Titel: SCHAEFER: Der Kabelkran bei dem Neubau der Camsdorfer Brücke
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1914, Band 329 (S. 247–249)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj329/ar329060

Der Kabelkran bei dem Neubau der Camsdorfer Brücke.

Von Oberingenieur Hans Schäfer, Darmstadt.

Verkehrsrücksichten mußte die alte steinerne Camsdorfer Brücke, das siebente Weltwunder der Jenaer Studenten, weichen. Eine 16 m breite moderne Brücke aus Stampfbeton mit Dreigelenkbogen von 2 mal 30 m und i mal 33 m Spannweite nimmt den Platz der alten Brücke ein. Die Ansicht der Brücke wurde mit Muschelkalk verkleidet und nach dem Entwurf des Architekten Professor Theodor Fischer in München ausgeführt.

Bei der gleichzeitig erfolgten Regulierung der Saale mit Uferbefestigung durch eine 10 m hohen Kaimauer mußte auch das alte „Geleitshaus“, ein historischer Bau, fallen. Glücklicherweise blieb jedoch die „grüne Tanne“ erhalten, die Wiege der deutschen Burschenschaft und damit ein in der allgemeinen deutschen Studentengeschichte bedeutsamer Ort, in deren Räumen am 12. Juni 1815 die aus den Freiheitskriegen heimgekehrten Jenaer Studenten unter Führung von alten Lützowern die „Jenaische Burschenschaft“ gründeten (Abb. 2 rechts).

Die Ausführung der neuen Brücke oblag der Firma Rudolf Wolle in Leipzig. Der Abbruch der alten Brücke (ungefähr 9000 m3 Steinquader und Füllmaterial) begann im Juli 1912.

Die Saale zeigt außerordentlich stark wechselnde Wasserstände. Bei hereinbrechenden Wassermassen sind auch die stärksten Gerüste schwer gefährdet, nur eine unwirtschaftlich starke Konstruktion dieser Gerüste könnte hier Sicherheit schaffen. Aus diesen Erwägungen heraus entrückte man die Förderung der Baustoffe allen diesen Gefahren, indem man sich eines Kabelkranes bediente, der hoch in der Luft die Lasten fördert und der auch die Möglichkeit bietet, an den Lehrgerüsten gegebenenfalls erforderlich werdende Ausbesserungsarbeiten rasch und billig auszuführen.

Zur Verwendung gelangte ein Baukabelkran der Firma Adolf Bleichert & Co. in Leipzig-Gohlis. Bei der kurzen zur Verfügung stehenden Arbeitszeit war es wesentlich, daß dieses Kransystem in den einzelnen Stücken normalisiert ist und daher rasch geliefert werden kann. Zwischen den Türmen des Krans und dem Flußufer wurden auf beiden Seiten Betonmischmaschinen aufgestellt; demgemäß wurde dann die Spannweite des Kabelkrans auf 155 m festgelegt.

Die aus kräftiger Holzkonstruktion bestehenden Türme (Abb. 1 und 2) wurden nach den Zeichnungen der Maschinenfabrik von dem Unternehmer selbst hergestellt. Als Laufbahn dienten Eisenbahnschienen auf Betonlängsschwellen; die innere der Schienen wurde als Druckschiene geneigt, die äußere senkrecht gestellt. Wegen der geringen Breite des Bauwerks von 16 m genügten bewegliche Türme mit Handantrieb; von dem elektrischen Fahrantriebe konnte hier abgesehen werden. Als mittlere Stundenleistung wurden 12 m3 festgesetzt, als Hubgeschwindigkeit bei der Höchstlast etwa 30 m/Min., als Katzenfahrgeschwindigkeit 90 m/Min. Die Tragfähigkeit betrug 2,0 t am Haken.

Zwischen den beiden Türmen ist, wie die Abbildungen zeigen, ein kräftiges Stahlkabel als Drahtseil gespannt, auf dem die Katze läuft. Ein vorn und hinten an der Katze |248| befestigtes Seil ohne Ende dient als Zugorgan. Auf einer Uferseite geht das Hubseil über eine Windentrommel; es trägt eine Flasche mit Sicherheitshaken, an dem die Loren samt Untergestell angehängt werden können. Zwischen den Türmen wurde ein besonderes Knotenseil vorgesehen, das Reiter zur Hubseilunterstützung aussetzt, damit die Flasche auch in unbelastetem, losem Zustande bequem abgesenkt werden kann. Der auf der Camsdorf er Seite gelegene Turm trägt lediglich das Gegengewicht zur Spannung des Drahtseiles und- zum Ausgleich des Kippmomentes (Abb. 2).

