Text-Bild-Ansicht Band 283

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einem absolut festen Verhältnisse zur Zusammensetzung und aufzufärbenden Menge eines bestimmten Farbstoffes stehen muss, wird vom Färber so gut wie gänzlich ausser Acht gelassen. Die natürliche Folge hiervon ist, dass fast ausnahmslos viel mehr Farbstoff auf einem Tanninmordant fixirt wird, als derselbe chemisch zu binden vermag, und das Resultat ist eine in directem Verhältniss zu der Menge des nicht an Tannin gebundenen Farbstoffes stehende Unechtheit der Färbung, nicht nur gegen Luft und Licht, sondern auch gegen Seife.

Obige Tabelle nun oder vielmehr die zugehörige analytische Methode gibt dem Färber ein Mittel an die Hand zur rationellen Bemessung der Färbstoffmengen, die auf eine bestimmte Menge Tannin gefärbt werden können. Es darf hierbei freilich nicht vergessen werden, dass der Färber ausser Tannin eine ganze Anzahl anderer Gerbstoffmaterialien verwendet: Myrabolanen, Sumach, Divi-Divi, Granatapfelrinde, Eichenextract, Kastanienextract, Kino, Catechu und viele andere. Es wird also erforderlich sein, dass der Färber den Wirkungswerth dieser Gerbstoffmaterialien in Bezug auf reines Tannin oder direct auf die von ihm verwendeten basischen Farbstoffe feststellt, um den wahrscheinlich für jeden Gerbstoff verschiedenen Verbindungsverhältnissen Rechnung zu tragen. Ebenso aber wird es nöthig sein, die Quantitäten der verschiedenen Gerbstoffe zu ermitteln, die aus Bädern von bestimmter Stärke auf der Baumwolle fixirt werden, eine Arbeit, die sich ohne nennenswerthe Schwierigkeiten bewerkstelligen lassen wird.

In der Färberei wird nur in sehr seltenen Fällen, wenn überhaupt je, direct auf die tannirten Garne gefärbt, da so gefärbte Garne stets stark abrussen. Dies rührt davon her, dass das auf der Baumwolle fixirte Tannin in der Farbflotte langsam wieder in Lösung geht und zur Fixirung einer erheblichen Menge von Tanninlack unmittelbar auf der Oberfläche der Faser Veranlassung gibt. Es wird deshalb das in der Faser fixirte Tannin gewöhnlich durch ein Metallsalz in ein unlösliches Metalltannat übergeführt. Als solche Metallsalze dienen Antimon-, Zinn- und Eisensalze, doch sind auch Zink- und Bleisalze vorgeschlagen worden. Diese Metalltannate besitzen sehr grosse Vortheile vor dem freien Tannin. Ich habe früher darauf hingewiesen, dass ein Tanninüberschuss im Stande ist, ebenso unvortheilhaft zu wirken, als eine ungenügende Menge Tannin, indem viele Tanninlacke in überschüssigem freiem Tannin löslich sind. Ist dagegen das Tannin in Gegenwart eines Metalltannats vorhanden, so ist diese Wirkung vollständig ausgeschlossen. Ferner aber sind die Doppellacke der basischen Farbstoffe mit Metalltannaten bedeutend feuriger und unvergleichlich viel echter als die einfachen Tanninlacke.

