Titel: SCHREBER, Wissenschaft und Werktätigkeit.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1924, Band 339 (S. 119–122)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj339/ar339030

Wissenschaft und Werktätigkeit.

Theorie und Praxis.

Von Dr. K. Schreber.

Wissenschaft und Werktätigkeit.

1. Die werktätigen Ingenieure hegen vielfach Mißtrauen gegen wissenschaftliche Untersuchungen und andererseits sehen die Vertreter der reinen Wissenschaft gar zu häufig auf die Leistungen der werktätigen Ingenieure als minderwertig herab. Beide tun sich gegenseitig Unrecht. Beide Arbeitsgebiete stehen auf derselben Grundlage, verwerten sie aber in ganz verschiedener Weise.

Der werktätige Ingenieur soll eine ihm von außen gestellte Aufgabe in ganz bestimmter Zeit, Lieferfrist, lösen und muß dazu die Erfahrung benutzen, wie sie gerade vorliegt; er darf nicht warten, bis alle zur restlosen Lösung der gestellten Aufgabe nötigen Erfahrungen gewonnen sind. Dadurch unterliegt er in der Durchführung seiner Arbeit einem gewissen Zwang, welcher ihm die volle Freiheit nimmt; welcher ihm dafür aber auch einen augenblicklich erkennbaren Nutzen bringt.

Der Vertreter der reinen Wissenschaft bearbeitet die vorhandenen Erfahrungen, vermehrt und vertieft sie ganz nach seinem eignen Willen und seiner augenblicklichen Stimmung, ohne zu fragen, ob diese Fortentwicklung verlangt wird oder nicht, ob sie irgend jemand einen unmittelbaren Nutzen bringt oder nicht. Er ist in der Wahl seiner Aufgaben und in der Zeit ihrer Fertigstellung unbehindert und unbeschränkt.

Diese Freiheit gegenüber dem von ihm zu bearbeitenden Stoff betrachtet der Wissenschaftler als etwas besonders wertvolles, welches ihm das Recht zu geben scheint, sich als den höher stehenden einzuschätzen. Umgekehrt mißachtet gar zu oft der werktätige Ingenieur jede Arbeit, deren Nutzen nicht unmittelbar in die Augen springt, die sich nicht sofort bezahlt macht; er betrachtet sie als vollkommen nutzlos und daher erscheint ihm die Tätigkeit des reinen Wissenschaftlers meist als überflüssig.

Dieser Gegensatz zwischen Werktätigkeit und Wissenschaft besteht schon so lange, wie beide Geistestätigkeiten nebeneinander bestehen. Wie Plutarch berichtet*), soll sich schon Archimedes nur durch inständiges Bitten des ihm noch dazu nahe verwandten Königs Hiero haben bewegen lassen, seine Wissenschaft in den Dienst seiner Vaterstadt bei deren Verteidigung zu stellen. Schon damals sahen die Philosophen, die Vertreter der reinen Wissenschaft, auf die Werktätigkeit als eine nur zum Kriegswesen gehörige Kunst geringschätzend herab. Wie sich die Vertreter der Kriegskunst dafür an den Philosophen rächten, darüber berichtet allerdings Plutarch nichts. Wahrscheinlich werden sie den Philosophen mit gleichet Münze gezahlt haben.

Noch in anderer Beziehung ist ein Unterschied zwischen Wissenschaftler und Werktätigem vorhanden, ein ähnlicher wie zwischen Dichter und Schauspieler. Von diesem sagt Schiller: Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze. So hat auch der Ingenieur erfahrungsgemäß von der Nachwelt keinen Kranz zu erwarten. Wer weiß etwas von den Ingenieuren, welche die von Archimedes ersonnenen Kriegsmaschinen ausgeführt haben? Wer kennt außerhalb der unmittelbaren Fachkreise einen Eugen Langen, einen Riedler? Aber er hat mit dem Schauspieler und noch mehr als dieser gemein, daß er mit der Gegenwart geizen kann; er kann sich seine Arbeit von seinem Auftraggeber bezahlen lassen, denn er hat einen Auftraggeber. Der Wissenschaftler, der sich seine Aufgabe selbst stellt, hat keinen Auftraggeber, der ihn bezahlt. Er veröffentlicht das Ergebnis seiner Forschungen, so daß gleich das ganze Volk, die ganze Menschheit, es kennen lernt. Diese aber fühlt keine Veranlassung, für die Bereicherung ihrer Erkenntnis etwas zu zahlen; es schiebt jeder die Bezahlungsverpflichtung auf den anderen, weil keiner den Auftrag gegeben hat. Nur einsichtige Regierungen, welche die Wichtigkeit wissenschaftlicher Forschung erkennen, bezahlen als Vertreter des Volkes den Wissenschaftler.

