Titel: KASTEN: Die Hausrohrpostanlage usw.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1916, Band 331 (S. 101–110)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj331/ar331019

Die Hausrohrpostanlage im neuen Geschäftsgebäude der Nordstern-Versicherungs-Gesellschaften in Berlin-Schöneberg am Nordsternplatz.

Von Baurat Kasten in Berlin.

Einleitung.

In jedem geordneten Geschäftsbetriebe ist die Führung und der Gebrauch von Akten nicht zu umgehen. Sie dienen zum Sammeln von Dokumenten und Schriftstücken, und zwar solchen, deren Wert und Gebrauch sich auf einen längeren Zeitraum erstreckt. Schriftstücke, die ohne bleibenden Wert sind, sollten den Akten fern bleiben. Das Aufbewahren der sich aus dem laufenden Geschäftsbetriebe ergebenden Schriftstücke ist besonders in großen Unternehmungen notwendig, teils um dem Aufsichtsbeamten an Hand der Akten die Aufsicht über die ordnungsmäßige Erledigung des schriftlichen Verkehrs zu ermöglichen, teils um in die betreffende Dienststelle neu Eintretende das Einarbeiten zu erleichtern und dem Gedächtnis des in einer Stelle schon Beschäftigten zu Hilfe zu kommen.

Bei den Behörden besteht daher das Bestreben, die Akten so zu führen, daß die Bearbeitung jeder schwebenden Angelegenheit jedem in die Sache neu Eingeführten möglich ist. Es ergibt sich daraus meist ein ziemlich umfangreicher Bestand an Akten.

Zur besseren Uebersichtlichkeit werden in jedem Betriebe Akten, die den allgemeinen Dienst- und Geschäftsbetrieb, und solche, die einzelne Gegenstände behandeln, geführt (Acta generalia und spezialia nach dem alten Bureaukratenlatein). Bei den Behörden muß darauf Bedacht genommen werden, daß die Zahl der Einzelakten nicht zu groß wird, denn sonst ist das Auffinden von Schriftstücken („Vorgängen“ in der Bureaukratensprache genannt) wegen des Ineinandergreifens der einzelnen Dienstzweige sehr schwierig.

Die Akten der Behörden werden fortlaufend geführt und mit der Jahreszahl des Beginns bezeichnet. Die Stärke der Bände ist durch die Handlichkeit begrenzt und dem Ermessen des Registrators überlassen.

In dem Betriebe einer Versicherungsgesellschaft, der uns im Folgenden beschäftigen wird, ergeben sich außer den Akten über den allgemeinen Geschäftsbetrieb eine große Anzahl Einzelakten, und zwar wird für jeden Versicherungsfall ein besonderes Aktenstück angelegt. Sie weichen aber nicht nur hinsichtlich ihres Umfanges und ihrer Zahl, sondern auch ihrer Benutzungsweise von den Akten der Behörden ab.

Bei den Behörden werden die Akten bei einer Dienststelle erheblich länger gebraucht; das Ineinandergreifen der Dienstzweige führt oft dazu, daß ein Aktenstück von dem einen zum nächsten und zuweilen noch weiteren Beamten wandert, ohne die Registratur zu berühren. Es kommt daher vor, daß Aktenstücke auf lange Zeit im Umlauf bleiben.

Bei einer Versicherungs-Gesellschaft ergibt sich schon aus dem Vorhandensein der in sich abgeschlossenen Aktenstücke, daß für jeden Fall jedes nur von einem Beamten für eine Erledigung und zumeist auch nur kurze Zeit gebraucht wird. Es wird von ihm daher stets von dem Archiv angefordert und nach Benutzung durch ihn und die sonst noch in Betracht kommenden Dienststellen dorthin zurückgesandt werden.

Hiermit steht die in neuerer Zeit oft erörterte Frage in engem Zusammenhange, ob es praktischer ist, die Akten auf die einzelnen Dienststellen zu verteilen und ihnen die Führung zu übertragen, oder Akten einer ganzen Abteilung oder einer Behörde zu einem Sammelarchiv zu vereinigen.

