Titel: SCHMIDT: Werner v. Siemens' Arbeiten auf dem Gebiete der elektrischen Telegraphie.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1916, Band 331 (S. 408–ad)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj331/ar331086

Werner v. Siemens' Arbeiten auf dem Gebiete der elektrischen Telegraphie.

Von Oberingenieur Georg Schmidt, Berlin-Wilmersdorf.

Werner Siemens zeigte schon früh eine ausgesprochene technische Begabung. Mit regem Interesse verfolgte er die Arbeiten auf elektrotechnischem Gebiete und stellte bereits während seiner aktiven Militärzeit als Artillerie-Offizier Versuche an, deren Erfolge ihn später veranlaßten, sich ganz der Elektrotechnik zu widmen.

So gelang es ihm während eines unfreiwilligen Aufenthalts in der Zitadelle von Magdeburg, ein Verfahren zur galvanischen Vergoldung und Versilberung zu finden. Der glückliche Verkauf des diesbezüglichen englischen Patentes für 1500 Pfund Sterling durch seinen Bruder Wilhelm setzte ihn in den Stand, weiterhin seinen technischen Neigungen nachgehen zu können.

Werner Siemens lernte in Berlin den Mechaniker Leonhardt kennen, der im Auftrag der Artillerie-Prüfungskommission eine Uhr für Geschoß-Geschwindigkeitsmessung gebaut hatte, bei welcher der Meßzeiger auf elektrischem Wege mit der sich mit großer Geschwindigkeit drehenden Zeigerachse gekuppelt bzw. von ihr entkuppelt wurde. Das brachte Werner Siemens auf die Idee, die Geschwindigkeitsmessung unter Anwendung des elektrischen Funkens |409| vorzunehmen. Gleichzeitig tauchte in ihm der Gedanke auf, die Geschwindigkeit der Elektrizität selbst in ihren Leitern nach der gleichen Methode zu messen.

Von nun an beteiligte sich Werner Siemens mit großem Eifer an den Arbeiten Leonhardts, der unter anderem auf Veranlassung des Generalstabes der Armee Versuche anstellte, die über die Ersetzbarkeit des optischen Telegraphen durch einen elektrischen Aufschluß geben sollten.

Bei dem Hofrat Soltmann hatte er im Jahre 1846 Gelegenheit, einen Wheatstoneschen Zeigerapparat zu sehen, dessen Betrieb trotz aller Bemühungen nicht gelingen wollte. Werner Siemens erkannte die Ursache, und es gelang ihm die Konstruktion eines Zeigertelegraphen, bei dem die Einstellung mit Hilfe der Selbstunterbrechung des Stromes bewirkt wurde. Die Ausführung übertrug er dem ihm aus der Polytechnischen Gesellschaft bekannten jungen Mechaniker Halske, der damals in Berlin eine kleine mechanische Werkstatt unter der Firma Böttcher & Halske betrieb. Halske's anfängliche Zweifel an der Ausführbarkeit der Idee behob Werner Siemens durch ein paar mit primitivsten Mitteln selbstgefertigter Probeapparate.

Halske, von diesem Erfolge enthusiasmiert, war bereit, aus seiner Firma auszutreten und sich mit Werner Siemens gänzlich der Telegraphie zu widmen.

Werner Siemens sandte darauf dem General O'Etzel, dem Chef der unter dem Generalstab der Armee stehenden optischen Telegraphen, einen Aufsatz über den damaligen Stand der Telegraphie und ihre zu erwartenden Verbesserungen, was seine Kommandierung zur Kommission des Generalstabes, welcher die Einführung des elektrischen Telegraphen statt des optischen oblag, zur Folge hatte.

Die damals allgemein geltende Ansicht, daß eine an Pfosten befestigte, leicht zugängliche Telegraphenleitung einen sicheren Betrieb überhaupt nicht zulassen würde, führte zu zahlreichen Versuchen mit unterirdischen Leitungen. Da erhielt Werner Siemens von seinem Bruder Wilhelm aus London als Kuriosum ein kleines Probestück der soeben auf dem englischen Markt erschienenen Guttapercha und er erkannte sofort deren vorzügliche Eigenschaft als Isolationsmittel für unterirdische Telegraphendrähte. Doch mißlangen die ersten Versuche, die auf dem Planum der Anhalter Bahn angestellt wurden, weil der blanke Draht aus der nur einfach herumgewalzten Guttaperchahülle heraussprang. Infolgedessen entschloß sich Werner Siemens, den Draht mit einer nahtlosen Guttaperchahülle zu versehen, zu welchem Zwecke er eine Schraubenpresse konstruierte, welche er von Halske ausführen ließ. Die Guttapercha wurde in der Schraubenpresse erwärmt und dann durch starken Druck nahtlos um den Kupferdraht gepreßt. Im Jahre 1847 verlegte Werner Siemens die erste längere unterirdische Telegraphenleitung von Berlin nach Großbeeren. Sie bewährte sich vollkommen, so daß die Verwendung von Guttapercha allgemein zur Einführung gelangte, nicht nur bei unterirdisch geführten Landlinien, sondern auch auf den Kabeladern, welche später in den submarinen Kabeln Verwendung fanden. Auch heute noch werden letztere Kabel ausschließlich mit Guttapercha-Adern ausgerüstet.

Nachdem die genannte Kommission des Generalstabes in Aussicht genommen hatte, sowohl die mit Guttapercha umpreßten Leitungen wie auch das Siemens-Zeigersystem den in Preußen zu erbauenden Telegraphenlinien zugrunde zu legen, stand für Werner Siemens der Entschluß fest, sich ganz der Entwicklung des Telegraphenwesens zu widmen. Er gründete im Herbst des Jahres 1847 in Gemeinschaft mit J. G. Halske die Telegraphen-Bauanstalt Siemens & Halske, in die er sich den persönlichen Eintritt nach seiner Verabschiedung vom Militär vorbehielt.