2. Nicht nur das Kind fragt bei jeder Gelegenheit, die ihm etwas Neues bringt, nach dem Warum, sondern jeder denkende Mensch tut dieses, wenn auch mit anderen Worten, gerade so; in dieser Beziehung bleibt er dauernd Kind. Du Bois-Reymond sagt in seiner Antwort auf die Antrittsrede von Werner Siemens in der Berliner Akademie, das Wort Warum ist unter allen Wörtern der menschlichen Sprache das menschlichste. Diese dauernde Frage zu beantworten, ist Aufgabe der reinen Wissenschaft, sie fördert die allgemeine Erkenntnis, das Verstehen der Natur und des Geschehens um uns herum. Das ist ihre Aufgabe und ihr Nutzen. In wirtschaftlichen Werten läßt sich dieser Nutzen natürlich nicht angeben. Er ist aber doch vorhanden und drückt sich in der allgemeinen Anerkennung aus, welche jedem Fortschritt der reinen |120| Wissenschaft auch von solchen gezollt wird, welche nicht unmittelbar mit ihr zu tun haben.

Die Wissenschaft fördert die Erkenntnis lediglich um ihrer selbst willen, ohne an eine Nutzbarmachung zu denken.

Als Lord Kelvin seinen Freund Joule veranlaßte, den bekannten Ueberströmungsversuch Gay-Lussac, welcher für die Kenntnis der Eigenschaften der Gase von grundlegender Bedeutung ist, zu verfeinern, hatten beide nur das Bestreben, die Erkenntnis der Natur zu fördern. Daß 33 Jahre nach der Veröffentlichung jener rein wissenschaftlichen Forschung durch die werktätige Geschicklichkeit Lindes aus ihr das äußerst wichtige und große, in wirtschaftlichen Werten leicht anzugebenden Nutzen bringende Gebiet der Luftverflüssigung entwickelt werden konnte, haben jene Forscher nicht geahnt. Der Gedanke an eine wirtschaftliche Verwertung ihrer rein wissenschaftlichen Forschergedanken war ihnen vollständig fremd. Dennoch wird jeder, der jetzt den auf Grund ihrer Gedanken hergestellten künstlichen Dünger verwertet, eingestehen müssen, daß diese Gedanken recht wirtschaftlich waren.

Es ist falsch, eine Arbeit, die nicht unmittelbar einen wirtschaftlichen Nutzen bringt, gleich als nutzlos zu bezeichnen; man kann nie sagen, was für Folgerungen noch daraus gezogen werden können.

Uebrigens arbeitet gelegentlich auch die Werktätigkeit nach diesem Verfahren der reinen Wissenschaft, und es sind nicht gerade die erfolglosesten ihrer Vertreter, welche so handeln. „Nachdem das Ziel erreicht war, eine Kältemaschine zu besitzen, welche bei einem mehrfach höheren Wirkungsgrade gegenüber den seitherigen Eismaschinen einen zuverlässigen und ökonomischen Betrieb gewährleistete, ging ich an die Ueberlegung, wie die Verwendung der Kälte in zweckmäßigster Weise zu gestalten sein werde.“ So schreibt von Linde in seiner Lebensbeschreibung von den Kolbenverdichtermaschinen und, nachdem er die Erfindung seines Verfahrens der Luftverflüssigung dargestellt hat, schreibt er weiter: „Wenn es. Aufgabe der Naturforscher ist, ohne Rücksicht auf die Nutzanwendung zu arbeiten, so erfüllt der Ingenieur die seinige gerade durch möglichst vielseitige Anwendung der Forschungsergebnisse. In diesem Sinne fragte ich mich: Was ist mit der neuen Errungenschaft einer einfachen Vorrichtung zur Verflüssigung beliebiger Gasmengen anzufangen.“ Die Anwendungsgebiete, welche damals gefunden wurden, sind gegenüber den jetzigen so klein und minderwertig, daß man wohl sagen darf, ein unmittelbarer augenblicklicher Nutzen der Erfindung war nicht vorhanden. Jetzt hat sich aus dieser im ersten Augenblick nutzlosen Erfindung eine so große Technik entwickelt, daß man das Verfahren gar nicht mehr missen kann, daß man sich gar nicht vorstellen kann, daß es einmal nutzlos gewesen ist. Linde hat also zunächst als reiner Wissenschaftler gearbeitet und trotzdem wird jeder Ingenieur ihn mit Stolz als Ingenieur bezeichnen.