In den Zentralbehörden sind bis jetzt noch die früher allgemein üblichen Sammelregistraturen vorhanden. In den Bezirksbehörden findet man dagegen schon häufig eine Verteilung durchgeführt, daneben aber auch noch Sammelregistraturen.

In den Aufsichts- und Betriebsbehörden, z.B. den Betriebs- und Maschinenämtern der Eisenbahnverwaltung, den Postämtern usw. sind dagegen die wenig umfangreichen |102| Akten bei den einzelnen Dienststellen untergebracht.

Es geht daraus hervor, daß es sich dabei hauptsächlich um eine Raumfrage handelt.

Textabbildung Bd. 331, S. 102

Will man Sammelarchive anlegen, die vor der Verteilung der Akten auf die Dienststellen bei größerer Anzahl der letzteren zweifellos große Vorteile (leichte Uebersicht, bessere Behandlung durch geübtes Registraturpersonal usw.) bietet, so sind zeitraubende und kostspielige Botengänge erforderlich. Wenn sich diese durch billigere und schneller arbeitende Fördereinrichtungen ersetzen lassen, so steht der Einrichtung eines Sammelarchivs für ein Verwaltungs- und Geschäftsgebäude nichts mehr im Wege.

Textabbildung Bd. 331, S. 102

Das Archiv der drei Nordstern-Lebensversicherungs-Gesellschaften in Berlin-Schöneberg ist in dem für Bureauzwecke nicht geeigneten unteren Dachgeschoß, dem eigentlichen Dachboden, untergebracht. Dabei können die einzelnen Abteilungen nicht senkrecht über den zugehörigen Bureaus gelegt werden, so daß man, abgesehen von den zwischen den einzelnen Bureauabteilungen erwünschten Verbindungen, nicht mit den nur in senkrechter Richtung fördernden und allgemein üblichen Aktenaufzügen auszukommen vermag, sondern entweder diese durch eine wagerecht fördernde Einrichtung ergänzen muß, wenn man nicht ein die Aufgabe in der vollkommensten Weise lösendes Fördermittel, das sowohl zur senkrechten wie zur wagerechten Förderung geeignet ist, anwenden will.

Aktenaufzüge würden sich durch Förderbänder ergänzen lassen, die aber zum handlichen Be- und Entladen in Tischhöhe geführt werden müssen und daher die Arbeitsräume versperren. Die für solche Aufgaben in der Fördertechnik ausgeführten raumbeweglichen Becherwerke sind wegen ihres Geräusches für ein Bureauhaus nicht verwendbar.

Textabbildung Bd. 331, S. 102

Das einzige Fördermittel, bei dem sich wagerechte und senkrechte Förderstrecken ohne verwickelte Uebergangseinrichtungen beliebig aneinander reihen lassen, ist die Rohrpost. Auch lassen sich mit ihr die an die Feuersicherheit zu stellenden Anforderungen am leichtesten erfüllen, weil die Rohre fest in die Wände und Decken eingemauert werden. Der Forderung des geräuschlosen Betriebes läßt sich mit ihr am leichtesten entsprechen. Das Treibmittel, die Luft, läßt bei richtiger Ausgestaltung der Apparate und Rohre einen geräuschlosen Betrieb leicht durchführen. Das einzige Geräusch, das die Arbeiten in den Bureaus stören würde, geht von dem Gebläse aus, das aber durch richtige Aufstellung in einem geeigneten Kellerraum und durch eine richtig durchgeführte Isolierung, die hier vollkommen gelungen ist, von den Arbeitsräumen ferngehalten werden kann.

Die Apparate lassen sich so ausbilden, daß sie, wenn Wert darauf gelegt wird, ohne Bedenken in den Arbeitsräumen aufgestellt werden können.

Vor allen anderen Fördermitteln hat die Rohrpost den großen Vorzug, daß auf den Beförderungsstrecken |103| keine der Abnutzung und Wartung unterworfenen Teile vorhanden sind. Alle beweglichen Teile sind auf die Apparate an den Rohrenden beschränkt, die das Bedienungspersonal stets vor Augen hat. Bei richtiger Bedienung ist deren Abnutzung sehr gering, während die Fahl röhre mit der Zeit innen glatter werden und ihre Abnutzung, soweit von einer solchen überhaupt zu reden ist, die Betriebsverhältnisse verbessert.

