Titel: Polytechnische Schau.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1916, Band 331 (S. 297–304)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj331/ar331064

Polytechnische Schau.

(Nachdruck der Originalberichte – auch im Auszuge – nur mit Quellenangabe gestattet.)

Ist es möglich, den absoluten Nullpunkt zu erreichen? Diese Frage liegt nahe in Anbetracht der großen Fortschritte, die man hinsichtlich der Erzielung tiefer Temperaturen in neuerer Zeit machte. Sie wurde früher im verneinenden Sinne beantwortet. Man ging nämlich von der Voraussetzung aus, daß die spezifische Wärme auch im absoluten Nullpunkte einen endlichen Wert behielte, während die zur Ueberwindung der molekularen Anziehungskräfte dienende latente Wärme, das heißt die Differenz zwischen Höchstarbeit A und Wärmetönung U, gemäß der bekannten Gleichung verschwindet, wenn die absolute Temperatur T gleich Null wird. Es schien somit nicht möglich, den auch in unmittelbarer Nähe des absoluten Nullpunktes noch endlichen Wärmeinhalt mit Hilfe einer Volumenveränderung, |298| z.B. adiabatischer Expansion eines festen Körpers, zu beseitigen. Diese Anschauung wird aber hinfällig, wenn man entsprechend den neueren Versuchsergebnissen annimmt, daß die spezifische Wärme fester Körper schon vor Erreichen des absoluten Nullpunktes unendlich klein wird. Es scheint vielmehr die Möglichkeit sehr nahe gerückt, die Temperatur von – 273° zu erreichen. Indessen führt die Annahme, daß dies ausführbar sei, auf Kreisprozesse, die dem zweiten Wärmesatze widersprechen. Es expandiere z.B. ein fester Körper bei der sehr tiefen Temperatur ΔT, während er mit einem Wärmebehälter in dauernder Berührung bleibt, gemäß der Kurve A – B (s. Abb.) und hierauf nach Entfernung vom Wärmebehälter adiabatisch entsprechend BC bis der absolute Nullpunkt erreicht ist.

Textabbildung Bd. 331, S. 298

Darauf erfolge Kompression beim absoluten Nullpunkt (CD) und adiabatische Volumenverringerung (DA), so daß der Kreisprozeß vollendet ist. Dann ist zweifellos eine dem von den vier Kurven begrenzten Flächenstücke entsprechende Arbeit geleistet worden. Dies mußte auf Kosten der dem Wärmebehälter entnommenen Wärme geschehen sein, da weder bei den adiabatischen Zustandsänderungen noch während der Kompression beim absoluten Nullpunkte eine Wärmeaufnahme stattfand, weil bei T = 0 die latente Wärme verschwindet. Der Kreisprozeß widerspräche somit dem zweiten Wärmesatze. Einen Ausweg aus den Widersprüchen findet man sofort durch die Annahme, daß die latente Wärme im absoluten Nullpunkte unendlich klein von mindestens zweiter Ordnung wird, d.h. . Aus der obengenannten Gleichung folgt dann oder . Dies ist aber der dritte Wärmesatz von Nernst, der in Worten lautet: Es ist unmöglich, eine ideale Kältemaschine zu entwerfen, die einem Körper völlig die Wärme entzieht.

Schmolke.

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Panzerzüge. Dem Weltkriege verleiht die weitgehende Verwendung technischer Hilfsmittel ein besonderes Gepräge. Unterseeboote, lenkbare Luftschiffe, Flugzeuge usw. haben eine vorher nicht geahnte Bedeutung erhalten. Zu diesen Errungenschaften der Technik gehören, wenn auch weniger wichtig und ausschlaggebend, die Panzerautomobile und Panzerzüge.

