Text-Bild-Ansicht Band 282

Bild:
<< vorherige Seite

Kanal steht einerseits mit dem Ablaufstutzen der Pfanne, andererseits mit einem Säurebehälter in Verbindung. Eine Luftpumpe saugt durch letzteren hindurch die Säure nach beendigter Nitrirung ab, und sobald die nitrirte Cellulose entfernt ist, kann die Säure zu abermaliger Benutzung wieder in die Pfanne gelassen werden. Der Apparat ist sehr sinnreich, doch dürfte die Luftpumpe häufigen Reparaturen unterliegen, und der angegossene Kanal wird sich verstopfen, sowie zu localen Zersetzungen Anlass geben können.

Textabbildung Bd. 282, S. 62
Am 9. Juli d. J. hat die Miners Safety Explosive Company in ihrer Fabrik in Stanfordle-Hope vor geladenen Gästen Versuche mit Ammonit angestellt. Dieselben bewegten sich in den üblichen Grenzen, und zeigten nichts, was nicht von Roburit, Securit, Bellit u. dgl. nahezu identischen Sprengmitteln bekannt wäre. Ein Stahlblock von 59 Pfund (etwa 26 k) wurde von 23 Fuss (7 m Höhe) auf Ammonit fallen gelassen, ohne es zu detoniren; Sprengpulver explodirte bei dieser Hohe, und Nitroglycerinpulver schon bei 5 Fuss (1,50 m) Fallhöhe. Versuche mit Gewehrschüssen, Werfen in Feuer, Sprengen von Platten, Palissaden u.s.w. folgten. Hauptsächlich auffällig waren Mörserversuche, bei welchen ein cylindrisches Geschoss von 29 Pfund (13,25 k) Gewicht durch Ladungen von 5 g aus einem Mörser in üblicher Weise geschleudert wurde. Die erzielten Distanzen waren:

Ammonit 320 Fuss
Dynamit 289
Roburit 320
Carbonit 180
Stonit 255
Securit 197
Tonite 219
Schwarzpulver 136

Dass Dynamit weniger brisant sein solle als Roburit und Ammonit, lässt sich nach den bisherigen Erfahrungen schwer annehmen. Wir wissen nicht, ob auch in diesem Falle die zu derlei Sprengmitteln nöthigen stärker geladenen Zündhütchen genommen wurden; Erkundigung bei einem Augenzeugen Hess uns nur erfahren, dass die Besucher die hergerichteten Ladungen nicht prüfen konnten, und dass bei dem Schusse mit Dynamit eine unstäte Bewegung des Geschosses beobachtet wurde.

Ammonit ist eigentlich ein alter Bekannter. Ursprünglich hiess es Favier's Explosiv (vgl. 1885 256 * 410). Dann wurde es als Miners safety explosive in England concessionirt und jetzt hat man den Namen auf Ammonit umgeändert. Nach dem Génié civil, 1891 S. 241, werden in Frankreich jetzt fünf Typen erzeugt:

1) Grisounite für Flöze
(Explosionswärme 1480°)
Ammonnitrat
Trinitronaphtalin
95,5
4,5
2) Grisounite für Gestein
(Explosionswärme 1785°)
Ammonnitrat
Dinitronaphtalin
92,0
8,0
3) Favier's Pulver Nr. 1 Ammonnitrat
Dinitronaphtalin
87,0
12,0
4) Favier's Pulver Nr. 2 Ammonnitrat
Natriumnitrat
Dinitronaphtalin
44,0
40,0
16,0
5) Favier's Pulver Nr. 3 Natriumnitrat
Mononitronaphtalin
75,0
25,0
Type Nr. 3 gibt die besten Resultate.

In Frankreich wird es wie folgt erzeugt: Der Salpeter wird getrocknet, indem er durch eine archimedische Schraube in einer dampfgeheizten Röhre vorwärts geschoben wird, dann wird er in einem geheizten Mörser zerstossen und mit dem geschmolzenen Nitronaphtalin besprengt. Der so erzeugte Kuchen kommt in eine Walzenkörnmaschine, dann in ein Sieb. Die feinen Körner werden bei Seite gelegt, die groben werden unter schwachem Drucke warm zu Hohlcylindern gepresst, welche dann paraffinirt, mit feinem Pulver gefüllt und in Paraffinpapier gewickelt werden.