Textabbildung Bd. 331, S. 103

Die Beförderung von Aktenstücken zwingt zur Vergrößerung des Rohrdurchmessers, der bei den üblichen Hausrohrpostanlagen in den Geschäftshäusern zwischen 40, 65 und 75 mm wechselt und nur selten bis 100 mm hinaufgeht.

Textabbildung Bd. 331, S. 103

Es wurde nach dem größten, 1500 bis 2000 g wiegenden Aktenstück ein Rohrdurchmesser von 150 mm gewählt. Daraus ergab sich ferner die Unmöglichkeit, die Horizontalstrecken und die Uebergangsbögen in den Zwischengeschossen unterzubringen. Hierzu eignete sich der obere Dachboden (Spitzboden) am besten, der für die Unterbringung der Fahrrohre Platz genug bot.

Die Rohrführung für ein Fahrrohr ergibt sich hieraus von selbst. Das Rohr steigt zunächst senkrecht an, geht dann mit einem Bogen in die im Spitzbogen verlegte wagerechte Strecke und mit einem gleichen Bogen in die senkrecht zur zweiten Station abfallende Strecke über (vgl. auch das Schaltbild, Abb. 6). Aus dieser Rohrführung und dem großen Rohrdurchmesser ergibt sich ferner nicht nur die Konstruktion der Apparate mit senkrechter Empfangs- und Absendekammer, sondern auch die Betriebsweise.

Für die Ausführung mußte ein ganz neuer Entwurf aufgestellt werden, weil die bei einem Wettbewerb eingereichten Entwürfe auf den üblichen, bei kleinen Anlagen gut bewährten, hier aber nicht anwendbaren Verfahren beruhten.

Beispielsweise war die von den meisten Bewerbern vorgesehene Klappe zum Auswerfen der Patronen, wie sie bei Saugluftrohrnetzen möglich ist, hier wegen der Größe und des Gewichts nicht brauchbar. Auch der bei Hausrohrpostanlagen gut eingeführte Betrieb mit dauernd im Fahrrohr strömender Luft war schon wegen des durch den großen Rohrdurchmesser bedingten Luftverbrauchs nicht zu benutzen.

Wenn auch das Treiben von großen Büchsen durch |104| ein Fahrrohr keine besonderen Schwierigkeiten macht, und auch der auf eine große Fläche wirkende Triebdruck zum Heben der Büchsen in der ansteigenden Rohrstrecke ausreicht, so erschien es hier doch zur Verminderung des Luftverbrauchs ratsam, eine Betriebsweise zu wählen, bei der der Druck der Treibluft bei Beginn der Beförderung am größten ist. Die Saugluft wirkt nun wegen des Spannungsabfalles im Rohre beim Absenden, also auf den ansteigenden Strecken, wo die größte Arbeit zu leisten ist, am schwächsten und auf den abfallenden Strecken, wo die Büchse gebremst werden muß, am stärksten. Die Druckluft wirkt dagegen in Uebereinstimmung mit der Beförderungsarbeit bei Beginn der Fahrt am kräftigsten.

Textabbildung Bd. 331, S. 104

Als am zweckmäßigsten und wirtschaftlichsten war demnach der Betrieb mit Druckluft, und zwar in je einem Fahrrohr hin und zurück anzusehen. Die Druckluft ermöglichte es, den Fall der Büchsen durch einen Luftbuffer geräuschlos abzubremsen. Daß eine Betriebsweise, bei der die Luft nur während der Beförderung verbraucht wird, billiger arbeitet als eine mit dauernd strömender Treibluft, bedarf keines Beweises.

Die Bestandteile einer mit Druckluft betriebenen Rohrpost, nämlich die Gebläse, die Luftverteilungsrohre, die Apparate, Fahrrohre und Büchsen sind so einfach, teilweise auch als so bekannt vorauszusetzen, daß die Beschreibung kurz sein kann.