3. Im allgemeinen ist aber die Aufgabe der Werktätigkeit eine ihr von außen gestellte, auf einen bestimmten Nutzen hin arbeitende. Das Verlangen des Menschen nach Bequemlichkeit und Annehmlichkeit des Lebens verlangt von der Werktätigkeit bald dieses bald jenes Werk, welches sofort angefertigt werden muß. Der Mensch, welcher ein Verlangen geäußert hat, läßt sich, nachdem ihm dieses Verlangen einmal zum Bewußtsein gekommen und dadurch zu einem Bedürfnis geworden ist, nicht hinhalten noch vertrösten, bis die Werktätigkeit einmal die Stimmung gefunden habe, die Aufgabe zu lösen, sondern verlangt sofortige Befriedigung.

Gerade durch diese „Lieferfrist“ wird die Aufgabe der Werktätigkeit schwieriger als die der reinen Wissenschaft. Das hohe Lied dieser Schwierigkeit ist Max Eyths Erzählung: Berufstragik, die in dem Brief des Brückenbauers an seine Frau vom 6. November 1872 gipfelt: „Von manchem kritischen Punkt wissen wir noch so blutwenig und sollen und müssen darauf los bauen“. Er hat dieses Müssen mit dem Tode bezahlt; aber die Werktätigkeit hat sich nicht abschrecken lassen, die Brücke ist wieder aufgestellt worden und nun steht sie da, allen Schwierigkeiten zum Trotz. Der damalige Ingenieur hat seine Aufgabe gelöst so gut sie damals gelöst werden konnte. Spätere mögen ähnliche Aufgaben besser lösen, – man denke an die Müngstener Brücke –, aber darauf konnte und wollte der Erbauer der Eisenbahn, welcher die Brücke in Auftrag geegeben hatte, nicht warten; die Brücke mußte sofort gebaut werden und wenn es den Tod koste.

Diese durch die Lieferfrist bedingte Schwierigkeit überwinden zu können, ist der Stolz der werktätigen Ingenieure, wie ihn der reine Wissenschaftler nicht empfinden kann.

4. Wie nimmt nun der Mensch das Ergebnis der reinen Wissenschaft und das der Werktätigkeit auf?

Die reine Wissenschaft gibt Früchte vom Baum der Erkenntnis, sie macht den Menschen allwissender, „Gott ähnlicher“; sie schafft Befriedigung des Geistes. Die der Werktätigkeit gestellten Aufgaben beziehen sich auf das rein leibliche Behagen, sie arbeitet für den Körper, für das dem Tier Verwandte im Menschen. Sie schafft Befriedigung des Leibes.

Ein Abwägen zwischen Werktätigkeit und Wissenschaft in bezug auf ihren Wert, ihren Nutzen ist nicht möglich. Die eine hat die schwierigere aber für den meist als weniger wertvoll eingeschätzten Leib bestimmte Aufgabe. Die andere hat zwar die größere Freiheit und bequemere Schaffensmöglichkeit, verlangt also geringere Anstrengung, arbeitet aber für den als wertvoller eingeschätzten Geist des Menschen.

