Text-Bild-Ansicht Band 74

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viel weniger daraus geschossen, viel schwächeres und oft weniger Pulver angewendet wurde.

Das langsame Feuern, welches oft so verzögert wurde, daß in einer Stunde nicht mehr als 3–4 Schüsse geschahen, konnte, bei sonst gutem Geschüze, diesem wenig Nachtheil bringen; die dem Metalle so schädliche Temperaturerhöhung wurde mit Sorgfalt vermieden, und das Rohr hatte, so zu sagen, immer genug Zeit, sich wieder erholen zu können. Sowohl in dem Kriege als namentlich bei den Uebungen der heutigen Artillerie, Schießübungen, Manöuvres, Probeschießen etc. wird wohl selten ein so langsames Feuern vorkommen.

Ich habe Gelegenheit gehabt, Versuchen beizuwohnen, welche angestellt wurden, um die Haltbarkeit der Laffetten zu prüfen, und wo ein 6Pfünder, eine Haubize und ein 12Pfünder beschossen wurden, und zwar mit einer solchen Schnelligkeit, daß 70 Schuß in einer Stunde aus jedem Geschüze geschahen. hiebei war die Temperatur des 6Pfünders z.B. in der ersten Stunde schon bis auf 78°R., beim 120sten Schusse auf 83° R. gestiegen. Das Rohr hatte dabei Risse bekommen, und der Pulverschleim drang aus der Seele durch das Metall bis auf die Oberfläche durch. Wenn gleich dieses Rohr ohne Zweifel an und für sich von schlechter Beschaffenheit war, so ist es doch die Frage, ob z.B. ein eben so dünnes von den so gerühmten altspanischen Kanonen diese Probe ausgehalten haben würde. Zu bezweifeln ist es wenigstens nicht, daß sie niemals einer solchen enormen Prüfung sind unterworfen worden.

Schon die hohe Temperatur, welche das Rohr durch die rasch auf einander folgenden Schüsse erhielt, mußte sehr nachtheilig auf dasselbe einwirken; die bekannte Erfahrung, daß man, wenn ein Rohr zerbrochen werden soll, dieses heiß macht, ist hiefür ein hinreichender Beleg. In einer zweiten Abhandlung: Ueber die chemischen und physikalischen Eigenschaften einiger Kupferlegirungen werde ich von dieser Erscheinung weitläufiger Rechenschaft geben, da ein weiteres Eingehen auf diese Sache uns hier zu sehr von dem Gegenstande vorliegender Denkschrift abziehen würde.

Aus allen Erfahrungen, welche in der Kriegsgeschichte, in älteren und neueren Lehrbüchern der Artillerie niedergelegt sind, geht hervor, daß zu allen Zeiten aus dem verschiedensten Materiale, von den verschiedensten Künstlern gute und schlechte Geschüze gegossen worden sind. Wer aber die Umstände vergleicht, welchen die Geschüze der heutigen Zeit und der früheren Perioden unterworfen worden, der wird leicht ein für unsere Geschüze günstiges Resultat erlangen. Es ist hier nicht der Ort, diese Erfahrung festzustellen, und die Richtigkeit derselben hat auf den Inhalt unserer Abhandlung zu wenig