Text-Bild-Ansicht Band 283

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von Leonhard, den seit 1847 von der Cöln-Mindener und von der Berlin-Hamburger verwendeten Zeigertelegraphen von Kramer, ferner den seit 1846 patentirten Siemens und Halske'schen Zeigertelegraphen mit Selbstunterbrechung, sowie den 1856 auf den bayerischen Staatsbahnen zuerst in Gebrauch gekommenen Siemens und Halske'schen Magnetzeiger. Eine Reihe von Morseschreibern kennzeichnete die mannigfachen Umwandlungen, welche dieser Apparat im Bahndienste von den ältesten Stiftschreibern bis zu den jüngsten Farbschreibern durchgemacht hat und ist gleichzeitig sinnreich benutzt gewesen, in Verbindung mit den aus der gleichen Zeit stammenden nöthigen Sonder- und Nebenapparaten die verschiedenen älteren Schaltungen auf Arbeitsstrom, auf amerikanischen Ruhestrom u.s.w. ersichtlich zu machen. Bemerkenswerth sind auch die alten Hilfstelegraphen vertreten gewesen und zwar durch einen von Rier etwa 1847 für die Thüringische Eisenbahn zum Leonhard'schen Zeigertelegraphen construirten, tragbaren Zeichengeber und durch einen angeblich 1846 bei der Schlesisch-Märkischen Eisenbahn in Benutzung gestandenen tragbaren Hilfstelegraphen. Der erstgedachte Apparat besteht aus einer Buchstabenscheibe mit Zeigerwerk und einem Taster; es konnten damit Depeschen nur gegeben, nicht aber empfangen werden. Der zweiterwähnte Apparat ist aber ein vollständiger Zeigertelegraph, der ebensowohl das Geben als den Empfang von Depeschen zuliess, auffällig correct coneipirt sowie vorzüglich ausgeführt erscheint, dessen Autor man jedoch nicht kennt.

Von den derzeit in Deutschland angewendeten Eisenbahntelegraphen – bekanntlich nur Morseeinrichtungen mit Farbschreibern, in der Regel für Ruhestrom mit oder ohne Relais, seltener für Arbeitsstrom geschaltet – gab es besonders Stationstelegraphen in grosser Anzahl. Dieselben waren als ganze Apparatsätze sammt Normaltischen oder auch als Einzelapparate in der Halle für Eisenbahnwesen seitens der preussischen, sowie von der bayer. Staatsbahnverwaltung und in der Halle für Telegraphie von den Berliner Firmen Siemens und Halske, Gebrüder Naglo, G. Wehr, C. Lorenz und der Nürnberger Firma Fr. Heller. Alle diese Einrichtungen erwiesen sich als vorzüglich gearbeitet, zeigen aber immer nur die bekannten von Siemens und Halske ausgegangenen Typen, und geben einen sprechenden Belag für die bei den modernen deutschen Bahnbetriebstelegraphen erzielte Einheitlichkeit.

Als eine Absonderlichkeit dürfen zwei in der Gruppe der bayer. Staatsbahnen befindlich gewesene, aus der Telegraphenfabrik H. Wetzer in Pfronten, Bayern, hervorgegangene Stationstelegraphenapparatsätze1) angeführt werden, bei welchen die Platte der Apparattische aus gepresster Papiermasse hergestellt sind, ein Material, welchem in hohem Maasse der Vorzug besonderer Härte, Isolirfähigkeit, Glätte und Unempfindlichkeit gegen Feuchtigkeit oder Temperaturwechsel zugesprochen wird. Die benannte bayerische Fabrik hat die ersten solcher Platten im Jahre 1886 angewendet, und da sich dieselben weit besser als Holz bewährten, wurden dort seitdem sämmtliche grossen Tischplatten für Morseapparate – etwa 200 Stück für die bayer. Staatsbahnen – aus Papiermasse angefertigt. Die Papiermasse wird in roh geformten Blättern von der Firma Gebrüder Adt in Forbach bezogen, und die Bearbeitung ist ziemlich schwierig. Kleinere Platten werden auf der Hobelmaschine, grössere aus freier Hand mittels Hobel zugerichtet, wobei jedoch die Schneidewerkzeuge eine ganz aussergewöhnliche Abnutzung erleiden. Die gehobelten Stücke werden sodann zuerst mit Bimsstein und darauf mit Schmirgelpapier reingeschliffen sowie schliesslich mit Oel eingelassen. Die grossen, starken Tischplatten bleiben unveränderlich, sind jedoch ⅕ bis ¼ schwerer als hölzerne; dünne Platten können sich unter Umständen werfen und müssen in solchen Fällen einer zweiten Bearbeitung auf der Hobelmaschine unterzogen werden, erweisen sich aber dann als ganz sicher.