Die Aussicht, sich mit Hilfe seiner überragenden Stellung in der Telegraphen-Kommission zum Leiter des künftigen Staats-Telegraphen aufschwingen zu können, vermochte Werner Siemens nicht zu verlocken, seine volle persönliche Unabhängigkeit dafür aufzugeben, durch welche er hoffte, der Welt mehr nützen zu können. Er nahm 1848 seinen Abschied vom Militär und damit auch von seinem Kommando zur Telegraphen-Kommission, als diese ihre Aufgabe erfüllt hatte und die Telegraphie dem neugeschaffenen Handelsministerium unterstellt wurde. Vorher schon wurde Werner Siemens der Auftrag zuteil, in aller Eile eine unterirdische Leitung von Berlin nach Frankfurt am Main, wo die deutsche Nationalversammlung tagte, herzustellen. Halske traf schleunigst alle Vorbereitungen. Die Herstellung des isolierten Leitungsdrahtes begegnete aber insofern großen Schwierigkeiten, als die Guttapercha infolge der großen Nachfrage nicht mehr in der erforderlichen Menge und guten Qualität zur Verfügung stand. Dadurch wurde es unmöglich, die ganze Linie unterirdisch zu bauen, man sah sich vielmehr gezwungen, auf der Strecke Eisenach-Frankfurt a. M. eine oberirdische Drahtleitung zu verlegen, und zwar einen Kupferdraht, da damals geeignete Eisendrähte nicht zu erhalten waren.

Um die in der oberirdischen Leitung auftretenden atmosphärischen Störungen, die die Apparate und die Bedienung gefährdeten, zu beseitigen, konstruierte Werner Siemens besondere Plattenblitzableiter. Gleichzeitig war ihm Gelegenheit gegeben, die nachteilige Wirkung der Kabelkapazität auf den Betrieb der Apparate zu beobachten. Er versuchte, und zwar mit gutem Erfolge, dieser Wirkung dadurch zu begegnen, daß er die Kabelader an bestimmten Stellen über Drahtwiderstände von entsprechender Größe mit der Erde verband, die Leitungen selbst in einzelne Teilstrecken zerlegte und diese durch selbsttätige Translationseinrichtungen derart in Verbindung brachte, daß die Telegraphierströme von der einen auf die andere Teilstrecke selbsttätig übertragen wurden. Diese Translationseinrichtungen nannte Werner Siemens „Zwischenträger“. Er hatte die Genugtuung, daß diese erste größere Telegraphenlinie nicht nur Deutschlands, |410| sondern ganz Europas, schon im Winter des Jahres 1849 in Betrieb genommen werden konnte.

Das gute Resultat brachte Werner Siemens bald darauf den Auftrag zum Bau der unterirdischen Kabellinien Berlin–Cöln–Verviers, Berlin–Hamburg und Berlin–Dresden.

Die Zerstörung der anfänglich ohne besonderen Schutz ins Erdreich versenkten Guttaperchadrähte durch Zernagen von Mäusen und Ratten glaubte Werner Siemens dadurch verhindern zu können, daß er die Guttaperchahülle durch einen Bleimantel schützte.

Derartige Guttaperchableikabel wurden im Anfang der 50 er Jahre vielfach verwendet, unter anderem bei dem Telegraphensystem, das für die Polizei Verwaltung und den Feuerwehrdienst der Stadt Berlin eingerichtet wurde.

Nachdem der Morse-Schreibtelegraph im Jahre 1849 in Deutschland bekannt wurde – Mr. Robinson führte denselben in Hamburg vor –, beschäftigte sich Werner Siemens mit seiner Verbesserung, da er sofort erkannte, daß die Einfachheit dieses Apparates und die verhältnismäßig leichte Erlernbarkeit des Morse-Alphabetes sehr bald zu seiner allgemeinen Einführung beitragen würden. Werner Siemens gab in Verbindung mit Halske den Apparaten gute Laufwerke mit Selbstregulierung, ein zuverlässig wirkendes Elektromagnetsystem, sichere Kontakte und Umschalter und verbesserte die Relais, die es gestatteten, den Telegraphenapparat unabhängig von dem Zustande der Leitungen In einem gesonderten Lokalkreis mit gleichbleibender Stromstärke zu betreiben.

Die schon bei dem Zeigertelegraphen benutzten Translationen (Uebertrager oder Zwischenträger) gewannen erst durch ihre Anwendung auf den Morseapparat volle Bedeutung.

Der durch die ständig zunehmende Länge der Telegraphenleitungen ebenfalls wachsende Leitungswiderstand bedingte auf den einzelnen Telegraphenstationen die Aufstellung umfangreicher galvanischer Batterien, deren Unterhaltung sich oft ziemlich schwierig gestaltete. Dies brachte Werner Siemens auf die Idee, die Stromerzeugung auf elektromagnetischem Wege zu bewirken. Er konstruierte im Jahre 1853 eine in der Wirkung dem später angewandten Gleichstrom-Einanker-Umformer ähnliche Vorrichtung und nannte diese Tellermaschine. Die Anordnung war so getroffen, daß über den Polen einer Anzahl im Kreise aufgestellter, mit zwei Wicklungen versehener Elektromagnetkerne ein eiserner Teller sich derart bewegte, daß er mit seiner unteren Fläche sich fortlaufend den einzelnen Polen nacheinander näherte. Diese Bewegung wurde erzielt mit Hilfe einer Kontakteinrichtung, die durch die jeweilige Stellung des Tellers betätigt, den Strom einer kleinen Batterie den einzelnen Elektromagneten so zuführte, daß eine fortschreitende Anziehung des tellerförmigen Ankers entstand. Durch diese Annäherung des Tellers trat in der zweiten Wicklung des betreffenden Elektromagneten ein Induktions-Strom höherer Spannung auf, ebenso wie in der Wicklung des eben verlassenen Elektromagneten, in dieser aber in entgegengesetzter Richtung. Diese hintereinander folgenden induzierten Wechselströme wurden durch einen Kommutator gleichgerichtet und nun zum Telegraphieren benutzt. Die mit der Tellermaschine angestellten Versuche bewiesen ihre Brauchbarkeit, beispielsweise konnte mit ihrer Hilfe ein tadelloser Betrieb zwischen Leipzig und Wien über München erzielt werden. Trotzdem hat die Tellermaschine eine ausgedehnte Anwendung nicht gefunden.

Die hohen Anlage- und Unterhaltungskosten längerer Telegraphenlinien drängten gebieterisch dazu, Mittel zu finden, um die Wirtschaftlichkeit zu steigern, und das schien nur möglich durch Verwendung schneller wirkender Telegraphenapparate. Der Werner Siemens im Jahre 1853 erteilte Auftrag der russischen Regierung zur Errichtung und mehrjährigen Unterhaltung umfangreicher Telegraphen Verbindungen gab ihm hierzu weitere Anregung, und so entstand ein automatisches Telegraphensystem, bei dem zum ersten Male die Abgabe der telegraphischen Zeichen nicht mehr unmittelbar von Hand, sondern mittels eines ablaufenden gelochten Papierstreifens erfolgte.

Die Einrichtung einer Station umfaßte drei wesentliche Teile:

  • 1. den Handschriftlocher mit drei Tasten,
  • 2. den Schnellschriftgeber,
  • 3. den Empfänger.

