Text-Bild-Ansicht Band 282

Bild:
<< vorherige Seite

Stolberg bei Aachen, Neuweissensee bei Berlin und Hanau.

Ueber selbsthätiges Laden und Entleeren der Retorten durch geneigte Stellung von van Vestraut.

Eine der mühsamsten Arbeiten in der Gasanstalt ist das Laden und Entleeren der Retorten. Statt der Handarbeit wurden Lademaschinen mit Ketten-, Seil-, Luft-, Wasser- und Dampfbetrieb angewandt; indessen haben diese Maschinen den Nachtheil, dass nach und nach ein exactes Arbeiten derselben unmöglich wird, weil die Graphitansätze das Laden und Entleeren erschweren. Es wurde versucht, durch Retorten von grösserem Querschnitte diesem Uebelstande abzuhelfen; dadurch wurde aber der leere Raum über den Kohlen zu gross und in Folge dessen trat eine stärkere Zersetzung der schweren Kohlenwasserstoffe, also Abnahme der Leuchtkraft, ein.

Textabbildung Bd. 282, S. 166
Coze in Rbeims gab den Retorten eine geneigte Stellung3), um das Laden und Entladen zu erleichtern, und zwar einen Winkel von 30°. Theoretisch müsste für jede Kohle ein anderer, ausprobirter Winkel gewählt werden, um sie auf der schrägen Fläche zum Gleiten zu bringen. Aber um 30° herum liegt der Winkel, bei welchem alle Kohlen eben noch liegen bleiben, bei leisem Anstosse aber nach unten abfliessen. Hemmt man unten den Strom, so bleiben die Kohlen liegen.

Coze's System wurde zuerst von Mr. Morris in Southhall, Station der Brentford-Gasgesellschaft, eingeführt (vier Oefen), dann von Mr. Trewby in der der Gaslight and Coke Company gehörigen Gasanstalt Kensal Green (Kensal Rise) eine Anlage von 52 Oefen erbaut. Auch andere Gasanstalten haben seitdem das Ofensystem eingeführt.

Die Ofenanlage ist im Allgemeinen etwas theurer als die in England üblichen Systeme und beläuft sich auf etwa 900 M. die Retorte. Zieht man aber die bedeutend geringeren Betriebskosten dieser Oefen in Betracht, so sind diese Mehrausgaben mehr als ausgeglichen. Das Laden dauert nur 5 Secunden, das Ziehen etwa 30 Secunden, so dass die ganze Charge kaum 1 Minute Zeit in Anspruch nimmt. Nach einem von Morris und van Vestraut abgeänderten Verfahren ist das System noch vereinfacht. Während Coze die oberen Theile der Retorten mit eingemauerten gekrümmten Ansätzen aus Gusseisen versieht, durch welche die Kohlen mittels Wagen mit umkippender Mulde geladen werden, verwenden Morris und van Vestraut die schief liegende Retorte beiderseits aus dem Ofen herausragend mit den Retortenköpfen. Die Ladung geschieht nur mittels eines fahrbaren, teleskopisch aus einander ziehbaren Fülltrichters. Diese Anordnung trägt dazu bei, dass ein Theil Mauerwerk wegfällt und dass dadurch die Oefen nicht theurer werden als die früheren mit wagerechten Retorten. Zu berücksichtigen ist auch, dass vor den Oefen keine schwere Arbeit zu verrichten ist, auch keine Kohlen dort zu fahren und zu lagern sind; es kann daher das Podium leichter construirt und billiger hergestellt werden als früher. Benutzt man zum Abfahren des Koks eine Rollbahn, so kann man leicht eine doppelte Ofenreihe da anbringen, wo früher eine einfache Platz hatte. In manchen Fällen ist eine Erhöhung des Daches nöthig, da die Höhe des Ofens 14 engl. Fuss, und darüber noch 6 Fuss für die Füllvorrichtung, zusammen also 20 Fuss (etwa 6 m) über dem Podium beträgt. Die Kostenersparniss durch verringerte Arbeit beträgt nach Angaben des Verf. auf 100 cbm Gas 60 bis 95 Pf.4)

Bei der dem Vortrage folgenden Discussion bemerkt Carpeuter (Sheerness), dass er in langjährigen Versuchen ebenfalls den Winkel von 30° am geeignetsten fand. Aber doch bildeten sich manchmal in den Retorten unten Anhäufungen von Kohlen; auch sammelte sich am unteren Ende 1 bis 1⅓ l Theer an. Das Gas wurde anfangs unten abgesaugt; es zeigten sich hierbei Schwierigkeiten im Drucke, auch setzte sich unten viel Graphit ab. Er liess deshalb das Gas oben absaugen. Peterson (Birkenhead) gibt an, dass er den Process in Rheims gesehen und die Kohle stets gleich gelagert gefunden habe. Es war Yorkshirekohle ohne vorherige Brechung durch Maschinen. Den Koks fand er vollständig trocken und theerfrei. Van Vertraut bemerkt, dass die Kohlen mit einer gewissen Geschwindigkeit eingeschüttet werden müssen, so dass immer die vorausgehende Kohlenmenge von der folgenden geschoben wird, wie sich auf einem Brette leicht zeigen lässt. Die Abwärtsbewegung des Gases in den Retorten beträgt nur 5 Fuss, was einem Drucke von 15 mm entspricht. Anschoppungen der Kohlen sind weder in Sheerness noch in Rheims vorgekommen. Die Bedienung der Oefen sei derart, dass in Southhall nunmehr drei Leute 112 Retorten (vier Oefen zu sieben Retorten zu 4- bis 6stündiger Ladung) in 24 Stunden laden statt 72 bei gewöhnlichen Ofensystemen. (Journal of Gaslighting vom 8. Juli 1890.)

Der Siphon Gibault von Kellner.

Mittels des Wassersammlers nach Gibault lassen sich leicht die Gasverluste an Rohrstrecken feststellen. Der Siphon (Fig. 5 und 6) besteht, wie jeder gewöhnliche Siphon, aus einem Wasseransammler a und dem Wasserauspumprohre b; ferner aus einer oder mehreren Scheidewänden e, welche etwa 15 cm unter dem Hauptgasrohre enden, in Folge dessen das Gas im Siphon einen U-förmigen Lauf nehmen muss. Diese Scheidewände bilden Kammern d und d1, wovon jede ein Gasrohr von 2 Zoll aufnimmt und welche dann bis zum Niveau der Strasse reichen. Solche Siphons müssen an verschiedenen Plätzen Aufstellung finden, so dass man stets eine bestimmte Länge vom Gasrohre abstellen und probiren kann. Die Siphons wird man am geeignetsten gleich in die tiefsten Stellen der Gasleitung oder an. den Kreuzungspunkt der Strassen

3)

Vgl. 1889 274 268.

4)

Ref. sah die neuen Ofensysteme in Southhall und Kensal Green im Betriebe und kann denselben gegenüber dem bisherigen Systeme der wagerechten Lagerung der Retorten nur Vortheile zusprechen.