Die gepanzerten Eisenbahnzüge finden im jetzigen Kriege in größerem Umfange Verwendung. Zum ersten Male wurde ein Panzerzug von den Franzosen bei der Belagerung von Paris im Jahre 1871 verwendet. Dieser Panzerzug stand aber technisch noch nicht auf der Höhe, um die Franzosen bei ihren großen Ausfällen aus Paris wirksam zu unterstützen. Ebenso versuchten die Engländer im ägyptischen Feldzuge 1882 den Feind mit einem Panzerzuge zu bekämpfen, aber auch ohne wesentliche Erfolge. Nach der Zeitschrift Organ für die Fortschritte des Eisenbahnwesens 1916 S. 159 bestand dieser Zug aus mehreren Eisenbahnwagen, deren Panzerung Platten, Schienen und Sandsäcke waren. Der erste Wagen enthielt ein Maschinengewehr, der zweite ein Schiffsgeschütz. Dieses konnte mittels eines kleinen Kranes schnell abgeladen und aufgestellt werden. Das Geschütz war also noch nicht mit dem Panzerzuge fest verbunden und feuerte nicht von diesem aus.

Wie bekannt, sind dann Panzerzüge in größerem Umfange im Kriege der Engländer gegen die Buren 1900 verwendet worden. Jeder Zug bestand hier aus einer kleinen Lokomotive mit zwei Wagen, die Lokomotive befand sich in der Mitte. Die Lokomotive und die Wagen waren von dünnem Panzerblech mit Schießscharten umgeben. In den Wagen war je ein Maschinengewehr aufgestellt. Die Engländer sollen in diesem Kriege auch einen Panzerzug benutzt haben, dessen Lokomotive statt mit Panzerblechen mit einem Schutzmantel von Schiffstauen versehen war.

Im jetzigen Kriege hat an der Isonzo-Front unser österreichischer Bundesgenosse in seinem schweren Kampfe gegen die italienische Uebermacht mehrfach dem Feinde mit Panzerzügen Verluste beigebracht. Das dortige Gelände mit seinen Tunnels eignet sich sehr zum schnellen, unbemerkten Hervorbrechen eines solchen Zuges und gewährt ihm bei der Rückfahrt sicheren Schutz. Auch bei der Belagerung von Antwerpen haben die Belgier zur Verteidigung Panzerzüge zur Verfügung gehabt. Obwohl die Schienenwege hier durch hohe Erdwälle geschützt waren, so daß nur die Geschütze noch darüber hinwegragten, konnten die Panzerzüge doch nicht die starke Festung vor dem raschen Falle bewahren. In ähnlicher Weise sind auch die Schienenwege der französischen Panzerzüge vor der Festung Verdun angelegt.

In Rußland wurden bereits im Jahre 1904 Versuche mit Panzerzügen ausgeführt. Im gegenwärtigen Kriege werden von den Russen häufig Panzerzüge verwendet und solche sind bereits von der österreichisch-ungarischen Armee erbeutet oder durch Granaten zerstört worden.

Die neueren Panzerzüge bestehen im allgemeinen aus einer Lokomotive mit Tender und aus einigen meist offenen Eisenbahnwagen, deren Wände mit einer dünnen Panzerung versehen sind, in der Schießscharten für eine Anzahl von Soldaten angebracht sind. In den Wagen sind außerdem noch gewöhnlich mehrere Schnellfeuergeschütze aufgestellt. Die Panzerung kann, um das Eigengewicht des Zuges nicht zu groß zu machen, nur verhältnismäßig dünn ausgeführt werden und gewährt keinen Schutz gegen Volltreffer von Granaten. Da die ebenfalls gepanzerte Lokomotive sich meistens in der Mitte des Zuges befindet, so kann der Panzerzug nach beiden Richtungen hin gut angreifen. Die Geschwindigkeit eines solchen Zuges wird in der Regel nicht über 30 bis 40 km in der Stunde gesteigert.

Die Verwendungsmöglichkeit der Panzerzüge ist |299| noch beschränkter als die der Panzerautomobile, da jene an den Schienenweg gebunden sind. Durch ihre große Geschwindigkeit sind sie aber in der Lage, durch die feindlichen Linien hindurchzustoßen und wichtige Bahnanlagen und sonstige Bauwerke zu zerstören. Ebenso können mit Panzerzügen wertvolle Aufklärungsfahrten ausgeführt werden.