Mittels des Handschriftlochers wurde der Lochstreifen vorbereitet. Durch Druck auf die rechte Taste erhielt der Streifen zwei dicht aufeinander folgende Löcher zur Hervorbringung des Morsestriches. Mit der mittleren Taste wurde ein Loch für den Morsepunkt eingestanzt und mittels der linken Taste der Papierstreifen um so viel weiterbewegt, wie es der Zwischenraum zwischen den einzelnen Buchstaben bzw. ganzen Worten erforderte.

Der so vorbereitete Streifen wurde in den durch ein Gewichtslaufwerk betriebenen Geber eingelegt, der ihn mit größerer Geschwindigkeit durch eine Kontakteinrichtung hindurchbewegte. Letztere bestand aus einem durch eine Feder gegen den Papierstreifen drückenden Metallpinsel, der mit der Leitung in Verbindung stand, während an die Metallwalze, um die der Papierstreifen herumgeführt wurde, die andererseits geerdete Batterie angeschlossen war. Beim Ablauf des Streifens berührte der Metallpinsel durch die Löcher des Streifens hindurch die Metallwalze und stellte auf diese Weise den Kontakt der Batterie mit der Leitung her.

Als Empfänger diente ein Morse-Stiftschreiber, dessen Schreibhebel mittels eines schwingenden Elektromagneten betätigt wurde. Erwähnenswert ist noch, daß der Handschriftlocher Wheatstone später die Anregung gab zur Konstruktion seines „Perforator“ genannten Tastenlochers.

Eine große Schwierigkeit bot die Unterhaltung der Anlagen mit Rücksicht darauf, daß die Leitungen oft durch gering bevölkerte Gegenden führten und die Stationen, deren Personal zur Auffindung und Beseitigung |411| von Störungen in Frage kommen konnte, nur in recht beträchtlichen Entfernungen voneinander lagen. Um eine einfache Kontrolle über den Zustand der Leitungen in kurzen Zeiträumen zu ermöglichen, schuf Werner Siemens im Jahre 1855 das Kontroll-Galvanoskop, auch Tataren-Galvanoskop genannt. In einem regensicheren Gehäuse untergebracht, enthielt das Galvanoskop drei Kontaktknöpfe, mit deren Hilfe der Kontrollwärter, als welcher ein einigermaßen zuverlässiger Landbewohner fungierte, sich jederzeit überzeugen konnte, ob die Leitung in Ordnung war und ob sie arbeitet oder nicht und im letzteren Fall, nach welcher Seite hin die Unterbrechung zu suchen war. Durch Druck auf den mittleren Knopf wurde das Galvanoskop in die Linie eingeschaltet. Zeigte das Galvanoskop einen Fehler an, so ließ sich durch Betätigung des rechten oder linken Druckknopfes feststellen, auf welcher Seite der Fehler lag. Da die Bedienung des Apparates sehr einfach war, so wurden damit gute Erfolge erzielt und der Firma Siemens & Halske es möglich gemacht, ihrer eingegangenen Verpflichtung, jede Beschädigung der Leitungen binnen sechs Stunden zu reparieren, stets nachzukommen.

Textabbildung Bd. 331, S. 411

Als im Jahre 1853 die von Professor Petrina in Prag und dem damaligen österreichischen Telegraphendirektor Dr. Gintl angestellten Versuche gelungen waren, zur besseren Ausnutzung einer Telegraphenanlage ein sogenanntes Gegensprech- oder Duplex-Verfahren zu finden, das die gleichzeitige gegenseitige Uebermittlung zweier Telegramme auf demselben Drahte ermöglichte, griff Werner Siemens sofort auch diesen Gedanken auf. Innerhalb Jahresfrist schon konnte er eine wesentliche Verbesserung des von Dr. Gintl angegebenen Verfahrens vorführen. Er wandte hierfür mit gutem Erfolge die Differentialschaltung an. Fast gleichzeitig mit ihm kam Carl Frischen in Hannover auf dieselbe Idee. Frischen trat später als Oberingenieur in die Dienste der Firma Siemens & Halske.

Zum besseren Verständnis sei hier kurz erwähnt, daß der Grundgedanke des Gegensprechverfahrens darin besteht, den vom eigenen Amte ausgehenden Telegraphierstrom so um oder durch den eigenen Empfangsapparat zu leiten, daß dieser dabei nicht zur Wirkung kommt, dagegen, wenn vom fernen Amt gegeben wird, seine ungehinderte Tätigkeit möglich ist. Gintl erreichte das durch zwei Wicklungen auf dem Elektromagneten des Empfangsapparates, wovon die eine in der Leitung lag, während die andere von einem Lokalstrom durchflössen wurde, wenn der eigene Taster gedrückt wurde. Die Wirkungen beider Wicklungen auf das Elektromagnetsystem waren in diesem Falle aber entgegengesetzt, hoben sich also auf, so daß kein Magnetismus entstehen konnte. Wurde aber gleichzeitig vom anderen Amt aus gegeben, so kamen je nach der Stromrichtung entweder beide Wicklungen im richtigen Sinne zur Wirkung oder nur die eine derselben, in beiden Fällen wurde also eine Bewegung des Schreibhebels ermöglicht. Bei der von Werner Siemens angewandten Differentialmethode besitzt der Empfänger ebenfalls zwei Wicklungen. Statt in einen Lokalstromkreis legte Werner Siemens die zweite Wicklung an eine künstliche Leitung, die in ihren elektrischen Eigenschaften der wirklichen genau gleich war, und teilte den abgehenden Strom derart, daß er in gleicher Stärke sowohl durch die Linienwicklung als auch über die zweite Wicklung floß, welche in die künstliche Leitung eingeschaltet war. Beide Teilströme hielten sich in ihrer Wirkung auf den Empfänger das Gleichgewicht, und erst dann, wenn durch gleichzeitiges Geben vom fernen Amte dieses Gleichgewicht gestört wurde, konnte der Empfänger zur Betätigung kommen. Die Differentialschaltung wird noch heute beim Duplexbetrieb auf langen Kabelleitungen ausschließlich verwendet.

Die bei dem Betrieb langer Telegraphenleitungen gesammelten Erfahrungen brachten im Jahre 1855 Werner Siemens die Erkenntnis, daß die Anwendung polarisierter Empfangsapparate einen wesentlich schnelleren Betrieb und größere Sicherheit gewährleiste. Die Polarisierung des Empfänger-Elektromagneten wurde durch einen kräftigen permanenten Magneten bewirkt. Die Bewegung des Ankers in die Arbeitslage erfolgte durch einen Stromstoß in der einen Richtung, das Zurückführen in die Ruhelage durch einen anderen in entgegengesetzter Richtung.

