Titel: SOBERSKI: Zur Erinnerung an die elektrische Kraftübertragung Lauffen-Frankfurt a. M.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1916, Band 331 (S. 247–253)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj331/ar331054

Zur Erinnerung an die elektrische Kraftübertragung Lauffen-Frankfurt a. M.

Von G. Soberski, Königl. Baurat in Berlin-Wilmersdorf.

Dem Ernst der Zeit entsprechend ist in aller Stille ein Tag vorübergegangen, der einen bedeutsamen Markstein und Wendepunkt fast der gesamten deutschen Industrie, insbesondere ihres jüngsten Zweiges, der Elektroindustrie, bildet; es ist der 25-jährige Gedenktag der internationalen elektrotechnischen Ausstellung zu Frankfurt a. M. im Jahre 1891, die nicht nur ein umfassendes Bild von dem bis dahin auf dem Gebiet der Elektrotechnik Erreichten gab und dadurch das Interesse für dieselbe in den breitesten Schichten wach rief, sondern vor allem auch die praktische Anwendung eines neuen Stromsystems, des Drehstroms, in der elektrischen Kraftübertragung Lauffen-Frankfurt a. M. der Oeffentlichkeit vorführte und in geradezu glänzend gelungener Durchführung den Beweis erbrachte, daß dieses System in Verbindung mit hohen Spannungen bequeme und sicher funktionierende Kraftübertragungen auf sehr große Entfernungen ermöglicht.

Der Verband deutscher Elektrotechniker konnte naturgemäß den wichtigen Gedenktag nicht völlig unbeachtet |248| vorübergehen lassen; er hielt seine diesjährige Hauptversammlung in Frankfurt a. M. ab, und Prof. Epstein (Frankfurt a. M.) gab in einem Rückblick ein anschauliches Bild von dem Umfang und der Bedeutung der internationalen elektrotechnischen Ausstellung vom Jahre 1891. Auch er bezeichnete die Kraftübertragung Lauffen-Frankfurt a. M. als das bedeutsamste Objekt der Ausstellung, und zu dessen voller geschichtlichen Würdigung hat Prof. Ruppel von der Frankfurter elektrotechnischen Gesellschaft über das Entstehen des ganzen Planes, seine Durchführung und seine Einwirkung auf die Entwicklung der Elektrotechnik eine Zusammenstellung der seinerzeit in der elektrotechnischen Zeitschrift erschienenen Sitzungsberichte, Aeußerungen einzelner Fachleute usw. veröffentlicht, die ein klares Bild liefert für die außerordentliche Tatkraft und Verstandesschärfe, mit welcher die bei dem Unternehmen führenden Männer den einmal gefaßten Gedanken verwirklichten, und mit welchem geradezu prophetischem Blick sie die Bedeutung seines Gelingens für die weitere Entwicklung der gesamten Elektrotechnik erkannten.

Als gegen Ende des Jahres 1889 der bekannte Herausgeber der Frankfurter Zeitung, Leopold Sonnemann, zum ersten Male den Plan einer elektrotechnischen Ausstellung zu Frankfurt a. M. in einer Sitzung der dortigen Elektrotechnischen Gesellschaft entwickelte, standen eine große Anzahl von Städten, darunter auch Frankfurt a. M. selbst, vor der Entscheidung in der wichtigen Frage der Aufnahme der elektrischen Beleuchtung und ihrer Verbindung mit einer zentralen Kraftverteilung: gerade für den letzteren Zweck war kurz vorher in der Frankfurt a. M. benachbarten Stadt Offenbach eine Druckluftanlage nach dem System Popp errichtet und für dessen Anwendung auch in Frankfurt a. M. agitiert worden. Für das Poppsche System trat insbesondere Prof. Riedler in Aufsätzen und Vorträgen ein, während dessen technische Durchbildung und wirtschaftlichen Vorzüge von anderen Seiten angezweifelt wurden. Neben dem pneumatischen Kraftverteilungssystem hatte gerade Frankfurt a. M. selbst auch Gelegenheit, in der sogenannten Ferntriebanlage des neuen Hauptbahnhofs das hydraulische Kraftverteilungssystem von nicht gerade vorteilhafter Seite kennen zu lernen. Diese Ferntriebanlage, die mittels Druckwassers von 80 at Aufzüge, Schiebebühnen, Drehscheiben, Spills und auch die Dynamomaschinen für die elektrische Beleuchtung der gesamten Bahnhofsanlagen antrieb, führte namentlich bei der letzteren zu so vielen Störungen, daß an den wichtigsten Stellen für längere Zeit eine weitgehende Notbeleuchtung mit Petroleumlampen eingerichtet werden mußte, was der ganzen Anlage den Spottnamen der „elektrischen Petroleumbeleuchtung“ eintrug.

