Titel: EBELING: Moderne Fernsprechleitungen
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1914, Band 329 (S. 497–501)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj329/ar329116

Moderne Fernsprechleitungen.

Von Oberingenieur Dr. A. Ebeling in Berlin-Charlottenburg.

Wenn sich auf irgend einem Gebiete der Technik der gunstige Einfluß wissenschaftlichen Forschens in hellem Lichte gezeigt hat, so ist es das Gebiet der Fernleitung von Sprechströmen. Die Apparate zum Senden und Empfangen telephonischer Wechselströme, Mikrophon und Fernhörer, sind fast ausschließlich in der Praxis durchgebildet worden und unterscheiden sich im Wesen heute noch nur wenig von den ältesten Typen. Erst in neuester Zeit sind Schritte unternommen worden, die Sonde wissenschaftlicher Messung an diese Glieder des Fernsprechmechanismus zu legen, um ihre verbesserungsfähigen Stellen von Grund auf kennen zu lernen.1)Im Gegensatz hierzu hat sich mit den Leitungen für elektrische Nachrichtenübermittlung die Wissenschaft von vornherein rege beschäftigt und dabei schließlich um die Jahrhundertwende einen Erfolg gezeitigt, der die andern bisherigen Erfolge der Fernsprechtechnik weit in den Schatten stellt.

Dieser Erfolg geht aus von der Erfindung des amerikanischen Professors Pupin, welche zwar in den Arbeiten einiger Forscher vor ihm wurzelt, aber doch erst den entscheidenden Schritt enthält, der die vorliegenden Ergebnisse der Praxis nutzbar machte.

Ein kurzer Rückblick auf die Entwicklung der Theorie der Fernsprechleitungen wird am deutlichsten Pupins Verdienst erkennen lassen.

Im Beginn des Entstehens der Fernsprechtechnik, als man noch vollkommen am Bilde des gewöhnlichen Stromkreises haftete, zog man naturgemäß nur den Leitungswiderstand, und zwar den Gleichstromwiderstand der Leitung, als maßgebend für die Energieübertragung in Betracht. Für Stromunterbrechungen und Stromschluß, insbesondere in der Form, wie sie beim Telegraphieren vorkommen, traten dann allmählich auch die Begriffe Selbstinduktion und Kapazität in den. Gesichtskreis. Das weitere Studium der Wechselströme führte zur Erkenntnis, daß der Leitungswiderstand für Wechselstrom größer ist als für Gleichstrom, und zwar infolge der Verluste, die auf Vorgänge wie Skineffekt, Hysteresis, Wirbelströme zurückzuführen sind. Schließlich gelang es noch nachzuweisen, daß die scheinbare Isolation für Wechselstrom ein wesentlich anderer Begriff als die Gleichstromisolation, gleichwohl aber der exakten Messung zugänglich ist. Damit waren die heute als bestimmend für die Fernleitung elektrischer Wechselströme geltenden Begriffe: Leitungswiderstand, Kapazität, Selbstinduktion und Ableitung (der reziproke Wert der scheinbaren Wechselstromisolation) festgelegt.

Die wichtigste Erkenntnis aber war schon ziemlich früh gewonnen: daß die Fortpflanzung der Fernsprechströme in Form von elektrischen Wellen längs der Leitung erfolgt, deren Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Lichtgeschwindigkeit mehr oder weniger nahekommt, und deren Länge bei gewöhnlichen Leitungen hunderte von Kilometern beträgt.

Gemäß der verschiedenen Klangfarbe der einzelnen Laute setzen sich die Sprechwellen aus einzelnen Frequenzen zusammen. Man hat gefunden, daß unter normalen Verhältnissen die Frequenzen von ω = 3000 Schwingungen in 2 π Sekunden bis ω = 7000 Schwingungen in 2 π Sekunden für die Güte der Sprechübertragung ausschlaggebend sind, d.h. daß man eine gute Uebereinstimmung bekommt zwischen Sprechversuchen und Messungen, die mit sinusförmigem Wechselstrom mit Frequenzen aus dem Gebiete zwischen ω = 3000 und ω = 7000 ausgeführt sind.

Auf die Fortpflanzung dieser verschieden langen Wellen wirken nun die oben erwähnten Eigenschaften der Leitung: Widerstand, Kapazität, Ableitung und Selbstinduktion, deren kilometrische Werte man mit R, C, A und L bezeichnet, in bestimmter Weise ein.