Werktätigkeit und Wissenschaft haben keinen zum gegenseitigen Vergleich ihres Wertes brauchbaren gemeinschaftlichen Maßstab; sie sind inkommensurabel. Beide sind aber gleich nötig für das volle, das geistige und leibliche Behagen des Menschen und deshalb muß man sagen, sie sind einander gleichwertig. Es darf keine der anderen vorgezogen werden, keine darf höher eingeschätzt werden als die andere, keine ist minder nötig als die andere.

Die große Menge ist nicht imstande, miteinander nicht vergleichbare Werte gegeneinander abschätzen zu können; und da der Geist, der den Menschen vom Tiere unterscheidet, mehr geachtet wird als der Leib, den ja das Tier auch hat, so wird auch der Geistesarbeiter, welcher sich für die Fortentwicklung des Geistes bemüht, ein größeres Ansehen bei der großen Menge besitzen, als der, welcher für die Bequemlichkeit des Leibes tätig ist.

Hat nicht jedes Winkelblättchen große Aufsätze über Einstein gebracht, ohne daß der Schreiber auch nur einen Schimmer von Ahnung hatte, worin eigentlich die Leistungen Einsteins bestehen? Wer kennt dagegen den Erbauer der Müngstener Brücke? Ich befürchte, nicht einmal die Solinger und Remscheider werden ihn kennen, so oft sie auch über die Brücke fahren*).

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Manche Ingenieure machen aus dieser geistigen Einstellung der großen Menge gerade den Deutschen einen Vorwurf; das ist unberechtigt; sie findet sich in derselben Weise bei allen Völkern. Wer unbefangen den Einsteinrummel mit angesehen hat, und die Literatur fremder Völker kennt, findet ihn, mutatis mutandis, in Molieres Gelehrten Frauen herrlich schön beschrieben.

5. Beide Arbeitsgebiete des menschlichen Geistes beruhen auf der gleichen Grundlage; beide gehen von der Erfahrung aus und zwar von der Einzelerfahrung. Sämtliche Erfahrung besteht aus einzelnen Erfahrungstatsachen, aus einzelnen Beobachtungen. Die wissenschaftliche Tätigkeit besteht darin, diese einzelnen Erfahrungen zu ordnen, Zusammengehöriges zusammenzufassen und, soweit dieses möglich ist, durch ein einfaches Naturgesetz auszusprechen.

Die ersten Anfänge dieser wissenschaftlichen Tätigkeit macht auch der einfachste Vertreter der Werktätigkeit, der Handwerksmeister mit. Er bildet ebenso wie jeder, der unmittelbare Erfahrungen und Beobachtungen verwerten will, aus einer Reihe von einzelnen Erfahrungen seinen allgemeinen Satz, der sich in der sogenannten Faustformel ausdrückt. Mit dieser arbeitet er dann weiter, mag ihm diese geistige Tätigkeit des Zusammenfassens von Erfahrungstatsachen zu einer Formel zum Bewußtsein gekommen sein oder nicht.

Je umfassender aber das Gebiet wird, aus dem die Einzelerfahrungen stammen, um so weniger genügt die einfache Faustformel, um so schärfer muß sie zu einer mathematischen Gleichung durchgebildet sein.

Das Ziel jeder Forschung, das der reinen Wissenschaft sowohl, wie das, welches von der Werktätigkeit verlangt wird, ist und bleibt die mathematische Gleichung. Erst eine, alle Umstände richtig bewertende mathematische Gleichung gibt die Möglichkeit, Einzelerfahrungen leicht und richtig auszusprechen, so daß Mißverständnisse ausgeschlossen sind, um die Erfahrungen für neue Aufgaben anwenden zu können. Schon Leonardo da Vinci sagt*), „allein wo Mathematik anwendbar ist, herrscht Gewißheit, und nur soweit sie sich anwenden läßt, steht das Wissen unbedingt fest“. Ohne Mathematik können sich technische Fächer nur entwickeln, so lange sie in den Kinderschuhen stecken.