Die wichtigsten Teile einer Rohrpost sind die Büchsen und die Apparate.

Die Form und Größe der Büchsen richtet sich nach dem zu befördernden Gegenstande, und zwar nach dem mit den größten Abmessungen und mit dem größten Gewicht. Das Gewicht des größten Aktenstückes war hier zu 2000 g anzunehmen, der nutzbare Laderaum für das zusammengerollte Aktenbündel zu 120 × 400 mm. Bei dem Rohrdurchmesser von 150 mm bleibt zwischen dem Mantel der Büchse und der Rohrwandung ein Spielraum von 13 mm. Zur Abdichtung und Verminderung der Reibung ist die Büchse (Abb. 1) mit zwei Manschetten (Treibringen) versehen. Aus der Länge, dem Durchmesser und der Gestalt der Büchse ergibt sich der kleinste Bogenhalbmesser nach Abb. 2 zu 3,0 m.

Besondere Aufmerksamkeit erfordert ein sicherer und leicht zu handhabender Verschluß. Um den Laderaum nicht zu verengen, müssen seine Befestigungsteile so wenig Platz wie möglich einnehmen, dabei aber doch genügend kräftig sein, um der oft unsachgemäßen Behandlung durch das technisch ungeschulte Bedienungspersonal widerstehen zu können.

Der Verschluß (Abb. 3) besteht aus einer an der Büchse befestigten Klappe mit einer Verriegelung. Der Riegel ist so geformt, daß er bei geöffneter Stellung über den Rand der Büchse hinausragt. Daraus ergibt sich, daß keine Büchse mit unverriegeltem Deckel in das Fahrrohr eingeführt werden und der Verschluß sich während der Fahrt nicht öffnen kann. Der Verschlußdeckel trägt außerdem noch die zur Kennzeichnung der Empfangsstelle dienende Einstellvorrichtung, die aus einer drehbaren Scheibe mit der Nummer der Stationen und einer Raste mit Pfeil besteht.

Die der Abnutzung unterworfenen Teile sind leicht auswechselbar; zu diesen gehört auch der am Kopfende angebrachte Filzbuffer, der aus zwei Teilen zusammengesetzt ist.

Die Form des Filzbuffers entspricht dem zum Abbremsen der letzten lebendigen Kraft der Büchse im |105| Empfangsapparat (Abb. 4) angebrachten Buffer. Aus der schon erläuterten Betriebsweise folgt, daß die Apparate sowohl zum Senden wie zum Empfangen benutzt werden; daraus ergibt sich auch ihre Konstruktion.

Textabbildung Bd. 331, S. 105
Textabbildung Bd. 331, S. 105

Beim Absenden muß die Büchse leicht eingeführt und in dem Apparat gelagert werden können.

Die Treibringe müssen den Querschnitt gut abdichten, damit keine Luft vorbeiströmen kann und der Druck der Treibluft voll für die Beschleunigungsarbeit ausgenutzt wird. Beim Empfangen muß die von der Büchse verdrängte Vorluft abströmen und der Fall der Büchse aufgefangen und so abgebremst werden, daß kein störendes Geräusch entsteht und die Büchse nicht beschädigt und zusammengestaucht wird.

Textabbildung Bd. 331, S. 105

Am kräftigsten und geräuschlosesten wirkt ein Luftbuffer, der sich beim Druckluftbetrieb sehr einfach durch Ableiten der Vorluft oberhalb der Empfangskammer (Abb. 4) bilden läßt. Während die Büchsen oberhalb der Kammertür das Rohr vollkommen abschließen und die zwischen dem Boden des Apparates und der Abzweigung der Vorluft eingeschlossene Luft als vollkommener Buffer wirkt, wird die Wirkung, sobald die Büchse die als einfache drehbar ausgebildete Kammertür erreicht hat, dadurch abgeschwächt, |106| daß die Tür mit ihrem Vorsprung das Rohr nicht völlig abdichtet (Abb. 5). Daraus ergibt sich die Notwendigkeit eines weiteren mechanisch wirkenden Buffers am Boden des Apparates, der gleichzeitig mit einem die Ankunft und das Absenden der Büchsen durch Lampen anzeigenden Kontakt verbunden ist.