Am meisten interessiert die „Dämpfung“, d.h. das Maß, in welchem die Energie vom Anfang der Leitung bis zum Ende geschwächt wird. Man bezeichnet sie mit dem Produkt β l, wo l die Länge der Leitung und β der |498| Dämpfungskoeffizient ist. Er drückt sich durch die Eigenschaften der Leitung aus in der Form

Die Bedeutung der Größe β für die Sprechübertragung erkennt man am leichtesten aus der Beziehung

wo Ja und Je den Anfangs- und Endstrom einer einigermaßen langen Leitung bezeichnen.

Nach dem Werte von β l kann man die Güte der Sprechverständigung beurteilen. Folgende Tabelle2) gibt einige β l-Werte und den zu ihnen gehörigen Grad der Verständigung an:

ß l Verständigung
3,0 gut
3,8 ausreichend
4,3 dürftig
4,8 kaum möglich

Der Einfluß der vier Leitungskonstanten zeigt sich in folgender Weise:

Der Widerstand R wirkt der Uebertragung durch den Spannungsabfall entgegen, den er veranlaßt. Dieser Spannungsabfall wird hervorgerufen durch die Verwandlung von elektrischer Energie in Joulesche Wärme, sowie durch die Verluste infolge von Skineffekt, Wirbelströmen und Hysterese, Die Gesamtheit dieser Verlustquellen läßt sich als Ohm scher Widerstand darstellen und wird unter der Bezeichnung R zusammengefaßt.

Als Kapazität C ist diejenige aufzufassen, welche das elektrische Feld zwischen der Hin- und der Rückleitung bestimmt. Sie setzt sich zusammen aus der Teilkapazität zwischen den beiden Leitern und den Teilkapazitäten der einzelnen Leiter gegen Erde bzw. gegen die Umgebung. Ihren Einfluß kann man sich aus der Ueberlegung klar machen, daß die Kapazität für den Fernsprechwechselstrom endliche Widerstände darstellt, welche zu den Sende- und Empfangsapparaten im Nebenschluß liegen und ihnen so Energie entziehen.

Die Ableitung setzt sich aus zwei Teilen zusammen, von denen der eine der stets, wenn auch nur in geringem Grade, vorhandenen Leitfähigkeit des Dielektrikums zuzuschreiben ist, während der andere von Hystereseerscheinungen im Dielektrikum herrührt.

Im Gegensatz zu diesen drei Größen R, C und A wirkt die Selbstinduktion auf die Uebertragung der Sprechströme im allgemeinen nicht schwächend ein, da sie, wie auch schon aus ihrem Verhalten in Wechselstromkreisen bekannt, die Wirkung der Kapazität mehr oder weniger aufheben kann. Allerdings führte erst die Erkenntnis, daß man es bei Fernsprechleitungen mit wellenförmiger Ausbreitung der Energie zu tun hatte, zu der richtigen Beurteilung ihres fördernden Einflusses auf die Fortpflanzung von Sprechströmen.

Nachdem man erkannt hatte, daß eine Erhöhung der Selbstinduktion die Sprachübertragung verbessern konnte, versuchte man auf verschiedenen Wegen diese Erkenntnis in die Praxis umzusetzen. Zwei von diesen Methoden sind nur zur Bedeutung gelangt, das System nach Breisig3) und Krarup4) und das Pupin-System5).

Nach dem Breisig-Krarup-System6), welches nur bei Kabeln anwendbar ist, wird der Kupferleiter mit einer oder mehreren Lagen von dünnem Weicheisendraht besponnen. Die Selbstinduktion wird also längs der ganzen Länge der Leitung erhöht. Der Erfolg dieser Methode ist immerhin achtenswert, wenn man auch mit der Höhe der eingefügten Selbstinduktion beschränkt ist, da mit dem Aufbringen der Eisenhülle auch die Kapazität C wächst. Dazu kommt, daß durch die Eisenbespinnung die Leiter und damit das Kabel sehr dick und teuer werden.

Die zweite Methode, die Pupin angegeben hat, unterscheidet sich grundsätzlich dadurch von der Breisig-Krarupschen, daß nach ihr die Selbstinduktion punktförmig in die Leitung eingefügt wird. Schon Heaviside7) und S. P. Thompson8) hatten Vorschläge in dieser Richtung gemacht, aber erst Pupin erkannte, daß die Induktionsspulen in gleichen Abständen in die Leitung eingeschaltet werden müssen, deren Größe von der Wellenlänge der Sprechströme abhängt. Hiermit erst war der Schritt getan, der zu wirklichen Erfolgen in der Praxis führte und für das Fernsprechwesen von größter Bedeutung geworden ist.

