Text-Bild-Ansicht Band 117

Bild:
<< vorherige Seite

mit dem dadurch freiwerdenden in statu nascente befindlichen Stickstoffe verbindet. Offenbar bietet dieser letztere Punkt von Kuhlmann's Ansicht nichts Neues dar; denn diese Ansicht theilt beinahe Jedermann, mit Ausnahme von z. B. Longchamp. Neu dagegen ist es, wenn Kuhlmann eine Bildung von Ammoniak annimmt, während die Chemiker bis heutzutage dieß Zwischenglied, diese Uebergangsstufe in der Salpeterbildung nicht angenommen hatten, denn nach ihrer Theorie entwickelt sich der Stickstoff aus den thierischen Substanzen, sobald die Elemente derselben aus ihrer gegenseitigen Verbindung frei werden.

Die neue Theorie beruht also auf der Annahme der Gegenwart von thierischen Substanzen; denn fehlen diese letztern, so kann auch kein Ammoniak gebildet werden, dann ist folglich die ganze Theorie durchaus ohne feste Basis und stürzt von selbst zusammen. Nun stellt ja aber Longchamp gerade die Nothwendigkeit der Gegenwart von thierischen Stoffen in Abrede, und zwar, indem er Thatsachen zu Gunsten seiner Theorie anführt, welche von vielen ausgezeichneten Chemikern beobachtet und bestätigt sind.

1. Lavoisier, der beredte Vertheidiger der Ansicht von der Nothwendigkeit der Gegenwart thierischer Substanzen bei der Salpeterbildung, hat die Gegenwart von salpetersauren Salzen in Stoffen nachgewiesen, welche keine Spur von thierischen Substanzen enthielten (man vergleiche die citirte Abhandlung Longchamp's im polytechn. Journal).

Er nitrificirte gut ausgewaschene Kreide, welche er in Körben zwei Fuß hoch über faulendem Blute aufhing; wenn sich nun bei diesem Fäulnißprocesse Stickstoff entwickelte, so wirkte er nicht anders wie der Stickstoff der atmosphärischen Luft, und war folglich ohne Wirkung.— „Aber“, wird freilich Kuhlmann einwerfen, „es entwickelte sich kein Stickstoff; es war Ammoniak, welches von der Kreide fixirt wurde.“ Allerdings, wenn der Versuch in einem geschlossenen Gefäße vorgenommen worden wäre; allein er wurde in dem großen Raume eines Zimmers oder im Laboratorium angestellt, und wenn sich Ammoniak entwickelte, so verbreitete es sich in die Luft des ganzen Raumes, und die Kreide konnte höchstens einige Spuren davon aufnehmen, d. h. im Verhältnisse ihres Volums zum Volum der sie umgebenden atmosphärischen Luft.

2. Der Autor „ohne Namen“ laugte Ackererde aus und entfernte dadurch alle Salze und thierischen Stoffe; in derselben Erde bildeten sich einfach dadurch, daß sie längere Zeit der Einwirkung der atmosphärischen Luft ausgesetzt wurde, salpetersaure Salze.

(A. a. O.)