Titel: VATER: Neues aus dem Gebiete der Kraftmaschinen
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1914, Band 329 (S. 571–574)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj329/ar329132

Neues aus dem Gebiete der Kraftmaschinen.

Von Geheimem Bergrat R. Vater, ordentl. Prof. a. d. Kgl. Bergakademie Berlin.

Auf dem Gebiete der Maschinentechnik haben immer eine hervorragende Rolle gespielt und werden immer eine hervorragende Rolle spielen die Kraftmaschinen, das sind Maschinen, mittels deren der Mensch seit den ältesten Zeiten bestrebt war, sich die Naturkräfte dienstbar zu machen. Die erste Kraftmaschine war freilich der Mensch selber. Bald aber verstand er es, das bewegte Wasser, die bewegte Luft zur Arbeitsleistung heranzuziehen, und erst der neueren und neuesten Zeit war es vorbehalten, die Wärme unmittelbar zur Krafterzeugung, richtiger gesagt zur Arbeitserzeugung in ausgedehntestem Maße, zu verwenden. Die Wärme unmittelbar! Denn bei genauerem Zusehen sind ja schließlich auch unsere Windmühlen und Wasserräder nichts anderes als Wärmekraftmaschinen, Maschinen nämlich, welche die Kraft der Sonnenwärme gewissermaßen auf einem Umwege ausnutzen. Seit mehreren Jahren ist es sogar eine beliebte Aufgabe für Erfinder, geradezu die Sonnenwärme unmittelbar zur Krafterzeugung zu verwenden. Der Gedanke liegt ja nahe genug in Ländern, in denen Wochen und Monate lang die Sonne Tag für Tag in fast unbarmherziger Weise ihre sengenden Strahlen herniedersendet. Auf dem Papier ist der Gedanke auch schon mehr wie einmal „gelöst“ worden, und namentlich aus Amerika, dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten, kam von Zeit zu Zeit die Kunde, daß die unmittelbare Ausnutzung der Sonnenwärme nunmehr gelungen sei. Die zweite Hälfte des verflossenen Jahres brachte nun aber in der Tat die feierliche Einweihung eines Sonnenkraftwerkes, welches (nach einem Berichte in der Zeitschrift für das gesamte Turbinenwesen), von Frank Shuman aus Philadelphia erbaut, bei Meadi in der Nähe von Kairo (Aegypten) im Juli 1913 in Betrieb gesetzt wurde. Das Kraftwerk besteht aus fünf großen Reflektoren, welche parabolisch aus einzelnen Glasspiegeln zusammengesetzt sind und durch eine besondere Maschine nach der Sonne gedreht werden. Die gesamte bestrahlte Oberfläche der Reflektoren beträgt nicht weniger als etwa 1260 qm. Die abgelenkten Strahlen treffen Dampfkessel aus 4,5 mm starken Blechen und erzeugen durch ihre Wärme in diesen Kesseln niedrig gespannten Wasserdampf. Unter Zuhülfenahme eines Kondensators wird auf diese Weise eine 100-pferdige Dampfmaschine betrieben, die ihrerseits eine zu Bewässerungszwecken dienende Kreiselpumpenanlage betreibt. Schon 20 Minuten nach Inbetriebsetzung konnten auf diese Weise minutlich 27 m3 Wasser auf eine Höhe von 9 m gehoben werden. Die Möglichkeit der technischen Ausführung dürfte dadurch erwiesen sein, war übrigens auch wohl kaum zweifelhaft. Ob die wirtschaftlichen Erfolge ebenso günstig sein werden, muß freilich erst die Zukunft lehren. Leicht möglich, daß die „nichts kostende Betriebskraft“ infolge der hohen Anlagekosten, der dauernden Unterhaltungskosten und schließlich doch auch infolge der Unsicherheit des „Betriebsmittels“ sich mit der Zeit als sehr kostspielig herausstellt.