Allerdings waren bei der Nutzbarmachung der Erfindung für die Praxis noch viele Schwierigkeiten zu überwinden. Diese Arbeit ist für das Gebiet, welches in der Hauptsache die europäischen Staaten umfaßt, von der Siemens & Halske A.-G., für Nordamerika von der Western Electric Co. übernommen und durchgeführt worden.

Zunächst ging man daran, die oberirdischen Freileitungen zu pupinisieren9). Als Abstand für die Pupin-Spulen wählte man etwa 10 km. Natürlich mußten die Spulen in Gehäuse eingebaut werden, um sie gegen die Unbilden der Witterung zu schützen. Aber gerade solche Freileitungsapparate, wie die für oberirdische Leitungen in Gehäuse eingebauten Spulen heißen, herzustellen, erwies sich als ziemlich schwierig, da die Apparate vielen Anforderungen gerecht werden mußten: Sie sollten leicht sein, damit sie die Gestänge nicht zu stark belasteten; sie sollten den starken Temperaturschwankungen Widerstand leisten, gegen Gewitter unempfindlich sein und sollten die Isolation der Leitung nicht beeinträchtigen.

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Nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen, bei denen man noch zudem allein auf die Erfahrungen aus dem Betriebe angewiesen war, entwickelte sich die jetzige Form der Freileitungsapparate, wie sie aus der Abb. 1 zu ersehen ist.

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Die im Innern eingebaute Spule besteht aus einem ringförmigen Kern aus möglichst verlustfreiem Eisen, auf welchen die beiden Wicklungen für die Hinleitung sowohl wie für die Rückleitung aufgebracht sind. Die Wicklungen, deren jede durch einen zwischen ihren Enden liegenden Luftleerblitzableiter geschützt ist, sind mittels Porzellanisolatoren aus dem Metallgehäuse, in welchem die Spule mit allem Zubehör untergebracht ist, ausgeführt. Der Apparat selbst ist gegen das Gestänge noch durch einen Isolator aus Spezialhartgummimasse isoliert.

Nachdem die mechanischen Unvollkommenheiten beseitigt waren, hat das Pupin-System für Freileitungen weitgehende Anwendung gefunden.

Die längste Linie, die in Europa gebaut worden ist, ist die 2000 km lange Linie Berlin-Mailand-Rom, welche zwischen Berlin und Mailand bereits dem Betriebe übergeben ist. Versuchsgespräche und Messungen an der ganzen Linie Berlin-Rom haben, wie in allen bisherigen Fällen, gezeigt, daß die gemessenen Eigenschaften der Linie, insbesondere die Dämpfung, vorzüglich mit den vorher berechneten Werten übereinstimmen.

Wesentlich anderer Natur waren die Schwierigkeiten, welche die Anwendung des Pupin-Systems bei Kabeln bot. Hier hatte man zuerst in Anlehnung an die Pupinschen Berechnungen angenommen, daß die Ableitung, der reziproke Wert der Isolation, zu vernachlässigen sei, da ja gut gebaute Kabel sehr hohe Isolationswerte haben. Im Jahre 1891 zeigte jedoch A. Franke10), daß die mit Wechselstrom gemessene Ableitung einen wesentlich höheren Wert hatte, als sich aus den Isolationsmessungen mit Gleichspannung schließen ließ. Zu demselben Ergebnis führten Messungen, die Béla Gati11) anstellte. Der höhere Wert der Ableitung für Wechselstrom rührt daher, daß der dielektrische Verschiebungsstrom im Isolationsmaterial Verlusten unterworfen ist, welche dem zu übertragenden Strom Energie entziehen und so die Dämpfung erhöhen.

Der Ausdruck für die Dämpfung (s. o.) nimmt für Leitungen mit erhöhter Selbstinduktion die Form an:

Bei den vorgenannten Untersuchungen stellte sich nun heraus, daß das zweite Glied auch bei Kabeln keineswegs zu vernachlässigen sei, insbesondere bei Kabeln mit größeren Leiterstärken, wie sie für den Verkehr zwischen entfernten Städten in Frage kommen. Neben der Aufgabe, die Pupinisierung entsprechend vorzusehen, daß der Wert von nicht durch die Selbstinduktion zu groß würde, ergab sich die neue Aufgabe, die Kabel so zu bauen, daß sie eine möglichst kleine Ableitung haben.

