Text-Bild-Ansicht Band 37

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ist, wie sie aussieht. Da man indessen von keiner Idee, die in das leben eingreifen soll, den wahren Werth bestimmen kann, ehe man die Ausführung derselben versuchte; da bei jedem Versuche, den man unternimmt, das Resultat am sichersten und schnellsten erlangt wird, wenn man mit dem Maximum beginnt, und nicht mit Halbheiten und Minimen Zeit und Geld verliert; so will ich den Versuch versuchen, meinen Zeitgenossen in meinem Vaterlande den Puls zu greifen, um zu sehen, wie viel noch Bayer alten Schrot und Kornes in Bayern leben; in wie vielen derselben noch heute zu Tage einige Tröpfchen Blutes derjenigen Bojen wallen, die bereits durch mehr als zwei Jahrtausende, in den härtesten Unfällen, die irgend ein Volk treffen konnten, erwiesen haben, wie richtig der große Geschichtschreiber ihrer Feinde sie mit sechs Worten schilderte: GENS MINIME OB MORAE TAEDIVM PATIENS.230)

Die Klage, daß es an Geld, an Capitalien für die Landwirthschaft, wie für die Industrie fehlt, ist jezt lauter, als sie vor 2000 Jahren nach unserer Niederlage bei Felsina (Bologna) von Marcellus gewesen seyn mag. Wo der Staat in Anspruch genommen wird um Steuernachlaß, wird auf eine Schuldenlast von 123 Millionen, 377,673 fl. hingewiesen, die auf einem Häufchen von 4 Millionen Menschen ruht. Diese Staatsschuld ist es, an welcher nicht bloß die Masse des Volkes mit feinem Regenten an der Spize, sondern jedes einzelne Individuum, der Bettler so gut, wie der Fürst, leidet; wodurch jede Unternehmung bei dem Privatmann, jede Unterstüzung derselben von Seite der Regierung wenn nicht gelahmt, doch so beengt wird, daß jede Erwartung eines vollgelungenen Resultates zum eitlen Traume werden muß. 123',377,673 fl. Schulden, und nur 32',434,343 fl. jährlicher Einnahme! Beinahe vier Mal so viel Schulden als Einnahme! Beinahe 5 Millionen, beinahe den sechsten Theil der Einnahme an Interessen jährlich bezahlen müssen! Wie lang kann eine große Fabrik, ein großes Handlungshaus bei einem solchen Soll bestehen, wenn es, gegen die Ereignisse der Zeit geschüzt, als solides Haus da stehen soll? Wird ein verständiger und ehrlicher Fabrikant oder Handelsmann bei einem solchen Stande seines Hauptbuches sich auch nur frei bewegen können in seinen Geschäften, Statt daß er zugreifen könnte an großen Unternehmungen, und sein Haus dadurch emporheben? Es gehört viele Klugheit, viel Fleiß und auch viele Gewandtheit dazu, daß er, bei einem solchen Stande seiner Actien, sein Haus auch nur so zu erhalten vermag, daß es stehe. Stehen ist aber im Frieden, wie im Kriege, ein Rükwärtsschreiten, wenn unsere Freunde

230)

Livius hist. l. XXXIII. 22. c.