Titel: EINGESANDT.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1912, Band 327/Miszelle 1 (S. 48)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj327/mi327is03_1

EINGESANDT.

Zur Wirtschaftslage der Brücken- und Eisenbau-Anstalten Deutschlands.

Der Verein deutscher Brücken- und Eisenbau-Fabriken hat am 28. Oktober 1911 unter zahlreicher Beteiligung seiner Mitglieder in Nürnberg seine VII. ordentliche Hauptversammlung abgehalten.

Aus dem über das laufende Geschäftsjahr (1. Juli 1910 bis 30. Juni 1911) vom Vorsitzenden des Vereins der Versammlung erstatteten Bericht über die allgemeine Marktlage ist folgendes von Interesse:

Dem Verein gehören zurzeit 100 Firmen an, und stellen diese schätzungsweise ¾ der gesamten Erzeugung Deutschlands an Brücken- und Eisenkonstruktionen jeder Art her.

Die Bestrebungen, eine Hebung der Preise durchzuführen, hatten leider nicht den gewünschten Erfolg. Die Preise für Eisenkonstruktionen decken in vielen Fällen nicht einmal die Generalunkosten und lassen einen Gewinn nur in seltenen Fällen übrig.

Daß das verflossene Jahr eine Preisbesserung nicht brachte, ist um so auffälliger, als die Erzeugung der Werke auch im letzten Geschäftsjahr stark zugenommen hat: dieselbe betrug:

308712 t mit M 87560194,– Wert im Jahre 1908/09,
344202 t M 87704868,– 1909/10,
402335 t M 100098200,– 1910/11.

Die durchschnittliche Produktion der vereinigten Werke betrug also für den Monat im letzten Geschäftsjahr rd. 33500000 kg.

Die Ursache der ungünstigen Geschäftslage ist teilweise in dem öffentlichen Submissionsverfahren zu suchen, wie es von Staat und Gemeinde gehandhabt wird.

Nicht danach sollte gefragt werden, wie billig eine Arbeit herzustellen ist, sondern danach, ob der geforderte Preis auch im richtigen Verhältnis zu der Arbeitsleistung steht.

Das Submissionsverfahren ist durch die Jahre hindurch zu einem „Unterbietungsverfahren“ geworden, das durch die Beteiligung von Firmen, die sich früher überhaupt nicht mit der Lieferung von Eisenkonstruktionen befaßten, jetzt noch eine erneute Verschärfung erfahren hat.

Von der gesamten Erzeugung des Vereins sind ⅓ für Staat und Behörden bestimmt, während Brücken- und Eisenkonstruktionen im ungefähren Wert von 10 Millionen Mark im letzten Jahre ins Ausland gegangen sind.

Die Konkurrenz auf dem Auslandsmarkt hat immer schärfere Formen angenommen, und namentlich im Osten wird der deutsche Export sehr bedrängt.

Während die Beschäftigung der Werke im allgemeinen als gut angesehen werden muß, läßt doch die Gleichmäßigkeit der Beschäftigung manches zu wünschen übrig. Während einzelne Firmen für sechs Monate zu tun haben, reicht bei anderen Werken die Auftragsmenge kaum für einige Wochen. Die Bezüge des Staates, die von Jahr zu Jahr abnehmen, haben im Vorjahre eine weitere Minderung erfahren.

Die Industrie und namentlich die Gruben und Hüttenwerke haben in dem verflossenen Jahr eine ungewöhnliche Bautätigkeit entwickelt und vorübergehend einen außerordentlich großen Bedarf an Eisenkonstruktionen aller Art erfordert.

Die große Versuchsmaschine, die der Verein mit einem Kostenaufwand von etwa M 250000 zu Versuchen mit Eisenkonstruktionsteilen bauen läßt und die auf dem Terrain des Kgl. Materialprüfungsfeldes in Groß-Lichterfelde aufgestellt wird, kann erst zu Anfang des Jahres 1912 in Betrieb kommen. Bis dahin müssen die Versuche mit kleineren Eisenkonstruktionsteilen noch auf der Maschine des Materialprüfungsamtes zu Groß-Lichterfelde ausgeführt werden, die aber mit anderen Arbeiten zu stark besetzt ist und auch durch Brüche wiederholt außer Betrieb war. Diese Schwierigkeiten sind nun behoben, und es ist zu hoffen, daß die Versuche ungestört zu Ende geführt werden können.

Die Versuche größeren Stils mit der vom Verein erbauten Maschine, welche Druckkräfte in Höhe bis zu 3000 t und Zugkräfte bis zur Höhe von 1500 t entwickeln kann, werden, wie gehofft wird, dem Konstrukteur wichtige Aufschlüsse geben.

Mit der Erledigung innerer Verwaltungsfragen fand die Versammlung ihren Abschluß.

––––––––––

In der am 5. Dezember 1911 unter dem Vorsitz des Herrn Ministerialdirektors Dr.-Ing. Wichert abgehaltenen Versammlung erstattete Herr Regierungsrat Zweiling den Bericht des Prämiierungsausschusses über das Ergebnis des diesjährigen Preisausschreibens (Beuth-Aufgabe):

Die zu lösende Aufgabe betraf eine durch Einphasenstrom angetriebene Kohlengruben-Förderanlage von 51 Nutzlast und 20 m Sekundengeschwindigkeit bei 1000 m Teufe, einphasiger Wechselstrom von 60000 V Spannung und 15 Perioden stand aus einem Vollbahnkraftwerk zur Verfügung. Verlangt war:. Eine Gesamtzeichnung der Anlage, einschließlich des Förderturmes und der Anlagen zu Umformung und Verteilung der elektrischen Arbeit; Gesamtzeichnung der Fördermaschine, die deren Aufbau, insbesondere auch die Einrichtungen zum Einstellen auf verschiedene Sohlen erkennen läßt; Einzelzeichnungen des Fördermotors und seiner Anlaßeinrichtung sowie eines Transformators; Beschreibung der Anlage und Begründung der gewählten Anlaßeinrichtung; Berechnung des Fördermotors und eines Transformators Ferner sollte ermittelt werden, bei welchem Preise der elektrischen Arbeit die elektrische Förderung ebensoviel kosten würde wie unmittelbare Dampfförderung mit einer Heißdampfkolbenmaschine, unter der Voraussetzung, daß zur Dampferzeugung Kohlenschlamm und andere sonst nicht verwendbare Abfallkohle benutzt werden.

Eingegangen waren drei Bewerbungen. Die goldene Beuth-Medaille und der Staatspreis von 1700 M wurde Herrn Dipl. Ing. Hugo Müller, Regierungsbauführer, Berlin W., Pfalzburgerstraße 8 zuerkannt. Die beiden anderen Lösungen konnten nicht prämiiert werden. Die Zuerkennung des Staatspreises verpflichtet den Verfasser, innerhalb zweier Jahre eine auf wenigstens drei Monate auszudehnende Studienreise zu unternehmen und hierüber einen Reisebericht mit Skizzen zu erstatten.

Sämtliche drei Arbeiten werden auf Antrag der Verfasser dem Herrn Minister der öffentlichen Arbeiten als Probearbeit für die zweite Staatsprüfung im Maschinenbaufach eingereicht werden.

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