Es lag also in mehrfacher Hinsicht Veranlassung vor, gerade auf der geplanten Frankfurter Ausstellung insbesondere auch die Entwicklung und die Vorzüge der elektrischen Kraftübertragung allen Interessenten vor Augen zu führen. Der zum stellvertretenden Vorsitzenden des Ausstellungsvorstandes gewählte frühere Direktor der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft zu Berlin, Zivilingenieur Oscar von Miller in München (jetzt Reichsrat der Krone Bayerns und Vorsitzender des Vorstandes des Deutschen Museums in München) griff diesen Gedanken mit voller Tatkraft auf und gewann für dessen Verwirklichung die Mithilfe der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft in Berlin und der Maschinenfabrik Oerlikon in Oerlikon bei Zürich.

Am 4. Juli 1890 gelangte die erste offizielle Mitteilung über den gefaßten Plan an den Ausstellungsvorstand durch ein Schreiben der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft, in welchem dieselbe sich bereit erklärte, in Gemeinschaft mit der Maschinenfabrik Oerlikon eine dem Portlandzementwerk Lauffen am Neckar (Württemberg) gehörige Wasserkraft von 300 PS nach dem etwa 175 km entfernten Frankfurt a. M. zu übertragen und in der Ausstellung für den Betrieb von Werkstätten, für Beleuchtung, zum Laden von Akkumulatoren usw. zur Verfügung zu halten, wenn die Erstellung der erforderderlichen 350 km oberirdische Kupferdrahtleitung (Hin- und Rückleitung) seitens der zuständigen Behörden erfolge und das Risiko für die Kosten der Isolatoren und Drähte auf einen bestimmten Betrag begrenzt werde. Zur Kraftübertragung sollte ein Wechselstrom benutzt werden, welcher durch einen Transformator auf eine Spannung von etwa 30000 Volt gebracht und in Frankfurt a. M. wieder auf die Gebrauchsspannung herabtransformiert bzw. in Gleichstrom umgewandelt werden sollte. Im Hinblick auf die hohe Uebertragungsspannung erschien die Verwendung von Kabeln ausgeschlossen und deshalb die Ausführung einer Luftleitung geboten.

Schon das Bekanntwerden dieser ersten Grundzüge rief Gegner des Gedankens auf den Plan; einer derselben führte in einem Briefe an die Elektrotechnische Zeitschrift im August 1890 aus, daß er durch längere Versuche mit Strömen bis 20000 Volt zu dem Ergebnis gelangt sei, daß man Ströme von mehr als 15000 Volt Spannung nur mit großen Verlusten leiten könne, da bei diesen Spannungen nicht nur Stromübergänge von dem einen Leiter zum anderen durch die Isolatoren und direkte Entladungen durch die Luft entständen, sondern auch, abgesehen von sonstigen Schwierigkeiten, allein durch den Widerstand der Leitung ein Verlust von über 4000 Volt bei Anwendung von 15000 Volt, also mehr als 25 v. H., verursacht werde; im Uebrigen würde wohl keine Regierung oder Behörde, über deren Grund und Boden die Leitung gehen solle, wegen der hohen Gefahr und der Einwirkung auf Telefon und Telegraf dem Plane die Genehmigung erteilen. Im November 1890 erschien des Weiteren in der Elektrotechnischen Zeitschrift ein Aufsatz vom Ingenieur A. Schneller, Köln-Ehrenfeld, über die elektrische Darstellung von Ozon und die industrielle Verwendung desselben, in welchem ebenfalls unter anderem darauf hingewiesen wurde, daß die seiner Zeit durch Deprez unternommenen Versuche einer elektrischen Kraftübertragung von Creil nach Paris an der Frage der hohen Spannung scheiterten, und aus dem Verhältnis der Funkenstrecken |249| zu den Spannungen die Schlußfolgerung gezogen wurde, daß Dynamomaschinen von über 10000 Volt überhaupt nicht mehr zu bauen seien.

Unbeirrt durch die gegnerischen Auslassungen brachten die eingeleiteten Verhandlungen doch bereits am 6. Dezember 1890 eine Einigung über die Hauptpunkte des durchzuführenden Versuches in der Weise, daß das Portlandzementwerk in Lauffen eine 300-pferdige Turbine und die Maschinenfabrik Oerlikon die erforderliche primäre Dynamomaschine zur Verfügung stellte; die Lieferung der zur Messung, Kontrolle und Umwandlung des elektrischen Stromes nötigen Transformatoren, Motoren und Apparate übernahmen die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft und die Maschinenfabrik Oerlikon gemeinsam, und beide Firmen teilten sich auch in die Kosten der übrigen maschinellen Anlage und der Isolatoren. Die Maschinenfabrik Oerlikon übernahm ferner auch die Einrichtung einer Versuchsanlage auf ihrem Grund und Boden, um den zuständigen Behörden Gelegenheit zu geben, sich ein Urteil über die Zulässigkeit der Verwendung des hochgespannten Stromes zu bilden.

