Text-Bild-Ansicht Band 37

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der bisher innerhalb seiner Gränzen beinahe unmöglich gewordenen Viehzucht mittelst des Futters, welches die Runkelrübe vor und bei ihrer Verwandlung gewährt, auch seinen Bedarf an Fleisch sich sichert, verliert es an dem Werthe seiner Colonien, in welchen der Zukerbau mit jeder Woche mehr und mehr in Verfall geräth. Frankreich verliert indessen hier nur auf Einer Seite, während Deutschland dabei doppelt leidet. Es muß seinen Bedarf an Zuker in beinahe jährlich steigenden Preisen bezahlen, und verliert den Vortheil, den es bisher aus seinem Viehhandel mit Frankreich hatte. Ungeachtet dieser beiden so fühlbaren Nachtheile haben wir indessen seit 30 Jahren in Deutschland unsere Felder lieber brach liegen lassen, als daß wir Runkelrüben auf denselben zu Futter für unsere Thiere und auf Zuker für uns selbst gebaut hätten. Die Runkelrübenzuker-Raffinerie blieb gerade in denjenigen Ländern Deutschlands am meisten zurük, wo die Viehzucht am weitesten zurük ist, und wo ein großer Theil des Fleischbedarfes aus dem Auslande herbeigeschafft werden muß, mit Millionen baaren Geldes!

Wie kommt es nun, daß in Frankreich in den lezten 15 Jahren die Runkelrübenzuker-Raffinerie einen so riesenhaften Aufschwung nahm, während sie in Deutschland so zu sagen in der Geburt erstikte, da doch in Frankreich, außer den großen Schwierigkeiten, die aus der Concurrenz mit dem einheimischen Rohrzuker-Erzeuger und Raffineur entstehen mußten, der weit höhere Werth der Gründe, des Arbeitslohnes, des Brennmaterials, der Baukosten etc. (im Verhältniß zu den Preisen in Deutschland) eben so viele Hindernisse zu seyn scheinen, als das Gegentheil von allem diesen in Deutschland als Aufmunterung erscheinen sollte?

Die Ursachen dieser sonderbaren Erscheinung scheinen uns in Folgendem zu liegen. In Deutschland waren es bisher fast immer Stubengelehrte, die sich mit Runkelrübenzuker-Erzeugung und Raffinerie beschäftigten, und man weiß, daß Gelehrte weit ehe im Stande sind die besten praktischen Anstalten zu Grunde zu richten, wenn sie unter ihre Hände gerathen, als eine solche zwekmäßig zu errichten; es wurde in Deutschland, wie es leider der größte aller Deutschen zu seiner Zeit schon laut beklagte (Friedrich II. unsterblichen Andenkens) „viel geschrieben, wenig gelesen und noch weniger gethan.“ In Frankreich waren es nicht Gelehrte, die sich mit Runkelrübenzuker-Raffinerie befaßten, sondern praktische, zugleich aber auch wohl unterrichtete, Landwirthe und chemische Waarenfabrikanten. Es ist ein mächtiger Unterschied zwischen einem, wenn man ihn so nennen darf, gelehrten Chemiker, und zwischen einem chemischen Gelehrten, zwischen einem gelehrten, d.h., gründlich unterrichteten, Landwirthe, und einem landwirtschaftlichen Gelehrten. Der Mann, der eine längere Zeit über Landwirthschaft und Chemie praktisch trieb, weiß aus den traurigsten Erfahrungen, woran es ihm und seiner Kunst in jenem Zweige, welchen er betreibt, noch fehlt; er studirt die Wissenschaft, auf welche seine Kunst sich gründet, in der Absicht, die leztere, nicht die Wissenschaft selbst, zu vervollkommnen, ihren Mangeln abzuhelfen; er hat keinen anderen Zwek bei seinem wissenschaftlichen Studium, als die Wissenschaft gemeinnüzig zu machen und sie, wie einst Sokrates die Weisheit, aus der Welt über dem Monde in die Welt unter dem Monde herabzuführen und in das Leben einzuführen.

Der Stubengelehrte hingegen beschäftigt sich lediglich mit der Theorie seiner Wissenschaft; er kennt höchstens nur die Mängel und die Gränzen seiner Wissenschaft in ihrem theoretischen Theile, und trachtet jenen abzuhelfen und diese zu erweitern; wozu sein Wissen ihm und anderen nüzen kann, vermag er oft bei all seiner Weisheit nicht einmal zu ahnden: er ist nicht selten dem reichen Manne gleich, der einen Sak voll Münzen aus allen Zeiten und Orten aufbewahrt, und nicht ehe weiß, was er eigentlich an denselben für einen Schaz besizt, bis ein ehrlicher Jude kommt, der die ältere und neuere Numismatik praktisch versteht, und ihm den Werth seiner gesammelten Stüke angibt, wo es sich dann nicht selten zeigt, daß eine kleine Kupfermünze zehn Mal mehr Werth hat, als ein großes Silberstük, und manches kleine Silberstük zehn Mal mehr gilt unter denjenigen, die sich auf Münzen verstehen, als das größte Goldstük in seinem, großen Sake. Der Stubengelehrte war und ist meistens nur auf den engen Kreis