Auch das Wasser fällt für jedermann kostenlos vom Himmel, und so hat schon zu den ältesten Zeiten die Ausnutzung der Wasserkräfte eine große Rolle gespielt. In unserer Zeit, wo der Wettbewerb auf allen Gebieten immer mehr an Schärfe zunimmt, wo jeder Fabrikant bestrebt sein muß, durch Erniedrigung der Betriebskosten wettbewerbsfähig zu bleiben, wird auch auf die Ausnutzung vorhandener Wasserkräfte ein immer größerer Wert gelegt, wobei freilich von der Kostenlosigkeit dieser Wasserkräfte heut nicht mehr die Rede sein kann. Hunderttausende werden an Gemeinden, an Staaten bezahlt lediglich für die Erlaubnis, eine vorhandene Wasserkraft ausnutzen zu dürfen. Hunderttausende, ja Millionen sind nötig, um diese Wasserkräfte in Wasserkraftanlagen auszubauen und sie dauernd in leistungsfähigem Zustande zu erhalten. Nach einem bekannten Grundsatze der Wirtschaftslehre sinken die verhältnismäßigen Kosten mit der Größe der Anlage, und so sehen wir gerade in der allerjüngsten Zeit, wie auf dem Gebiete der Wasserkraftausnutzung immer gewaltigere Anlagen geschaffen werden, die stellenweise schon in die Hunderttausende von Pferdestärken gehen. Eine dieser Riesen- oder, um einen amerikanischen Ausdruck zu gebrauchen, Mammuth-An-lagen, vielleicht die größte, die es gegenwärtig gibt, ist die der Missisippi Power Cie. in Keokuk im Staate Jowa, etwas nördlich von St. Louis, wo die gewaltigen Wassermassen des Missisippi durch einen großen Staudamm zur Abgabe einer Gesamtleistung von rund 300000 Pferdestärken gezwungen werden sollen, bei einem etwa zwischen 6 und 12 m schwankenden Gefälle. Vorläufig ist allerdings erst die Hälfte dieser Anlage in Bau und wird in Kürze dem Betrieb übergeben werden. In Europa ist man meist mit etwas bescheideneren Zahlen zufrieden. Jedoch wird in nicht allzulanger Zeit auch hier eine Wasserkraftanlage entstehen, welche jener amerikanischen an Größe nicht nachsteht. Nach einem Berichte in der „Schweizerischen Wasserwirtschaft“ ist vor kurzem in Petersburg eine Gesellschaft mit 130 Millionen Frcs. Kapital gegründet worden, welche den Vuoksenfluß in Finnland zu einer Leistung von 3 bis 400000 PS ausnutzen will. Dieser Vuoksen stellt den Abfluß des riesigen Saima-Sees, im Innern von Finnland, nach dem finnischen Meerbusen dar und bildet auf einer verhältnismäßig kurzen Strecke eine Reihe gewaltiger Stromschnellen, die heute noch fast gänzlich unausgenutzt sind. Leider befinden sich darunter auch Naturschönheiten allerersten Ranges, wie zum Beispiel der berühmte Imatra-Fall, die Wallinkoski-Stromschnellen usw., die durch jenen Plan wahrscheinlich der Vernichtung anheimfallen werden.

Außer dieser erst geplanten Anlage finden sich heute schon, vor allen Dingen in Norwegen, Wasserkraftanlagen, |572| welche sich neben jener obenerwähnten amerikanischen Riesenanlage recht gut sehen lassen können.

Die Maschinenfabrik I. M. Voith in Heidenheim a. d. Brenz (Württemberg) hat kürzlich einen Auftrag zur Lieferung gewaltiger Turbinenanlagen bekommen, mit denen die Wasserkräfte an den Rjukanfällen in Norwegen noch weiter ausgenutzt werden sollen, nebenbei bemerkt zur Herstellung von Luftstickstoff. Außer den fünf schon im Betrieb befindlichen Freistrahlturbinen von je 14500 PS bei 276 m Gefälle werden jetzt noch sechs größere Freistrahlturbinen von je 16400 PS bei 250 m Gefälle nebst zwei kleineren derartigen Turbinen aufgestellt, zusammen also eine Leistung von rd. 200000 PS.