Zur Erzeugung der erforderlichen Telegraphierströme wechselnder Richtung benutzte Werner Siemens einen Volta-Induktor nach Art der noch heute gebräuchlichen Funken-Induktoren. Durch Druck auf den Telegraphiertaster wurde der Stromkreis der Primärwicklung des Volta-Induktors geschlossen, wobei der dabei auftretende positiv gerichtete Induktionsstrom in die Leitung gelangte und den Schreibhebelanker des Empfängers in die Arbeitslage brachte. Der beim Loslassen des Tasters in der Sekundärwicklung entstehende Induktionsstrom negativer Richtung bewirkte dann das Zurückbringen des Schreibhebels in die Ruhelage.

Als Empfänger diente, da der Schreibhebel des Morse-Stiftschreibers in seiner Bewegung noch zu schwerfällig war, um den verhältnismäßig schwachen, vor allem aber sehr kurzen Induktionsstrom-Impulsen mit Sicherheit |412| folgen zu können, ein sogenanntes Induktions-Relais, dessen Arbeit lediglich darin bestand, seinen leichten Anker umzulegen und damit über einen Kontakt einen aus einigen Elementen und dem Elektromagneten des Schreibapparates gebildeten Lokalstromkreis zu schließen. Später gelang Werner Siemens die Konstruktion besonders empfindlicher polarisierter Schreibapparate, die als Direktschreiber unmittelbar durch den Linienstrom betätigt werden konnten.

Der Wunsch der deutschen Eisenbahnen, zum Ingangsetzen der längs der Bahnstrecken aufgestellten, für die Benachrichtigung der Schrankenwärter bestimmten Läutewerke an Stelle der umfangreichen und einer dauernden Wartung bedürfenden galvanischen Batterien eine geeignetere Stromquelle verwenden zu können, veranlaßte Werner Siemens im Jahre 1856 zur Erfindung des Magnetinduktors mit Doppel-T-Anker.

Der mit einer Drahtwicklung versehene Doppel-T-Anker war zwischen den Polen eines aus einer Anzahl kräftiger Stahlmagnete gebildeten Magnetmagazins gelagert und konnte mittels einer Kurbel unter Verwendung eines Zahnradvorgeleges in schnelle Drehung versetzt werden, wobei in der Wicklung des Ankers kräftige Induktionsströme wechselnder Richtung entstanden. Durch einen in der Verlängerung der Ankerachse angebrachten Kommutator wurden diese Wechselströme in Gleichströme umgewandelt. Dieser Magnetinduktor hat später eine ungeahnte Verbreitung gefunden, denn er dient noch heute in Millionen von Exemplaren den verschiedensten Zwecken, seine allergrößte Verbreitung fand er aber als Anrufinduktor in Fernsprechanlagen.

Die Zweckmäßigkeit des Magnetinduktors und eine immer noch herrschende Vorliebe für den Zeigertelegraphen brachten noch im gleichen Jahre Werner Siemens auf die Idee, einen Zeigerapparat für Induktorbetrieb zu konstruieren. Er hatte damit einen großen Erfolg, denn dieser Zeigertelegraph wurde noch bis zum Ende der 60er Jahre auf vielen Eisenbahnen angewendet. Auch die Feuerwehren benutzten ihn in großem Umfange noch weitere Jahrzehnte in ihren Anlagen als bequemes, auch in Laienhand brauchbares Verständigungsmittel.

Nach dem Prinzip des Magnetinduktors entwarf Werner Siemens 1857 einen Magnetinduktionsschlüssel für Telegraphenanlagen mit polarisierten Empfängern, wodurch die weitere Verwendung des Voltainduktors überflüssig wurde. Der Doppel-T-Anker war mit einem Tasterhebel starr verbunden. Durch Druck auf den Hebel entstand ein positiver und beim Loslassen ein negativer Induktionsstrom von kurzer Dauer.

Der Magnetschlüssel war längere Zeit auf bayrischen, hannoverischen, oldenburgischen, vor allem aber auf den russischen Telegraphenlinien im Gebrauch und ergab einen tadellosen Betrieb bis zu 1500 km Entfernung, allerdings nur bei Benutzung des im Jahre 1858 konstruierten polarisierten Dosenrelais, auch Induktions-Relais genannt, für welches Werner Siemens das Elektromagnetsystem des dem Zeigertelegraphen beigegebenen Anruf-Wechselstromweckers verwandte. Das polarisierte Dosenrelais dient heute noch in fast unveränderter Form als ausgezeichnetes Hilfsmittel in der Telegraphie.

Gute Beobachtungsgabe, verbunden mit frischem Wagemut, ließen Werner Siemens Arbeiten auf Gebieten übernehmen, auf denen er noch gar keine Erfahrungen besaß und die andere trotz ihrer Erfahrungen nicht bewältigen konnten. Hier sei nur an die im Auftrage der englischen Firma Newall & Co. ausgeführte Legung und Prüfung des Tiefseekabels zwischen Sardinien und der algerischen Küste erinnert. Mr. Brett hatte bereits im September 1855 im Auftrage der Mediterranean Extension Telegraph Company den Versuch gemacht, zwischen der Insel Sardinien und der Stadt Bona in Algier ein schweres Kabel mit vier Leitungen durch das Mittelländische Meer zu legen. Er benutzte dabei dieselben Legungseinrichtungen wie in der Nordsee, hatte aber das Mißgeschick, daß seine Bremseinrichtungen bei Eintritt tieferen Wassers nicht ausreichten und infolgedessen das ganze Kabel unaufhaltsam in die Tiefe hinuntersank. Da auch ein zweiter Versuch im darauffolgenden Jahre fehlschlug, so trat Mr. Brett von dem Unternehmen zurück und überließ dieses der Firma Newall & Co. Diese schloß nun mit der Firma Siemens & Halske einen Vertrag über die Lieferung der erforderlichen Einrichtungen ab und forderte Werner Siemens auf, die elektrische Prüfung bei und nach der Legung zu übernehmen. Im September 1857 begann die Verlegung von Bona aus und ging glatt von statten, da es Werner Siemens gelungen war, eine genügende Bremseinrichtung zu finden, die in Verbindung mit einem Dynamometer es ermöglichte, das Abrollen des Kabels dauernd genau zu überwachen. Er hatte außerdem die Genugtuung, daß nicht mehr Kabel verbraucht wurde, als der überschrittenen Bodenlänge entsprach, was früher nie zu erreichen war.