Galilei hatte die Grundgleichung für die Fallgesetze aufgestellt. Keppler hatte dasselbe für die Planetenbewegung geleistet. Newton faßt beide Gleichungen in seinem Gravitationsgesetz zu einem Naturgesetz zusammen, welches nun sämtliche Erfahrungen über die Bewegung der Planeten und der anderen Sterne wie der Körper auf der Erde umfaßt und sie leicht und richtig auszusprechen gestattet, so daß jedes Mißverständnis ausgeschlossen ist. Aus ihr kann man sämtliche Bewegungen in ihrem Verlauf beschreiben, ohne sie selbst beobachten zu müssen; ja sogar bevor die Bewegung eintritt, ihren Verlauf vorhersagen.

Mit der Aufstellung dieser umfassenden Gleichung haben wir aber schon das der Werktätigkeit noch mögliche Gebiet der wissenschaftlichen Tätigkeit verlassen und sind in das Gebiet der reinen Wissenschaft gekommen. Während die Werktätigkeit sich mit dem Sammeln der Einzelerfahrungen, und gedrängt durch die an sie herantretenden Aufgaben des Lebens, mit der Aufstellung der einfachsten Faustformeln begnügen muß, gelangt die Wissenschaft durch immer weiter und weiter um sich greifendes Zusammenfassen zwar zu immer größerer und größerer Erkenntnis, entfernt sich aber im selben Maße immer weiter und weiter von der Möglichkeit der unmittelbaren Anwendbarkeit ihrer Errungenschaften durch die Vertreter der Werktätigkeit.

Hier tritt nun die angewandte Wissenschaft vermittelnd ein. Ihre Aufgabe ist, aus den von der reinen Wissenschaft aufgestellten allgemeinen Sätzen die Folgerungen zu ziehen, welche gewissermaßen die Faustformeln der Werktätigkeit auf eine breitere, gesichertere Grundlage stellen. Gleichzeitig soll sie aber auch für die mit der Entwicklung der Werktätigkeit immer schwieriger und schwieriger gewordenen Aufgaben die rechnerische Grundlage vermittelst der allgemeinen Sätze der reinen Wissenschaft liefern.

Wir bekommen also für die auf Sinneserfahrungen beruhenden Geistestätigkeiten folgendes Schaubild:

Textabbildung Bd. 339, S. 121

Je weiter im Laufe der Entwicklung die Glieder der Endreihe dieses Schaubildes auseinanderrücken, um so mehr trennen sich auch die Glieder der früheren Reihen so daß zur Zeit schon in der zweiten die Trennung immer merkbarer wird. Andererseits ist die Grenze zwischen den Gliedern der letzten Reihe durchaus nicht fest: Was der eine noch zur Werktätigkeit zählt, wird der andere vielleicht- schon weit in die angewandte Wissenschaft hinein versetzen. Ebenso ist es bei der anderen Trennung.

Ist durch das Zusammenfassen von Einzelbeobachtungen zu einer mathematischen Gleichung ein Satz gefunden, so ist dieser erst dann als richtiges Naturgesetz anzuerkennen, wenn er in allen seinen Folgerungen mit der Erfahrung übereinstimmt. Es müssen aus dem Satz sämtliche, mathematisch möglichen Folgerungen gezogen und an der Erfahrung geprüft werden. Das ist die Aufgabe des Forschens, des Studierens.

Beim Studieren wird also ein bestimmter aus der Erfahrung erschlossener Satz obenan gestellt, dessen Folgerungen geprüft werden. Stimmen die gezogenen Folgerungen mit der Erfahrung überein, so ist der Satz in diesen Fällen bestätigt. Stimmt auch nur eine nicht, so ist der Satz falsch, oder muß wenigstens in seiner Allgemeinheit beschränkt werden. Je weitere Folgerungen aber gezogen werden, die mit der Erfahrung übereinstimmen, um so richtiger ist der Satz, um so berechtigter war seine Erschließung aus der Erfahrung und mit um so größerer Ruhe darf man ihn auch dort anwenden, wo man nicht gleich nachprüfen kann.

Beim Probieren dagegen wird auf gut Glück ein Versuch angestellt, der vielleicht zufällig das erwartete |122| Ergebnis zutage fördert. Er braucht aber trotzdem nicht beweiskräftig zu sein, denn das Ergebnis ist vielleicht gar nicht von der für wesentlich gehaltenen Bedingung abhängig, sondern von einer anderen nicht erkannten, welche zufällig ebenfalls erfüllt war. Versuch in diesem Sinne ist durchaus nicht immer nur ein einzelner Versuch; oft kann das Probieren eine lange kostspielige Versuchsreihe oder gar viel Versuchsreihen bedingen.