Waren alle diese Anlagen hauptsächlich bemerkenswert durch die gewaltigen zur Ausnutzung gelangenden Wassermengen, so geht augenblicklich in der Schweiz eine in anderer Beziehung sehr beachtenswerte Wasserkraftanlage ihrer Vollendung entgegen: es ist die Nutzbarmachung des Lac de Fully in der Nähe von Martigny im Kanton Wallis. Die Anlage steht dadurch einzig in ihrer Art da, daß hier zum ersten Male ein Riesengefälle von 1650 m Höhe in einer einzigen Stufe ausgenutzt wird. Da bekanntlich 10 m Wassersäule dem Drucke von 1 at (1 kg f. d. cm2) entsprechen, so müssen die untersten Rohre der Wasserzuleitung imstande sein, den gewaltigen Druck von über 150 at auszuhalten, was natürlich eine besonders sorgfältige Herstellung der Rohre erfordert. Auch hier ist es erfreulicherweise eine deutsche Firma, Thyßen & Cie. in Mülheim-Ruhr, die mit der Lieferung dieser schwer herzustellenden Rohre beauftragt wurde.

Auch kleine und sehr kleine Gefälle werden in neuester Zeit mit wirtschaftlichem Nutzen zur Arbeitsleistung herangezogen, und zwar unter Verwendung einer höchst eigenartigen Maschine, die, auf dem Grundgedanken des alten hydraulischen Widders beruhend, erst vor wenigen Jahren ausgebildet wurde. Es ist der sogen. Hydropulsor (gebaut von dem Ottenser Eisenwerk in Altona-Ottensen) (vgl. D. p. J. 1912, S. 737 und 759). Gegenwärtig ist z.B. eine größere derartige Anlage an der Lausitzer Neiße in Betrieb gekommen, wo, unter Verwendung eines Gefälles von nur 1 m Höhe, Wasser zur Berieselung von 100 ha Wiesenfläche auf eine Höhe von 2,4 m über den Oberwasserspiegel gehoben wird. Der Wirkungsgrad der gesamten Anlage ist zu 56,7 v. H. gewährleistet.

Norwegen, die Schweiz, Oesterreich und Norditalien galten früher als diejenigen Länder, die für Ausnutzung nennenswerter Wasserkräfte in Europa fast allein in Betracht kommen. Dies hat sich aber geändert, seit der geniale, leider zu früh verstorbene Intze in Aachen vor etwa zwei Jahrzehnten lehrte, durch Anlegung gewaltiger Stauwerke, sogen. Talsperren, Gefälle und damit Wasserkräfte auch dort künstlich zu schaffen, wo sie von Natur eigentlich garnicht vorhanden sind. Die Kunst dieses Talsperrenbaues ist seitdem zu großer Blüte gelangt und gerade gegenwärtig ist nach einer Mitteilung in der Zeitschr. für das ges. Turbinenwesen in der süditalienischen Provinz Kalabrien die Anlage eines solchen Stausees in Vorbereitung, welcher die größten europäischen Talsperren an Fassungsvermögen übertreffen wird und unter anderem zur Lieferung einer Leistung von 150000 PS dienen soll.

Die Ausführung der Wasserturbinen steht heut auf einer so hohen Stufe der Vollkommenheit, daß hinsichtlich des Wirkungsgrades, d.h. hinsichtlich des Verhältnisses: „wirklich nutzbar gemachte Energie zu vorhandener Energie“ wesentliche Verbesserungen nicht mehr zu erwarten sein dürften. Bei den Zwillings-Francis-Turbinen der Great-Falls-Power Cie. mit einer Leistung von 6000 PS ergab sich ein Wirkungsgrad von 88 v. H., ja die von der J. P. Morris Cie. gebaute senkrechte Francis-Turbine des Kraftwerkes der Appaladian Cie. – Leistung 4000 KVA bei 16,5 m Gefälle und 116 Min./Umdr. – soll bei den Abnahmeversuchen sogar einen Wirkungsgrad von 93,2 v. H. ergeben haben (Zeitschrift d. Oest. Ing. und Arch.-Vereins 1914, Nr. 17).