Nach dem Schaltbild im Aufriß (Abb. 6) sind die Stationen nicht unmittelbar miteinander verbunden, sondern verkehren über eine Sammelstelle miteinander.

Das Schaltbild stellt die Abwicklung der Mittelebene des Gebäudes dar, das nach Abb. 7 einen dreieckigen Grundriß hat.

Es sind im ganzen 26 Stationen vorhanden, die größtenteils zur Vereinfachung der Rohrführungen zu sechs Reihen von zwei bis fünf Apparaten vereinigt sind.

Abb. 7 zeigt die Verteilung der Apparate und Stationsreihen auf dem Grundriß des Gebäudes.

Die Stationen einer Reihe sind übereinander etwas versetzt angeordnet, um die Fahrrohre ohne Bogen abwärts führen zu können. Auch die Treibluft- und Vorluftrohre steigen ohne Bogen senkrecht empor, so daß die Anschlußrohre für die Zuführung der Treibluft und die Ableitung der Vorluft zu den Apparaten an den Stationen einer Reihe in jedem Stockwerk verschieden lang sind. Diese Rohrführung wurde durch die Konstruktion des Gebäudes sehr erleichtert. Die Zwischenwände bestehen nämlich aus Pfeilern mit dazwischen gespannten Füllwänden. Die dadurch gebildeten Nischen reichten zur Unterbringung des Apparates, der zu den unteren Stationen führenden Fahrrohre und des Treibluft- und Vorluftrohres bei der obersten Station einer aus fünf Stationen bestehenden Reihe gerade noch aus. In den Stationen sind nur die Apparate (Abb. 8) sichtbar, die übrigen Rohre sind durch eine Verkleidung, die aus einer dünnen Wand besteht, verdeckt.

Entsprechend der Zahl der Stationen enthält die im oberen Geschoß aufgestellte Zentrale 26 Apparate, die in vier Reihen aufgestellt sind, von denen zwei mit dem zwischen ihnen freigelassenen Bedienungsgang in Abb. 9 zu erkennen sind.

Textabbildung Bd. 331, S. 106

Die Fahrrohre bestehen aus schmiedeeisernen Rohren, die mit straff über die Enden gezogenen Muffen verbunden sind. Trotz der günstigen räumlichen Verhältnisse waren beim Bau des Fahrrohrnetzes mancherlei Hemmnisse zu überwinden. Wegen der großen Zahl der aus der Zentrale aufsteigenden Rohre (Abb. 10) konnte die Decke erst nach dem Einbau der Rohre gespannt werden. Der Spitzboden bot zwar reichlichen Raum für die Unterbringung der Rohre; wegen des dreieckigen Grundrisses der bebauten Fläche waren auch zahlreiche wagerechte Bogen anzulegen. Ueber den in der Nähe der Zentrale gelegenen Stationsreihen zeigt die Rohrführung (Abb. 11) ein recht verwickeltes Bild.

Damit die Uebergangsbogen nicht zu tief in das |107| darunterliegende Archiv hinabreichen (Abb. 12), sind die Bogen nach Abb. 6 und 11 überhöht.

Textabbildung Bd. 331, S. 107
Textabbildung Bd. 331, S. 107

Die Stationen sind zwar nach Abb. 13 mit einer Signaleinrichtung versehen, die das Besetztsein eines Rohres mit einer roten, die Ankunft einer Büchse mit einer grünen Lampe anzeigt; um durch beliebiges Abstellen der Treibluft für einen sparsamen Luftverbrauch zu sorgen, ist eine selbsttätige von der eintreffenden Büchse betätigte Abstellvorrichtung nach Abb. 14 angebracht. Sie wird von dem unter dem Boden des Apparates angebrachten Kontakt (Abb. 4) durch einen Magneten betätigt, der in demselben Stromkreis liegt, wie die grün bzw. rot leuchtende Ankunftssignallampe (Abb. 14). Der Magnet bewegt einen Steuerkolben, der Treibluft unter den Luftschieber treten läßt und diesen in die Abschlußstellung verschiebt (Abb. 14b).