Unter der Devise „für Nebenbahnen“ sind gleichfalls eigene Morseapparatsätze vorhanden gewesen, welche sich übrigens in nichts von den gewöhnlichen Einrichtungen der deutschen Normalbahnen unterschieden, als dass auf den etwas verkleinerten, gleich den Batterieschrank enthaltenden Tischen die Apparate enger zusammengerückt waren und sich die ganze Ausführung als schlichter, bescheidener, also billiger darstellte.

Die Uebereinstimmung in der Anordnung, Form und Ausführung der deutschen Stationstelegraphen fand sich auch wieder in den Wärterbuden-Telegraphen; bei allem sind die gleichen Schreiber, Schlüssel, Relais, Plattenblitzableiter und Galvanoskope benutzt, und besorgt ein Federschlussumschalter die Einschaltung des Apparatsatzes in die Leitung beim Oeffnen des Apparatkastens und die Ausschaltung beim Verschliessen des Kastens. Eine Vervollkommnung dieser automatischen Schaltvorrichtung im Sinne Sesemann's (vergl. Elektr.-techn. Zeitschrift X S. 471) fand sich in Wärterbudentelegraphen der Firma C. Lorenz (Berlin); es wird beim Verschliessen des Apparatsatzes nicht nur der Wärterapparat aus der Leitung gebracht, sondern gleichzeitig dafür ein Drahtwiderstand in die Leitung eingeschaltet, welcher gleich ist dem Gesammtwiderstande des ausgeschalteten Apparatsatzes. Hierdurch werden die durch das Ein- und Ausschalten von Streckenapparaten sonst verursachten Stromschwankungen hintangehalten.

Morseeinrichtungen nach österreichischem Muster fanden sich in der Halle für Telegraphie ausgestellt von Czeija und Nissl (Wien). Bei den Eisenbahnen in Oesterreich-Ungarn haben sich bekanntlich die Morsestiftschreiber ebenso eingebürgert, wie in Deutschland die Farbschreiber oder wie in Amerika die Klopfer, und so lange die Bahnen einen massigen Verkehr und für die Telegraphenbedienung selten oder doch nur in beschränktem Maasse ein eigenes Personal hatten, erwiesen sich denn auch die geräuschvollen, reinlichen Stiftschreiber als ganz vortheilhaft. Im Verlaufe der Zeit haben sich aber auf vielen Linien die Anforderungen an den Bahnbetriebstelegraphen so gesteigert, dass sich vor allen in den Hauptstationen behufs Schonung des Personals und zur Erzielung einer dauerhaften Streifenschrift das Bedürfniss nach Farbschreibern fühlbar macht. Eben diesem Bedürfnisse ist bei den von Czeija und Nissl ausgestellten zwei Morseschreibern Rechnung getragen, die jedoch in erster Linie mit dem Grundgedanken entworfen sind, dass es möglich sein soll, sie ohne nennenswerthe Abänderungen und Kosten aus den gewöhnlichen in Oesterreich-Ungarn allgemein verbreiteten Typen von Stiftschreibern herzustellen. Die jüngere der gedachten Anordnungen (1891

1)

Vergl. auch S. 38 d. B.