Als im gleichen Jahre Newall & Co. eine Kabellinie von Cagliari nach Malta und Korfu legten, versah Werner Siemens die Stationen dieser Linie mit Induktionstelegraphen, die mit polarisierten Relais arbeiteten. Auf der Insel Malta wurde eine Translationseinrichtung errichtet, welche es gestattete, auf dem dünnen Kabel direkt zwischen Cagliari und Korfu mit genügender Geschwindigkeit zu korrespondieren. Vorher hatten Siemens & Halske die elektrische Prüfung der Kabeladern in den Kabelwerken von Newall & Co. in Birkenhead ausgeführt, um von vornherein die Gewißheit über die gute Isolation des Kabels zu haben.

Im Jahre 1859 übernahm Werner Siemens eine schwierige aber sehr interessante Aufgabe, nämlich die elektrische Ueberwachung der Kabellegung für die Kabellinie durch das Rote und Indische Meer von Suez nach Kurrachee in Indien. Das Kabel wurde gleichfalls von Newall & Co. geliefert, während die Herstellung und Aufstellung der erforderlichen Apparate Siemens & |413| Halske auszuführen hatten. Das Kabel wurde in Teilstrecken verlegt, und zwar Suez–Kosseir 472 km, Kosseir–Suakin 878 km, Suakin–Aden 1166 km, Aden–Hallani 1330 km, Hallani–Maskat 900 km, Maskat–Kurrachee 891 km, hatte also eine Gesamtlänge von 5637 km.

Da nach den damaligen Erfahrungen ein gesicherter Betrieb nur über etwa 700 Seemeilen Kabel möglich war, so machte sich die Einrichtung von Zwischenstationen nötig, die mit selbsttätigen Translationseinrichtungen versehen werden mußten, um ohne lästige und störende Handübertragung arbeiten zu können. Die Einrichtung dieser Translationsstationen bot damals aber insofern große Schwierigkeiten, als einfache Mittel, die in dem Kabel zurückbleibende Ladung unschädlich zu machen, noch nicht bekannt waren und man aus praktischen Gründen Induktionsströme wechselnder Richtung wie bei der Korfu-Linie nicht benutzen wollte.

Werner Siemens wählte jetzt ein System, bei dem der Betrieb durch Batterieströme wechselnder Richtung erfolgte, und nannte dieses Rotes-Meer-System. Der Morsetaster wurde mit einem Entladungskontakt versehen; er funktionierte derart, daß beim Drücken ein positiver Batteriestrom in das Kabel gesandt wurde, beim Loslassen des Tasterhebels ein negativer Batteriestrom folgte und darauf das Kabel durch den Entladungskontakt vorübergehend mit Erde verbunden wurde, ehe der eigene Empfänger wieder an das Kabel angelegt wurde. Auf diese Weise ließ sich ein Rückfließen des Entladungsstromes nach dem eigenen Empfänger und somit eine Störung des letzteren vermeiden.

Als Empfänger diente erstmalig ein polarisierter, sogenannter Schwarzschreiber mit Filzwalze und einer Translationseinrichtung, die durch den Schreibhebel betätigt wurde.

Das System bewährte sich gut, wenigstens war es mit ihm möglich, auf der Strecke Suez–Aden unter Benutzung der Translationsstationen in Kosseir–Suakin einen ebenso schnellen und sicheren Betrieb zu erreichen wie auf einer gleich langen Landlinie. Die Telegraphiergeschwindigkeit betrug auf den Teilstrecken etwa zehn Worte, auf der Gesamtstrecke etwa sechs Worte in der Minute.

Da der schnelle und sichere Betrieb einer Telegraphenanlage in der Hauptsache eine exakte Stromgebung für die Hervorbringung der einzelnen Telegraphierzeichen bedingt, so setzte Werner Siemens seine Versuche fort, eine Einrichtung zu erfinden, bei der die eigentliche Arbeit des Telegraphierens dem Menschen entzogen wird, um von dessen Geschicklichkeit und Zuverlässigkeit nicht mehr abhängig zu sein. Von dem gleichen Gedanken wurde ja Werner Siemens schon geleitet, als er das auf den russischen Linien benutzte System konstruierte. Nun aber wollte er den Zeitverlust, der durch das Vorbereiten eines Sendestreifens entsteht, vermeiden und die Benutzung eines besonderen Sendeapparates umgehen. Im Jahre 1862 zeigte er auf der Londoner Ausstellung ein automatisches Telegraphensystem, bei dem zum ersten Male kurze magnetelektrische Induktionsströme unmittelbar zur Hervorbringung der Morseschrift mit Hilfe von polarisierten Farbschreibern benutzt wurden.

Als Stromquelle diente wiederum ein Magnetinduktor mit Doppel-T-Anker, der aber durch einen Tretmechanismus in Bewegung gesetzt wurde und dabei gleichzeitig eine Schraubenspindel drehte. Die Buchstaben, Zahlen und Zeichen des Morsealphabetes waren in Gestalt von Blechtypen vorhanden, von denen eine jede durch Druck auf die entsprechend bezeichnete Taste einer Klaviatur so mit der umlaufenden Schraubenspindel in Verbindung gebracht werden konnte, daß sie eine Längsbewegung vollführte und dabei eine Kontaktvorrichtung passierte, wobei die Stromstöße des Magnetinduktors in der erforderlichen Reihenfolge und Richtung selbsttätig in die Leitung gesandt wurden. Meines Wissens hat diese Einrichtung eine allgemeine Anwendung nicht gefunden, auch dann nicht, als die Einrichtung umgearbeitet wurde, um mit Batterieströmen wechselnder Richtung und genügender Dauer arbeiten zu können.

Inzwischen war Oberst v. Chauvin Direktor der Preußischen Staatstelegraphen geworden, der die großen Erfahrungen der Firma Siemens & Halske auf telegraphischem Gebiete nun dazu benutzte, die Betriebseinrichtungen der Staatstelegraphen zu verbessern.

Die freundschaftlichen Beziehungen zwischen v. Chauvin und Werner Siemens und dessen Verkehr mit seinem Freunde und Gönner, dem Obersten v. Lüders, leitendem Direktor der russischen Staatstelegraphen, ließen Werner Siemens Mitte der 60 er Jahre den kühnen Plan fassen, eine telegraphische Speziallinie zwischen England und Indien durch Preußen, Rußland und Persien, die Indo-Europäische Linie ins Leben zu rufen.