In England werden die beiden Materialien nach dem Trocknen aufgeheizten Kollergängen gemischt. Es wird nur loses Material verwendet, welches durch eine Schraubenfüllmaschine in dünne Hülsen aus Zinnfolie, ähnlich denen der Malerfarben, eingepresst wird, jedoch ist deren Hals geschlossen, der Boden aber mit einem Gewindedeckel versehen und mit wasserdichter Paste verdichtet. Das Zündhütchen wird eingeführt, indem man den Hals aufschneidet und dann mit einer Zange ankneipt. Die Patronen sind 8,5 Zoll (21,6 cm) lang und enthalten 4 Unzen (112 g) Ammonit, was bei einem Durchmesser von 1 Zoll (26 mm) einem specifischen Gewichte von 0,98 entsprechen würde; dies macht entweder unverhältnissmässig grosse Bohrlöcher nöthig, oder gestattet nur geringe Kraft zu laden.

In den Mitth. über Gegenst. des Art.- und Geniewesens, 1891 S. 67, entwickelt Oberstlieutenant Nikolaus Ritter v. Wuich, der bekannte Ballist, eine hochinteressante Studie über die Bestimmung der Verbrennungstemperatur von Explosivstoffen, welche um so actueller ist, als sie die rauchlosen Pulver mit in Betrachtung zieht. Wir müssen natürlich wegen ausführlicherer Kenntniss auf den Artikel selbst verweisen, wollen aber die wesentlichen Schlussfolgerungen hier summiren.

Wuich zog in den Kreis seiner Berechnung die folgenden Explosivstoffe mit den beistehenden Zersetzungsschemen:

1) Schwarzpalver 2KNO3 + 3C + S
= K2S + 3CO2 + 2N.
2) Pulver mit 1 Mol. Trinitro-
cellulose und 2 Mol. Dinitro-
cellulose
C6H7(NO2)3O5 + 2C6H8(NO2)2O5
= CO2 + 17CO + 10H2O + 7N
+ 3H.
3) Pulver mit 1 Mol. Trinitro-
cellulose und 1 Mol. Dinitro-
cellulose
2C6H7(NO2)3O5
+ 2C6H8(NO2)2O5 = CO2
+ 23CO + 15H2O + 10N.
4) Pulver mit 2 Mol. Trinitro-
cellulose und 1 Mol. Dinitro-
cellulose
2C6H7(NO2)3O5 + C6H8(NO2)2O5
= CO2 + 16CO + 11H2O + 8N.
5) Pulver aus reiner Trinitro-
cellulose
2C6H7(NO2)3O5
= 3CO2 + 9CO + 7H2O + 6N.
6) Nobel'sches Ballistit (1 Th.)
Nitroglycerin, 1 Th. Dinitro-
cellulose)
10C3H5(NO2)3O3
+ 9C6H8(NO2)2O5 = 26CO2
+ 58CO + 61H2O + 48N.
7) Nitroglycerin 2C3H5(NO2)3O3
= 6CO2 + 5H2O + 6N + O.

Die in neuerer Zeit in den Vordergrund getretenen Stärkenitrate konnten ausser Betracht gelassen werden, da sie die gleiche empirische Formel wie die Cellulosenitrate haben. Das Zersetzungsschema des Schwarzpulvers ist das allgemein angenommene, die der Nitrocellulose-Pulver bestimmte Wuich nach Andeutungen von Major Schwab, wobei angenommen wurde, dass Wasserstoff und Kohlenstoff möglichst vollständig verbrennen, das Schema des Ballistit ist von der Krupp'schen Fabrik angegeben und entspricht fast genau der wirklichen Zusammensetzung.

Wuich führt in seinen Berechnungen im Gegensatze