des Sauerstoffs, wechselweise auf maschinellem Wege, also unabhängig von jeder menschlichen Bedienung umgestellt wurden. Dazu kam trotz des Umstandes, daß eigentlich nur bei niedriger Temperatur der Sauerstoff vom Baryumoxyd aufgenommen, dagegen bei höherer erst wieder abgegeben wird, die für die Praxis so wichtige Innehaltung einer annähernden Temperaturkonstanz dadurch, daß die kalte Luft unter Druck in das Retortensystem eingeblasen, der Sauerstoff dagegen unter Absaugen gewonnen wurde.

Hierdurch waren wenigstens Druckgegensätze (bez. Konzentrationsgegensätze) geschaffen, da Temperaturgegensätze, welche das Verfahren in seiner ursprünglichen Gestalt besaß und für rationelle Arbeitsleistung eigentlich auch haben mußte, aus praktischen Gründen nicht, d.h. nicht in wünschenswertem Umfange möglich waren.

So vollziehen sich nun hintereinander folgende Reaktionen

a) (unter Druck) Ba O + Luft (= rund 4 N + 0)

= Ba O2 + 4 N (ins Freie),

c) (unter Evakuierung) BaO2 = O + BaO (zum Gasometer),

Man sieht gleich, daß bei dieser Einrichtung ein guter Teil des entwickelten reinen Sauerstoffs wieder verloren gehen muß, nämlich so viel als der beim Beginn des Absaugens in den Poren des Materials enthaltene Stickstoff zu seiner Herausbeförderung bedarf.

Der Hauptfehler des Verfahrens ist eben der, daß sich in dasselbe zwischen Stickstoff und Sauerstoff keine weitere indifferente Gasphase, etwa z.B. Einblasen von Wasserdampf einschieben läßt. Das Baryumoxyd bezw. Baryumsuperoxyd verträgt solches nicht, da es sofort in völlig unwirksames Baryumhydrat übergeführt würde. Ebenso muß jede Spur von Kohlensäure und auch von Staub in der Luft, welcher beim Verbrennen in den Retorten Kohlensäure liefern würde, ausgeschlossen sein.

Wenn sich nun trotz dieser Mängel und trotz jedesmaliger nur kleiner Ausbeute an Sauerstoff das Boussingaultsche, von Brin frères verbesserte Verfahren bis auf unsere Tage lebensfähig erhalten hat, so ist das |595| eben nur, von der besonders guten schwammförmig porösen Beschaffenheit des Materials abgesehen, der ingeniösen maschinell-selbsttätigen Betriebsweise zu verdanken.

Was die zur Anwendung kommende Temperatur anbelangt, so ist sie auf etwa 700°C zu beziffern.

Sehr vieler Bemühungen, es lebensfähig zu erhalten, hatte sich auch fernerhin das mit dem Namen Tessié du Motays verbundene, sogen. Manganatverfahren zu erfreuen. Und mit Recht. Ist doch der Kern desselben die außerordentlich leicht zu vollziehende Bildung von Alkalimanganat, und wird doch ferner die Entwicklung des Sauerstoffs durch Einblasen von Wasserdampf bewirkt.

Aber freilich alle die vorgeschlagenen Verbesserungen haben die Ursache der Hemmungen und Widerstände der einfach und glatt erscheinenden Reaktionen nicht zu beseitigen vermocht, weil solche bis dato unbekannt waren oder nicht beachtet wurden. Wie ein jedes System für seine Durchführung gewissen, je nach der Natur des Systems verschiedenartigen und verschieden großen Widerstanden begegnet, bei mechanischen Apparaten und Maschinen ist es zumeist der Reibungswiderstand der gleitenden Kolben, sich drehenden Achsen usw., bei chemischen Verfahren sind es innere Hemmungen, Nebenreaktionen oder Zersetzungen der Masse, welche den Erfolg beeinträchtigen, so liegen gerade bei dem schönen Verfahren von Tessié du Motay Hemmungen besonderer Art vor.

Von ihnen wird später noch die Rede sein.

Um dieselbe Zeit etwa wie das Boussingaultsche Verfahren in der Verbesserurig von Brin Eingang in die Industrie fand, hatte ich selbst als Frucht der darauf gerichteten Bemühungen, welche ihren Ursprung von der Baseler Anregung aus nahmen, ein neues Verfahren zur Verwertung des Luftsauerstoffs aufgefunden.