England hatte schon vorher eine telegraphische Verbindung mit Indien versucht; die Linie führte durch das Mittelländische Meer über Kleinasien und Persien unter Benutzung der von der türkischen und persischen Regierung betriebenen Leitungen nach Indien. Aber die Linie war in ihren Teilstrecken fast immer gestört, und wenn sie wirklich einmal in Ordnung war, so brauchten die Depeschen oft Wochen, um an ihren Bestimmungsort zu gelangen. Das Bedürfnis nach einer geeigneten telegraphischen Verbindung Englands mit Indien war aber so dringend, daß Werner Siemens' Plan, einen schnellen und sicheren telegraphischen Betrieb zu ermöglichen, bald die Unterstützung der englischen Regierung fand. Die Schwierigkeiten, die russische Regierung zu bestimmen, einer fremden Gesellschaft die Erlaubnis zum Bau und Betrieb einer eigenen Telegraphenlinie zu erteilen, wurden überwunden, wozu das große Ansehen, das Siemens & Halske infolge ihrer bisherigen Leistungen in Rußland genossen, wohl viel beigetragen hatte. Es wurde der Firma das Recht eingeräumt, eine Doppelleitung von der preußischen Grenze über Kiew, Odessa, Kertsch, von dort zum Teil unterseeisch nach Suchum-Kale an der kaukasischen Küste und weiter über Tiflis bis zur persischen |414| Grenze anzulegen und zu betreiben. Preußen verpflichtete sich, selbst eine Doppelleitung von der polnischen Grenze über Berlin nach Emden zu erbauen und diese Linie durch die zu bildende Gesellschaft betreiben zu lassen. Mit Persien wurden durch Werner's Bruder Walter und einen jüngeren Verwandten, damaligen Assessor und späteren Direktor der Deutschen Bank Georg Siemens Verhandlungen angeknüpft, die zu einer ähnlichen Konzession, wie sie Rußland erteilte, führten.

Werner Siemens hatte jetzt wieder Gelegenheit, sich der Konstruktion eines Telegraphensystems zu widmen, das in bezug auf Schnelligkeit und Zuverlässigkeit die bisherigen Systeme weit überholen sollte. Die Aufgabe war nicht einfach, denn es handelte sich um den Betrieb einer annähernd 6900 km langen Linie. Um eine exakte Zeichengebung zu ermöglichen, griff Werner Siemens wieder auf das Verfahren zurück, die Depeschen durch Lochen eines Papierstreifens vorzubereiten. Die Zeichengebung erfolgte aber nicht durch kürzere oder längere Stromimpulse gleicher Richtung zur Erzielung des Morsepunktes bzw. -Striches, sondern durch jedesmalige Abgabe zweier Stromimpulse wechselnder Richtung, aber in verschiedenen Zeitabständen der Länge des Punktes oder Striches entsprechend.

Die Löcher wurden in den Sendestreifen mittels eines Handschriftlochers mit einem Hebel eingestanzt, derart, daß durch einen Druck nach links zwei dicht aufeinander folgende Löcher für den Punkt, nach rechts zwei Löcher in größerem Abstand für den Strich eingestanzt und durch senkrechten Druck der Streifen selbst um so viel vorwärts bewegt wurde, wie der Zwischenraum zur Trennung der einzelnen Buchstaben bzw. ganzer Worte erforderte.

Um den Papierstreifen sowohl im Handschriftlocher als auch nachher im Sender gleichmäßig vorwärtsbewegen zu können, wurde er zunächst mittels eines besonderen Apparates mit einer fortlaufenden Reihe Führungslöcher versehen.

Später wurde der Handschriftlocher durch einen mechanischen Lochapparat (Tastenlocher) ersetzt, der eine Klaviatur besaß. Der Apparat wurde durch Treten in Bewegung gesetzt. Der Druck auf eine der alphabetisch angeordneten Tasten bewirkte das gleichzeitige Einstanzen sämtlicher für den vollständigen Morsebuchstaben erforderlichen Lochgruppen in den Papierstreifen.

Als Sender diente ein kräftiger Magnetinduktor für Handbetrieb. Mit der Kurbel wurde gleichzeitig eine aus zwei isolierten Teilen bestehende Kontaktwalze gedreht, die mit Führungsstiften versehen, den Papierstreifen vorwärtsbewegte. Die beiden Stücke der Kontaktwalze standen mit der Ankerwicklung in Verbindung, während ein über den Papierstreifen gleitender Kontaktstift an die Leitung angeschlossen war. Sobald der Kontaktstift durch ein Loch im Papierstreifen hindurch die Kontaktwalze berührte, gelangte ein Induktionsstrom in die Leitung, und zwar bei dem ersten Loch ein positiver, bei den folgenden ein negativer, aber in verschiedenen Zeitabständen, je nachdem ein Punkt oder ein Strich gegeben werden sollte.

Da die Dauer der an sich sehr kurzen Induktionsströme nicht immer ausreichte, um dem Empfänger eine unter allen Umständen ausreichende Strommenge zuzuführen, so wurde der Induktor bald durch eine Batterie ersetzt.

Große Sorgfalt verwandte Werner Siemens auf die Konstruktion des Empfangsapparates. Dieser erhielt ein genaues Laufwerk für die Bewegung des Papierstreifens. Um diese innerhalb derjenigen Grenzen leicht regeln zu können, die sich ergaben, je nachdem der Betrieb durch den selbsttätigen Sender oder durch Geben von Hand erfolgte, wurde das Laufwerk mit einem besonderen Regulator versehen, der von außen leicht auf die erforderliche Geschwindigkeit eingestellt werden konnte.

Besonders erwähnenswert ist die Schreibvorrichtung, bei der ein durch das Laufwerk angetriebenes Schreibrädchen in die in einem nach oben offenen Gefäß enthaltene Farbflüssigkeit eintauchte. Da das Rädchen an seinem Umfange die Schreibfarbe mit sich führte, so war es nicht nötig, das Rädchen durch den Schreibhebel direkt an das Papier zu drücken, was viel Kraft erfordert und den Gang des Laufwerkes beeinträchtigt hätte. Es genügte vielmehr ein leichtes Anheben des Schreibrädchens nur so weit, bis die Farbe das Papier berührte. Diese Konstruktion ist bis auf den heutigen Tag beibehalten worden.