Vom volkswirtschaftlichen Standpunkte aus ist die immer mehr zunehmende Ausnutzung der Wasserkräfte als erfreulich zu begrüßen, sind es doch Anlagen, deren Betriebsmittel nach menschlichem Ermessen als unerschöpflich betrachtet werden können, im Gegensatz zur Kohle, von der zwar immer noch gewaltige Mengen vorhanden sind, die aber doch schließlich einmal, da sie sich nicht wieder ergänzen, zu Ende gehen müssen. Trotzdem darf die Bedeutung der Wasserkräfte, vorläufig wenigstens, nicht überschätzt werden. Zwar macht die Kraftübertragung auf weite Entfernungen mittels Elektrizität von Jahr zu Jahr immer größere Fortschritte, aber mit zunehmender Entfernung steigen natürlich auch die Preise für die Energieeinheit. Wo also keine Wasserkräfte in der Nähe sind, erhält man keine billige Kraft, die Menge der zur Verfügung stehenden Energie hängt naturgemäß von der Größe der zur Verfügung stehenden Wasserkräfte ab. Alle diese Bedenken fallen fort bei den Wärmekraftmaschinen, die an jedem beliebigen Orte in jeder beliebigen Größe aufgestellt und betrieben werden können, und da in dem scharfen Wettbewerb zwischen den einzelnen Arten von Wärmekraftmaschinen von allen Seiten die größten Anstrengungen gemacht werden, um den Wärmeverbrauch für die Leistungseinheit immer kleiner, die Maschinen immer einfacher, immer vielseitiger, dabei aber doch immer betriebssicherer zu machen, da endlich auch die Zahl der technisch verwertbaren Brennstoffe immer noch zunimmt, so dürfte es verständlich sein, daß an eine nennenswerte Verdrängung der Wärmekraftmaschinen durch Wasserkraftmaschinen gerade im gegenwärtigen Zeitpunkt garnicht zu denken ist.

Wichtige grundlegende Erfindungen auf dem Gebiete des Baues von Wärmekraftmaschinen sind im letzten Jahre nicht zu verzeichnen, sind wohl auch in der Folgezeit kaum mehr zu erwarten. Der Wettbewerb zwischen den einzelnen Arten von Wärmekraftmaschinen erstreckt sich vielmehr in jüngster Zeit auf zwei Punkte: Zunächst einmal liegt, wie schon angedeutet, das allgemeine Bestreben vor, den Wärmeverbrauch für die Leistungseinheit immer noch weiter herabzumindern, dann aber ist grade die |573| jüngstverflossene Zeit gekennzeichnet durch das Bestreben der einzelnen Erbauer von Wärmekraftmaschinen, das Anwendungsgebiet ihrer Maschinen nach Möglichkeit zu erweitern. Dieses Bestreben läuft im wesentlichen hinaus auf ein immer weiteres Zurückdrängen der alten Kolbendampfmaschine, deren hervorragendste Eigenschaft bis zum heutigen Tage immer noch die ist, daß ihrer Verwendbarkeit fast keine Grenzen gesetzt sind.

Was den ersten Punkt anbelangt, die Herabminderung des Wärmeverbrauches für die Leistungseinheit, so liegen die Verhältnisse bei fast allen Wärmekraftmaschinen heute so, daß an eine wesentliche Verbesserung des thermischen Wirkungsgrades der einzelnen Maschinengattungen – Verbrennungsmaschinen, Dampfmaschinen – kaum noch gedacht werden kann, wenn auch z.B. für die Dampfturbine in jüngster Zeit Dampfverbrauchsziffern erreicht wurden, an die man noch vor wenigen Jahren nicht gedacht hatte, nämlich 5,5 kg für die KW-Std. Im allgemeinen ist ja der Wärmeverbrauch für die Leistungseinheit (z.B. für die KW-Std.) um so geringer, je größer die Maschineneinheiten sind. Daher sehen wir denn auch heute die Größe der Maschineneinheiten, namentlich im Dampfturbinenbau, noch immer mehr zunehmen. Gerade in den letzten Wochen z.B. ist auf dem Versuchsstande der Brown, Boveri & Cie. A.-G. in Mannheim eine für das Elektrizitätswerk „Mark“ in Hagen i. W. bestimmte Dampfturbine in Gang gekommen, welche wahrscheinlich die größte Dampfturbine ist, die bisher gebaut wurde. Sie hat eine Leistung von rd. 40 000 PS und ist bestimmt zur Erzeugung von Drehstrom von 10 bis 11000 Volt Spannung.

