Titel: VATER: Spezifisch.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1915, Band 330 (S. 306–307)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj330/ar330057

Spezifisch.

Von Geh. Bergrat Prof. R. Vater in Berlin.

Spezifisch kommt offenbar von species, die Art, soll also etwas bezeichnen, was der betreffenden Art eigentümlich ist. Was ist also spezifisches Volumen der Luft? Ein Volumen, welches der Luft eigentümlich ist? Keine Spur! Das spezifische Volumen der Luft kann gerade so groß sein, wie das spezifische Volumen von Kohlensäure, von Leuchtgas oder sonst etwas. Was ist also spezifisches Volumen der Luft? Es ist das Volumen,welches 1 kg Luft unter ganz bestimmten Umständen einnimmt.

Was ist spezifischer Druck der Luft? Vielleicht der Druck, den 1 kg Luft ausübt? Natürlich nicht! Also was ist spezifischer Druck? Es ist der Druck, den die Luft auf 1 m2 Fläche ausübt.

Was ist spezifische Wärme von Leuchtgas? Wärme, wie sie dem Leuchtgas eigentümlich zu sein pflegt? Nein. |307| Die Wärme, die in 1 kg Leuchtgas steckt? Nein. Die Wärme, die in 1 m3 Leuchtgas steckt? Nein. Also was ist spezifische Wärme? Es ist diejenige Wärme, welche nötig ist, um 1 kg Leuchtgas um 1° zu erwärmen.

Was ist spezifische Dampfmenge bei feuchtem Dampf? Zunächst ist es gar keine Menge, sondern ein Gewicht. Ja warum sagt man denn da nicht spezifisches Dampfgewicht? Weil spezifisches Gewicht von Dampf etwas ganz anderes ist als spezifisches Dampfgewicht. Also eine ganz spezifisch verwickelte Geschichte!

Was ist spezifische Drehzahl einer Turbine? Hier hört überhaupt jede Möglichkeit auf, die Erklärung aus dem Worte selbst zu enträtseln. Es ist die Drehzahl der 1 PS-Turbine in 1 m Gefälle U.s.w.

Gibt es wohl noch ein Wort in der technischen Sprache, welches eine ähnlich vielseitige Bedeutung hat und daneben in den meisten Fällen noch derartig unklar, derartig nichtssagend ist als das Wort spezifisch? Tatsächlich macht denn auch dem Anfänger das Wort, wie ich aus langjähriger Erfahrung weiß, zunächst Schwierigkeiten. Die schönsten Erklärungen, die mannigfaltigsten Beispiele nutzen wenig. Der Schüler, der Studierende kann sich unter spezifisch zunächst nichts vorstellen. Vielleicht hat er es dann verstanden. Liegen aber erst einige Monate oder gar Jahre dazwischen, seit er sich damit beschäftigt hat, so kann man (siehe Examen!) die eigenartigsten Antworten zu hören bekommen.

Die Frage ist: Läßt sich dem nicht abhelfen? In allen Fällen wohl kaum. In vielen aber ganz sicher. Ich meine, es könnten sich vielfach Ausdrücke finden lassen, die erstens einmal nicht länger sind als das Wort spezifisch, zweitens sich mindestens ebenso bequem aussprechen lassen, drittens beim Schreiben keine Unbequemlichkeit bieten und endlich viertens, wenn auch vielleicht nicht ganz eindeutig, so doch wenigstens annähernd das bezeichnen, was mit dem unklaren, zum Teil geradezu falschen Wort „spezifisch“ eigentlich angedeutet werden soll. Im Folgenden einige Vorschläge:

Spezifisches Volumen: Dasjenige Volumen, welches 1 kg eines Gases einnimmt. Wie wäre es mit Kilogramm-Volumen? Es ist kürzer wie spezifisches Volumen, läßt sich leichter aussprechen, läßt sich bequemer schreiben (kg-Vol.) und gibt noch dazu in sich eine Art Erklärung, was darunter zu verstehen ist. Was spezifisches Volumen ist, kann einer wieder vergessen; bei kg-Volumen dürfte das kaum mehr vorkommen.

Spezifischer Druck: Der Druck, den ein Gas auf ein m2 Fläche ausübt. Wie wäre es mit Quadratmeter-Druck? geschrieben qm-Druck. Die Bezeichnung ist vielleicht noch deutlicher als der Vorschlag von kg-Volumen. Was spezifischer Druck ist, muß unter allen Umständen erst genau erklärt werden; qm-Druck dürfte meist ohne weitere Erklärung verstanden werden.

Spezifische Wärme: Diejenige Wärmemenge, welche nötig ist, um 1 kg Gas um 1° zu erwärmen. Wie wäre es mit Ein-Grad-Wärme, geschrieben 1°-Wärme? Etwas ungewöhnlich, wie ich ohne weiteres zugebe, aber ungemein kurz und dabei, wie mir scheint, die Erklärung zum großen Teil in sich tragend.

Spezifisches Gewicht. Hier ist das Wort spezifisch vielleicht noch am ersten am Platz. Es ist wirklich ein Gewicht, wie es der betreffenden Art des Körpers eigentümlich ist. Noch kürzer, noch treffender, noch deutlicher ist aber entschieden Kubikmeter-Gewicht, geschrieben cbm-Gewicht oder in anderen Fällen Liter-Gewicht, geschrieben lit-Gewicht. Gegenüber dem kg-Volumen hätte der Ausdruck noch den großen Vorteil, daß er gewissermaßen schon selber andeutet, daß cbm-Gewicht den reziproken Wert von kg-Volumen darstellt, während sonst diese reziproken Werte durch ein und dasselbe Wort „spezifisch“ ausgedrückt werden, was natürlich zu Unklarheiten Anlaß gibt.

Spezifische Dampfmenge. Sagt Trockendampfgewicht nicht genau dasselbe und viel besser, viel deutlicher? Sagt man: die spezifische Dampfmenge dieses Dampfes ist 0,9, so liegt für Nichteingeweihte die Versuchung doch recht nahe zu denken: In 1 cbm Dampf befinden sich 0,9 cbm Dampf und 0,1 cbm Wasser. Sagt man dagegen: das Trockendampfgewicht beträgt hier 0,9, so ist wohl unschwer von Jedem zu ergänzen: ...des Gesamtgewichtes.

Sollten sich nicht noch mehr solcher Ersatzworte finden lassen?

Nicht Neuerungssucht ist es, nicht etwa das krankhafte Bestreben Fremdwörter zu beseitigen – daß es nebenher erreicht wird, wäre ja kein Schaden –, sondern nur der Wunsch, unnütze Unklarheiten zu beseitigen und manchem das Verständnis zu erleichtern. Ich spreche, wie gesagt, aus Erfahrung und glaube, es wird mir so mancher Recht geben. Was sagt der Ausschuß für Einheiten und Formelwesen dazu?

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