Die Maschinenanlage.

Der bei einer mit Druckluft arbeitenden Rohrpost stark wechselnde Luftverbrauch erfordert eine Regelung der Maschinenleistung, die außerdem sich der wechselnden Benutzung anpassen muß. Die bekannten von einem Kontaktmanometer gesteuerten selbsttätigen Ein- und Ausschaltevorrichtungen haben bei deren geringem Spielraum, der sich aus dem niedrigen Druck der Arbeitsluft ergibt, den Nachteil, daß das Gebläse nur immer sehr kurze Zeit zur Ruhe kommt und fortgesetzt ein- und ausgeschaltet werden muß. Darunter leidet die Anlaßvorrichtung und auch die Wirtschaftlichkeit wird herabgesetzt, weil der zur Beschleunigung des Gebläses aufzuwendende Strom bei größeren Maschinen nicht unbeträchtlich zunimmt. Eine von einem Kontaktmanometer gesteuerte Schaltung hat ferner den Nachteil, daß der Druck der |108| Treibluft während der Anlaufzeit sehr stark sinkt. Der Einschaltekontakt wird, wie es in der Natur der Sache liegt, berührt, wenn die Rohrpost besonders stark benutzt wird.

Textabbildung Bd. 331, S. 108

Ein Absinken der Spannung läßt sich zwar durch Aufspeichern von Luft in Behältern verringern, doch läßt sich ein ausreichender Speicherraum in einem Geschäftshause meist nicht unterbringen. Jedenfalls sollte man, wie es hier geschehen ist, die Luftbehälter an der Stelle des größten Luftverbrauchs, also in der Nähe der Zentrale und der Stationsreihen, aufstellen (Abb. 6).

Um den Betrieb für alle Fälle sicher zu stellen, ist außer der Betriebsmaschine ein Aushilfsgebläse gleicher Leistung vorgesehen. Das erstere läuft dauernd, während das zweite durch ein Kontaktmanometer nach Bedarf zugeschaltet wird. Das dauernd laufende Gebläse ist, um die Treiblufterzeugung sofort wirksam wieder beim Verbrauch bis auf den niedrigsten Luftdruck aufnehmen zu können, mit einer Umschaltung versehen, durch die das Druckrohr von Leerlauf und Vollast umgeschaltet wird (Abb. 15).

Die sehr einfache und sicher wirkende Vorrichtung besteht aus dem in das Druckrohr eingeschalteten Kolbenschieber und einem vom Druck der Treibluft unmittelbar beeinflußten Steuerschieber, der, um eine gewisse Unempfindlichkeit zu erreichen, durch eine Raste in seinen beiden Endstellungen gesichert wird.

Die Anlage hat, trotzdem zur vorherigen Erprobung ihrer teilweise neuen und für den Betrieb besonders entworfenen Teile keine Zeit zur Verfügung stand, vom Beginn des Betriebes an sicher gearbeitet. Die Bedienung der Apparate und die Handhabung der Büchsen ist so einfach, daß selbst in der ersten Betriebszeit von der noch ungeschulten, technisch nicht vorgebildeten Bedienung nur selten Störungen durch falsche Handgriffe verursacht worden sind.

Die Bedienung und Wartung der Gebläseanlage erstreckt sich in der Hauptsache auf den elektrischen Teil; der mechanische Teil hat nur wenige Abnutzungs- und Schmierstellen. Diese beschränken sich auf die eingekapselten Zahngetriebe und die durchweg als Ringschmierlager ausgebildeten Lager der Gebläse und des Antriebmotors.

Textabbildung Bd. 331, S. 108

Die Bedienungsvorschrift umfaßt außer den bekannten und allgemein giltigen Vorschriften für den elektrischen Teil nur Vorschriften für das Einschalten bei Beginn und das Ausschalten bei Beendigung der täglichen Betriebszeit. Beim Einschalten werden die selbsttätigen Schaltvorrichtungen probiert.

