Text-Bild-Ansicht Band 36

Bild:
<< vorherige Seite

165)

165)

deutsches Vaterland dem Auslande so lang zinsbar für ein Getränk bleiben konnte, das auf seinem Boden eben so gut, vielleicht noch besser gedeiht, als auf dm kalten, dürren, kreideweißen Boden der lausigen Champagne (Champagne pouilleuse). Wer die Traube in der Champagne gekostet hat, aus welcher der berühmte vin d'Aï, der köstliche Epernay gekeltert wird, wird sie nicht süßer und nicht schmakhafter gefunden haben, als die Traube am Rheine oder am Maine. Man muß nicht vergessen, daß die Champagne die nördliche Gränze der Rebe im östlichen Frankreich ist, über welche hinaus keine Traube mehr reif wird; daß das Klima der Champagne, welche gegen Norden an die Ardennen gränzt, weit rauher und der Rebe weit weniger günstig ist, als das am Rheine und am Maine, daß die Champagne nördlicher liegt, als das südliche Elsaß, dessen Weine wohl kein Weinkenner unter die guten Weine rechnen wird; daß die eigentliche Gränzlinie der besseren und der guten französischen Weine von Epernay nach Bourdeaux läuft, so daß alle Weine, die westlich von dieser Gränze liegen, nur sehr geringe schlechte Weine sind, was von der Nachbarschaft des Oceans herrührt, der, wenn er auch den Winter in jenen Gegenden milder macht, doch die Sommer in eben dem Verhältnisse kühler und feuchter läßt, so daß keine Traube gehörig ausreifen kann166). Wenn eine Compagnie Franzosen zu London aus englischem Aepfelmost Champagner fabricirt, der allgemeinen Beifall findet (vergl. Polytechn. Journal XXXIV. Bd. S. 241.), so wird man doch auch aus dem Traubenmoste am Rheine und Maine Champagner fabriciren können, wenn man anders die Gährung zu leiten versteht. Einige Körbe Champagner aus Rhein-, Mosel- und Mainwein würden dem Winzer vielleicht eben so viel tragen, als jezt ein ganzes Fuder dieses Gurkensaftes, den nur die Schnappsbrüder und die Biertrinker die immer ganze Flaschen geleert haben müssen, wenn sie getrunken haben wollen, für Wein erklären können, nie aber diejenigen, die gewohnt sind höchstens mit Einem Glase edlen Weines ihren Magen zu warmen und zu stärken, und ihr Herz zu erfreuen. Der Rhein- und Mainwein, der jezt so ungesund ist, und seine Freunde und Gönner mit Gicht und Sand und Stein, mit Unverdaulichkeit und Leberkrankheiten und Unterleibsbeschwerden aller Art, auch mit Kupfernasen und Flechten aller Art so reichlich beschert; der ein halbes Jahrhundert liegen muß, bis er seinen Weinstein dem Fasse oder der Flasche geschenkt hat; würde, als Champagner behandelt, und frisch weggetrunken, ein gesunder und angenehmer Trank seyn, Auch die österreichischen Weine (mit Ausnahme des einzigen Pfaffstetters vielleicht bei Gumpoldskirchen, der Burgunderrebe ist, und in der Nahe von Baden beinahe das Klima von Lyon hat) ließen sich alle recht gut als Champagner behandeln; vorzüglich die in Oesterreich sogenannten rescheren Weine, der Brunner, Maurer, Grinzinger, selbst noch der Kremser. Der sel. Oberst-Justizhofrath v. Froidvaux zu Wien hat schon vor 40 Jahren aus seinen Trauben zu Grinzing und in der Gegend Champagner gekeltert, und wenn sein geistreicher Sohn, der vor dem Vater in das Grab stieg, noch lebte, so würde Wien vielleicht auf den Weinhügeln, die es umgeben, Statt seiner Kratzer Champagner keltern. Man machte auch in Oberungarn, wo die Weine noch leicht sind, und wenig Alkohol enthalten, glückliche Versuche mit Champagnerbereitung167)

166)

Wenn auch der Winter in England, ungeachtet seiner nördlichen Lage (über 51° N. B.) so mild ist, daß man daselbst Jasmin, Bignonien, Corchorus an den Wänden der Häuser ziehen kann, so vermag doch keine Traube dort zu reifen, und das beste Obst ist wässerig. Feines Obst und Trauben müssen in England unter Glas gezogen werden, wenn sie ausreifen sollen. A. d. Ue.

167)

Die Versuche, welche Hr. G. C. Keßler, ein geborner Würtemberger, im J. 1826 in Eßlingen mit Trauben aus der bekannten Weingegend des Remsthales auf mussirenden Wein machte, sind sehr gut ausgefallen. Hr. Kessler war lange Zeit in Rheims und zulezt Mitinteressent eines mit mussirendem Weine handelnden Hauses. Er ließ die Trauben sorgfältig auslesen, auf die in der Champagne