Titel: EINGESANDT.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1912, Band 327/Miszelle 1 (S. 96)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj327/mi327is06_1

EINGESANDT.

Zur Tanganjika-Bahnvorlage.

Zur Tanganjika-Bahnvorlage schreibt uns das Kolonial-Wirtschaftliche Komitee:

Mit der Vorlage, die jetzt an den Reichstag gelangt ist, wird der Plan der Ostafrikanischen Zentralbahn endlich voll durchgeführt, den auch das Kolonial-Wirtschaftliche Komitee durch die wirtschaftlichen Eisenbahnerkundungen im Jahre 1906 und durch eine dem Reichstag eingereichte und den verbündeten Regierungen zur Berücksichtigung überwiesene Eingabe gefördert hat. Auch neuerdings hat das Komitee eine wirtschafts- und verkehrspolitische Erkundungsreise in die Tanganjika-Länder unterstützt, die vom Frühjahr bis Oktober 1911 unternommen wurde.

Diese Erkundungsreise hat zu der wichtigen Bahnbaufrage und der Frage der Schaffung eines regelmäßigen Schiffsverkehrs auf dem Tanganjikasee das Folgende ergeben:

Die volle wirtschaftliche Entwicklung Taboras und seiner Umgebung ist nur durch den Bahnbau Tabora–Kigoma zu erreichen. Ostwärts, süd- und nordwärts von Tabora ist mit einer Ausdehnung der Kulturzone, die erhebliche Ausgaben fordern würde, nicht viel zu erzielen; im Westen dagegen liegen sehr entwicklungsfähige Landschaften, deren Erschließung Tabora zu einem wichtigen Baumwoll-, Erdnuß-, Salz- und Reismarkt machen wird. Im Nordwesten von Tabora berechtigen die noch ziemlich gut bevölkerten Sultanate Uschietu und Ubagwe, die beide sehr guten Boden besitzen, zu schönen Hoffnungen, namentlich wenn noch Wasser erschlossen wird. Beide Sultanate sind für Baumwollbau geeignet. In den flachen Talzügen, „Mbugas“ genannt, die zur Regenzeit überschwemmt sind, baut Uschietu Reis an. Reisbau wäre besonders möglich in der Gombe-Mlagrassi-Niederung, wo durch Regelung der Bewässerung an 150000 Hektar guten, für Reis-, Baumwollbau und Oelpalmenkultur geeigneten Bodens gewonnen werden können.

Die sogen. Kulturzone, die westwärts Tabora bis Ussoke reicht, läßt sich nach Norden und Süden verbreitern; dann liegt südlich des Gombe-Mittellaufs bis zum Mlagrassi-Uebergang hin ein günstiges Anbaugebiet, das die Bahn zur Blüte bringen wird.

Der Teil des Sultanats Uwinsa, der zwischen Mlagrassi und Rutschugi liegt, hat landwirtschaftlich geringeren Wert; er ist aber für die Kolonie und ihren Handel sehr bedeutungsvoll durch seinen großen Salzreichtum. Eine Steigerung der Salzgewinnung bis auf 10000 t im Jahre ist wohl möglich.

Westwärts des Rutschugi bis zum Tanganjikasee liegen ebenfalls sehr entwicklungsfähige Gebiete; die Flüsse führen großenteils dauernd Wasser; die Flußtäler und Flußniederungen sind von üppiger Fruchtbarkeit. Die Reis- und Oelpalmenkultur, wie der Anbau von Zuckerrohr, können in diesen Strichen sehr ausgedehnt werden. Süd Uha ist wertvolles Ansiedelungsgebiet; die noch scheuen, aber entwicklungsfähigen Bewohner, die Waha, sind durch vorsichtige Behandlung zu einem brauchbaren, wertvollen Material zu machen. Auch ohne Erzausfuhren aus dem belgischen Kongo über die Zentralbahn dürfte Kigoma (der Hafenplatz 5 km nördlich Udjidji) in wenigen Jahren eine Güterbewegung von 20000 t haben; es wird als Zentralpunkt des Tanganjikaverkehrs eine bedeutende Entwicklung rehmen.

Von Urundi, dem nördlichen deutschen Uferlande am Tanganjikasee, ist zu erwarten, daß der ganze Teil, der nach allen Richtungen drei bis vier Tagemärsche weit nach dem Innern dem See vorgelagert ist, mit Einrichtung eines Dampferverkehrs zwischen Kigoma und Usumbura dem Tanganjikaverkehr zufällt. In diesem Gebiet, das herrliche Hochweiden besitzt, stehen 150000 bis 180000 Stück Großvieh. Dieses ausgezeichnete Viehzuchtgebiet erscheint für Wollschafzucht besonders geeignet. Urundi, ein reines Agrarland, hat außergewöhnlich niedrige Wertmaßstäbe für seine Produktion; Erdnüsse sind so billig einzukaufen, daß der Transport zum Weltmarkt lohnend ist. Bei Usumbura und südlich davon bis nach Udjidji stehen noch an 1 Million Stück Oelpalmen. Sie stehen meist zu dicht und sind zuweilen mit hohem Gras und dichtem Busch durchwachsen; infolge der Vernachlässigung der Bestände hat sich die Glossina palpalis eingenistet. Durch Entfernung der Zwischenkulturen und Durchlichtung der Bestände wäre die Schlafkrankheit aus den Oelpalmenbezirken zu bannen, und allein bei Usumbura wären durch solche Maßnahmen 200000 Stück wirtschaftlich nutzbar zu machen.

Für die Erweiterung und Verbilligung des Schiffahrtsverkehrs auf dem Tanganjikasee erstrebt das Kolonial-Wirtschaftliche Komitee die Einführung einer mit deutschen Diesel-Motoren ausgerüsteten Motorschiffahrt.

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