Daß man Kabel herstellen kann, welche diesen Bedingungen genügen, habe ich in einer früheren Arbeit12) gezeigt. Die Aufgabe der Unterbringung der Spulen wurde gleichfalls befriedigend gelöst. Man baut sie in sogenannte Spulenmuffen oder Spulenkästen ein, welche im wesentlichen aus einem Zinkkasten bestehen, in welchem die Pupin-Spulen in geeigneter Weise montiert sind. Der Kasten ist verlötet und mit Vergußmasse ausgegossen. Zum Schutz gegen mechanische Beschädigungen ist das Zinkgehäuse von einem gußeisernen Kasten umgeben. Der Zwischenraum zwischen beiden ist mit einer Füllmasse ausgegossen. Auf den Zinkkasten ist die mit einem Hals versehene Zinkmuffe aufgelötet; auch diese wird durch eine an den Eisenkasten angeschraubte gußeiserne Muffe gegen äußere Beschädigungen geschützt. Abb. 2 zeigt einen Spulenkasten für 52 Spulen in das Kabel eingebaut.

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Man konnte somit daran gehen, Kabel für die Entfernungen zu bauen, die die Berechnungen als möglich in Aussicht stellten. Zunächst wurden einige Vorversuche angestellt, indem die Reichspost eine Reihe von kürzeren Kabeln verlegte, die aber eine möglichst geringe Dämpfung aufweisen mußten, da sie zur Einführung von Freileitungen in die größeren Städte wie Berlin, Hamburg, Frankfurt a. M. dienen sollten. Die Leiter in diesen Kabeln hatten den bis dahin größten Durchmesser von 2 mm.

Nachdem die Messungen ergeben hatten, daß die elektrischen Größen dieser Leitungen den berechneten Werten entsprachen, ging die Reichspost daran, das erste große Fernkabel zu verlegen. Es soll eine Verbindung zwischen Berlin und dem Rheinland herstellen und wird eine Gesamtlänge von über 600 km erreichen. Zurzeit ist die Strecke von Berlin nach Magdeburg13) fertiggestellt, die Strecke von Magdeburg nach Hannover im Bau. Der wesentlichste Fortschritt, den dieses Kabel den früheren gegenüber aufweist, liegt darin, daß es auch 3 mm Leiter enthält, über deren elektrisches Verhalten man vorher noch keine Erfahrungen hatte. Daß auch mit ihnen ein voller Erfolg errungen worden ist, geht aus den beiden oben genannten ausführlichen Arbeiten hervor. Hier sei nur erwähnt, daß unter normalen Betriebsbedingungen ausgeführte Sprechversuche gezeigt haben, daß über 1000 km Entfernung mit einer 3 mm starken Leitung eine durchaus brauchbare Sprechverständigung erzielt wird.

Das Kabel setzt sich aus 28 Doppelleitungen von 2 mm und 24 Doppelleitungen von 3 mm Leiterstärke zusammen, welche derartig verseilt sind, daß man aus je zwei Doppelleitungen einen kombinierten Sprechkreis herstellen kann. In die Doppelleitungen sind in Abständen von 1,7 km (der gewöhnliche Spulenabstand bei Kabeln beträgt etwa 1,5 bis 3,5 km) die Pupinspulen eingeschaltet.

Von ähnlichen Fernkabeln im Auslande sind das etwa 700 km lange Kabel zwischen Washington und Boston und ein etwa halbsolanges Kabel in England zu erwähnen, welche auch noch im Bau begriffen sind.

Auf größere Schwierigkeiten, besonders was die Unterbringung der Spulen anbetrifft, stieß man bei Seekabeln, da die Spulen hierbei unter die Armierung gebracht werden mußten und den Durchmesser des Kabels doch nicht so sehr vergrößern durften, daß das Kabel nicht über die Trommel der Verlegungsmaschine laufen konnte.

