Text-Bild-Ansicht Band 282

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dass ein Theil des Fäulnissprocesses noch unter Luftabschluss bezieh. in den schon von Gestein und Schlammmaterial überschütteten Thierresten vor sich ging. Dieser anscheinend geringfügige Umstand erklärt in erster Linie das Vorhandensein von Stickstoff im Erdöle, in zweiter Linie konnten die bei der Verwesung auftretenden Gase sicherlich einen Theil des zur Umwandlung nothwendigen Druckes, und der Fäulnissprocess selbst als eine genügende Wärmequelle die nothwendige Temperaturerhöhung liefern.

Im Verlaufe seiner Betrachtungen kommt Zaloziecki zu dem ganz richtigen Schlusse, dass die Fette nach Zersetzung der stickstoffhaltigen Substanzen das eigentliche Rohmaterial der Erdölbildung bildeten, indem erhöhter Druck, höhere Temperatur und Wasser bei dieser Umwandlung wirkten. Die beiden ersten Factoren sind unzweifelhaft bei diesem Processe vorhanden gewesen, ob jedoch Wasser, und ganz speciell mechanisch eingeschlossenes, irgend einen nennenswerthen Einfluss ausgeübt habe, müssen wir dahingestellt sein lassen. Dass „a priori“ kein Wasser bezieh. Seewasser mit dem Thiermaterial zurückbleiben, d.h. von den sedimentären Ablagerungen eingeschlossen werden konnte, ist schon aus mechanischen Gründen begreiflich, denn der Schlamm, die Gesteinsschichten, die den Rohstoff – die Thierreste – umhüllten, verdrängten ihrer Plasticität wegen alles Flüssige. Gegen die Annahme, dass Wasser im Verlaufe dieses Umwandlungsprocesses auf irgend eine Weise Zutritt fand, spricht die einfache Thatsache, dass von einem erhöhten Drucke, dem wichtigsten Factor der Erdölbildung, dann keine Rede sein könnte.

Die Thatsache, dass mit den Erdölen gewöhnlich Wasser gefunden wird – wobei wohl zu unterscheiden ist jenes Wasser, welches bei Bohrungen und. Durchbrechung von wasserführenden Schichten gewonnen wird und welches ganz unabhängig ist von dem das Erdöl begleitenden Wasser –, lässt sich in viel einfacherer Weise auf den chemischen Verlauf der Erdölbildung zurückführen. Bei der Zersetzung der stickstoffhaltigen Substanzen, bei der Spaltung der Fettsäuren, bei der Condensation des Glycerins, bei allen diesen Processen wird Wasser gebildet und in solchen Mengen, dass an die Zuhilfenahme von mechanischem Wasser nicht gedacht werden muss.

Denn bei diesem weitgehenden Processe – nach Abspaltung des Glycerins von den Fettsäuren – wurden letztere in die Kohlenwasserstoffe der Fett- und theilweise der aromatischen Reihe umgewandelt, unter gleichzeitiger Kohlensäure-, Kohlenoxyd- und Wasserabspaltung, während das Glycerin als Zwischenstufe in Acroleïn überging, welch letzteres unter Wasserabspaltung in die Kohlenwasserstoffe der aromatischen Reihe übergeführt wurde.

Dieses sogen. chemische Wasser tritt in genügend grosser Menge auf, um als Begleiter der Erdöle dienen zu können. Die in den Thierresten befindlichen Salze, die theils bei der Verdunstung des Seewassers zurückgeblieben, theils in den sedimentären Gesteinschichten enthalten waren, konnten von diesem chemischen Wasser aufgelöst worden sein, indem sie demselben die charakteristische Zusammensetzung gaben.