Eyth*) schreibt über dieses Probieren: „Viele Tausende werden alljährlich in England für Versuche vergeudet, wo eine einfache Berechnung, eine richtige Anwendung physikalischer oder selbst geometrischer Lehrsätze die Frage sicher entschieden hätte. Oft genug führt dieser Weg des Experimentierens zum praktischen Ziel, man muß aber sehr reich sein ihn zu begehen“.

So manche Frage läßt sich wegen dieser ungeheuren Kosten gar nicht auf dem Wege des Probierens beantworten. Fragen wir z.B., welches die zum Betrieb von Dampfmaschinen geeignetste Flüssigkeit ist, so erkennen wir schon aus der ungeheuren Menge von Flüssigkeiten welche es gibt, daß durch Probieren hier gar nichts zu erreichen ist. Auf wissenschaftlichem Wege, durch das vielfach so verpönte Studieren ist diese Frage leicht zu beantworten und man findet dann gleichzeitig auch noch die Grenzen der Wirtschaftlichkeit der Dampfmaschine überhaupt**).

Beim Forschen kann ein falsches Ergebnis nicht vorkommen; der vorangestellte Satz wird entweder bestätigt oder als unrichtig erwiesen. Beim Probieren kann leicht ein falsches, ein täuschendes Ergebnis herauskommen.

Das Forschen erfordert viel Vorbereitung; es muß erst durch eine, vielen vielleicht zu umständliche mathematische Rechnung die zu prüfende Schlußfolgerung aus dem allgemeinen Satz gezogen werden, dann müssen die Bedingungen des Versuches dieser Schlußfolgerung entsprechend aufgestellt werden und erst dann kann das Beobachten beginnen.

Hierzu hat der Vertreter der reinen Wissenschaft, der durch nichts gedrängt wird, die nötige Zeit und Ruhe. Seine Tätigkeit ist deshalb wesentlich Forschertätigkeit. Dem werktätigen Ingenieur bleibt diese Ruhe meist nicht. Er muß die ihm gestellte Aufgabe in vorgeschriebener Zeit lösen. Er ist deshalb, wenn die wissenschaftliche Lösung seiner Aufgabe nicht schon bekannt ist, auf das Probieren angewiesen, welches ihm durch einen Versuch oder eine kurze Versuchsreihe eine Entscheidung für einen vorliegenden Fall zu treffen gestattet. Daher in den Kreisen der werktätigen Ingenieure die Ueberschätzung des Satzes: Probieren geht über Studieren. Von den meisten, die sich auf ihn berufen, wird dabei vergessen, daß das Probieren keine Sicherheit für die Richtigkeit des Ergebnisses bietet und keine Uebertragung auf andere Fälle zuläßt.

Der reine Wissenschaftler kann bei seinem Forschen den einzig und allein zum vollkommenen Ziel führenden Weg des Baco „dissecare naturam“ anwenden, die einzelnen Grundveränderlichen aufsuchen, mögen es noch so viele sein, durch teilweise Differentiation der zu prüfenden Gleichung nach diesen Veränderlichen deren Einfluß zunächst rechnerisch feststellen und nun für jede einzelne nachprüfen, ob die Gleichung den Erfahrungen standhält oder nicht, ob sie so bleiben darf oder ob, und in diesem Falle, wo sie abgeändert werden muß, oder ob sie ganz zu verwerfen ist.

Der werktätige Ingenieur muß gleich „auf das Ganze“ gehen, weil er schnell fertig sein muß; dadurch entgeht ihm die Möglichkeit, das Ergebnis seines Probierens auf andere Fälle anwenden zu dürfen. Der Wissenschaftler verbraucht viel Zeit, erhält aber dafür ein leicht zu verallgemeinerndes Ergebnis, wodurch sich der Zeitverbrauch wieder bezahlt macht.