Die Anlagekosten belaufen sich auf etwa 100000 M, |109| davon entfallen rund 30000 M auf die Fahrrohre, 38000 M auf die Apparate, 12000 M auf die Maschinenanlage und der Rest auf die Zubehörteile (Luftrohre, Signale, Büchsen usw.).

Im Vergleich zu anderen Fördervorrichtungen sind die Anlagekosten mit Rücksicht auf den Umfang der Anlage als sehr mäßig anzusehen.

Textabbildung Bd. 331, S. 109
Textabbildung Bd. 331, S. 109

Wie schon erwähnt, stand zur Herstellung der Anlage nur eine kurze Zeit, etwa sieben Monate, zur Verfügung, von der ein erheblicher Teil (drei Monate) in den Kriegsanfang fiel. Daß die Anlage trotz allem in dieser kurzen Zeit hergestellt worden ist, ist der Erbauerin, der Firma Paul Hardegen & Co. in Berlin, als anerkennenswerte Leistung anzurechnen, zumal, wenn man bedenkt, daß rund 1950 m Fahrrohr mit rund 155 Bogen und Biegungen zu verlegen und 52 Apparate, die mit 9000 m Signalleitungen verbunden sind, aufzustellen waren.

Mehr noch als die Bauausführung ist das bis jetzt vorliegende Betriebsergebnis von der Ungunst der Zeiten beeinflußt worden. Ausgenommen sind die Stromkosten, die sich bei einem Satz von 16 Pf./KWS (Gleichstrom) auf 2400 M für ein Betriebsjahr und auf 8 M für einen Betriebstag belaufen. Hierfür werden täglich rund 900 Büchsen befördert, so daß für eine Büchse im Durchschnitt 5,55 Wattstunden zum Preise von 0,88 Pf. aufzuwenden sind. Das wirtschaftliche Ergebnis wird noch günstiger werden, wenn die Anlage, deren Leistung sich um das Doppelte steigern ließe, voll benutzt sein wird. Zurzeit ist der Anteil der Leerlaufsarbeit noch ziemlich groß.

Bei der günstigen Belastung, die ein Rohrpostgebläse wegen seiner Benutzung an den Tagesstunden für den Stromlieferer hat, kann man im günstigen Falle, d.h. beim Anschluß an ein großes Drehstromwerk mit einem erheblich niedrigen Strompreis rechnen.

Die Rohrpost hat sich auch in diesem Falle als ein sehr wirtschaftlich arbeitendes Fördermittel gezeigt und den viel verbreiteten Irrtum widerlegt, daß die Umsetzung der elektrischen Kraft in Treibluft, wie sie die Rohrpost verlangt, unwirtschaftlicher sei, als der unmittelbare elektrische Antrieb anderer Fördermittel (z.B. von Aufzügen, Förderbändern und Seilposten).

Der große Umfang der Rohrpost im Nordstern-Hause und ihr großer Rohrdurchmesser legt nur die Frage nahe, ob sie nicht wegen ihrer ungewöhnlichen Abmessungen und Benutzungsweise als eine Einzelerscheinung anzusehen ist. Die bisherigen Betriebsergebnisse, die sich, soweit sie den Geschäftsbetrieb durch die Beschleunigung im Aktenverkehr günstig beeinflussen, nicht durch Zahlen erfassen lassen, sind indes als so günstig anzusehen, daß man in allen Geschäftsbetrieben mit einer großen Zahl von Einzelakten, hauptsächlich also bei allen Behörden und Unternehmungen des Versicherungsbetriebes, sei es nun Alters-, Invaliden-, Lebens-, Unfallversicherung usw., sich ihrer mit Vorteil bedienen wird.

Textabbildung Bd. 331, S. 109

Die baulichen Schwierigkeiten lassen sich bei Neubauten leicht überwinden. Zum Unterbringen der wagerechten Strecken der Fahrrohre wird man bei der Bevorzugung des Steildaches in der neuzeitlichen Baukunst stets Platz finden.