Textabbildung Bd. 331, S. 299
Textabbildung Bd. 331, S. 299
Textabbildung Bd. 331, S. 299
Textabbildung Bd. 331, S. 299

Die Abb. 1 und 2 zeigt einen Panzerzug nach dem französischen Patent Nr. 350168. Der mittlere Wagen a' ist hier zur Lokomotive ausgebildet. In den beiden äußeren Wagen a sind die Geschütze und die Maschinengewehre untergebracht. Die Wagen besitzen auch gepanzerte Decken. In der Mitte der Decke befindet sich ein runder Aufbau d mit den Schlitzen e. Der Wagenkasten ruht auf dem Untergestell b, c ist der Panzerschutz für die Räder. Das Schnellfeuergeschütz g ist drehbar gelagert und kann in den Schießscharten i geschwenkt werden. Die kleineren Geschütze und die Maschinengewehre sind mit h bezeichnet. An der vorderen und hinteren Wand des ersten und letzten Wagens sind Scheinwerfer f angebracht. Die Wagen sind ähnlich den Geschütztürmen auf Schiffen ausgebildet. An den gekrümmten Panzerwänden werden auftreffende Geschosse besser abgelenkt als an ebenen.

Abb. 3 und 4 zeigen einen nur aus einer Lokomotive bestehenden Panzerzug nach dem britischen Patent Nr. 19338 aus dem Jahre 1911. Die Lokomotive besitzt zwei unabhängige vierachsige Triebgestelle. Der Dampfkessel liegt in der Mitte. Die Behälter j und k enthalten Wasser und Heizstoff. In den Räumen d und d' sind die Maschinengeschütze a', b' und c' angeordnet. Der Schutzpanzer an den Geschützen ist gelenkig angeordnet und wird liegend von den Trägern e und e' abgestützt. Unter dem Kessel ist ein dritter Wasserbehälter h angeordnet, für den Fall, daß einer der Behälter j und k zerstört wird. i und l bezeichnen die seitliche Panzerung. Diese Panzerlokomotive hat infolge ihres großen Gewichtes einen ruhigen Lauf und gestattet somit ein sicheres Schießen. Durch Anordnung der Triebgestelle wird die Panzerlokomotive weniger leicht entgleisen, besser durch scharfe Krümmungen hindurchfahren können, und sie gestattet eine größere Geschwindigkeit als bei Panzerzügen.

W.

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|300|

Neues vom Schiffsantrieb. Ein einwandfreier Vergleich der verschiedenen miteinander im Wettbewerb stehenden Antriebsysteme ist dadurch sehr erschwert, daß jedes einzelne in seiner Verwendbarkeit je nach der Art des in Frage kommenden Schiffes mehr oder weniger beschränkt ist. Deshalb ist ein solcher Vergleich praktisch nur für einen gegebenen Fall, d.h. für einen bestimmten Schiffstyp mit bestimmter Geschwindigkeit von Wert. Die Ergebnisse eines auf dieser Grundlage durchgeführten Vergleichs, der einem vor der Institution of Engineers and Shipbuilders in Scotland gehaltenen Vortrage von J. Dornan entnommen ist, zeigt die angefügte Tabelle. Wie ersichtlich, sind hierin außer Kolbenmaschinen und direkt wirkenden Turbinenanlagen mit und ohne Ueberhitzung auch die Haupttypen der miteinander konkurrierenden indirekten Antriebsysteme vertreten. Für die Bemessung der verschiedenen Anlagen war ein Fracht- und Passagierdampfer von rund 19 Kn. Geschwindigkeit und rund 21000 t Wasserverdrängung zugrunde gelegt.

