Text-Bild-Ansicht Band 282

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zu anderen Forschern die specifische Wärme als Function der Temperatur und nicht unabhängig davon ein. Mit Rücksicht auf Wiedemann's Versuche über Kohlensäure, wonach die specifische Wärme für je 1° um 0,000155 wächst, nimmt er diese Ziffer allgemein für die Verbrennungsproducte der Pulver an. Hieraus ermittelt Wuich die nachstehende Formel:

worin c = absolute specifische Wärme der Explosions-
producte,
Qr = Wärmemenge, welche 1 k bei der Explosion
abgibt (reducirte Wärmemenge),
a = 0,000155.

Werden in diese Formel die von Bunsen und Schischkoff gefundenen Werthe für c = 0,18548 und für Qr= 620 Cal. eingeführt, so ergibt sich für das Schwarzpulver als Verbrennungstemperatur

t = 1874°.

Für die anderen Explosivstoffe erhielt Wuich folgende Daten:

Laufende Nummer: 2 3 4 5 6 7
Gewicht des Körpers
in Kilo

0,801

1,098

0,846

0,594

4,538

0,454
Verfügbare Wärme-
menge in Cal.

806

862

914

1010

1133

1427
Specifische Wärme
c

0,2183

0,2146

0,2121

0,2064

0,2110

0,1971
Verbrennungstem-
peratur t°

2110

2234

2329

2516

2697

3005
Abgebbare Energie-
menge Er (redu-
cirte Energie-
menge in k/m)



341744



365488



387536



428240



480392



605048
Reducirte Wärme-
menge Qr' (vom
absoluten Null-
punkt gerechnet)
für Schwarzpulver
670 Cal.





866





920





972





1066





1190





1480

Die Wärmemenge Qr' kann als Maass für die Kraftleistung angesehen werden, indem die Spannung nur von Qr' abhängt und dieser Grösse direct proportional ist.

Aus einer Tabulirung der für Qr erhaltenen Werthe und Beobachtung der dabei auftretenden Differenzen kommt Wuich zu dem höchst interessanten Schlusse, dass die Wärmemenge und damit die Energiemenge Er sowohl mit dem Stickstoffgehalte wie mit dem Sauerstoffgehalte des Explosivstoffes wächst, und zwar für die Nitrocellulosepulver innerhalb des Gebietes der betrachteten Stickstoffgehalte um rund 11 Cal. bezieh. 4664 k/m für je 0,1 Proc. Stickstoff und um durchschnittlich 15,2 Cal. bezieh. 6445 k/m für je 0,1 Proc. Sauerstoff.

Auch der Civilfachmann wird nicht verfehlen, Wuich's Studie als eine äusserst dankenswerthe Bereicherung unserer Kenntniss der Explosivstoffe zu würdigen und die mancherlei Lehren beherzigen, welche – insbesondere mit Rücksicht auf die bisher viel zu hoch angenommenen Explosionstemperaturen und den Einfluss der Zusammensetzung auf die Wirkung – daraus geschöpft werden können.

In der Einleitung zu seiner Studie erwähnt Wuich, dass die bisher angenommenen Verbrennungstemperaturen (z.B. für Schwarzpulver zwischen 3000 und 4000°) viel zu hoch sein müssen. Auch Referent kam zu einer ähnlichen Ansicht, als er fand, dass die kleinen Pyramiden in seinem Kraftmesser (vgl. 1883 250 * 122) bei der Explosion von Schwarzpulver oft ganz zerschmolzen, wenn sie aus weichem Stahl gemacht waren, jedoch mehrere Schüsse aushielten, wenn sie aus besonders gut gehärtetem Stahle hergestellt wurden, dass also die Explosionstemperatur nicht weit über 1600° betragen könne, jedenfalls aber unter 2000° sein müsse.

Lieutenant Willoughby Walke der Vereinigten Staaten Artillerie hat eine Reihe von Entzündungstemperaturen von Explosivstoffen bestimmt. Zu diesem Zwecke brachte er eine Patrone aus dünnem Kupfer in geschmolzenes Zinn oder Paraffin und las die Temperatur ab, bei welcher Explosion stattfand. Er fand so für

Entzündungs-
temperatur
Gepresste Schiesswolle 186 bis 201°
lufttrocken 137 139°
anderes Muster 186 189°
getrocknet bei 65° 136 141°
Collodiumwolle lufttrocken 186 191°
„ anderes Muster 197 199°
Hydronitrocellulose 201 213°
Nitroglycerin 203 205°
Dynamit Nr. I 197 200°
Sprenggelatine 203 209°
„ gecamphert 174 182°
Knallquecksilber 175 181°
Geschützpulver 278 287°
Pikratpulver von Hill 273 283°
Forcite Nr. 1 184 200°
Atlas-Pulver (75 Proc.) 175 185°
Emmensit Nr. 2 165 177°
Nr. 3 205 217°

Einen interessanten Beitrag zu dem Einflüsse der Luftverdünnung auf die Verbrennung haben Versuche geliefert, welche Oberst Alfred Roth, Director der Munitionsfabrik in Thun, mit Satzringen von Zeitzündern in Thun (563 m Ortshöhe), Fondo del Bosco (1309 m) und auf dem Gotthard (2095 m) angestellt hat. Dieselben ergaben nach der Schweizerischen Zeitschrift für Artillerie und Genie, dass mit zunehmender Ortshöhe (abnehmendem Barometerstande) die Brennzeiten zunehmen, und zwar rund um 1 Proc. der Tempirung für je 100 m Höhenunterschied (1,2 Proc. für 10 mm Barometerunterschied).

Vieille hat der französischen Akademie der Wissenschaften ein Memorandum über wellenförmige Pressungen, entstanden durch Verbrennung von Explosivstoffen im geschlossenen Raume, vorgelegt (Comptes rendus, 1890 S. 639). Während in den üblichen Probemörsern von kleinen Dimensionen stets gleiche Pressungen gefunden wurden, hat Vieille mit einem Stahlrohre von 60 mm äusserem, 22 mm innerem Durchmesser und 1 m Länge ganz verschiedene Ergebnisse erhalten.

Die beiden Enden des Stahlrohres wurden mit Stauchmanometern versehen, deren Kolben mit Hilfe von Stahlschreibstiften auf einem sich drehenden Cylinder die Stauchcurve verzeichneten. Die Einzelheiten der Einrichtung sind ähnlich denen, welche von Vieille und Sarrau wiederholt benutzt wurden, und hier nicht von Belang. Die Versuche wurden mit Pulvern aller Art, von gekörntem Schiesswollpulver bis zum langsamsten Marinepulver durchgeführt.

Da die Versuchsbombe fast genau die üblichen Dimensionen eines Bohrloches hat und wir wiederholt darauf hingewiesen haben, dass die Vorgänge in einem gut verdämmten Bohrloche anderer Natur seien, als man gewöhnlich