Die Versuche selbst wurden an dieser Anlage in Gegenwart der behördlichen Vertreter am 24. Januar 1891 unternommen und führten zu durchaus günstigen Ergebnissen, obwohl sie bis auf 33000 Volt Spannung, also 10 v. H. mehr als anfänglich beabsichtigt gewesen, ausgedehnt wurden.

Das Hauptaugenmerk war bei den Versuchen auf die Konstruktion der Transformatoren und die Isolation der Luftleitung gerichtet. Bezüglich der Transformatoren war es von vornherein klar, daß die gewöhnlichen Isolationsmittel bei den beabsichtigten hohen Spannungen nicht ausreichen würden, da sie die Feuchtigkeit aus der Luft mehr oder weniger schnell aufsaugen und in ihrer Isolierfähigkeit nachlassen. Man entschloß sich deshalb zur Anwendung von Oeltransformatoren, für die wohl der bekannte Versuch von Brooks vorbildlich war, der nachwies, daß eine 3 mm starke Bespinnung, in gut isolierendes Oel getaucht, erst bei einer Spannung durchschlägt, welche in freier Luft einen Funken von 5 cm Länge zu bilden vermag. Für die Hochspannungsleitung gelangten von der Firma H. Schomburg & Söhne in Berlin angefertigte Isolatoren mit einer oder mehreren Oelrinnen zur Verwendung, nachdem Vorversuche der Maschinenfabrik Oerlikon erwiesen hatten, daß selbst bei Spannungen von 30000 Volt und sehr feuchter Luft merkliche Ableitungen zwischen den etwa 30 cm voneinander entfernten Hin- und Rückleitungsdrähten nicht eintraten und die Isolationsverhältnisse nur von der Zahl und Güte der Isolatoren abhingen; die verschiedenen Ausführungen der Isolatoren, für die die Fluid-Isolatoren von Johnson & Philips als Vorbild dienten, zeigen die nachstehenden Abbildungen.

Die Hauptversuche erstreckten sich auf die künstliche Erzeugung von Stromübergängen und Kurzschlüssen mit vollkommenen Erdverbindungen, auf die Wirkungen einer starken Benässung von Leitungen, Isolatoren, Masten und Querträgern und endlich auf die Feststellung des Einflusses der Wechselströme auf benachbarte Telefonleitungen. Die Ergebnisse aller Versuche waren, wie bereits erwähnt, so befriedigende, daß sie bei allen Anwesenden ein Gefühl der Beruhigung und Sicherheit hinterließen. Nichtsdestoweniger verlauteten noch Zweifel an der Durchführbarkeit bzw. praktischen Verwertung des ganzen Planes und führten zu lebhaften Auseinandersetzungen. Der bereits genannte Ingenieur Schneller wiederholte, daß nach seinen Beobachtungen und Messungen selbst bei trockener Witterung in den für die Strecke Lauffen-Frankfurt a. M. erforderlichen 7000 Isolatoren allein etwa 100000 Watt an Ladungsverlusten entstehen würden und zu diesen noch ein weiterer Verlust durch die sogenannten dunkelen Entladungen von 0,15 Watt/m Leitung, also etwa 26 000 Watt kämen, so daß unter Berücksichtigung der sonstigen Nutzeffektverluste in Maschinen, Transformatoren und Leitungen von den in Lauffen vorhandenen 300 PS in Frankfurt a. M. noch etwa 37 PS zur Verfügung stehen würden. Dem trat der bekannte amerikanische Elektriker Chas. Steinmetz mit dem Hinweis entgegen, daß der Ladungsverlust proportional der Periodenzahl des Wechselstroms sei, also durch Herabsetzung der letzteren ebenfalls vermindert werden könne, während dadurch Generatoren und Transformatoren von den Abmessungen, wie sie bei der geplanten Kraftübertragung in Betracht kämen, in ihrer Wirtschaftlichkeit nicht beeinträchtigt würden. In betreff der sogenannten dunkelen Entladungen erwähnte Steinmetz, daß solche durch Bekleidung der Leitung mit Kautschuk oder Paraffin fast vollständig zum Verschwinden zu bringen seien, und sprach sich dann zusammenfassend dahin aus, daß er die mit 30000 Volt geplante elektrische Kraftübertragung nicht nur für durchführbar halte, sondern lediglich für einen weiteren Schritt auf dem Wege, Kraftübertragungen für weite Eisenbahnstrecken usw. mit Spannungen von Hunderttausenden von Volt zu betreiben.

Textabbildung Bd. 331, S. 249

Diese Hoffnungen bezeichnete wieder Dr. Koepsel, Berlin, schon im Hinblick auf den erforderlichen Schutz der Leitungen gegen Blitzschlag als viel zu weitgehend und bestritt auch (wohl mit Recht) die Anwendbarkeit eines Kautschuk- oder Paraffinüberzuges für längere, den Witterungseinflüssen ausgesetzte Leitungen zur Beseitigung der dunkelen Entladungen, was wiederum eine Entgegnung von Steinmetz erfuhr.

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Lahmeyer erklärte in einer Sitzung der Frankfurter Elektrotechnischen Gesellschaft am 9. Februar 1891 unter Anerkennung der Bedeutung der von Oerlikon angestellten Versuche, daß die elektrische Energie zwar in Form von Wechsel- bzw. Drehstrom über weite Entfernungen bis zu den Toren der Stadt geleitet werden könne, dann aber der Gleichstrom in Funktion treten müsse, welcher sich besser wie jeder andere, für die Licht- und Kraftverteilung in der Stadt selbst eigne. Auch erscheine ihm das von Oerlikon versuchte System nur in wenigen Fällen anwendbar, nämlich dort, wo es sich darum handele, große Wasserkräfte für entfernte Gegenden nutzbar zu machen.

Demgegenüber wies schon in der gleichen Sitzung Dr. May darauf hin, daß auch minderwertige Kohle, die keine großen Frachtspesen vertrage, zweckmäßig auf den Zechen selbst zur Erzeugung von Elektrizität verwendet werde und diese dann in Form von Drehstrom mit hoher Spannung zu den Gebrauchsorten weiter zu leiten sei.

Die zuständigen Behörden erklärten sich auf Grund der in Oerlikon vorgeführten Versuche zur Förderung des für die Ausstellung geplanten Kraftübertragungs-Unternehmens bereit, und als erste Folge dieses Beschlusses bewilligte Se. Majestät der Kaiser für dasselbe „in Würdigung der an die beabsichtigten Versuche sich knüpfenden national-wirtschaftlichen Interessen“ eine Beihilfe von 10000 M aus Reichsmitteln. Der Landgraf von Hessen, die Frankfurter Handelskammer sowie die Frankfurter polytechnische Gesellschaft und verschiedene Private stellten weitere Geldbeträge zur Deckung des von der Ausstellung zu übernehmenden Kostenanteils zur Verfügung, die Kaiserliche Reichspostverwaltung sowie die Generaldirektion der Königlich Württembergischen Posten und Telegrafen erklärten sich gegen Zurückerstattung der Kosten für Montage und Demontage zur Erstellung der Hochspannungsleitung für die in ihrem Bereich liegenden Strecken bereit und die beteiligten preußischen, hessischen, badischen und württembergischen Landes- bzw. Eisenbahnbehörden erteilten für ihre Bezirke die Genehmigung zur Verlegung der Leitung.

Dabei war man sich durchaus klar darüber, daß bei der Hochspannung in Störungsfällen für Personen auf der Strecke immerhin so lange eine Gefahr bestehen werde, bis die Ausschaltapparate (Bleisicherungen, Minimalausschalter) in Wirksamkeit treten, und Unfälle für Personen trotz aller Belehrungen und Vorsichtsmaßregeln nicht ganz zu vermeiden sein würden. In diesem Sinne sprach sich auch Geheimrat Grawinkel vom Reichspostamt gelegentlich einer Erörterung der Oerlikonversuche in der Elektrotechnischen Zeitschrift aus, betonte aber zugleich, daß dieser Umstand ebensowenig Veranlassung geben könne, von der Verwendung hochgespannter Ströme abzusehen, wie man den Eisenbahnbetrieb aufgeben werde, weil bei ungünstigen Beleuchtungs- und Witterungsverhältnissen sowie aus anderen Veranlassungen Unfälle nicht ausgeschlossen seien.

Am 9. Februar 1891 berichtete Direktor Brown von der Maschinenfabrik Oerlikon in einem Vortrage in der Elektrotechnischen Gesellschaft zu Frankfurt a. M. über die im Vorstehenden bereits beschriebenen Einzelheiten der in Oerlikon angestellten Versuche, insbesondere der angewendeten Oeltransformatoren, Oelisolatoren, Gestänge, Sicherheitsapparate und Schutzvorrichtungen (Schutznetze) an den Kreuzungen der Hochspannungsleitung mit Straßen usw. Er erklärte, daß der elektrischen Kraftübertragung und damit der elektrischen Energie überhaupt nur unter Anwendung hoher Spannungen zu einem vollen Siege verholfen werden könne, daß man in dieser Hinsicht auch mit den Oerlikonversuchen bzw. dem Plane für die Kraftübertragung Lauffen-Frankfurt a. M. noch lange nicht an der äußersten Grenze des Möglichen stehen dürfte, und für diese Zwecke jedenfalls der Wechselstrom infolge der durch den ruhenden Transformator gegebenen Möglichkeit einer leichten und wirtschaftlichen Spannungsänderung dem Gleichstrom überlegen sei, selbst wenn auch von der Erzeugungstätte bis zum Verbrauchsort eine zweimalige Abwärtstransformierung stattfinden müsse. Brown schloß seinen damaligen Vortrag mit folgenden prophetischen Worten, die sich voll bewahrheitet haben und seinem technischen Scharfblick alle Ehre machen; er sagte:

„Die Uebertragung elektrischer Energie mittels Stromspannungen von z.B. 30000 Volt wird es uns ermöglichen, die Energieverteilung auf ganz große Entfernungen auf elektrischem Wege zur Tatsache werden zu lassen, somit zur Ausnutzung so mancher, jetzt noch schlummernden Kraftquelle führen und die Wohltaten des elektrischen Stromes der gesamten Industrie im ausgedehntesten Maßstabe dienstbar machen. Möge auch die elektrotechnische Ausstellung in Frankfurt a. M. dazu beitragen, neue Fortschritte auf diesem Gebiete zu erzielen und den Glauben noch so manchen Zweiflers an der großartigen Bedeutung und Leistungsfähigkeit der Elektrotechnik befestigen.“

Die Oerlikonversuche führten auch zu einem besonderen Erfolge hinsichtlich der elektrischen Stromerzeugungsmaschinen und Motoren, die als Mehrphasenmaschinen unter dem Namen „Drehstrommaschinen“ von der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft nach einem neuen, von ihrem Chefelektriker, von Dolivo-Dobrowolsky erdachten System ausgeführt waren. Das Problem der Konstruktion von Dynamos bzw. Motoren mit einer größeren Anzahl von Wechselströmen war seiner Zeit gleichzeitig auch von Bradley, Haselwander und Wenström studiert worden, jedenfalls gebührt aber das Verdienst der praktischen Ausarbeitung und Durchführung des Drehstromsystems der Allgem. Elektrizitäts-Ges. Die von von Dolivo-Dobrowolsky konstruierte Mehrphasenmaschine (Drehstrommaschine) gab im Gegensatz zur gewöhnlichen Wechselstrommaschine kontinuierlich elektrische Energie ab, wie eine Gleichstrommaschine, so daß sie auch eine bessere Ausnutzung als die gewöhnliche Wechselstrommaschine hatte. Als Motor war sie die erste, die mit voller Last anlief und nicht synchron |251| arbeitete, so daß bei ihrer Ueberlastung ein Stehenbleiben ausgeschlossen war. Bei der konstruktiven Einfachheit erwies sich die neue Maschine als außerordentlich betriebssicher und von einer Oekonomie, die die der besten Gleichstrommaschinen noch übertraf.

Nach den günstigen Ergebnissen der Oerlikonversuche und der Erledigung sonstiger Vorfragen wurden in einer Verhandlung am 25. März 1891 in Berlin die wechselseitigen Verpflichtungen aller Beteiligten festgestellt; die für die Leitungsanlage benötigten 3200 Mäste wurden von den Telegrafenverwaltungen und 60000 kg Kupferdraht von 4 mm ∅ von der Firma F. A. Hesse Söhne in Heddernheim bei Frankfurt a. M. leihweise überlassen. Die Lieferung der Oelisolatoren, die – wie bereits erwähnt – die Firma H. Schomburg Söhne in Berlin übernahm, bedingte längere Zeit, so daß für die Inbetriebsetzung der Kraftübertragung der 15. August 1891 bestimmt wurde; auch bis zu diesem Zeitpunkte konnten nur für ein Drittel der Strecke (Lauffen-Eberbach) große Oelisolatoren geliefert werden, für die restlichen zwei Drittel derselben mußten kleinere Oelisolatoren Verwendung finden; aus diesem Grunde wurde auch im Interesse der Betriebssicherheit, obwohl sämtliche Isolatoren vor ihrer Verwendung mit einer Spannung von über 30000 Volt geprüft wurden, während der Dauer der Ausstellung die ursprünglich für die Energieübertragung in Aussicht genommene Spannung von 25000 Volt auf 15000 Volt herabgesetzt; nach Schluß der Ausstellung sind jedoch auch eingehende Versuche mit 25000 Volt Spannung gemacht worden. Der unermüdlichen Tatkraft der Behörden und Privatfirmen gelang es, die einmal bestimmten Termine fast auf den Tag einzuhalten, und am Abend des 24. August 1891 wurde zum ersten Male Strom durch die Leitung geschickt, wobei alles, insbesondere auch die Sicherheitsvorrichtungen auf der Strecke, tadellos funktionierte. Am 25. Aug. 1891 wurden zum ersten Male elektrische Lampen in der Ausstellung von Lauffen aus gespeist und vom 12. September 1891 ab waren, von dieser Kraftquelle unterhalten, auf der Ausstellung 1000 Glühlampen, in einem großen Schilde mit der Aufschrift „Lauffener Kraftübertragung“ vereinigt, sowie ein durch einen 100-pferdigen Elektromotor mit entsprechender Zentrifugalpumpe betätigter Wasserfall von 10 m Höhe in täglichem Betrieb.

Die Primärstation in Lauffen erzeugte drei Wechselströme (Drehstrom), deren Phasen um 120° gegeneinander verschohen waren; die Spannung eines jeden derselben betrug 50 Volt, die Stromstärke je 1400 Ampere. Zur Spannungserhöhung in Lauffen bzw. Spannungsherabsetzung in Frankfurt a. M. hatte die Maschinenfabrik Oerlikon je einen, die Allg. Elektrizitäts-Ges. je zwei Oeltransformatoren von je 100000 bzw. 200000 Watt Leistungsfähigkeit für die beiden Endstationen geliefert; das Uebersetzungsverhältnis derselben in Lauffen betrug 1 : 160, derjenigen in Frankfurt a. M. 123 : 1.

Die die Hochspannungsleitung tragenden Mäste von 3,5 und 10 m Höhe standen in Abständen von etwa 60 m, die Leitungstraze lief von Frankfurt a. M. bis Hanau entlang der Eisenbahn auf der rechten Mainseite, alsdann über Babenhausen und Erbach bis Eberbach, den Neckar aufwärts bis Jagstfeld und von da über Heilbronn nach Lauffen. Die größten Schwierigkeiten in der Leitungsausführung lagen zum Teil in Frankfurt selbst, wo ein sehr belebter Stadtteil zu durchqueren war, zum Teil auf der Strecke, wo eine große Anzahl von Bahnhöfen überschritten werden mußte und fünf lange Tunnels zu umgehen waren. Als Sicherheitsvorrichtungen waren zunächst der Primärstation in Lauffen in jedem der drei Leitungsdrähte im Freien Schmelzsicherungen (Kupferdrähte von 0,15 mm ∅ und 2,5 m Länge) eingebaut, die beim Kurzschließen der Linie sofort schmolzen; zu diesem Zwecke waren in der Ausstellung und auf allen zwischenliegenden Eisenbahnstationen winkelförmige eiserne Kurzschließer aufgehängt, die mittels einer Schnur heruntergelassen werden konnten, um metallische Verbindung zwischen den Leitungsdrähten herzustellen. An den Wegen und Uebergängen wurden die Leitungsdrähte an doppeltem Stahldraht aufgehängt und bei Kreuzungen mit Telegrafen- bzw. Telefonleitungen mit isolierenden Hüllen versehen. Diese Schutzmaßregeln bewährten sich im Verein mit den in der Primärstation angeordneten Minimalausschaltern sowohl bei besonders angestellten Versuchen wie auch während der ganzen Dauer des Betriebes der Kraftübertragungsanlage.

Angesichts des vollständigen Gelingens und des Erfolges von der ersten Inbetriebsetzung an wurde dem Kraftübertragungsversuch Lauffen-Frankfurt a. M. ungeteiltes Lob von allen Seiten gespendet, nur die Pariser Zeitung Petit Journal fand den Mut, seine Bedeutung in Frage zu stellen, wogegen aber die französischen Fachzeitschriften mit anerkennenswerter Unparteilichkeit sofort Einspruch erhoben; so schrieb das Bulletin international de l'électricité: „Wir kennen die Gründe nicht, denen dieses voreilige Urteil entspringt; was auch das Petit Journal denken möge, die Versuche der elektrischen Kraftübertragung von Lauffen nach Frankfurt a. M. beweisen – unsere Unparteilichkeit macht es uns zur Pflicht, dies anzuerkennen –, daß man in Deutschland Resultate erhalten hat, die man in Frankreich bisher vergebens suchte.“

Auch der hervorragende französische Gelehrte Marcel Deprez, der zuerst die Notwendigkeit der Anwendung hochgespannter Ströme für die Uebertragung elektrischer Energie auf sehr große Entfernungen bewiesen hatte, ohne daß es ihm jedoch gelungen war, praktische Erfolge zu erzielen, da er die hohe Spannung nicht durch Transformation, sondern in der primären Maschine selbst zu erzeugen versuchte, äußerte Zweifel über den wirtschaftlichen Wert der jetzt angewandten mehrfachen Transformation, obwohl schon bei Beginn des Betriebes und nicht voller Ausnutzung der 300-pferdigen Lauffener Turbine in Frankfurt a. M. 80 bis 100 PS zur Verfügung standen. Diesem Bedenken wurde aber sofort entgegengehalten, daß auf die Größe des erzielten Nutzeffektes bei einem erstmaligen Versuch dieser Art gar nicht so |252| hoher Wert zu legen sei, da bei demselben nicht sofort genau die richtigen Größenmaße und Verhältniszahlen für Uebertragungs- und Uebersetzungsapparate getroffen werden könnten, und mit vollem Recht sagte der damalige Präsident der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt und Ehrenvorsitzende der Prüfungskommission der Ausstellung, Exzellenz von Helmholtz, der bereits in einem Bericht vom 24. Februar 1891 an den derzeitigen Staatsminister v. Bötticher unter voller Würdigung der mit dem Kraftübertragungsversuch verbundenen Bedenken und Gefahren seine Bedeutung betont und die Gewährung einer staatlichen Beihilfe zu demselben empfohlen hatte, in seiner Rede bei dem offiziellen Schluß der Ausstellung, daß die zur Ausführung gekommene elektrische Kraftübertragung im Verein mit der Erfindung der Drehstrommaschine von außerordentlich großer national-ökonomischer Wichtigkeit sei; es erscheine nicht mehr zweifelhaft, daß der ausgeführte Versuch außerordentlich gut gelungen und damit die Möglichkeit gegeben sei, eine ganze Menge von Wasserkräften, die an abgelegenen Orten wirksam wären, für den Nutzen der Menschheit zu gewinnen.

Abgesehen von den offiziellen Untersuchungen der Prüfungskommission, welche noch besondere Erörterung erfahren werden, wurden während des regelmäßigen Betriebes der Kraftübertragungsanlage in Lauffen und Frankfurt a. M. gleichzeitig regelmäßige Beobachtungen zur Ermittlung des Nutzeffektes angestellt. Ohne Berücksichtigung der Phasenverschiebung zwischen Stromstärken und Spannungen ergab sich eine mittlere Leistung von 80500 Watt in Lauffen für den Betrieb von 1060 Glühlampen von 16 NK in Frankfurt a. M., die zusammen 58000 Watt verbrauchten, was einem Nutzeffekt von 72 v. H. entsprach; in Wirklichkeit war derselbe jedoch um etwa 5 v. H. höher, da die in Lauffen aufgenommene Energie infolge der Phasenverschiebung weniger als 80500 Watt betrug. Nebliges Wetter blieb ohne Einfluß auf den Betrieb, es war kein direkter Stromverlust gegen Erde bemerkbar und auch die von mancher Seite gefürchteten Ladungserscheinungen ergaben nur einen geringen Verlust.

Diese Feststellungen während des Betriebes fanden ihre volle Bestätigung durch die offiziellen Untersuchungen der unter der Leitung von Prof. Dr. Weber-Zürich stehenden Prüfungskommission, die das Ergebnis ihrer Arbeiten unter zahlenmäßiger Wiedergabe der vorgenommenen Messungen usw. in einem eingehenden Berichte niederlegte; sie ermittelte den Nutzeffekt bei der kleinsten Leistung der Lauffener Turbine zu 68,5 v. H. und bei ihrer größten Leistung zu 75,2 v. H. Gleichzeitig stellte auch sie fest, „daß der Einfluß der Kapazität langer, in der Luft geführter nakten Leitungen zur Fortleitung von Wechselströmen für Energieübertragung auf den Wirkungsgrad der Uebertragung bei der Verwendung von Periodenzahlen 30 bis 40 bis 50 so gering ist, daß derselbe in Planung elektrischer Kraftübertragungen als ganz untergeordnete Größe behandelt werden darf.“