Die Uebergangsstadien, die Zaloziecki bei dem eigentlichen Verlaufe der Erdölbildung annimmt, sind äusserst interessant und vollkommen einleuchtend. Es müssen, wie Zaloziecki ganz richtig annimmt, neben diesem Hauptprocesse eine Reihe von secundären Processen vor sich gegangen sein, die das Vorhandensein von aromatischen und hydrogenisirten Kohlenwasserstoffen erklären, nicht minder richtig erscheint seine Behauptung, dass die Erdöl bildenden Thierreste als erste Stoffe in Erdwachs umgewandelt wurden und dass dieses somit nicht gewissermaassen durch Austrocknung des schon gebildeten Erdöles entstand. Im Widerspruche damit stünde wohl die auch von Zaloziecki angenommene Ansicht, dass das Glycerin sich gleichfalls an der Erdölbildung betheiligte und eine Reihe von aromatischen Kohlenwasserstoffen lieferte. Denn dieselben Factoren, die die Zersetzung der Glyceride in die freien Fettsäuren und in Glycerin einleiteten und die ersteren unter Kohlensäureabspaltung nach Zaloziecki in die Kohlenwasserstoffe der Paraffine umwandelten, dieselben Factoren müssten gleichzeitig auch das zweite primäre Spaltungsproduct – das Glycerin – in Acroleïn und dieses durch Condensation in die aromatischen Kohlenwasserstoffe umgewandelt haben. Einen viel exacteren Beweis für die Ansichten von Zaloziecki, somit auch für die Gleichzeitigkeit der beiden Processe, würde die Untersuchung des Erdwachses ergeben, ob dasselbe auch aromatische Verbindungen enthält.

Mit allen anderen Punkten der Zaloziecki'schen Ansichten einverstanden, erübrigt es noch zum Schlusse, die zum mindest eigenartige Hypothese, die C. Ochsenius5) aufstellt, zu besprechen.

Ochsenius findet aus seinen Betrachtungen, dass das geologisch hervorragendste Agens bei der Bildung der Erdöle die Mutterlaugensalze sind. Als Mutterlaugensalze, im Gegensatze zu den Salzlösungen, bezeichnet Ochsenius concentrirte salinische Lösungen bezieh. Wässer, die mit Haloidsalzen des Natriums, Magnesiums, Calciums u.s.w. angereichert sind. Diese sollen nun unter Luftabschluss die Umwandlung der Thierreste, die Ochsenius gleichfalls als Rohmaterial des Erdöles annimmt, bewerkstelligt haben. In seinen Betrachtungen führt Ochsenius eigentlich neben einigen negativen Beweisen für die Erdölbildung nur einige ganz nebensächliche Erscheinungen und Reactionen auf. Seine negativen Beweise sind die Anführung einer Entdeckung, die man kürzlich bei der Auffindung von Leichen machte, die über 40 Jahre in einem Salzschachte gelegen sind und die nahezu unverändert blieben. Er schliesst daraus, dass reine Kochsalzlösungen nicht genügend sind, um thierische Substanzen in Erdöl umzuwandeln, ja sogar conservirend wirken. Die Thatsache, die er nach Nehring aufführt, dass Steppenthiere u.s.w. unter Flugsand und Staub jahrelang unverändert liegen, kann auch nicht als Beweis für die Bildung des Erdöles – durch Zuhilfenahme von Mutterlaugensalzen – gelten.

Alle Forschungen und Untersuchungen weisen darauf hin, dass lediglich marine Thiere, die rasch verwesbar waren und leicht zersetzliche Glyceride (Trioleïn) enthielten, das Rohmaterial für das Erdöl bildeten, Landthiere sind vollkommen ausgeschlossen; bei dem von Ochsenius angeführten concreten Fall fehlen überhaupt alle Bedingungen zur Umwandlung; zunächst ist die geologisch junge Zeit zu berücksichtigen, dann konnten die Thiere, unter dem Staub begraben – unter Luftabschluss – nicht einmal den Zersetzungsprocess der stickstoffhaltigen Bestandtheile durchmachen.

5)

Chemiker-Zeitung, 1891 Bd. 15 S. 935.