Das Elektromagnetsystem der Schreibvorrichtung war, wie schon erwähnt, polarisiert, um den Apparat als Direktschreiber, d.h. unmittelbar durch den Linienstrom betreiben zu können. Außerdem erhielt der Schreibhebel eine Einrichtung zur Translation, da die Leitung in eine Anzahl in sich abgeschlossener Teilstrecken zerlegt werden mußte, um das Aufsuchen und Beseitigen von Störungen zu erleichtern. Mit Hilfe der auf den Zwischenstationen vorhandenen Translationseinrichtungen konnte ein schneller und zuverlässiger Betrieb erzielt werden.

Die Indolinie ist vom Jahre 1870 an bis zum Ausbruch des gegenwärtigen Krieges dauernd in Benutzung gewesen, jedoch wurde das von Werner Siemens konstruierte System bedauerlicherweise später durch das von Wheatstone angegebene ersetzt, was wohl hauptsächlich darin seinen Grund hatte, daß dieses System in England bald nach seinem Erscheinen große Verbreitung fand, infolgedessen der Wunsch auftrat, es auch auf der hauptsächlich nur englischen Interessen dienenden Indolinie in Verwendung zu sehen. Trotzdem gebührt Werner Siemens das Verdienst, mit der Errichtung der Indolinie die Ausführbarkeit eines schnellen und gesicherten Betriebes auf derart langen oberirdischen Leitungen vollkommen bewiesen zu haben.

Inzwischen hatte Werner Siemens die Vervollkommnung des einfachen Morseapparates dauernd im Auge behalten, dessen allgemeine Anwendung durch seine große Einfachheit und Betriebssicherheit sich von Jahr zu Jahr steigerte. So entstand eine Reihe sehr brauchbarer Konstruktionen von Relief- (Stift-) und Farbschreibern. Als |415| es infolge Mangels geschulter Kräfte nicht mehr möglich war, den steigenden Bedarf an Morseapparaten rechtzeitig zu decken, faßte Werner Siemens den Entschluß, deren Herstellung auf maschinellem Wege unter Hinzuziehung ungelernter Arbeitskräfte zu versuchen. Der Ausführung dieser Absicht stellten sich aber insofern Schwierigkeiten entgegen, als die bisherigen Konstruktionen auf eine maschinelle Herstellung in großem Umfange nicht zugeschnitten waren. Die Notwendigkeit einer Verbesserung der Arbeitsmethode war aber so dringend, daß die Konstruktion eines geeigneten Morseapparates unverzüglich in die Hand genommen wurde. So entstand im Jahre 1870 der Normalfarbschreiber, der noch im gleichen Jahre von der deutschen Reichs-Telegraphenverwaltung als Einheitsapparat eingeführt wurde, wo er heute noch in unveränderter Konstruktion im Betrieb ist. Gleichzeitig wurde ein für den Betrieb auf den Telegraphenlinien der preußischen Staatsbahnen geeignetes Morsewerk für Ruhestrombetrieb entworfen. Dasselbe vereinigte auf einem hölzernen Grundbrett einen Normalfarbschreiber, einen Taster, ein Galvanoskop, ein Dosenrelais und einen Plattenblitzableiter, der zugleich als Stöpselumschalter ausgebildet war. Das Grundbrett enthielt an einem Unterrahmen eine Kontaktanordnung, die mit einer gleichen, in dem Ausschnitt der Tischplatte untergebrachten, beim Einsetzen des Morsewerkes in den Tischausschnitt in Verbindung gebracht, sofort die Einschaltung des Morsewerkes in die Linie unter gleichzeitigem Anschluß der Lokalbatterie für den Relaisstromkreis bewirkte. Bei den vereinigten preußischhessischen Staatseisenbahnen wird dieses Morsewerk noch heute ausschließlich benutzt, ebenso auch während des gegenwärtigen Krieges auf den von der Militäreisenbahn in den besetzten Gebieten betriebenen Bahnlinien, wo nicht nur der durchgehende Telegraphenverkehr, sondern auch die Zugmeldungen mit ihm bewirkt werden.

Dem Drängen seiner die Londoner Firma leitenden Brüder Carl und Wilhelm folgend, beschäftigte sich Werner Siemens weiter mit Versuchen, die Sprechgeschwindigkeit des Morsebetriebes auf Kabelleitungen zu erhöhen. Sein Ergeiz war durch die Erfolge Wheatstones, vor allem aber Thomson's sehr angeregt. Wieder griff er auf das im Jahre 1862 entworfene automatische System zurück, und so entstand im Jahre 1873 ein automatischer Sendeapparat, den er Kettenschriftgeber nannte. Er benutzte eine endlose Gelenkkette, deren Gelenke als Hülsen ausgebildet waren, in welchen verschiebbare Stahlstifte sich befanden. Mit Hilfe einer Klaviatur mit alphabetisch angeordneten Tasten konnten die Stahlstifte aus ihrer Ruhelage nach hinten rechtwinklig zur Kettenrichtung verschoben werden, wo sie, da die Kette durch ein Uhrwerk vorwärts bewegt wurde, eine Kontakteinrichtung passierten und diese durch Anheben eines Hebels betätigten. Die Kette lief mit geregelter Geschwindigkeit ab, so daß die Abgabe der Telegraphierströme mit großer Genauigkeit erfolgte. Werner Siemens' Mitarbeiter, von Hefner-Alteneck, griff diese Idee auf und verbesserte den Apparat insofern, als er an Stelle der Kette eine durch ein Laufwerk angetriebene zylindrische Dose anwandte, die dicht am Umfange, parallel zur Achse im Kreise angeordnete, verschiebbare Stifte enthielt. Aber auch dieser, unter dem Namen Dosenschriftgeber in Fachkreisen bekannt gewordenen Einrichtung gelang es nicht, Eingang in die Telegraphenpraxis zu finden. Dieses lag jedenfalls daran, daß das Wheatstonesystem inzwischen größere Verbreitung gefunden hatte, auf den langen Submarineleitungen Thomson's Heberschreiber mit gutem Erfolge zur Anwendung gekommen war und der Hughes-apparat, den auch Siemens & Halske herstellten, infolge seines Vorzuges, sofort lesbare Typenschrift wiederzugeben, für den Telegraphenverkehr immer mehr benutzt wurde.

Die Nachfrage des englischen Hauses nach einem vereinfachten Drucktelegraphensystem, mit dem es ermöglicht werden sollte, Kurstelegramme von einer einzigen Zentralstelle aus gleichzeitig an eine beliebige Anzahl Empfangsstellen geben zu können, veranlaßte Werner Siemens, noch im Jahre 1873 die Versuche mit einem Drucktelegraphen für Batteriebetrieb wieder aufzunehmen. Sie führten zur Konstruktion des Börsendruckers, der allerdings zunächst keine Anwendung fand, da sich das Geschäft, das die Anregung zur Konstruktion gegeben, inzwischen wieder zerschlagen hatte. Erst etwa 20 Jahre später wurden die Börsendrucker, jedoch in modifizierter Gestalt zur Anwendung gebracht, und zwar von der deutschen Reichs-Telegraphenverwaltung in einer etwa 100 Empfangsstellen umfassenden Anlage in Bremerhaven.