Selbstverständlich ist eine Herabminderung des Wärmeverbrauches durch eine derartige Vergrößerung der Leistungseinheiten nur selten möglich. Soll also einer nutzlosen Vergeudung von Wärme vorgebeugt werden, so kann es meist nur in der Richtung geschehen, daß die nach Lage der Dinge in den Maschinen selber nicht mehr ausnutzbare Wärmemenge andere nutzbringende Verwendung findet. Mit einem Worte, die Abwärmeverwertung ist es, die auf dem Gebiete der Wärmekraftmaschinen der letzten Zeit in der Hauptsache ihren Stempel aufgedrückt hat. Verhältnismäßig einfach liegen die Verhältnisse, wenn neben dem Bedarfe an Kraft ein größeres Bedürfnis an Wärme zu Heiz-, Trocken- oder Kochzwecken vorliegt. Hier waren es die Dampfturbinenerbauer, die zuerst in ihren Anzapf- und Gegendruckturbinen Kraftmaschinenanlagen mit weitgehender Wärmeausnutzung schufen. Der immer drückender werdende Wettbewerb veranlaßte dann auch die Erbauer von Kolbendampfmaschinen, ähnliche Anzapf- und Gegendruck-Kolbendampfmaschinen mit ungefähr gleich gutem Erfolge zu bauen. Die Reguliervorrichtungen für alle diese Maschinengattungen sind heute zu hoher Vollendung gebracht worden. Aber auch die Erbauer von Verbrennuhgsmaschinen blieben nicht untätig, und so wird schon heut das zum Kühlen der Zylindermäntel gebrauchte und stark vorgewärmte Wasser, ebenso wie die heißen Auspuffgase zu ähnlichen Zwecken wie oben verwendet.

Anders wird es jedoch, wenn ein größerer Wärmebedarf zu den oben angegebenen Zwecken nicht vorliegt. Bei der Dampfmaschine und Dampfturbine läßt sich die aus der Maschine kommende, im Abdampf steckende Wärme ebenso wie ein Teil der nicht in den Dampfkesseln ausgenutzten Feuergase zur Vorwärmung des Kesselspeisewassers nutzbringend verwerten. Bei der Gasmaschine geht das natürlich nicht, und so bleibt nichts übrig, als die beim Gasmaschinenbetrieb überschüssige Wärmemenge in besonderen Anlagen zur Wassererwärmung und Verdampfung zu verwenden und diesen Dampf dann wiederum anderweitig, z.B. in eigens für diese Zwecke angeordneten Dampfturbinen zur Krafterzeugung auszunutzen. Abwärme steht bei Gasmaschinenanlagen an drei verschiedenen Stellen zur Verfügung: Zunächst im Kühlwasser der Zylindermäntel. Eine zweite Abwärmequelle sind die Auspuffgase, deren Temperatur zwischen 300 ° und 400 ° beträgt und in einem Falle sogar durch gute Umhüllung der Auspuffleitungen auf 450 ° gebracht werden konnte. Gerade diese Auspuffgase mit ihren sehr hohen Temperaturen werden heute schon mehrfach dazu benutzt, um in besonderen sogen. Auspuffkesseln Dampf von hoher Spannung, z.B. zum Betriebe von Dampfturbinen, zu erzeugen. In einer solchen Anlage wurden z.B. von den Abgasen jeder Std.-PS 0,875 kg Dampf von 8 at Ueberdruck erzeugt (Stahl und Eisen 1913, S. 1487). Da die zugehörige Dampfturbine von diesem Dampf 6,5 kg für 1 Std.-PS erfordert, so erzielt man durch die Verwertung dieser Auspuffgase einen Gewinn von 0,875: 6,5 = 0,135 oder 13½ v. H. Eine eigenartige, von Ehrhardt & Sehmer in Saarbrücken gebaute Anlage ist soeben auf der staatlichen Kraftzentrale „Grube Heinitz“ bei Saarbrücken in Betrieb genommen: Die Abgase der mit Koksofengasen betriebenen Gasmaschinen werden in drei Dampfkesseln von je 300 m2 Heizfläche (einschl. Vorwärmer) geleitet und erzeugen hier Dampf von 8 at. Dieser Dampf wird dazu verwendet, um in Drehrostgaserzeugern aus minderwertigen Steinkohlen Kraftgas herzustellen, wobei, ähnlich wie bei dem Mond sehen Verfahren, Ammoniumsulfat als Nebenerzeugnis gewonnen wird. Das Kraftgas wird dann wiederum in den Gasmaschinen der Zentrale zur Elektrizitätserzeugung verwendet.