6. Der eben angeführte Satz von Max Eyth gilt, soweit es sich um dessen Urteil über den Wert des Probierens handelt, für alle Zeiten und für alle Länder, auch für unser jetziges Deutschland; aber soweit es sich um die Anwendung auf England handelt, nur für die Zeit, wo Eyth in England lebte. England und namentlich Amerika haben längst erkannt, daß der Vorsprung, den Deutschlands Feinindustrie hatte, nur durch die wissenschaftliche Durchdringung der Technik ermöglicht ist. Beide machen die größten Anstrengungen, wissenschaftliche Forschungsinstitute für die Werktätigkeit nutzbar zu machen und so Deutschland zu überflügeln.

Nur so lange die Führer unserer Industrie wissenschaftlich geschult bleiben, nur so lange ihnen während ihrer Studienzeit Achtung auch vor der Wissenschaft beigebracht, die nicht einen sofort in Geld angebbaren Nutzen bringt, nur so lange dem Nachwuchs die Ausbildung des Geistes das wichtigste ist ohne Rücksicht auf schnelles Examen, nur so lange darf Deutschland damit rechnen, daß seine Industrie trotz der Schäden, die ihr Krieg und Revolution gebracht haben, die führende Stellung beibehalten wird, die sie sich, seit Preußen den Zollverein gegründet hatte, errungen hat.

Das einzige, was Deutschland ausführen kann, sind die Erzeugnisse der Feinindustrie, sind Fertigwaren. Als Jahrhunderte altes Kulturland hat Deutschland keine Rohstoffe mehr; die einzigen, die es noch hatte, Kohle und Eisen, sind in Versailles abgetreten worden. Wir müssen alle Rohstoffe aus dem Ausland holen, hier im Lande zu Fertigwaren verarbeiten und dann diese Erzeugnisse der Feinindustrie ausführen. Ohne sorgfältige allgemein wissenschaftliche Ausbildung und die Fähigkeit, diese Ausbildung anwenden zu können, ist die Fortbildung der Feinindustrie nicht möglich.

Die Fähigkeit, das Gelernte anwenden zu können, läßt sich nicht gut lehren und lernen, sie ist im wesentlichen angeboren, eine Gabe der Natur, die der Einzelne bei der Geburt mitbringt. Aber sie läßt sich doch mehr oder weniger ausbilden. Die Universitäten benutzen dazu schon seit jeher das Hilfsmittel der Promotionsarbeit. Leider haben die Hochschulen namentlich die Fakultäten für Maschinenwirtschaft von dem ihnen schon seit der Jahrhundertwende verliehenen Promotionsrecht, nicht diesen unterrichtswissenschaftlichen Gebrauch gemacht. Die Mehrzahl der in dieser Fakultät vorgenommenen Promotionen betrifft Herren, welche schon lange in der Werktätigkeit gestanden haben. Nur ganz selten sind Herren, welche ihre Promotionsarbeit als Abschluß ihres Studiums anfertigen.

Hier liegt noch eine wichtige Lücke im Hochschulunterricht vor. Der Hochschullehrer soll nicht nur Wissen vermitteln, sondern er soll auch die Anlagen der Schüler zum selbständigen Verarbeiten des Gelernten, die Fähigkeit das Gelernte anwenden zu können, ausbilden. Daß das so wenig geschieht, liegt vielleicht daran, daß die aus der Werktätigkeit geholten Professoren nicht geübt sind, Aufgaben zu sehen, zu deren Bearbeitung sie dann ihre Schüler anregen können. Während ihrer Beschäftigung in der Werktätigkeit sind ihnen die Aufgaben, die sie ausführen sollten, von den Vertretern der Wirtschaft gestellt worden, so daß ihnen die Uebung fehlt, selbst Aufgaben zu sehen, deren Ausführung einen Anfänger begeistern kann.

Der gute Oberingenieur ist noch lange kein guter Hochschullehrer.

(Schluß folgt.)

|119|

Gerlandt, Geschichte der Physik 1913, Seite 86 und 87.

|120|

Schreber, Hervorragende Leistungen der Technik 1913, S. 39.

|121|

Gerland, Geschichte der Physik 1913, Seite 244.

|122|

Weihe, Max Eyth 1916, Seite 32.

|122|

Schreber, Theorie der Mehrstoffdampfmaschinen 1903.

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