Titel: EINGESANDT.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1912, Band 327/Miszelle 1 (S. 80)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj327/mi327is05_1

EINGESANDT.

Unsere Kolonialwirtschaft und die deutsche Metall- und Maschinen-Industrie.

Bei der vor kurzem stattgehabten Herbsttagung der Technischen Kommission des Kolonial-Wirtschaftlichen Komitees gab zunächst der Vorsitzende Karl Supf mit Bezug auf die Marokko-Kongo-Verhandlungen die Erklärung ab, es liege nicht im Wesen des Kolonial-Wirtschaftlichen Komitees, kolonialpolitische Agitation und Polemik zu treiben. Nach Abschluß des Marokko-Kongo-Vertrages erachte es das Komitee als seine Pflicht, mitzuarbeiten an der Aufgabe, die neu erworbenen Gebiete im Interesse der heimischen Volkswirtschaft, insbesondere für Handel und Industrie, nutzbar zu machen und zunächst der Frage einer Motorschiffahrt auf dem Kongo und seinen Nebenflüssen sein Interesse zuzuwenden.

Die Versammlung gedenkt dann der Verdienste des bisherigen Staatssekretärs von Lindequist um die wirtschaftliche Entwicklung unserer Kolonien und insbesondere der tatkräftigen Förderung, welche er den gemeinnützigen Arbeiten des Komitees hat zuteil werden lassen.

Die Tagesordnung umfaßte u.a. folgende Gegenstände:

Die Motorschiffahrt in den tropischen Kolonien (Ref. Dr.-Ing. h. c. R. Diesel-München), die drahtlose Telegraphie mit und in den Kolonien (Ref. die Direktoren der Gesellschaft für drahtlose Telegraphie Graf von Arco und H. Bredow-Berlin), das wassertechnische Projekt der Mkattasteppe (Ref. Geh. Oberbaurat Schmick und Ingenieur Boos-München), Kolonial-Maschinenbau (Ref. Dr. Gustav Fischer, Professor an der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin, Dahlem). Ausführliche Mitteilungen über diese Referate folgen.

Ueber einen Zusammenschluß der Metall- und Maschinenindustrie mit dem Kolonial-Wirtschaftlichen Komitee erstattete Generaldirektor Dr.-Ing. h. c. von Oechelhaeuser-Dessau ein interessantes Referat, dem wir auszugsweise folgendes entnehmen:

Den Beweis der Entwicklungsfähigkeit unserer Kolonien liefert die fortgesetzt wachsende Ein- und Ausfuhr. Im Jahre 1910 betrug die Einfuhr an Metallen und Metallwaren nach den deutschen Kolonien in Afrika und der Südsee etwa 33 Millionen Mark, an Maschinen für Landwirtschaft, Industrie und Transport etwa 7 Millionen Mark, insgesamt etwa 40 Millionen Mark; die Einfuhr über den Hafen von Tsingtau an Waren fremden – nicht chinesischen – Ursprungs betrug über 50 Millionen Mark. Den Verkehr mit den deutschen Kolonien in Afrika und der Südsee vermitteln die Deutsche Ost-Afrika-Linie, Hamburg-Amerika-Linie, Hamburg-Bremer Afrika-Linie, Woermann-Linie und der Norddeutsche Lloyd mit insgesamt 86 Dampfern mit rund 370000 Registertons; den Verkehr mit Tsingtau unterhalten die Reichs-Postdampfer. Das gesamte Schiffsmaterial ist fast ausschließlich Erzeugnis des heimischen Gewerbefleißes.

Für den Verkehr in den Kolonien, für Hafen-, Berg- und Wasserbau, landwirtschaftliche und industrielle Betriebe kommen an Fabrikaten der Metall- und Maschinen-Industrie in Betracht:

Lokomotiven, Eisenbahngüter- und Personenwagen, Feld- und Eisenbahnschienen, Feldbahnwagen, Dampfschiffe, Motorboote und Leichter für die großen Seen und Flüsse, Automobile, Seilbahnen, Straßenwalzen, Fahrräder, Material für Telegraph und Telephon, Bagger. Dampfkräne, elektrische Kräne, Hebezeuge, Maschinen für Bergbaubetriebe, Bohrapparate, Pumpen aller Art, Material für Rohrleitungen, Eisen-, Messing- und Kupferdraht, Zaundraht, Stacheldraht, Drahtgewebe, Drahtstifte, Schrauben, elektrische Anlagen, Eisenwaren und Baumaterialien, Wellblech, Eisenkonstruktionen, Trägereisen, Brücken, Wagen, Material für Tropenhäuser, Geldschränke, Nähmaschinen, ärztliche Instrumente. Emaillewaren, Lokomobilen, Dampfmaschinen, Gasmotoren, Benzin-, Petroleum-, Oel-, Wind- und Elektromotoren, Wasserturbinen, Dampf- und Motorpflüge, Göpel, Dreschmaschinen, landwirtschaftliche Geräte, Pflüge, Eggen, Kultivatoren, Mähmaschinen, Drillmaschinen, Hauer, Schaufeln, Aexte, Werkzeuge für Schmiede, Schlosser, Tischler, Maurer, Sattler usw, Baumwollentkörnungsmaschinen, Ballenpressen, Hanfentfaserungsmaschinen, Wasserreinigungs- und Kondensationsanlagen, Trockenhäuser und Trokkenapparate, Einrichtungen für Brauereien, Brennereien und Mineralwasserfabriken, Maschinen für Zementindustrie, Sandsteinmaschinen Dampfwäschereieinrichtungen, Eis- und Kältemaschinen, Gerbereimaschinen, Einrichtungen für Sägewerke, Holzwoll- und Holzbearbeitungsfabriken, Kaffeepulver, Kautschukwalzwerke,. Mühlen für Getreide, Oelmühlen und Pressen, Reismühlen, Buchbinderei-, Buch- und Steindruckereieinrichtungen, Einrichtungen für Trockenanlagen, Hoteleinrichtungen, Einrichtungen für Schälereianlagen, Molkereieinrichtungen, Seifenfabrikationseinrichtungen, Tabak-, Zigarren- und Zigarettenmaschinen, Zerkleinerungsmaschinen, Ziegeleimaschinen, Zuckerrohrwalzwerke.

Ein vitales koloniales Interesse der Metall- und Maschinen-Industrie besteht ferner in der gesunden Weiterentwicklung unserer gesamten heimischen Industrie, die großenteils hinsichtlich ihrer Rohstoffversorgung unter einer verhängnisvollen Abhängigkeit vom Auslande leidet. Bei einer Gesamteinfuhr Deutschlands im Jahre 1910 von etwa 9 Milliarden Mark betrug die Einfur an kolonialen Rohstoffen und Produkten, hinsichtlich deren Bezug wir auf das Ausland angewiesen sind, die Hälfte, nämlich etwa 4½ Milliarden Mark. Die Ziffern der Einfuhr in Deutschland (und Ausfuhr aus den Kolonien) betragen:

Mineralische Rohstoffe und Metalle Mark 1319264000,– (M 39531000,–), Tierische Produkte (außer Wolle) M 824753000,– (M 6374000,–), Rohbaumwolle M 560900000,– (M 1208000,–), Wolle (roh und gekämmt) M 469400000,– (M 52000,–), Sonstige Faserstoffe M 138531000,– (M 4251000,–), Oelrohstoffe M 304252000,– (M 14983000,–), Kautschuk und Guttapercha M 270400000,– (M 18493000,–), Tropische Hölzer und Gerbstoffe M 33000000,– (M 617000,–), Tropische Nahrungs- und Genußmittel M 564000000,– (M 4491000,–). Einer Gesamteinfuhr dieser kolonialen Rohstoffe und Produkte in Deutschland von M 4484500000,– steht also eine Ausfuhr der gleichen Produkte aus den deutschen Kolonien von nur M 90000000,– gegenüber.

Dieser Vergleich zeigt, daß unsere Kolonien vorläufig nur einen kleinen Teil des Bedarfs Deutschlands an kolonialen Rohstoffen und Produkten zu decken vermögen. Es ist aber dabei zu berücksichtigen, daß unsere Kolonialwirtschaft erst im Anfang der Entwicklung steht, und fortgesetzt im Auge zu behalten, daß jede Million Mark an Rohstoffen und Produkten aus den eigenen. Kolonien einen Zuwachs unseres Nationalvermögens bedeutet!

In seinem Appell an die Metall- und Maschinen-Industrie betont der Referent, daß nur planmäßige und einmütige Arbeit auch der deutschen Technik ein lohnendes Arbeitsfeld in den Kolonien eröffnen und der deutschen Industrie neue sichere Gebiete für ihre Rohstoffversorgung und für den Absatz ihrer Erzeugnisse erschließen kann.

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