Werner Siemens sah sich durch die Verhältnisse gezwungen, seine schöpferische Tätigkeit anderen Gebieten zuzuwenden. Die Aussichten, auf telegraphischem Gebiet noch erfolgreich mitwirken zu können, wurden immer geringer, beispielsweise begnügte sich die deutsche Reichs-Telegraphenverwaltung mit den zurzeit vorhandenen Hilfsmitteln, dem Morse- und dem Hughesapparat und auf den internationalen Leitungen benutzte sie entgegenkommenderweise die in den angeschlossenen Ländern eingeführten Telegraphensysteme.

Andere inzwischen von Siemens & Halske aufgenommene und rasch aufblühende Geschäftszweige, zum Beispiel das Gebiet des elektrischen Eisenbahnsignalwesens, vor allem aber die Arbeiten in der bedeutend günstigere geschäftliche Aussichten bietenden Starkstromtechnik nahmen Werner Siemens' Schaffenskraft vollkommen in Anspruch. Trotzdem wandte er sich aber immer wieder demjenigen Gebiete zu, auf dem er die Erfolge erzielt hatte, welche den Grundstein zu der Entwicklung der Firma Siemens & Halske legten. So sah er sich durch die von Thomson mit seinem Heberschreiber in der Unterseetelegraphie erzielten günstigen Resultate veranlaßt, nochmals der Konstruktion eines empfindlichen Schreibtelegraphen näher zu treten, von dem er sich einen guten Erfolg versprach. Im Jahre 1877 waren die Versuche mit diesem Apparat, den er Rußschreiber nannte, beendet. Die Wirkungsweise des Rußschreibers beruhte darauf, daß ein Schreibstift im stromlosen Zustande der Leitung, ähnlich wie beim Heberschreiber, eine fortlaufende gerade Linie auf den Papierstreifen |416| schreibt, während durch den Strom, je nach dessen Richtung, der Schreibstift nach oben oder unten abgelenkt und dadurch eine Wellenlinie erzeugt wird. Die Schreibspitze erhielt ihre Bewegung durch eine leichte Drahtspule, die vom Linienstrom durchflössen, in ein kräftiges magnetisches Feld eingezogen oder von diesem abgestoßen wurde. Während Thomson bei seinem Heberschreiber die Schrift durch eine Farbflüssigkeit hervorbrachte, wurde bei dem Rußschreiber der Papierstreifen zunächst mittels einer Flamme berußt und dann von der Schreibspitze überstrichen, wobei sich eine von dem schwarzen Untergründe gut abhebende helle Linie ergab; eine unmittelbar darauf folgende selbsttätige Fixierung des Papierstreifens verhinderte ein späteres Verwischen der Zeichen. Das Verfahren zur Berußung und seiner Fixierung wurde von Dr. O. Frölich, einem Mitgliede der Firma, ausgearbeitet. Eine Anwendung hat der Rußschreiber trotz seiner Einfachheit und hohen Empfindlichkeit in der Kabeltelegraphie nicht gefunden, dagegen wurde er viele Jahre hindurch als ausgezeichnetes Hilfsmittel zur Beobachtung und Aufzeichnung von Induktionsströmen in Kabelleitungen benutzt, die durch in der Nachbarschaft der letzteren verlaufende Fremdströme hervorgerufen werden.

Noch im gleichen Jahre erwartete Werner Siemens eine neue Aufgabe. Graham Bell hatte das von Philipp Reiß erfundene Telephon verbessert, indem er es zum Magnettelephon umbildete. Siemens erkannte sofort die Bedeutung des neuen Apparates, der ihm geeignet schien, den Traum der Menschheit zu erfüllen, auf große Entfernung hin sich mündlich verständigen zu können, ohne dabei schwierig zu bedienender technischer Mittel zu bedürfen.

Zunächst ließ Werner Siemens die Fabrikation des Bellschen Telephons sofort in großem Umfange aufnehmen, begann aber gleichzeitig mit Versuchen, die Konstruktion des Telephons noch wesentlich zu verbessern, was ihm auch bald gelang. Er ersetzte den einfachen Stabmagneten des Bell sehen Telephons durch einen kräftigen hufeisenförmigen Magneten, dessen beide Enden Polschuhe aus Weicheisen erhielten, die in geringen Abständen voneinander, dicht hinter der wesentlich vergrößerten und aus stärkerem Eisenblech hergestellten Membran angeordnet wurden. Mit diesem Telephon wurde eine vorzügliche Wirkung erzielt, die seine Verwendung auf längeren Leitungen möglich machte. Dadurch sah sich die deutsche Reichs-Telegraphenverwaltung in den Stand gesetzt, der bereits von dem Generalpostmeister von Stephan ernstlich geplanten Einrichtung öffentlicher Fernsprechnetze näher zu treten. Gleichzeitig konnten mit Hilfe des Fernsprechers Telegraphenämter in Orten mit schwachem Verkehr, wo ein Betrieb mit Morseapparaten, der ein geschultes Personal erfordert, unrentabel wäre, beispielsweise auf dem platten Lande, eingerichtet werden. Die Telegramme werden hierbei durch den Fernsprecher der nächstgelegenen größeren Station übermittelt, die sie dann mit dem Telegraphenapparate nach dem Bestimmungsort weitergibt.

Im Jahre 1878 waren in Deutschland bereits 287 derartige Telegraphenämter mit Fernsprechbetrieb vorhanden. Sie fanden bald größere Verbreitung, so daß schon 1900 etwa 10500 Aemter im Betrieb waren.

Viel gewaltiger gestaltete sich freilich die Entwicklung des öffentlichen Fernsprechverkehrs. Aber auch die Zahl der internen Fernsprechstellen bei den Behörden, im Betriebe der Eisenbahnen, ferner bei kaufmännischen und industriellen Unternehmungen nahm rapide zu. So wurde das Telephon bald zum populärsten Verkehrsmittel, ohne dessen Anwendung unser gesamtes Wirtschaftsleben niemals den glänzenden Aufschwung hätte nehmen können, um welchen uns jetzt so viele Völker der Erde beneiden. Und dazu uns verholfen zu haben, das danken wir zu nicht geringem Teil der Mitarbeit Werner Siemens'.

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