Ein einziges Papierluftraumkabel mit Bleimantel, nach dem Pupinsystem ausgerüstet, ist unter Wasser verlegt worden. Es ist dies das im Jahre 1906 von der Siemens & Halske A.-G. im Bodensee zwischen Friedrichshafen und Romanshorn verlegte Kabel. Es enthält 7 Doppelleitungen, ist etwa 12 km lang und liegt in Tiefen bis zu 250 m.14)Bei den andern Pupinseekabeln, welche sämtlich von der Londoner Firma Siemens Bros, verlegt worden sind, hielt man sich an das gewohnte Isolationsmaterial für Seekabel, die Guttapercha. Ein Beispiel dafür ist das zweipaarige Kabel zwischen Frankreich und England. Es ist im Jahre 1910 verlegt worden und etwa 38 km lang. Abb. 3 zeigt die Unterbringung der Spulen in diesem Kabel.

Da jedoch die Guttapercha einen für Fernsprechkabel sehr ungünstigen Wert der Ableitung besitzt, wurden Versuche gemacht, welche zur Auffindung einer Spezial-guttapercha mit niedriger Ableitung führten. Mit ihr sind die weiteren Pupinseekabel isoliert, das 1911 verlegte Kabel zwischen England und Belgien (88 km lang)15), das 1913 verlegte Kabel zwischen England und Irland16) (118,6 km lang) und das demnächst zur Verlegung kommende Kabel zwischen England und Holland (etwa 150 km lang).17)

Textabbildung Bd. 329, S. 500

Wie schon oben erwähnt, haben die Versuche und Messungen an den fertiggestellten Pupinleitungen stets den gehegten Erwartungen entsprochen. Das ist ein Beweis dafür, daß man die Faktoren, welche auf die Energieübertragung Einfluß haben, zur Genüge in ihrer Wirkungsweise erkannt hat. Es gehört aber auch dazu, daß man in der Lage ist, die elektrischen Eigenschaften von Fernsprechleitungen durch Messung festzustellen.

Hier zeigt sich ein sekundär günstiger Einfluß der Pupinschen Erfindung. Denn bei der Lösung der vielen Aufgaben, welche die Einführung des Pupinsystems stellte, entstanden eine große Anzahl neuer Meßmethoden und Meßinstrumente. Erwähnt seien besonders die Arbeiten von F. Breisig, deren Ergebnisse er zum großen Teil in seinem Buch „Theoretische Telegraphie“18) niedergelegt hat, ferner die Arbeiten von K. W. Wagner |501| und F. Lüschen, welche fast durchweg in der Elektrotechnischen Zeitschrift erschienen sind.

Von Meßinstrumenten sei besonders hingewiesen auf die Frankesche Maschine19), welche zwei sinusförmige Wechselströme gleicher Periode liefert, die man in Amplitude und gegenseitiger Phase stetig und ablesbar ändern kann. Diese Maschine eignet sich außer zur Messung komplexer Widerstände bei Sprechfrequenzen insbesondere zur Bestimmung der Dämpfung von Fernsprechleitungen. Dem gleichen Zwecke dient der Kompensator von L. Larsen,20) und der Kompensationsapparat von K. Erlang.21) Zu einer Reihe von Messungen eignet sich allerdings die Frankesche Maschine besonders gut.

Aus der großen Anzahl weiterer Apparate sei noch eine Anordnung herausgegriffen, welche es ermöglicht, sich ein Bild von der Sprechverständigung zu machen, die mit einer in Aussicht genommenen Linie erreichbar ist. Nach den Angaben von Breisig22) kann man sich eine „Eichleitung“, welche den für die Sprachgüte einer Fernsprechleitung maßgebenden Größen vollkommen entspricht, aus fünf Widerständen und einer Kapazität wie in Abb. 4 zusammensetzen.

Die Anordnung hat den Vorteil, daß man die in der Praxis vorkommenden Dämpfungen durch ein einziges solches Element darstellen kann, welches sehr kleine Abmessungen hat, während eine künstliche Leitung, bei der die Linie kilometerweise aus Elementen in Widerstand und Kapazität nachgebildet ist, schon bei kurzen Linien sehr viel Raum beansprucht.