Bemerkenswert beim Vergleich der errechneten Wärmeverbrauchswerte ist das günstige Abschneiden der mit Ueberhitzung arbeitenden Anlagen. Namentlich gilt dies für die Heißdampf-Kolbenmaschine, die sich in ihrem Wärmeverbrauch der direkt wirkenden Turbinenanlage mit und ohne Ueberhitzung überlegen zeigt und auch der Turbinenanlage mit Rädergetriebe nicht nennenswert nachsteht. Allerdings ist bei dieser die angenommene Ueberhitzung mit Rücksicht auf die Havariegefahr, die sich mehr als bei Turbinenanlagen mit gleichbleibendem Drehsinn geltend macht, verhältnismäßig gering. Die letzteren, die Turbo-Transformatoranlage und die turbo-elektrische

Textabbildung Bd. 331, S. 300
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Anlage, weisen dementsprechend mit höherer Ueberhitzung auch die günstigsten Dampfverbrauchswerte auf. Am ausgeprägtesten kommt dies bei der turbo-elektrischen Anlage nach System Ljungström zum Ausdruck, bei der außer der hohen Ueberhitzung – die Ljungström-Turbine ist besonders im Hinblick auf die Ausnutzung hoher Ueberhitzung entworfen – sich der Einfluß der durch Einfügung eines Rädergetriebes zwischen Elektromotor und Propeller gewonnenen Doppelübersetzung merkbar geltend macht.

An sich wird man gegen den Vergleich einwenden können, wie es auch in der Diskussion des Vortrages geschah, daß die gewählten Annahmen für die Anlagen mit Rädergetriebe dem gegenwärtigen Stande der Technik nicht völlig entsprechen. Man wird vielleicht der Ausnutzungsfähigkeit dieser Anlagen durch Vergrößerung der zulässigen Zahnbelastung der Getriebe und Steigerung der Umfangsgeschwindigkeit noch besser gerecht werden können. Aehnliches läßt sich allerdings auch zugunsten anderer, gegenüber dem Ljungström-System zurückstehender Anlagen sagen. Wollte man beispielsweise bei der Transformatoranlage durch Einschaltung eines Rädergetriebes zwischen Turbine und Transformator eine Doppelübersetzung schaffen, eine Anordnung, die übrigens bereits mehrfach projektiert ist, so ließen sich auch hier wirtschaftliche Verhältnisse schaffen, die denen der Ljungström-Anlage sehr nahe kommen.

Eigenartig ist es, daß man bei der Aufstellung des Vergleichs die Kolbenmaschinenanlagen mit Abdampfturbine, trotzdem diese gerade für Anlagen der vorliegenden Art mit größtem wirtschaftlichen Erfolg mehrfach ausgeführt sind, ganz außer Betracht gelassen hat. Derartige Anlagen würden bei Heißdampfbetrieb, da ihr Wärmeverbrauch kaum auf mehr als 4200 WE/WPS-Std. zu veranschlagen ist, abgesehen von der Ljungström-Anlage und der ihr nahekommenden Transformatoranlage, allen übrigen wärmewirtschaftlich überlegen sein. Im Gewicht würden sie den indirekt wirkenden Anlagen allerdings beträchtlich nachstehen. (Engineering 3. März 1916.)

Kraft.

