Text-Bild-Ansicht Band 346

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waren, weil die Gebrauchsspannung der Glühlampen damals die Spannung in den Leitungsnetzen auf 100 Volt beschränkte, womit von einer Zentrale nur ein Aktionsradius von einigen hundert Metern erreicht werden konnte. Die Entwicklung ging über das Dreileiter- und Fünfleitersystem für Gleichstrom-Anlagen zu den Wechselstromzentralen mit Transformatoren, die endlich gestatteten, selbst große Städte von einer günstig gelegenen Zentrale aus mit Strom zu versorgen.

Aus dem reichen Schatz seiner Erinnerung schilderte der Vortragende die Kämpfe, die nunmehr zwischen den Vertretern des Gleichstrom- und des Wechselstrom-Systems entstanden, bis auf der Frankfurter Ausstellung auch diese Frage dahin entschieden wurde, daß jedes der beiden Systeme Vorteile besitzt und je nach den gegebenen örtlichen Verhältnissen Anwendung zu finden habe. Die Entwicklung blieb bei der Versorgung einzelner Städte nicht stehen. Das neue Wechsel- bezw. Drehstromsystem gestattete vielmehr, nicht nur einzelne Städte, sondern eine ganze Anzahl von Städten und Gemeinden von einer Zentrale aus mit Strom zu versorgen; es entstanden die Ueberlandzentralen, die allerdings nicht immer nach rein technischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten, sondern häufig auf Grund von Zufälligkeiten sich entwickelten.

Eine Zusammenfassung der Ueberlandzentralen zu größeren Gebilden erwies sich sehr bald als nötig, wie dies im Bayernwerk geschah, das unter Benützung der besonders günstigen Walchenseekraft das ganze rechtsrheinische Bayern durch eine alle Kreise berührende Landes-Sammelschiene in einheitlicher Weise mit Strom versorgt.

Aehnliche Zusammenschlüsse erfolgten in Baden, in Württemberg, in Sachsen und Thüringen sowie in verschiedenen preußischen Provinzen, das größte dieser Werke ist das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk ›welches eine Zentralleistung von etwa 1 ½ Millionen Kilowatt und eine Jahresstrommenge von 3 ½ Milliarden Kilowattstunden über ein industriell hochentwickeltes Gebiet verteilt.

Die wirtschaftlichen Zusammenschlüsse dieser Art erschienen so vorteilhaft, daß man daran dachte, nicht nur in den einzelnen deutschen Ländern, sondern für das ganze Reich eine einheitliche Stromversorgung unter Benützung der günstigsten Wasserkräfte und Kohlenkräfte herbeizuführen.

Der Vortragende erläuterte in Kürze das von ihm im Auftrage des Reichswirtschaftsministerium verfaßte Gutachten über die einheitliche Elektrizitätsversorgung des Reiches. Die Schwierigkeit liegt nicht darin, ob die eine oder die andere Kraftquelle, die eine oder andere Leitung ausgeführt werden soll, sondern sie liegt in der Schaffung einer Organisation, in der die Interessen der Unternehmer und die Interessen der Abnehmer, d. s. die verschiedenen Provinzen und Kreise des Deutschen Reiches, in gerechter Weise gegeneinander abgeglichen werden können, um hierdurch zu erreichen, daß die günstigsten Kraftquellen des Reiches unter Verwendung einer einheitlichen Reichssammelschiene allen Provinzen,auch den zurzeit weniger begünstigten, zugute kommen.

Professor Matthias, Direktor der Studiengesellschaft für Höchstspannungsanlagen, Berlin, führte in seinem Vortrag über „Die heutigen Probleme der Hochspannungskraftübertragung“ folgendes aus:

Alle technischen Entwicklungen sollten das klare Endziel haben, mit einem Minimum an Aufwendungen ein Maximum an Wirkung im Rahmen der Problemstellung zu erreichen. Der Weg zum Ziel ist aber kein schnurgerader. Auf den einzelnen Teilgebieten setzten Entwicklungsphasen ruckweise mit dem Auftreten neuer Leitgedanken ein; sie beeinflussen infolge innerer Verbundenheit benachbarte Teilgebiete. Dieser Wechsel in den technischen Vorbedingungen hängt eng zusammen mit den wechselvollen wirtschaftlichen Bedürfnissen und Tendenzen. So entstehen Zickzackwege auf den Einzelgebieten und es lohnt, von Zeit zu Zeit Umschau zu halten und die Entwicklungen der Vergangenheit mit dem derzeitigen Stande der Technik und den wirtschaftlichen Anforderungen an die Zukunft zu vergleichen.

Ein Beispiel ist die Frage nach der zweckmäßigsten Stromart, die schon zur Zeit der berühmten Frankfurter Ausstellung, deren Wiederkehr jetzt gefeiert wird, heiß umstritten war. Heute hat sich der 50periodige Drehstrom für die Energieübertragung von der Erzeugungsstelle bis zum letzten Konsumenten durchgesetzt, soweit nicht Sonderzwecke in Betracht kommen. Im letzteren Falle wird die Umformung auf Gleichstrom oder Wechselstrom anderer Frequenz, die keine technischen Schwierigkeiten macht, kurz vor der Verwendungsstelle vorgenommen. Aber auch um den hochgespannten Gleichstrom zur Kraftübertragung ist es nie ganz still geworden, und besonders in neuester Zeit beschäftigt man sich wieder eifrig mit ihm. Wenn auch die Drehstromtechnik schon heute so weit entwickelt ist, daß sie die größten Entfernungen beherrschen kann, die in absehbarer Zeit in Betracht kommen, so ist es gar nicht ausgeschlossen, daß der Gleichstrom gerade für die Ueberbrückung weitester Strecken in nicht zu ferner Zeit wieder in Frage kommt. Allerdings würden auch dann die heutigen Drehstromnetze nicht überflüssig, sondern nur durch Gleichstromstränge miteinander verkoppelt werden.

Vorbedingung für die ständige Steigerung der Uebertragungsspannung war die Verbesserung der Isolation. Besonders an dem Studium des elektrischen Durchschlags wird seit einiger Zeit erfolgreich wissenschaftlich gearbeitet. Das Ziel der Isolationstechnik wird in erster Linie sein, die Betriebssicherheit weiter zu erhöhen und die Abmessungen der Isolation zu verkleinern. Dadurch werden nicht nur weniger Isolierstoffe gebraucht, sondern auch an anderen Stellen Werkstoff und Raum gespart und es kann in den metallenen Stromwegen entstehende Wärme besser abgeleitet werden. Die Einzelprobleme sind also miteinander verbunden.

Die Leistungseinheiten, die man im Generatoren- und Transformatorenbau in letzter Zeit zu