Diese Eichleitungen, welche auch stufenförmig veränderlich hergestellt werden, haben einen großen praktischen Wert deshalb, weil die Dämpfung, das β l, heute fast durchweg als Maß für die Güte der Sprechverständigung gebraucht wird (vgl. die Tabelle auf S. 498). Man kann somit sagen, daß man sich heute bereits vor der Ausführung einer Fernsprechleitung im klaren ist, welches Ergebnis man erzielen wird, und das ist bei den großen Aufgaben, an welche die Fernsprechtechnik dank der Pupinschen Erfindung jetzt herangeht, natürlich von großer Wichtigkeit; denn Anlagen, wie die rd. 2000 km lange Pupin-Freileitung Berlin-Rom und das über 600 km lange Pupin-Kabel von Berlin nach dem Rheinland sind bedeutende Objekte. Und doch ist man mit diesen Linien noch nicht an die Grenze dessen gelangt, was mit den zurzeit zu Gebote stehenden Hilfsmitteln geleistet werden kann. Denn auf Grund der bisher angestellten Versuche kann man sagen, daß oberirdische Leitungen erst bei 3000 km, Kabel bei 1000 km an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt sind. Damit dürfte den Ansprüchen der Gegenwart Genüge geschehen. Eine wesentliche Erweiterung des Fernsprechbereichs wird vermutlich mit Hilfe des Fernsprechrelais gelingen, wenn dasselbe auch heute noch nicht einen solchen Grad der Vollendung erreicht hat, daß man von einer ausgedehnten praktischen Anwendbarkeit sprechen kann.

Textabbildung Bd. 329, S. 501
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K.W.Wagner, Ueber die Verbesserung des Telephons, E.T.Z. 1911, S.83. F. Breisig, Ueber die Energieverteilung in Fernsprechkreisen. E. T. Z. 1911, S. 558.

|498|

s.u.a. F. B reisig, E. T. Z. 1914, S. 649.

|498|

E. T. Z. 1899, 842; 1901, 1046; 1902, 223.

|498|

E. T. Z. 1902, 344.

|498|

Pupin, Trans. Inst. El. Eng. 1899, 111 und 1900, 245. Dolezalek und Ebeling, E. T. Z. 1902, S. 1059.

|498|

Vgl. auch F. Dolezalek und A. Ebeling, Ueber die Leistungsfähigkeit von Fernsprechkabeln mit stetig verteilter Selbstinduktion. E. T. Z. 1903 Heft 38.

|498|

Heaviside, Electromagnetic Theorie, vol. I, S. 409 bis 453, 1893.

|498|

Engl. Patente Nr. 22304/1891, 13064 und 15217/1893, 13581/1894.

|498|

Vgl. A. Ebeling, Ueber Fernsprech-Freileitungslinien Pupinschen Systems, E. T. Z. 1910.

|499|

A. Franke, Die elektrischen Vorgänge in Fernsprechleitungen und -Apparaten. E. T. Z. 1891 Heft 13.

|499|

Béla Gati, Die Messung dielektrischer Widerstände mittels des Baretters. Elektrotechnik und Maschinenbau 1908, Heft 13.

|499|

A. Ebeling, Lange interurbane Fernsprechkabel Pupinschen Systems. E. T. Z. 1910, Heft 17.

|500|

F. Breisig, Fernsprechkabel großer Reichweite, insbesondere das Kabel „Berlin-Rheinland“. E. T. Z. 1914 Heft 23. A. Ebeling, Erfahrungen bei der Fabrikation und Verlegung des Fernkabels auf der Strecke Berlin-Magdeburg. E. T. Z. 1914 Heft 25.

|500|

A. Ebeling, Ueber das im Bodensee verlegte Fernsprechkabel mit Selbstinduktionsspulen nach dem Pupinschen System. E. T. Z. 1907.

|500|

Electrical Review, London, 6. Oktober 1911, S. 539.

|500|

The Post Office Electr. Eng. Journal, Januar 1914, S. 381, April 1914, S. 1.

|500|

Ueber Seekabel siehe ferner: J. G. Hill, The Loading of Submarine Telephone Cables. The Electrical Review London 1912 und F. Lüschen, Ueber Fernsprech-Unterwasserkabel, Archiv für Elektrotechnik Bd. 1912, Heft 7.

|500|

Fr. Vieweg & Sohn, Braunschweig 1910.

|501|

vgl. Elektrotechn. Zeitschrift 1913, Heft 16 S. 433.

|501|

Larsen, Elektrot. Zeitschr. 13. Oktober 1910, S. 1039.

|501|

Erlang, Journal of the Institution Electrical Engineers 1913, Part 222, vol. 51.

|501|

Verhandlungen der deutschen physikal. Gesellschaft 1910, S. 184.

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