Textabbildung Bd. 329, S. 248
Textabbildung Bd. 329, S. 248

Der Antrieb befindet sich auf dem stadtseitigen Turm. Auf Abb. 1 ist auch die Steuerung ersichtlich, welche von einer hoch gelegenen Plattform, von der aus man die ganze Baustelle überblicken kann, bedient wird. Eine Indikatorvorrichtung erleichterte dem Führer die schnelle Bedienung bei den Arbeitsvorgängen, Dem Führer wurde der Platz, an dem Material benötigt wurde, zum ersten Male durch ein Flaggensignal |249| angedeutet, wenn die Katze an der betreffenden Stelle angekommen war. Die Stellung der Katze war nun am Indikator zu ersehen und der Führer konnte die weitere Förderung des Materials zu der gleichen Stelle rasch und sicher besorgen, wobei er lediglich auf die Stellung des Indikators zu achten hatte.

Der Antrieb bestand in einer elektrisch betätigten Zweitrommelwinde. Die maschinellen Teile des Kranes sind einfach und kräftig durchgebildet, um die Bruchgefahr zu verringern und den Verschleiß zu vermindern. Die Rücksicht auf die Genauigkeit der Verschiebungen des belasteten Kranhakens und auf die Erleichterung der Bedienung veranlaßte besondere Sorgfalt bei der Ausbildung der Kupplungen und Bremsen. Durch geringen Handdruck wird ein- und ausgeschaltet; die Arbeit ist rein mechanisch; so kann der Kranführer während einer zehnstündigen Schicht allein den ganzen Dienst versehen. Auch der Bauführer und seine Leute waren mit dem Fördermittel schon nach wenigen Tagen eng vertraut.

Textabbildung Bd. 329, S. 249

Die Abb. 3 zeigt die Verwendung des Krans bei dem Abbruch der alten Brücke. Bemerkenswert sind die Beobachtungen über die bei den Abbrucharbeiten zutage getretene Beschaffenheit des alten Mörtels. Dieser war außerordentlich verschieden. Er war zum Teil steinhart, an anderen Stellen war er wieder vollkommen verfault. Lediglich das sehr große Eigengewicht und die Stichbogenkonstruktion dürften der alten Brücke die Widerstandsfähigkeit gegeben haben, so lange zu halten.

Die Pfeiler der neuen Brücke wurden unter Benutzung von Spundwänden gebaut. Für die dann aufgestellten Lehrgerüste wurden sämtliche Rüsthölzer von dem Kabelkran befördert. Die Abb. 1 und 2 zeigen uns die Brücke zu verschiedenen Zeitpunkten des Baues. Zweimal trat während des Baues Hochwasser ein und riß die Gerüste zum Teil weg; diese konnten aber durch den Kran rasch und leicht wieder in Ordnung gebracht werden. So konnte der geforderte Zeitpunkt der Fertigstellung eingehalten und im Herbst 1913 die Brücke dem Verkehr übergeben werden.

Der Kabelkran hat wesentliche Vorteile. Gegenüber den alten Laufkränen ist vor allem zu beachten, daß diese schwere Transportgerüste benötigen. Gegenüber dem Derrick-Kran besteht der Vorteil, daß die ganze Baustelle ungehindert durch seitliche Kranteile frei bestrichen und jeder Punkt einer ganz beliebigen Baufläche ohne Umladung erreicht werden kann. Die Betriebsicherheit und die geringen Betriebskosten sind weitere wesentliche Vorteile des Kabelkranes.

Bei größeren Bauwerken macht sich die Anschaffung eines solchen Kranes schon beim ersten Bau durch Lohnersparnis bezahlt. Der Kran kann aber mit geringen Kosten für Abbruch und Montage auch wieder bei anderen Bauten Verwendung finden, wie es z.B. mit dem bei der Camsdorfer Brücke verwendeten Kran der Fall ist, der jetzt in Leipzig für die Ausschachtungs-, Auffüllungs- und Betonierungsarbeiten für einen neu anzulegenden Stadtteil auf den „Frankfurter Wiesen“ im Westen der Stadt benutzt wird.

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