Eine dritte Stelle endlich, wo bei Gasmaschinenanlagen Wärmeverluste auftreten, sind die Gaserzeuger für Kraftgas. Trotzdem ihr Wirkungsgrad heute schon ein außerordentlich hoher genannt werden muß – er beträgt stellenweise über 80 v. H. –, ist namentlich die Eigenwärme des aus dem Gaserzeuger abziehenden Gases immer noch so groß, daß ihre Nutzbarmachung in letzter Zeit zu vielversprechenden Erfolgen geführt hat. Eine solche Ausnutzung ist z.B. in jüngster Zeit im städtischen Gaswerk Wien-Leopoldau eingerichtet worden (s. Stahl und Eisen 1913, S. 2013). Hier wird das zur Heizung der Oefen notwendige Heizgas in Drehrostgaserzeugern Bauart Kerpely erzeugt, deren Kühlmäntel durch Dampfkessel ersetzt werden. Durch genaue Messungen ergab sich, daß von dem Heizwert des verwendeten Brennstoffes |574| 79,48 v. H. in Form von Heizgas und 15,51 v. H. in Form von Wasserdampf gewonnen wurde, was also zusammen einen Wirkungsgrad des Gaserzeugers von 95 v. H. ergeben würde. Von einer ganz eigenartigen Anlage in dieser Beziehung wird neuerdings aus Amerika berichtet (The Iron Age, 5. Februar 1914). Hier werden bei der Ford Motor Cie in Detroit vier Maschinengruppen von je 6000 PS zur Erzeugung elektrischer Energie aufgestellt. Die Maschinengruppen haben je vier Zylinder in Zwillingstandem-Anordnung, und zwar besteht das Eigenartige dieser Anordnung darin, daß die jeweiligen vorderen Zylinder Sauggasmaschinen darstellen, während die hinteren Zylinder zusammen je eine Verbundmaschine bilden. Das aus den Zylindermänteln der Gasmaschinen heiß ablaufende Kühlwasser wird durch die heißen Auspuffgase sowie durch die obenerwähnte Abwärme der Gaserzeuger weiter erhitzt, in Kesseln verdampft und so zum Betrieb jener Verbundmaschinen verwendet.

In das Kapitel der gesteigerten Wärmeausnutzung gehört auch die Dampferzeugung in den neuen eigenartigen Dampfkesseln Bauart Schnabel-Bone, worüber hier mehrfach berichtet wurde. Es wäre zu erwähnen, daß sich die Hoffnungen, die auf die ersten Versuchsausführungen gesetzt wurden, nicht ganz zu erfüllen scheinen. Erwägt man zunächst, daß zum Betrieb dieses Kessels nur Gas, und zwar recht gut gereinigtes Gas verwendet werden kann, so wird man von dem ungewöhnlich hohen Wirkungsgrade des Kessels den Wirkungsgrad des Vergasers abzuziehen, dann aber auch die Kosten für die Vergasung, für die Reinigung des Gases, sowie das zum Betrieb des Kessels unbedingt nötige Gebläse mit in Anrechnung zu bringen haben, so daß sich dadurch der wirtschaftliche Wirkungsgrad wesentlich erniedrigen dürfte. Andererseits wäre zu beachten, daß gerade bei Kesseln mit Gasfeuerung Wirkungsgrade über 80 v. H. schon oft nachgewiesen wurden, in neuester Zeit sogar bei Anerbietungen Wirkungsgrade bis zu 89 v. H. gewährleistet werden (Stahl und Eisen 1913, S. 1901). Außerdem aber haben umfangreiche Dauerversuche gezeigt, daß der Schnabel-Bone-Kessel in der zunächst noch vorliegenden Form zwar betriebsfähig, aber noch nicht betriebsbrauchbar ist, man wird also abwarten müssen, ob und inwieweit sich die auf den Kessel gesetzten, fast überschwänglichen Erwartungen erfüllen werden.