Ich habe es im Jahre 1889 in D. p. J. veröffentlicht unter dem Titel „Ein neues Verfahren zur Nutzbarmachung des Sauerstoffs der Luft und die demselben zu Grunde liegenden Verbindungen“.

In der Absicht, die Sauerstoffaufnahmefähigkeit des Bleioxyds, wie sie z.B. in der Bildung der Mennige sich dokumentiert, auszunutzen und mit der des Baryumoxyds zu kombinieren, unternahm ich zahlreiche Versuche und ermittelte so die Existenz der Erdalkaliorthoplumbate, des schwarzen Ba2 Pb O4, des braunen Sr2 Pb O4 und des fleischfarbenen Ca2 Pb O4.

Von diesen Verbindungen ist die letzterwähnte, das Kalziumorthoplumbat oder kurz auch bleisaurer Kalk genannt, die wichtigste, weil sie sehr leicht und rasch bei mittlerer Rotglut aus ihren Komponenten entsteht. So z.B. aus Aetzkalk (Ca O) oder sogar aus Kalziumkarbonat nach der Gleichung

PbO + 2CaCO3 + O (Luft) = Ca2PbO4 + 2CO2.

Diese Verbindung hat inzwischen mancherlei Anwendungen in der Praxis erfahren, z.B. als Glasurmittel, als Zusatz zu Zündmischungen, vor allem aber war sie geeignet, die Grundlage eines neuen Verfahrens zur Abscheidung von Sauerstoff aus der Luft zu bilden.

Gemäß der besonderen Natur dieser Verbindung war es aber nicht möglich, sie durch bloßes Erhitzen zu einer technisch brauchbaren Abgabe von Sauerstoff zu bringen, wie es bei dem einfachen Körper BaO2 der Fall ist. Die salzartige Verbindung zwischen Kalk und Bleisäure bezw, Bleisäureanhydrid, wie sie nebenstehende Formulierung Ca2PbO4 = 2CaO ∙ PbO2 zeigt, mußte erst durch eine andere Säure gespalten werden.

So gelangte ich zur Verwendung von Kohlensäure als der für den Zweck billigsten und geeignetsten Säure, da sie beim Regenerierprozeß immer wieder gasförmig ausgetrieben werden kann.

Von den beiden Möglichkeiten, nämlich entweder verdünnte Kohlensäure wie sie in den Rauchgasen kostenlos zur Verfügung steht, oder aber konzentrierte reine2) Kohlensäure zu verwenden, hat sich letztere in der Praxis am besten bewährt.

Denn die Benutzung verdünnter Kohlensäure erheischt einen beständigen Wechsel der Temperatur in der Behandlung der Masse, um den Stickstoff der Rauchgase ausscheiden zu können. Das hierbei bei niedriger Temperatur nach der Gleichung a, Ca2PbO4 + Rauchgase (= rund 2CO2 + 8N2) = 2CaCO3 ∙ PbO2 + 8N2 erhaltene Gemisch von 2 Ca CO3 + Pb O2 kann eben nur bei höherer Temperatur seines Sauerstoffs beraubt und erst dann an der Luft regeneriert werden gemäß den Gleichungen

b) (2 Ca CO3 + Pb O2) = 0 (zum Gasometer)

+ (2 Ca CO3 + Pb O),

c) (2 Ca CO3 + Pb O) + Luft (O + 4 N)

= 2 CO2 + 4 N + Ca2 Pb O4.

Bei Anwendung reiner Kohlensäure verlaufen dagegen Austreibung von Sauerstoff und Regenerierung bei derselben Temperatur

a) Ca2 Pb O4 + 2 CO2 = O (zum Gasometer)

+ (2 Ca CO3 ∙ Pb O).

b) (2 Ca CO3 ∙ Pb O) + Luft (O + 4N)

= Ca2 Pb O4 + 4 N + 2 CO2 ins Freie.

Der mit Gleichung b verbundene Verlust von Kohlensäure kann aber durch Einschiebung einer Dampfphase größtenteils vermieden werden, indem mäh vor dem! Einblasen von Luft mit Wasserdampf die gebundene Kohlensäure austreibt und für sich zurückgewinnt. Es ist dann

a1) (2 Ca CO3 ∙ Pb O) + Wasserdampf = (2 Ca O ∙ Pb O)

+ 2 CO2 (in den Gasometer) + Wasserdampf.