Das praktische Ergebnis der Versuche mit 25000 Volt Spannung, die – wie bereits erwähnt – nach Schluß der Ausstellung angestellt wurden, kennzeichneten die Berichterstatter Dr. Kittler und W. H. Lindley nach genauen zahlenmäßigen Einzelangaben über die vorgenommenen Messungen usw. mit folgenden kurzen Worten:

„Die mit einer Hochspannung von 25000 Volt und einer Periodenzahl von 24 in der Sekunde betriebene Energieübertragung Lauffen-Frankfurt a. M. hat bei einer Nutzleistung von etwa 180 PS einen Wirkungsgrad von ungefähr 75 v. H. ergeben. Die zur Isolierung der blanken Leitungen verwendeten kleinen Oelisolatoren haben sich hierbei auf das Beste bewährt.“

So klang der unter der erwartungsvollen Aufmerksamkeit aller Fachkreise und dem hohen Interesse der breiten Oeffentlichkeit auf der Frankfurter Ausstellung vorgeführte Versuch einer Kraftübertragung über eine weite Entfernung mittels hochgespannter Elektrizität in einem vollen Erfolge aus und zwang auch die bei seiner Einleitung noch Zweifelnden sowie gänzlich Unbeteiligte zu ungeteilter Anerkennung. Der bekannte Physiker und Elektriker Silvanus P. Thompson schrieb in den Times: „Nach dem zur Ermutigung der Elektriker und Hydrauliker glänzenden Ergebnis des Frankfurter Versuches kann man erwarten, daß jetzt viele Pläne zur weiteren Entwicklung auf eine sichere Grundlage gesetzt werden. Es wird offenbar nur eine Frage der Mittel sein, ob, wie von den Elektrikern in Chicago vorgeschlagen wird, die bevorstehende Ausstellung von 1893 eine Kraftübertragung von 1000 PS durch Drähte aus den Niagara Fällen aufweisen wird“; und Lahmeyer entwickelte in einem Vortrage im Elektrotechnischen Verein zu Berlin am 23. Februar 1892 eingehend mit zahlenmäßigen Belegen die Bedeutung zentraler Krafterzeugung und ihrer Fernleitung auf elektrischem Wege für die industrielle Entwicklung Deutschlands. Als unbedingte Voraussetzung für die Nutzbarmachung der elektrischen Kraftübertragung erklärte er jedoch die Anwendung oberirdischer Leitungen, und da gerade zu dieser Zeit dem Reichstage das Telegrafengesetz vorlag, so behandelte er auch besonders die Beeinflussung der Schwachstromleitungen durch den Starkstrom und berichtete über diesbezüglich angestellte Versuche, die zu dem Ergebnis geführt hätten, daß die nachteiligen Einflüsse in ausreichendem Maße durch Verdrillung der Starkstromleitungen und Anordnung einer besonderen Rückleitung für die Schwachstromleitungen zu beheben seien. Das Telegrafengesetz gehe deshalb zu weit, wenn es – wie beabsichtigt – die im Interesse eines einwandfreien Schwachstrombetriebes notwendigen Aenderungen lediglich an den Starkstromanlagen verlange; das würde letzten Endes die Verlegung von Kabelleitungen bedingen, die durch ihre beträchtlichen Kosten die Ausdehnung der elektrischen Kraftübertragung behindern würden, während besondere (gemeinsame) Rückleitungen für die Schwachstromanlagen nur mit geringen Ausgaben herzustellen wären.

Mit anerkennenswerter Offenheit erklärte Lahmeyer: „Das glänzende Gelingen des Frankfurter Kraftübertragungsversuches |253| und die allgemeine Anerkennung seiner national-ökonomischen Bedeutung widerlegt die von dem Staatssekretär des Reichspostamts, von Stephan, in den Kommissionsberatungen zu dem Telegraphengesetz getanen Aeußerungen: „es sei utopistisch, zu glauben, daß die Elektrizität im Wege der Verteilung im großen Maßstabe dem Kleingewerbe nutzbar zu machen sei, denn dieselbe koste viel Geld und lasse sich nicht an die Strippe legen“ sowie „die Telegraphenverwaltung stehe nicht als Partei, sondern als die Vertretung des öffentlichen Interesses und des Staatswohles da“ und verlangte zum Schluß seines Vortrages freie Bahn für die Betätigung auf dem Gebiete der elektrischen Hochspannung.

In welchem Maße diese geschaffen und in den späteren Jahren erweitert worden ist, zeigt der Siegeslauf der Elektrotechnik, den nicht zum Mindesten deutsche Tatkraft und deutsches Können durch die elektrotechnische Ausstellung zu Frankfurt a. M. im Jahre 1891 eingeleitet haben.

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