Auch der nachträgliche Einbau wird in den meisten Versicherungsgebäuden entgegen aller baulichen Hemmnisse |110| möglich sein, wenn man weniger hohe Ansprüche an die Raumwirkung stellt, als dies in dem auf einer hohen künstlerischen Stufe stehenden Nordsternhause mit Recht geschehen ist.

Das Verkleiden der zur Aufnahme der Fahrrohre dienenden Nischen mit Wänden, die in der Ebene der Zwischenwände und daher als deren Fortsetzung erscheinen, ist nur bei einem Bau von der Konstruktion des Nordsternhauses möglich, es liegt aber nichts im Wege, die Rohre in vorhandenen Gebäuden vor den Wänden zu verlegen; die Verkleidung an dem Apparat einer Stationsreihe würde dann als eine mehr oder weniger breite Pfeilervorlage erscheinen.

Zum Schluß seien noch einige Angaben über die Abmessungen der Anlage gemacht:

Leistung jedes der beiden Gebläse 13 bis 15 m3/Min.,

Kraftbedarf 10 PS,

Umlaufzahl in der Minute 170 bis 200,

Luftspannung im Mittel 1500 mm WS,

Länge der Fahrrohre 1942 m,

Durchmesser der Fahrrohre 150 mm,

Laderaum der Büchse 400 × 120 mm,

Leergewicht der Büchse 1400 g,

Größtes Gewicht einer vollen Büchse 5400 g,

Zahl der täglich beförderten Büchsen 900 bis 1000.

Die durchschnittliche Fahrgeschwindigkeit ist 8 m/Sek.; die kürzeste Strecke von 24 m der Station 1 wird in drei Sekunden, die längste der Station 17 in 17 Sekunden, also mit 10 m/Sek., zurückgelegt. Die Länge der Rohre und die Fahrzeit ist in dem Schaltbild (Abb. 6) bei jeder Einzelstation eingetragen. Beispielsweise erfordert die Uebermittlung einer Büchse von der Station 1 zu Station 17 an Fahrzeit 20 Sekunden. Bei der Durchschnittslänge von etwa 70 m ist zwischen zwei Einzelstationen eine Fahrzeit von 18 Sekunden aufzuwenden. An Kürze der Fahrzeit wird die Rohrpost von keinem anderen Fördermittel im Austausch von Schriftstücken innerhalb eines Gebäudes übertroffen.

Inhaltsübersicht.

Aus der Aufgabe und Benutzungsweise der Akten bei den Behörden und größeren Unternehmungen werden die Gründe für und gegen die Anlage von Sammelarchiven oder Verteilung der Akten auf die einzelnen Dienst- und Geschäftsstellen erläutert.

Aus der Art und Benutzungsweise der Akten einer Versicherungsgesellschaft wird die Einrichtung eines Sammelarchivs begründet. Zur Verbindung des Archivs mit den einzelnen Stellen sind Fördermittel, und zwar neben den senkrecht fördernden Aktenaufzügen noch solche für eine wagerechte Beförderung erforderlich.

Es wird sodann behandelt:

1. Die Begründung der Wahl einer Rohrpost und Auswahl der Betriebsweise mit Druckluft und Hin- und Zurückbeförderung in einem Fahrrohr aus den für eine Hausrohrpost benutzbaren Betriebsweisen.

2. Die Entwicklung der Konstruktion der Büchse aus der Größe und dem Gewicht der Aktenstücke und der Konstruktion der Apparate aus der Betriebsweise und der Form der Büchse.

3. Die Schaltung und Ausführung des Rohrnetzes. Apparatgruppen in der Zentrale und Einzelapparate der Stationsreihen. Kennzeichnende Stellen des Rohrnetzes.

4. Die Beschreibung der Maschinenanlage. Begründung der elektrisch und mechanisch betätigten Regelung aus der Betriebsweise.

5. Zum Schluß werden Angaben über die Anlage- und Betriebskosten gemacht, und Hinweise über die weitere Benutzung von Aktenrohrposten gegeben, sowie die Hauptabmessungen angegeben.

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