Die Gleichung b wird dann zu b1, nämlich

b1) (2 Ca O ∙ Pb O) + Luft (O + 4 N)

= Ca2 Pb O4 + 4 N (ins Freie).

Die Regenerierung vollzieht sich unter diesen Umständen mit außerordentlicher Leichtigkeit, wozu hoch kommt, daß durch die Einwirkung des Dampfes die wirksame Materie ganz erheblich aufgelockert worden ist.

Für den Prozeß der Sauerstoffgewinnung aus Kalziumplumbat bedeutet es allen anderen chemischen Proyessen |596| gegenüber einen großen Vorteil, daß beständig hintereinander zwei Gase in die Substanzeintreten, nämlich Sauerstoff und Kohlensäure, wodurch eine weitgehende Auflockerung erfolgt, und daß schließlich durch Wasserdampf jeglicher Stickstoff aus der Masse ausgetrieben werden kann.

In der Tat, ich kenne keine Materie, welche, mit der Eigenschaft der Regenerierbarkeit behaftet, auf so kleinem Raum eine derartig große Menge Sauerstoff zu fixieren und in der Entwicklungsphase auch quantitativ abzugeben vermag, wie das Kalziumorthoplumbat.

Aber ein Nachteil der Substanz und des Verfahrens ist die Notwendigkeit, reine Kohlensäure verwenden zu müssen. Außerdem ist die bei dem Prozeß ähnlich wie beim Brinschen erforderliche hohe Temperatur von 700 bis 800°C ein weiterer Uebelstand.

Innere Hemmungen sind bei dieser Reaktion unter der Voraussetzung, daß das Temperaturmaximum von 800° C nicht überschritten wird, kaum vorhanden.

So erklärt es sich, daß dieses Verfahren in unmittelbarer Nähe einer natürlichen Kohlensäurequelle3) etwa zwei Jahre im Betriebe war; ich bin überzeugt, daß es noch heute Sauerstoff auf den Markt bringen würde, wenn die das Verfahren seiner Zeit ausbeutende Firma sich entschlossen hätte, einen sachgemäßen und auf die Betriebserfahrungen gegründeten Umbau der viele Mängel zeigenden Ofenanlage vorzunehmen.

Nicht zum wenigsten ist freilich die damals notwendig gewordene, aber unterbliebene Reorganisation der Anlage durch die immer drohender gewordene Konkurrenz der physikalischen Verfahren veranlaßt worden.

Es war im Jahre 1896, als die alle Welt verblüffende Erfindung Lindes und die seiner mit ihm konkurrierenden Fachgenossen bekannt wurden, welche dahin gingen, auf eine einfache maschinelle Betriebsweise flüssige Luft zu erzeugen, woran sich dann die Versuche schlössen, diese flüssige Luft durch ein rationelles Siede- und Dephlegmationsverfahren in möglichst reinen Sauerstoff und möglichst reinen Stickstoff mit möglichst geringen Verlusten zu zerlegen.

In kurzen Zügen ist das Verfahren Lindes und seiner Partner bekanntlich folgendes:

Atmosphärische Luft, welche man vorher von jeder Spur Feuchtigkeit und Kohlensäurebefreien muß, falls der Erzeugungsapparat sich nicht binnen Kurzem durch feste Kohlensäure und Eis verstopfen soll (was einen Teil der inneren Hemmungen dieser mechanischen Verfahren darstellt), wird durch Kompressoren auf einen Druck von 125 bis 200 at gebracht und alsdann mit Hilfe sorgfältig einzustellender Ventile entspannt.

Es findet hierbei nach der Formel von Thomson-Kelvin eine von dem Druckunterschied der Luft vor und hinter dem Ventil abhängige Temperaturerniedrigung statt, welche nun unter sinnreicher Anwendung des bekannten Wärme- bezw. Kälteregenerativprinzips von Friedr. Siemens fortwährend kumuliert wird, indem die abziehende entspannte und dadurch abgekühlte Luft in konzentrischem Rohre um die im Kernrohr dem Ventil zuströmende hochgespannte Luft herum und zwar nach dem Gegenstromprinzip nach außen geführt wird, so daß die Temperatur der zu entspannenden Luft fortwährend sinkt, bis dann schließlich der letzte Entspannungs-Temperatursturz die Verflüssigung der Luft bewirkt.

