Text-Bild-Ansicht Band 37

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der Leute seines gleichen und seiner Bücherwelt beschränkt; er verschmäht es meistens sich zu den schmuzigen Handwerkern herabzulassen und diesen mit seinem Rathe beizustehen, und wenn er auch so gutmüthig und herablassend ist, sich mit diesen Philistern abzugeben, so verstehen diese seine gelehrten Worte oft eben so wenig, als er ihre einfältigen Fragen, und man sieht nicht selten, daß es auf den Rath eines solchen Gelehrten in einer Fabrik oder Landwirthschaft noch schlechter hergeht, als ehevor. Der praktische Chemiker und Landwirth hingegen ist in täglicher Berührung mit den Leuten seines gleichen und mit den verschiedenen Arbeitern und Handwerken, deren er zu seinen Zweken bedarf; diese lernen von ihm und er lernt von ihnen, indem sie alle dasselbe Interesse und dieselbe Sprache verbindet? Sie verstehen sich einander bei dem Austausche ihrer Ideen, und so verbreitet sich nach und nach eine Masse nüzlicher Kenntnisse durch einige thätige Landwirthe und Fabrikanten erst in ihrer nächsten Umgebung, dann durch den ganzen Ort, den sie bewohnen, und endlich im Lande selbst. Man kann nicht läugnen, daß unter der jezigen arbeitenden Classe in Frankreich eine Masse von Kenntnissen verbreitet ist, wie man sie in keinem anderen Lande (mit Ausnahme Nordamerika's) findet. Mitten unter den blutigen Stürmen der Revolution und den mörderischen Kriegen des Kaiserreiches wurden in jedem Departement botanische Garten, große, Bäume und nüzliche Gewächse unentgeldlich an das Volk abgebende, ökonomische Gärten angelegt (die sogenannten Pépinières); es wurden Schulen zum Unterrichte in Mathematik in allen ihren Zweigen, vorzüglich in Mechanik, in Naturgeschichte, vorzüglich in Mineralogie, in Physik und Chemie errichtet; nicht bloß die Jugend, auch Erwachsene, selbst Frauen nahmen an dem Unterrichte in den ökonomischen Gärten Theil. Bei uns in Deutschland fehlt es an ähnlichen Anstalten. Unsere botanischen Gärten sind höchstens Attribute der Universitäten, und an vielen derselben äußerst kümmerlich ausgestattet; in manchem Staate will man sogar an Bibliotheken der Universitäten und Akademien nichts von Büchern hören, die von „Kräuteln und Viehern“ handeln; man möchte jedoch in diesem Lande auch Runkelrübenzuker, und dieser läßt sich nie und nimmermehr erhalten, bis nicht eine tüchtige Masse von Kenntnissen über „Kräutel und Vieher“ wenn nicht unter dem Volke, doch wenigstens unter den Besizern größerer Grundstüke verbreitet ist. Wir erlauben uns die Frage: Wie viel Güterbesizer in Bayern wissen, was eine Runkelrübe ist? Wie viel derjenigen, die dieß wissen, haben eine Runkelrübe jemals in ihrem Leben gesehen? Und wenn sie dieses nüzliche Gewächs kennen lernen wollen, müssen sie erst nach München, Erlangen oder Würzburg reisen, und finden es dort, höchstens in einer einzigen Sorte, verkümmert und verkrüppelt im botanischen Garten. In Frankreich ist kein Departement mehr, wo nicht die bettes-raves in allen ihren vielen Sorten im landwirtschaftlichen Garten des Departements zu sehen und zu haben wären, und es wird vielleicht in Frankreich eben so wenig Güterbesizer geben, die die Runkelrübe nicht kennen, als es bei uns solche gibt, die sie kennen. Daß nun aber in einem Lande dasjenige gebaut werde, was man nicht kennt, ist eine Forderung, die nur ein Schreiber an das Volk stellen kann, der glaubt er habe Alles für das Volk gethan, wenn er die Versefabrikation vor der Runkelrübenzuker-Fabrikation begünstigt, und die belles lettres vor den sciences exactes fördert.

Außer dem Mangel an den nöthigen Kenntnissen unter dem Volke fehlt es aber auch im südlichen Deutschland noch an einem anderen höchst wichtigen Umstande für das Gedeihen eines jeden Zweiges der Industrie, an Capitalien, und was höchst sonderbar ist, es fehlt an Capitalien bei einem Ueberflusse von baarem Gelde. Nach einem alten Zuge im Charakter der Süddeutschen, der sich in ganz eigenen Hieroglyphen, genannt Laub oder Gras, Eichel, Schellen und Herz ausgesprochen hat, haben diese guten Leute mehr Hang zum Spielen, als ihre Nachbarn, bei welchen die Karte fremden Ursprunges ist: französischen oder spanischen Ursprunges nämlich. Diesem Hange getreu sezen sie nun lieber ihre Thaler auf Börsenspiel, als auf den sichereren Gewinn belebter Industrie und geförderter Landwirthschaft. Uneingedenk der schweren Lotionen, die ihnen kaum vor 20 und