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Zur Bestimmung des treibenden Drehmoments von Gleichstrommotorzählern. Bei der Beurteilung der Gleichstrommotorzähler ist es wichtig, das Drehmoment für verschiedene Ankerstellungen zu kennen, denn es ist je nach der Ankerkonstruktion mehr oder weniger ungleichförmig. Bisher bestimmte man durch Einzelmessungen mehrere Werte und zog daraus seine Schlüsse. E. Alberti (Phys. Techn. Reichsanstalt) hat E. T. Z. 1916 S. 285 eine Vorrichtung beschrieben, mit Hilfe deren man das Drehmoment für eine ganze Umdrehung fortlaufend aufzeichnen kann, ohne auf die lästige punktweise Bestimmung angewiesen zu sein. Die Vorrichtung, die in der Abbildung schematisch dargestellt ist, besteht aus einem registrierenden Federdynamometer D und einer Schlittenführung S, auf der der Zähler Z selbst vom Dynamometer weg oder zu ihm hin bewegt werden kann. Dabei wickelt sich ein Kokonfaden C, an dem das Dynamometer angreift, langsam von dem Rande der Bremsscheibe B des Zählers ab oder auf ihr auf. Der Ausschlag des Federdynamometers ist durch zwei Quecksilberkontakte K1 und K2 (mit parallel geschalteten Kondensatoren) begrenzt. Wird der eine oder der andere von dem Zeiger H des für Nullstellung eingerichteten Dynamometers berührt, so wird dadurch der Stromkreis eines Motors M und damit seine Drehrichtung beeinflußt. Der Motor ist mit der Federbefestigung des Dynamometers gekuppelt und vergrößert oder verkleinert je nach seiner Drehrichtung die Federspannung solange, bis der Zeiger H von dem einen auf den anderen Kontakt übergeht. Der Abstand der beiden Kontakte K1 und K2 ist so gering, daß die Pendelungen nicht wesentlich stören; eine Rückführung ist deshalb nicht erforderlich. Die Größe der Federspannung, die dem zu messenden Drehmoment direkt proportional ist, wird durch eine einfache Schreibvorrichtung R auf dem Papierstreifen P aufgezeichnet. Dessen Bewegung wird zwangläufig mit der des Zählers auf der Schlittenführung S verbunden; also wird das Drehmoment in Abhängigkeit vom Ankerumfange des Zählers aufgezeichnet, wenn der Zähler auf der Schlittenführung S hin und hergeschoben wird.

Textabbildung Bd. 331, S. 301

Eine Anzahl aufgenommener Drehmomentkurven verschiedener Wattstunden- und Amperestundenzähler liefert den Beweis dafür, daß die Vorrichtung sehr gut arbeitet.

An Hand der aufgenommenen Kurven wird die Abweichung der Ankerwicklungen und der feststehenden Felder von der Symmetrie, der Einfluß der Bürstenstellung und der Kommutierung besprochen.

Zum Schluß wird eine Methode zur Berechnung des Drehmoments von Amperestundenzählern angegeben und es werden rechnerisch ermittelte Werte mit den gemessenen verglichen; die Uebereinstimmung ist sehr gut.

Schm.

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Leitsätze des elektrotechnischen Vereins für die Wiederertüchtigung der im Kriege schwer beschädigten Industriearbeiter. Seit Anfang November 1915 wird in den Werkstätten der Akkumulatorenfabrik-Aktiengesellschaft |302| in ihrer Fabrik in Oberschöneweide von Oberingenieur Dr. Beckmann der Versuch gemacht, Kriegsbeschädigte wieder der praktischen Fabrikarbeit zuzuführen. Die Kriegsbeschädigten haben dort noch während ihrer Lazarettzeit Gelegenheit, in den verschiedensten Zweigen der Metall- und Holzbearbeitung sich einzuüben, und zwar unter gleichen Arbeitsbedingungen, wie die gesunden Arbeiter, zwischen und neben denen sie tätig sind, nur mit der besonderen Rücksichtnahme, daß sie unter ärztlicher Aufsicht stehend, als Patienten angesehen werden, daß Maß und Art der Arbeit nach ihrem Zustand und Befinden bemessen wird, und daß sie ohne Rücksicht auf Arbeitsleistung zunächst einen festen Mindestlohn für die Arbeitsstunde zugesichert erhalten. Sobald die Arbeitsfähigkeit soweit gesteigert ist, daß die Kriegsbeschädigten Akkordarbeit zu leisten vermögen, stehen sie in bezug auf Entlohnung und Anforderung an die Güte der Arbeit vollkommen den gesunden Arbeitern gleich.

Mit diesem Verfahren sind ausgezeichnete Erfahrungen gemacht, über die Dr. Beckmann dem Elektrotechnischen Verein berichtet hat. Der Elektrotechnische Verein hat daraufhin die gemachten Erfahrungen in Form von Leitsätzen zusammengestellt.