Dieselbe findet bei etwa – 193° statt. Da nun reiner Sauerstoff bei etwa – 182°, reiner Stickstoff bei etwa – 195° siedet, so haben Mischungen beider flüssigen Gase Siedepunkte, welche zwischen – 182° und – 195° liegen.

Beim Stehenlassen flüssiger Luft, wodurch von selbst Wärmezufuhr von außen stattfindet, gerät die flüssige Luft ins Sieden und zeigen sich die ersten abgehenden Dämpfe, entsprechend dem niedrigeren Siedepunkte des Stickstoffs, sehr reich an diesem Gase; bei weiterem. Verdampfen werden die Anteile an mitentwelchendem Sauerstoff größer und am Schluß der Verdampfung kommt fast reiner Sauerstoff.

Die in dem Unterschiede der Siedepunkte liegende Möglichkeit einer rationellen Trennung der beiden Gase für wirtschaftliche Zwecke galt es nun durch Konstruktion geeigneter Dephlegmationskolonnen zur Wirklichkeit werden zu lassen.

Man muß sagen, daß wohl eine weitgehende Trennung der Gase in den oft komplizierten und mit minutiöser Sorgfalt gebauten Rektifikationsapparaten bewirkt werden kann. Aber es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß es dem technischen Betriebe gelänge, aus 100 cbm Luft glatt rd. 20,8 cbm Sauerstoff und 79,2 cbm Stickstoff zu erhalten.

Eine derartige Leistung kann allenfalls nur ein chemisches Verfahren geben. Man muß schon froh sein, wenn es gelingt, dem entwelchenden Stickstoff nicht mehr als 8 bis 9 v. H. Sauerstoff zu belassen, während die Sauerstoffausbeute dabei, den Gewinn von 95prozentigem Sauerstoff vorausgesetzt, auf etwa 12 bis 13 v. H. von 100 Teilen Luft kommt.4)

Daß bei derartigen, in der Praxis noch als gut geltenden Ausbeuten der mit dem Stickstoff entwelchende Sauerstoff rein umsonst durch die verschiedenen Stufen des Verfahrens: Reinigung der Luft, Kompression, Entspannung, Rektifikation hindurchgeschleppt worden ist, sei zunächst nebenbei bemerkt.

Neuerdings soll (vergl. Borchardt l. c.) es nunmehr, freilich mit Hilfe einer zweistufigen, also durch den Mehrbedarf an Apparatur jedenfalls noch komplizierteren Rektifikation, möglich sein, den Sauerstoffgehalt des entwelchenden Stickstoffs auch noch unter 7 v. H. (nach Angaben der Gesellschaft Linde auf 3 bis 4 v. H.) herunterzudrücken.

|597|

Immerhin bleibt ein unnützes und daher verlustbedeutendes Hindurchschleppen verlorengehenden Sauerstoffs, der in einem wirkungsvollen, rein chemischen Verfahren nicht verloren zu gehen braucht.

Auch das Linde sehe Verfahren ist noch etwas verbessert worden. So kann z.B. die von Georges Claude bewirkte erfolgreiche Durchführung einer alten Siemens sehen Idee als eine gewisse Verbesserung bezeichnet werden, deren Kern die Tatsache ist, daß sich die Entspannung in einem geeigneten System unter Rückgewinn eines Teils der zur Kompression aufgewendeten Arbeit bewerkstelligen läßt. Man spricht dann von Luftverflüssigung unter Leistung äußerer Arbeit. Ob aber der dabei zu erzielende Gewinn die Mehrumstände des Verfahrens, den Aufwand an Ergänzungsapparaten, die Zunahme des Gewichts und Volumens der Verflüssigungsapparatur, im Verhältnis zu denen auch die Kälteverluste wachsen und andere Uebelstände mehr reichlich aufwiegt, erscheint doch einigermaßen fraglich.

(Schluß folgt.)

|594|

Es ist das Kolleg über allgemeine anorganische Chemie von Jul. Piccard gemeint.

|595|

Zuerst von Peitz benutzt.

|596|

Zu Herste bei Driburg i. W.

|596|

Vergl. den beachtenswerten Aufsatz von Dipl.-Ing. Ph. Borchardt in Heft 1 der Zeitschrift für Sauerstoff- und Stickstoff-Industrie 1911, betitelt: „Maßgebende Gesichtspunkte für die Beurteilung eines Sauerstoffapparates“.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: