Text-Bild-Ansicht Band 149

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nützen und Fortschritte zu machen, durch die unrichtigen Anschauungen, wie sie einmal gäng und gäbe sind, eine falsche unfruchtbare Richtung erhalten hat. So existirt, um nur ein Beispiel anzuführen, ein Patent, worin der Erfinder einer Schnellgerbemethode den Gerbstoff dem Innern der Haut dadurch zugänglicher zu machen sucht, daß er die Haut vor dem Gerben auf einer Maschine mit Nadelstichen durchbohrt! Die Haut ist nun so durchdringlich und in dem Grad den Gerbstoffen zugänglich, daß ein Stück einer 1–1 1/2 Linien starken Kalbshaut in eine syrupdicke ätherische Lösung von Galläpfelgerbstoff gelegt, in höchstens einer Stunde völlig gar und ausgegerbt ist.

Auch die gewöhnlichen Proceduren der Gerber enthalten nicht weniges, was gegen die Annahme spricht, als sey das Leder einfach eine chemische Verbindung. – Wenn das Leder eine chemische Verbindung der gallertgebenden Hautsubstanz mit Gerbstoff wäre, so müßten andere leimgebende Thierstoffe eben so gut Leder bilden, was nicht der Fall ist. Fasern, entkalkte Knochen z.B. bilden selbst nach längerem Behandeln niemals irgend dem Leder ähnliches. Umgekehrt besitzen Thonerdesalz und Eisensalze ausgezeichnete gerbende Eigenschaften, obwohl sie den Leim nicht fällen. – Ferner ist die Verschiedenheit der chemischen Natur der Gerbmittel und ihre Mannichfaltigkeit nicht zu Gunsten jener Annahme. Salze der Metalloxyde M₂O₃, Gerbsäure, Fett sind so heterogene Dinge und bringen doch in der Gerberei so gleiche Wirkung hervor. Wenn sich ein Körper organischer Abstammung von irgend einer histologischen Form, z.B. in der Form von Fasern etc. mit einem andern chemisch verbindet, so geschieht dieß in der Regel mit Verlust dieser Form, d.h. die Verbindung ist nicht mehr faserförmig. Zwar hat man in der Schießbaumwolle den Fall, daß die Faser unter Beibehaltung ihrer organischen Form eine wahre chemische Verbindung mit der Salpetersäure eingeht, aber es kann wenigstens die Verbindung nicht rückgängig gemacht werden, was beim Leder der Fall ist. – Bei der Haut wird die anatomische Structur und die Form der Bindegewebfasern durch das Gerben nicht allein nicht angetastet, sondern erst recht deutlich hervorgehoben. Dazu kommt, daß das auf die Haut fixirte Gerbmittel sich vollkommen wie chemisch frei verhält; es läßt sich in dieser Fixirung leicht mit jedem andern Körper verbinden, zu dem es Verwandtschaft hat, z.B. auf die Haut fixirte Gerbsäure mit Eisensalzen schwarz u.s.f. färben, ohne daß sie von der Faser losläßt. Eine in Galläpfelgerbsäure gegerbte Haut verliert durch Auswaschen, auch mit der größten Menge Wasser und wenn es noch so lange fortgesetzt wird, ihre Gerbsäure bis auf den etwa in den Poren zurückgebliebenen unverbundenen Theil nicht wieder. In der Kälte mit