Text-Bild-Ansicht Band 282

Bild:
<< vorherige Seite

über die Bewährung im Grossen unbedingt Zuverlässiges zu erfahren und sich ein Urtheil zu bilden, fällt aber meist dem Einzelnen schwer, und die Sachverständigen der Baupolizei sind darum häufig vor die Wahl gestellt, der Einführung einer vielleicht nützlichen Neuerung mangels genügender Erfahrungen mit derselben entgegen zu treten, oder deren Zulassung auf ihre eigene Verantwortung hin zu empfehlen. Es erscheint deshalb als eine Pflicht der Regierungsbehörden, dem Surrogatwesen mehr als bisher ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden, dasselbe u.a. auch in den Lehrplänen der technischen Hochschulen zu berücksichtigen. Damit aber hier die Vorträge nicht bloss auf Laboratoriumversuchen zu fussen haben, müsste bei Bauausführungen für den Staat von den Neuheiten ein angemessener Gebrauch gemacht werden. Der grundsätzliche Ausschluss des Eisens z.B. bei einem Staatsgebäude, das nach seinem Zwecke und Range absolut feuersicher construirt werden sollte, kann somit schon aus diesem Gesichtspunkte nicht gut geheissen werden.

Werfen wir zum Schlusse nochmals einen prüfenden Blick auf die hier besprochenen Ersatzmittel, so bemerken wir, dass die Herstellung einiger derselben geradezu Geheimniss ist und dass die Anfertigung aller zu viel Erfahrung und Geschicklichkeit oder so besondere Vorrichtungen erfordert, um anders als von Specialisten in einer Weise betrieben zu werden, welche für Güte, Haltbarkeit u.s.w. unbedingte Garantie leistet. Die Folge davon wird also auch auf dem Gebiete des Hochbauwesens eine weitgehende Arbeitstheilung sein und der Gedanke darf uns nicht erschrecken, dass mit der allgemeineren Einführung der Ersatzmittel die Ausführung unserer Hochbauten und die Thätigkeit des Architekten einen wesentlich anderen, beweglicheren Charakter annehmen wird.

Schnelllaufende rotirende Dampfmaschine (System Dou) von P. Sartre.

Mit Abbildungen.

Die Aufgabe, eine unmittelbare und wirthschaftliche Wirkung des Dampfes auf einen Kolben derart ausüben zu können, dass dieser ohne Zwischenschaltung von Pleuelstange and Kurbel eine rotirende Bewegung annimmt, bildet seit vielen Jahren den Gegenstand zahlreicher Erfindungen und auch in der Neuzeit werden die Versuche, eine allen Anforderungen entsprechende Lösung derselben herbeizuführen, mit Beharrlichkeit fortgesetzt.

Ein grosser Theil der in Ausführung gekommenen rotirenden Motoren leidet an dem Uebelstande, weil aus zu vielen Einzeltheilen bestehend, fortwährende und kostspielige Reparaturen im Gefolge zu haben, während bei anderen, einfacher construirten Motoren häufig ein zu grosser Theil der entwickelten Arbeit durch Reibung verloren geht, oder aber die Expansion des Dampfes wird nur in unvollkommener Weise ausgenutzt. Bei einer dritten Art von rotirenden Maschinen sind die behufs Aenderung der Umlaufsbewegung angeordneten, ganz ungewöhnlichen und verwickelt ausgeführten Hilfsvorrichtungen oft die Ursache unerwünschter Betriebsstörungen. Schliesslich spricht auch die Bedienung rotirender Maschinen gegenüber derjenigen mit geradliniger Bewegung zuweilen nicht zu Gunsten der ersteren.

Wie Revue industrielle, 1891 S. 201, mittheilt, haben die Ingenieure Paul und August Dou im J. 1885 einen rotirenden Motor erfanden, dessen Construction bereits in der damaligen Zeit Aufsehen erregte und welcher von dem Constructeur P. Sartre unter Beibehaltung des Grundgedankens derartig umgebaut worden ist, dass er nunmehr weitgehenderen Anforderungen genügt und bezüglich des Dampfverbrauches den Vergleich mit jedem anderen schnell laufenden Motor von derselben Leistungsfähigkeit aushält.

