Text-Bild-Ansicht Band 282

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Die feinste Form der Vertheilung eines Körpers für alle praktischen Zwecke ist eine Lösung desselben, und eine Lösung von Pariserblau ist deshalb unstreitig die ökonomische Form, in welcher dasselbe in der Chromgrünfabrikation zur Anwendung gelangen kann. Das wasserunlösliche Pariserblau ist im Stande, mit gewissen Säuren resp. Salzen in Wasser lösliche Doppelverbindungen einzugehen, und diese Lösungen sind vorzüglich geeignet, um aus einem gegebenen Gelb mit dem geringsten Aufwand von Blau, Grüne von hervorragender Schönheit zu erzeugen. Die Verwendung von Oxalsäure für diesen Zweck ist sehr naheliegend und zuerst zu diesem Zwecke von Vogel1) empfohlen worden. Vogel verfährt in der Weise, dass er das zu verwendende Pariserblau, das in Pulver- oder Teigform sein kann, mit Wasser zu einem dünnen Brei anrührt und dann mit ungefähr 10 Proc. (vom Trockengewicht des Blaues) Oxalsäure kocht, bis vollständige Lösung erzielt ist. Zu dieser Lösung wird nach zuvorigem weiteren Verdünnen die Lösung des Bichromates gegossen und die vorbereitete Bleizuckerlösung mit dem Gemisch gefällt. Vogel gibt folgende Gewichts Verhältnisse als Illustration:

20 Pariserblau
2 Oxalsäure
40 Bichromat
100 Bleizucker.

Wie ersichtlich, ist auch das hier als Basis des Grüns dienende Chromgelb frei von Schwefelsäure, und ist daher die Schönheit des Productes bedingt durch die Anwesenheit von Oxalsäure in der Form von oxalsaurem Blei in demselben. Bei dem Hinzukommen der Bichromatlösung zu der oxalsauren Lösung des Pariserblaues tritt zwar sofort eine äusserst heftige Reaction ein, aber es ist unzweifelhaft, dass auch bei Anwendung von Oxalsäure die Oxydationswirkung des Bichromates zum Stillstand kommt, sobald die Oxalsäure nur noch in der Form von Chromoxalat vorhanden ist, wie dies früher in analoger Weise für die zwischen Citronensäure und Bichromat stattfindende Reaction in Gleichung a) gezeigt wurde. Dass in der That oxalsaure Salze selbst von siedender Bichromatlösung nicht im geringsten angegriffen werden, habe ich durch specielle Versuche festgestellt.

Diese Vorschrift Vogel's muss als ein sehr glücklicher Griff bezeichnet werden, da Vogel mit dem Oxalsäurezusatz lediglich die Lösung des Pariserblaues bezweckte, während er von der viel wichtigeren Function derselben in dem Chromgelb keine Ahnung hatte. Wird aber in Vogel's Grünvorschrift die Oxalsäure weggelassen und durch einen passenden nichtoxydirbaren Körper, wie zum Beispiel wolframsaures Natron oder molybänsaures Ammoniak ersetzt, so findet gleichfalls Lösung des Blaues statt, aber die schlechte Nuance des erhaltenen Grünes zeigt nur zu deutlich, dass das Gelb umgeschlagen ist.

Es gibt noch eine ganze Anzahl von Substanzen, die im Stande sind, das Pariserblau zu lösen. Dieselben sind aber meist viel höher im Preise als die Oxalsäure, die ausserdem noch den Vorzug hat, in den Chromgrünsätzen die Function der Citronen- oder Weinsäure in Bezug auf Gelb zu versehen. Es leistet daher von diesem Gesichtspunkte aus die Methode Vogel's alles, was zur Erzielung tadelloser Chromgrüne nöthig ist, und die erzielten Producte sind den nach den früher erwähnten Methoden dargestellten Grünen an Feuer und Echtheit unendlich überlegen.

Dass auch Ferrocyankalium Pariserblau zu lösen im Stande ist, ist nicht so allgemein bekannt, als dieselbe Eigenschaft der Oxalsäure. Während aber Oxalsäure selbst trockenes Pariserblau mit Leichtigkeit löst, ist es bei Verwendung von Ferrocyankalium absolut erforderlich, das Pariserblau in Teigform zu verwenden. Wird Pariserblau in Teigform mit einer Lösung von Ferrocyankalium in erheblichem Ueberschuss erhitzt, so ändert sich die Farbe der Mischung durch Hellblau und Blassgrün rasch in ein feuriges sattes Grün. Hierbei findet Entwickelung von Blausäure in nicht unerheblichem Maasse statt. Dieser Umstand, sowie die Thatsache, dass es unter keinen Umständen gelingt, eine klare Lösung zu erhalten, lassen es vielleicht fraglich erscheinen, ob hier überhaupt eine Lösung und nicht ein chemisches Reactionsproduct vorliegt. Andererseits muss aber bemerkt werden, dass die fragliche Lösung ohne die Spur eines Rückstandes filtrirbar ist, und ferner, dass eine concentrirte Lösung von Glaubersalz alles Blau aus der Lösung fällt. Dieses so erhaltene Blau ist aber wesentlich verschieden von dem ursprünglich angewandten Pariserblau; es ist von viel hellerer Farbe und sehr grünlicher Nuance. Wesentlich anders ist das Resultat beim Kochen des Blaues mit einer 20 Proc. vom Trockengewicht desselben nicht übersteigenden Menge Ferrocyankalium. Es findet hierbei binnen wenigen Minuten absolut vollständige Lösung zu einer tief dunkelblauen Flüssigkeit statt. Aus dieser Lösung lässt sich das Blau durch eine concentrirte Lösung von Glaubersalz wieder fällen. Aber selbst das auf diese Weise anscheinend vollständig gefällte Blau geht bei der Filtration fast ohne Rückstand durch das Filter. Auf dieselbe Weise verhält sich das Blau, wenn es mit einer Lösung von Bichromat versetzt wird. Das letztere wirkt natürlich, wie schon oben erwähnt, sofort auf das in Lösung befindliche Ferrocyankalium, und das Blau wird augenscheinlich gefällt, es befindet sich aber in solch feiner Vertheilung, dass es so gut wie rückstandslos durch das feinste Filter geht. Wird mit solch einem Gemisch eine Bleiacetatlösung gefällt, so erhält man Grüne, die an Schönheit des Tones mit Brillantgrünlacken wetteifern. Der geradezu ideale Zustand der Vertheilung des Pariserblaues ermöglicht die Herstellung bestimmter Grünnuancen mit einem Minimalaufwand von Pariserblau, der in Verbindung mit der ausserordentlichen Schönheit der Producte den durch die Verwendung des Ferrocyankaliums bedingten Aufwand mehr als bezahlt macht. Als Beispiel dienen folgende Verhältnisse:


V.
300
2,4
18
50
Pariserblau (4proc.)
Ferrocyankalium
Bichromat
Bleizucker.

Diesen Verhältnissen entsprechen folgende des Vogel'schen Verfahrens:


VI.
300
2
18
50
Pariserblau (4proc.)
Oxalsäure
Bichromat
Bleizucker.

Es muss aber ausdrücklich hervorgehoben werden, dass die nach diesen beiden Verfahren erzeugten Chromgrüne äusserlich durchaus verschieden von einander sind, obgleich dieselben ihrer chemischen Zusammensetzung nach so gut wie identisch sind. Der Grund hiervon liegt ohne Zweifel

1)

Neues Jahrb. d. Pharm. XL S. 183.