Jedem Ingenieur, der ein Hochofenwerk besichtigt, wird sich wohl schon die Frage aufgedrängt haben, ob es denn nicht möglich sein sollte, die in der abfließenden Hochofenschlacke steckenden Wärmemengen nutzbringend zu verwerten. Neuerdings kommt aus England die Nachricht, daß eine solche Ausnutzung der Schlackenwärme tatsächlich gelungen ist (Stahl und Eisen 1914, S. 153), und zwar bei einer Hochofenanlage in Middlesborough. Die Schlacke wird hier in das Innere von eigenartig gestalteten Dampfkesseln geleitet und dann, nachdem sie ihre Wärme an das Wasser abgegeben hat, durch eine Art Bagger in ununterbrochenem Strome wieder herausgefördert. Bei einer Hochofentagesleistung von 1800 t Roheisen liefert der auf diese Weise erzeugte Dampf dort eine nutzbare Leistung von 500 KW-Std., wovon eine Dauerleistung von 6 PS für den Betrieb der Anlage abzuziehen sind.

Das zweite Bemerkenswerte der letzten Zeit auf dem Gebiete der Wärmekraftmaschinen ist das Bestreben der Erbauer von Dampfturbinen und Verbrennungsmaschinen, den Anwendungsbereich ihrer Maschinen nach Möglichkeit zu erweitern, oder – anders ausgedrückt – mit der alten Kolbendampfmaschine auf immer mehr Gebieten in Wettbewerb zu treten. Dieses Bestreben hat mehrfach zu ganz eigenartigen Anwendungen der einzelnen Maschinengattungen geführt, Anwendungen, die man noch vor wenigen Jahren wohl kaum für möglich gehalten hätte. Hierher gehört z.B. das Auftreten der Dampfturbine als Walzenzugsmaschine, ermöglicht durch Anwendung des zuerst zum Schiffsantrieb verwendeten sogen. Foettinger-Transformators. Die Versuche sollen nach einem Bericht in Stahl und Eisen zufriedenstellend ausgefallen sein. Bei dieser Gelegenheit sei übrigens erwähnt, daß Versuche im Gange sein sollen, Dampfturbinen auch zum Betrieb von Unterseebooten zu verwenden. Einzelheiten darüber lassen sich allerdings noch nicht angeben. Auch auf dem Gebiete der Gasmaschinen finden sich eigenartige Verwendungen. Hierher gehört z.B. die im verflossenen Jahre gebaute erste Diesel-Lokomotive, welche gegenwärtig noch auf der preußischen Staatsbahn in regelmäßigem Betrieb ausprobiert wird. Ferner wäre hier vielleicht zu erwähnen der von der Stock-Motorpflug G. m. b. H., Berlin, allerdings schon früher hergestellte Motorpflug, der aber gerade in jüngster Zeit wieder viel Anwendung gefunden hat. Der Pflug arbeitet nicht, wie die früheren üblichen Dampfpflüge, mit einer Seiltrommel, sondern er wird unmittelbar durch eine Benzolmaschine in Bewegung gesetzt und läßt sich ähnlich steuern wie ein Kraftwagen.

Der größte Feind der alten Kolbendampfmaschine ist der Elektromotor. Hier möge nur hervorgehoben werden, daß, trotz aller Fortschritte auf dem Gebiete des elektrischen Antriebes, der Wettbewerb auf manchen Gebieten für die Dampfmaschine aus dem Grunde nicht aussichtslos erscheint, weil sie an Wirtschaftlichkeit dem Elektromotor nicht selten stark überlegen ist. Das ist z.B. der Fall auf dem Gebiete der großen Umkehrwalzenzugsmaschinen. Gerade in den letzten Wochen erst ist auf den Rombacher Hüttenwerken in Lothringen eine große, von Ehrhardt & Sehmer in Saarbrücken gebaute Drillings – Tandem – Umkehr – Walzenzugsmaschine in Gang gekommen, welche im Höchstfalle nicht weniger als etwa 30000 PS leistet, höchstwahrscheinlich ist es die größte Walzenzugsmaschine, die es zurzeit überhaupt gibt.

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