Von den erwähnten Metallsalzen hat sich keines in solchem Grade bewährt als der von Th. Brooks vorgeschlagene Brechweinstein. Zahlreiche andere Antimonsalze sind in den letzten Jahren als Ersatz des theuren Brechweinsteines empfohlen worden, aber keines hat sich unter allen Bedingungen so vortheilhaft erwiesen als letzterer. Für die Färberei und den Cattundruck bedarf die Anwendung der Antimonsalze keiner Empfehlung und die oben angegebenen Vorzüge der Antimontanninlacke sollten auch in der Fabrikation der Farblacke an und für sich genügend Veranlassung sein, die basischen Farbstoffe nicht als reine Tanninlacke, sondern als Antimondoppellacke zu fällen. Das Verfahren der Lackfällung wird dabei zweckmässig in der Weise abgeändert, dass das Tannin zu der in Wasser aufgeschlämmten Grundlage gefügt wird, sodann wird das Tannin mit Brechweinstein auf der Grundlage fixirt, ausgewaschen und sodann die der angewandten Menge Tannin entsprechende Farbstoffmenge langsam hinzugefügt; die Bildung des Farblackes findet hierbei genau wie beim Färben der Baumwolle statt. Auf solche Weise hergestellte Lacke sind unvergleichlich viel echter, als die auf die früher beschriebene rohe empirische Weise hergestellten Producte.

In der Färberei und im Cattundruck werden die tannirten Garne stets in Gegenwart überschüssigen Antimonsalzes fixirt, da die betreffenden Bäder immer wieder benutzt werden. Bei der Darstellung von Lacken ist es aber aus ökonomischen Gründen erforderlich, keinen oder wenigstens einen sehr geringen Ueberschuss von Brechweinstein oder eines anderen Antimonsalzes anzuwenden. Die Anhäufung von freier Säure oder sauren Salzen in den für eine lange Zeit in der Färberei oder Cattundruckerei benutzten Bädern ist ein erheblicher Uebelstand, der wesentlich dazu beigetragen hat, die Verwendung billigerer Antimonsalze als des Brechweinsteins nachtheilig zu beeinflussen. Bei der Darstellung von Lackfarben kommt aber dieser Gegenstand nicht in Betracht und wird man daher für diesen Zweck mit Vortheil eines der erwähnten Brechweinsteinsurrogate verwenden. Die Reaction zwischen Tannin und Brechweinstein scheint im Sinne der Gleichung

C14H10O9 + C4H4O6R (SbO) = C14H9O9 (SbO) + C4H4O6RH

zu erfolgen, so dass für ein Molekül Tannin (322) ein Molekül Brechweinstein (334) erforderlich wäre. Titrirt man indessen eine Lösung von Tannin mit einer Lösung von Brechweinstein nach Galand's Methode, so findet man, dass für jedes Molekül Tannin nur ein halbes Molekül Brechweinstein erforderlich ist. Dieses Verhältniss zwischen Tannin und Brechweinstein ist also bei der Darstellung der Farblacke nicht zu überschreiten. Ein erheblicher Ueberschuss von Brechweinstein oder einem der Substitute desselben hat bei Gegenwart von Thonerdehydrat1) die unangenehme Wirkung, den gefällten Lack zum grossen Theil in Suspension zu erhalten, was natürlich das unumgängliche Auswaschen der Lacke sehr erschwert, ja geradezu unmöglich machen kann.

Die Function der Antimonsalze in der Bildung der basischen Farblacke kann auch von anderen Metallsalzen übernommen werden und thatsächlich wurden vor Einführung der Brechweinsteinbeize Blei- und Zinksalze zu diesem Zwecke angewandt; deren Verwendung ist aber heute so gut wie vollständig aufgegeben, da die damit erzielten Resultate an Schönheit mit der Antimonfixage nicht concurriren können. Dagegen wird gegenwärtig in gewissen Fällen die Eisenfixage mit Eisenvitriol oder Eisenoxydsalzen und die Zinnbeize mit Zinnchlorür oder Zinnchlorid benutzt. Die Eisenfixage wird nur zur Herstellung sehr dunkler blauer Töne benutzt, die Zinnfixage besonders für zarte Schattirungen von Roth, Rosa und Gelb. Doch muss mit Bezug auf die Zinnfixage gesagt werden, dass die erhaltenen Resultate zwar schöner sind

1)

Man kann sagen, dass alle aus basischen Farbstoffen dargestellten Lacke auf ein Thonerdesubstrat oder ein Thonerdehydrat haltendes Substrat gefällt werden.