Inzwischen haben auch andere Fabriken mit Erfolg begonnen, schwer kriegsbeschädigte Industriearbeiter während der Lazarettzeit in ihren Werkstätten zu beschäftigen. Es ist zu hoffen, daß sich noch weitere Fabriken diesem Vorgehen anschließen werden.

1. Schwerbeschädigte Industriearbeiter bedürfen in vielen Fällen zu ihrer Wiederertüchtigung noch der Arbeit in der Werkstatt, die ärztliche Heilung und etwa notwendige Ausrüstung mit Ersatzgliedern genügt bei ihnen nicht.

2. Der Zweck dieser Arbeit (Arbeitstherapie) besteht darin, die kriegsbeschädigten Glieder durch Uebung wieder arbeitsfähig zu machen, die Geschicklichkeit der gesunden Glieder zu erhöhen und den Arbeiter mit seinen veränderten körperlichen Verhältnissen den Berufsaufgaben wieder anzupassen. Daneben dient die Arbeit in der Werkstatt der Auswahl geeigneter Ersatzglieder und anderer Hilfsmittel, wie der Anpassung des Arbeitsgeräts an die Bedürfnisse des Arbeiters.

3. Die Arbeitstherapie soll möglichst frühzeitig, jedenfalls noch während der Lazarettzeit einsetzen. Sie bedarf der Aufsicht durch den Arzt und den Ingenieur. Der Arzt hat die Art und das Maß der körperlichen Beanspruchung, der Ingenieur Auswahl und Beurteilung der Arbeit zu überwachen.

4. Die Arbeitstherapie erfordert Einzelbehandlung der Kriegsbeschädigten und Eingehen auf deren persönliche Bedürfnisse. Die Kriegsbeschädigten sind mit der gebotenen Rücksicht auf ihre Sicherheit möglichst zwischen gesunden Arbeitern zu beschäftigen; ihre Leistung ist nach Dauer und Güte zu überwachen und ein dem Wert der Arbeit entsprechender Lohn (für Anfänger ein Mindestlohn) zu gewähren. Für diese Arbeitstherapie sind Industriebetriebe am besten geeignet; in Lazarettwerkstätten lassen sich die gestellten Bedingungen im allgemeinen nicht erfüllen.

5. Die ärztliche und fachmännische Aufsicht bei der Arbeitstherapie soll sich auch auf Berufsberatung erstrecken.

6. Eine fachmännische Schulung und theoretischer Unterricht ist nur in vereinzelten Fällen und bei befähigten Personen neben der praktischen Arbeit zu empfehlen.

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Gegenüberstellung des deutschen und des österreich.-ungarischen Zolltarifs. In kürzester Zeit wird der Deutsch-Oesterreich.-Ungarische Wirtschaftsverband (Berlin W. 35, Am Karlsbad 16) eine Gegenüberstellung des deutschen und des österreichisch-ungarischen Zolltarifs erscheinen lassen. Der Verband hat unter Mitwirkung von Fachleuten und Zollbeamten die Ansätze des österreichisch-ungarischen Zolltarifs den gleichen Ansätze des deutschen Zolltarifs derart gegenübergestellt, daß sich ein übersichtliches Bild der in Deutschland und Oesterreich-Ungarn für die gleichen Waren erhobenen Zollsätze ergibt. Es ist ferner bei jedem einzelnen Ansatz eine Uebersicht des Austauschverkehrs der betreffenden Ware, der wechselseitigen Ein- und Ausfuhr zwischen den beiden Reichen beigefügt.

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Die Maschinenindustrie in Rußland. Die gesamte Maschinenindustrie arbeitet mit Hochdruck für den Krieg. Statistische Angaben über Beschäftigung, Arbeiterzahl usw. werden nicht veröffentlicht. Aus den bis jetzt bekannt gewordenen Bilanzen der Maschinenbau-Gesellschaften sowie aus der Bewertung der Aktien der betreffenden Gesellschaften an der Börse ist zu entnehmen, daß sie sehr gute Geschäfte machen müssen. Offenbar gebricht es dieser Industrie auch weder an Heizmaterial noch an Arbeitern; die Heeresleitung hat vermutlich alles getan, daß sie ihren Betrieb möglichst hoch hält und auch weiter vergrößert. Aus den von Deutschland besetzten Gebieten sowie aus Riga und anderen russischen Orten, die der Front nahe liegen, sind eine Reihe von Fabriken der Metallindustrie ausgesiedelt und durch vom Staate gewährte Zuschüsse an verschiedenen anderen Orten neu eingerichtet worden. Es wird berichtet, daß ein Teil dieser Fabriken ihre Erzeugung an diesen anderen Orten bereits wieder aufgenommen hätte. Dies ist aber offenbar nur mit einem gewissen Vorbehalt aufzunehmen.

Ein besonderes Kapitel bildet der Bau von landwirtschaftlichen Maschinen. Die Erzeugung hierin, welche die Hälfte des Bedarfs ausmachte – die andere Hälfte wurde eingeführt –, ist um 80 v. H. zurückgegangen, und es herrscht allerorts große Not in diesen Maschinen. Ein großer Teil dieser Erzeugung entfiel auf die im Besitze von deutschen Mennoniten und anderen deutschen Kolonisten befindlichen Fabriken Südrußlands, die von ihren Besitzern nach Veröffentlichung des von dem inzwischen entlassenen Minister des Innern Chwostoff erlassenen Enteignungsgesetzes stillgelegt worden waren. |303| Es wird zwar neuerdings berichtet, daß der Handelsminister energische Schritte getan habe, um die Wiederaufnahme der Arbeit in diesen Fabriken durchzuführen, aber auch diese Nachricht ist nur mit einem gewissen Vorbehalt zu verstehen.

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Die Mühlenindustrie in Rußland. Vor dem Kriege waren 2400 Großmühlen mit einer Jahreserzeugung von 500 Millionen Pud und eine große Anzahl kleiner Mühlen mit einer Jahresausbeute von 1350 Millionen Pud im Betriebe, während gegenwärtig von den Großmühlen nur 850 arbeiten. Diese Industrie hat vornehmlich unter den Transportschwierigkeiten zu leiden, da ihr weder Korn noch Kohle in genügenden Mengen zugestellt werden konnten. Aus verschiedenen Teilen des Reichs wird deshalb abwechselnd über Not an Mehl geklagt, und auch für die Zukunft erwartet man keine sonderliche Besserung dieser Verhältnisse.

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Die Angliederung der Berliner Bergakademie an die Technische Hochschule Berlin. Mit dem 1. Oktober 1916 hört die hiesige Bergakademie auf, als selbständige Hochschule zu bestehen und wird der Technischen Hochschule Berlin als sechste Abteilung angegliedert. Die Abteilung für allgemeine Wissenschaft wird dadurch zur siebenten Abteilung. Die für die neue „Abteilung für Bergbau“ hergestellten Neubauten: ein großer Mittelbau und rechter Flügel des sogenannten Erweiterungsbaues an der Berliner Straße in Charlottenburg (nach dem „Knie“ hin, sowie rückseits an der Kurfürsten-Allee), ferner zwei besondere kleinere Laboratoriumsgebäude gegenüber an der anderen Seite der Kurfürsten-Allee, sind soweit fertig, daß sie demnächst bezogen und bereits vom kommenden Winterhalbjahr an benutzt werden sollen. Die Bergbauabteilung übernimmt die Ausbildung von Bergbaubeflissenen und sonstigen Bergfachstudierenden nach dem Lehrplan der Bergakademie, während die Ausbildung von Hüttenleuten der fünften Abteilung für Chemie und Hüttenkunde überlassen bleibt. Vom Lehrkörper der Bergakademie geht der größte Teil, darunter sämtliche etatsmäßigen Professoren, mit Ausnahme des Professors für Eisenhüttenkunde, zur Bergbauabteilung über. Aus anderen Abteilungen werden für sie einstweilen noch Vorlesungen halten die Herren Geheimrat Kurlbaum über Experimentalphysik, Geheimrat Wedding über Elektrotechnik und Professor Schuberg über darstellende Geometrie und Maschinenelemente mit Uebungen im Maschinenzeichnen.

Der Neubau enthält unter anderm einen vom dritten Obergeschoß zum Sockelgeschoß durchgehenden Lotschacht, der oben an eine Plattform auf dem Dache und unten an die bergmännische Versuchsstrecke anschließt, im Sockelgeschoß die große bergmännische Schausammlung und in den drei Obergeschossen die Hörsäle für Mathematik und Mechanik (Jahnke), für die berg- und maschinentechnischen (Franke, Tübben, Vater), wirtschafts- und rechtskundlichen (Reuß, Völkel) Lehrgebiete, für Mineralogie (Scheibe), Petrographie, Geologie, Paläontologie, Lagerstättenlehre (Rauff) und Markscheidekunde (Fuhrmann) nebst den entsprechenden Lehrmittel-, Schau- und Uebungssammlungen. Von den schon erwähnten Laboratoriumsgebäuden umfaßt das eine das Laboratorium für Aufbereitung und Brikettierung (Franke), das Maschinenlaboratorium (Vater) und die Versuchsanlage für Bohr- und Schrämmaschinen (Tübben), das andere enthält das chemische Laboratorium (Stavenhagen). Zur Bergbauabteilung gehört schließlich noch ein Probierlaboratorium (Pufahl), das im obersten Geschoß des benachbarten Neubaues des metallhüttenmännischen Instituts der Abteilung für Chemie und Hüttenkunde eingerichtet wird.

Der Bergbauabteilung bleibt so der Vorteil gewahrt, daß ihren Studierenden auch in den vorbereitenden Fächern Vorlesungen geboten werden, die auf die Anforderungen ihrer bergbaulichen Ausbildung ganz besondere Rücksicht nehmen. Das gilt sowohl für die Vorlesungen über Mathematik und Mechanik und über Maschinenlehre wie für die Vorlesungen über die wirtschafts- und rechtskundlichen Fächer.

Das Aufhören der im Jahre 1860 gegründeten Berliner Bergakademie als selbständige Hochschule wird natürlich von vielen Seiten lebhaft bedauert. Doch war ihr Schicksal in dem Augenblick besiegelt, wo der Entschluß feststand, die Abteilung für Hüttenkunde an der Technischen Hochschule weiter auszubauen und ihr allein die Ausbildung der Hüttenleute zu übertragen.

In Preußen bleibt nunmehr an Bergakademien bloß noch die Clausthaler Bergakademie bestehen, deren Angliederung an die Technische Hochschule Hannover aber wohl nur eine Frage der Zeit ist.

E. Jahnke.

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K. K. Technologisches Gewerbemuseum Wien. Der soeben erschienene XXXVIL Jahresbericht der Anstalt über das Schuljahr 1915/16 gibt Aufschluß über die Organisation der Anstalt, den Zweck und die Frequenz der höheren Fachschule für Maschinentechnik und der für Elektrotechnik, ferner die Personalstatistik, die Tätigkeit an den Versuchsanstalten für Papierprüfung, für Bau- und Maschinenmaterial und der für Elektrotechnik – die für Radiotechnik ist seit Beginn des Krieges behördlich gesperrt – und endlich Daten über die Militärdienstleistung des Anstaltpersonals, der Schülerschaft, über die Anstalts- und Schülerbetätigung an der Kriegsfürsorge unter anderm auch über die errichteten Spezialkurse für Kriegsbeschädigte, und zwar den elektrotechnischen, den für Kinooperateure und jenen für Mechaniker.

Der Jahresbericht ist auf Wunsch von der Direktion erhältlich.

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