Text-Bild-Ansicht Band 72

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gelehrt hat, daß jene Masse überhaupt nur die Haarsubstanz, nicht aber die Haut selbst (wenigstens innerhalb einer sehr geraumen Zeit) anzugreifen im Stande ist.

Daß bei Anwendung dieses neuen Mittels die Haare des Felles gänzlich eingebüßt werden, könnte vielleicht den Einen oder den Andern von der Benuzung desselben für den ersten Augenblik abhalten; wenn man jedoch bedenkt, was für große Vortheile zugleich mit diesem neuen Mittel verbunden sind, so wird man gern auf jenen kleinen Erlös, aus dem Verkaufe der Haare, verzichten. Wozu sonst Wochen erforderlich waren, das läßt sich vermittelst dieses Mittels in eben so viel Viertelstunden erreichen; außerdem hat man nie zu befürchten, daß die Haut im mindesten davon beschädigt und angegriffen werde. Man vermeidet ferner dadurch das dem Leder so überaus nachtheilige Kälken, weil man es hier nicht eigentlich mit Kalk, sondern mit einem neutralen Kalksalze, welches dem Leder nicht die mindeste Sprödigkeit ertheilt, zu thun hat; das Calciumsulfhydrat dringt überdieß keineswegs, wie dieß beim Kalke der Fall ist, in die eigentliche Hautsubstanz ein, es hat vielmehr zu derselben, so wie zum Fett und zur Fleischfaser, fast gar keine, oder doch nur eine äußerst geringe, kaum wahrnehmbare Verwandtschaft. Zum Enthaaren des Oberleders dürfte sich dieses neue Mittel übrigens ganz besonders eignen; so wie es denn auch nicht weniger für Sohlleder seine Vorzüge dadurch bewährt, daß solches die Nachtheile, welche durch eine nicht vorsichtig genug geleitete Gährung der Häute (Schwizen) entstehen können, vollkommen beseitigt. Bekanntlich entstehen dadurch nicht allein Fleken, sondern es werden auch öfter ganze Felle verdorben, und man sagt dann: sie seyen verbrannt. Wenn auch kein anderer Vortheil, als die Beseitigung des Kälkens zu bewirken, dadurch herbeigeführt würde, so scheint dieser schon allein erheblich genug, um unbedingt zu dessen Anwendung zu rathen. Eine sehr überraschende Thatsache ist es übrigens, daß dieses Mittel so energisch auf die Haarsubstanz einwirkt, während solche doch sonst unter den gewöhnlichen Umständen Jahrhunderte der Verwesung widerstehen kann.

Es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß wenn das neue Enthaarungsmittel einmal allgemein angewendet werden wird, die jezt so oft vorkommenden Klagen des Brechens des Oberleders bei Fußbedekungen63), wenn auch nicht gänzlich beseitigt, doch wenigstens

63)

Sollte dieses Brechen des Oberleders wohl nicht eher der Einwirkung bei der allgemein üblichen, sogenannten englischen Wichse als dem Kälken bei der Lederfabrication zuzuschreiben seyn?

A. d. V.