Denkt man sich (Fig. 1) eine Gerade AB von constanter Länge durch den festen Punkt P gelegt, während ihre Mitte M einen Kreis um den Mittelpunkt C vom Halbmesser CP beschreibt, so ist der geometrische Ort der Punkte A und B eine Conchoide des Kreises CP in Bezug auf den Punkt P des Umfanges von diesem Kreise.

Textabbildung Bd. 282, S. 155
Wir nehmen an, dass die auf diese Weise gekennzeichnete Curve den aufrechten Durchschnitt eines Cylinders darstellt, der parallel mit seinen Erzeugenden durch eine Welle geht, deren Querschnitt dem um den Mittelpunkt P geschlagenen Kreise PO entspricht, welcher mit der Conchoide im Punkte O eine gemeinschaftliche Berührende besitzt, und ferner, dass die Gerade AB den Querschnitt einer rechteckigen Metallplatte bildet, welche in einem quer zur Längsrichtung der Welle angebrachten Schlitze sorgfältig eingepasst ist; ferner setzen wir voraus, dass die Wandung des Cylinders in A mit einer schmalen Oeffnung versehen und von B' bis E vollständig durchbrochen ist.

Bringt man die Oeffnung A mit einem Dampfkessel, Behälter mit comprimirter Luft o. dgl., die Oeffnung B'E dagegen mit der Atmosphäre oder einem Condensator in Verbindung und dreht den flachen Kolben AB etwas in der Richtung des Pfeiles f, so strömt der durch die Oeffnung A eintretende Dampf hinter denselben in den Raum V, welcher bei der Weiterbewegung des Kolbens immer grösser und grösser wird, bis schliesslich der Punkt A desselben nach B bezieh. B nach A gekommen ist; hat der Kolben zufolge der erlangten Geschwindigkeit diese Stellung passirt, so kommt der frische Kesseldampf, da der Kolben in demselben Sinne seine Drehbewegung fortsetzt, auf seiner anderen Seite zur Wirkung. Es lässt sich die Dampfeinströmung deshalb als eine ununterbrochene bezeichnen, da sie nur während der kurzen Zeitdauer, innerhalb welcher der Kolben die Oeffnung A bedeckt, aufhört. Geht der Kolben AB aus der Stellung AB in diejenige A1B1 über, so wirkt der vordem auf den Kolben mit voller Spannung wirksam gewesene Dampf weiter durch Expansion, während gleichzeitig auf der anderen Kolbenseite das bereits erwähnte Einströmen frischen Kesseldampfes stattfindet. Sobald der Kolben die Stellung A1B1 überschritten hat, beginnt, um eine Compression des expandirten Dampfes zu verhindern, die Ausströmung desselben.

Die Conchoide des oben genannten Kreises ist als Type derjenigen Curven zu betrachten, welche der Bedingung Genüge leisten, einem Kolben von absolut genauer Länge AB, der durch einen festen Punkt P geht, zu entsprechen; die erstere Bedingung ist, wie wir weiter unten sehen werden, für das gute Functioniren der Maschine von grosser Wichtigkeit.

Besondere Vortheile bietet es, den Kreis OP durch eine Ellipse (Fig. 2) zu ersetzen; man erhält dann bei entsprechender Wahl der Dimensionen der beiden Achsen der Ellipse, sowie der halben Kolbenlänge a = AM = MB eine Conchoide, deren Krümmungshalbmesser im Punkte O gleich dem Halbmesser der Welle OP ist, demnach seinen Mittelpunkt ebenfalls in P hat, wodurch ein besonderes Gleitstück an dieser Stelle unnöthig wird, was z.B. für eine Pumpe vollständig ausreicht.

Textabbildung Bd. 282, S. 155
Die Anzahl der entweder geometrisch bestimmten oder willkürlich aufgezeichneten Curven, welche den vorgenannten Bedingungen entsprechen und deren Wahl sich je nach den Anforderungen richtet, welche der Motor erfüllen soll, ist eine unendlich grosse; alle diese Curven haben indess höchstens eine einzige durch den Punkt P gehende Symmetrieachse. Es ist leicht einzusehen, dass diejenigen Curven, welche zwei Symmetrieachsen besitzen, der vorerwähnten Bedingung bezüglich der Beständigkeit der Länge AB nicht zu genügen vermögen. Es ist z.B. unmöglich,