Text-Bild-Ansicht Band 342

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„Gestern abend sahen wir zum ersten Mal die schönste Straße der Hauptstadt, die zugleich unser angenehmster Spaziergang ist, die Linden, im hellsten Schimmer der Gasbeleuchtung. Eine große Menge Neugieriger war durch dies Schauspiel herbeigelockt worden und alle schienen davon überrascht; denn heller haben wir selbst bei glänzenden Illuminationen die Linden nicht gesehen. Nicht in dürftigen Flämmchen, sondern in handbreiten Strömen schießt das blendende Licht hervor, das so rein ist, daß man in einer Entfernung von 20 bis 25 Schritten von den größeren Laternen einen Brief recht gut lesen konnte. Einige Privathäuser haben schon Gebrauch von der Gasbeleuchtung gemacht; vor dem Hotel de Rome stehen zwei helle Fackelträger und vor Beiermann Caffé Royal hängt ein Feuerzeichen, wie auf einem Leuchtthurme, so daß man den Hafen nicht verfehlen kann. – Bald werden auch die anderen Hauptstraßen auf gleiche Weise erleuchtet werden, und Berlin, das wegen seines erfreulichen Eindrucks, den es bei Tage macht, berühmt ist, wird auch zur Nachtzeit den Fremden angenehm überraschen.“

Mit nicht geringerer Begeisterung wurden die ersten Gaslaternen in Hannover begrüßt, wo bereits am 2. September 1826 das von zwei jungen englischen Ingenieuren, den Brüdern Drory, erbaute Gaswerk seinen Betrieb aufnahm. Es ist bemerkenswert, daß das Gaswerk in Hannover bis zum 1. Dezember 1917 in ununterbrochenem Besitz der englischen Gesellschaft verblieb und damals erst an die Stadt überging. Ganz anders entwickelten sich die Verhältnisse in Berlin. Der Vertrag, den die preußische Regierung im Jahre 1825 mit der englischen Gesellschaft über den Kopf der Berliner Stadtverwaltung hinweg hinsichtlich der Straßenbeleuchtung abgeschlossen hatte, lief zwar bis zum 1. Januar 1847, doch schon im Jahre 1836 trat die Stadtverwaltung in Erwägungen ein, die Gasbeleuchtung der Straßen selbst in die Hand zu nehmen. Immerhin vergingen noch einige Jahre, bis dieser Plan eine festere Gestalt annahm. Nachdem ein im Jahre 1842 von der Stadtverwaltung eingereichtes Gesuch, ihr vom 1. Januar 1847 ab die ausschließliche Berechtigung zur Versorgung von Privatpersonen und öffentlichen Gebäuden mit Gas durch Rohrleitungen zu erteilen, die königliche Genehmigung gefunden hatte, wurde mit der Ausarbeitung der Pläne Rudolf Blochmann, ein bekannter Fachmann, betraut, der bereits die Gaswerke in Dresden und Leipzig erbaut hatte. Dieser sah zwei Gasanstalten mit je einer Gasbehälter-Filiale vor, entsprechend der durch die Spree verursachten Teilung der Stadt in eine nördliche und eine südliche Hälfte. Als Höchstleistung war die Gaslieferung für 5140 öffentliche und etwa 20000 Privatflammen vorgesehen. Nachdem in den Jähren 1841 bis 1844 mehrfach, jedoch stets ohne Erfolg versucht worden war, mit der englischen Gesellschaft eine Einigung über die Ausgestaltung und Verbesserung der Gasbeleuchtung herbeizuführen, ging man im Jahre 1845 an die Verwirklichung des von Blochman ausgearbeiteten Projektes, so daß die beiden ersten städtischen Gasanstalten Berlins pünktlich am 1. Januar 1847 ihren Betrieb aufnehmen konnten. Der Ausbau der beiden Gasanstalten, die sich in der Gitschinerstraße bzw. am Stralauer Platz befanden, auf die oben angegebene Leistung wurde allerdings erst 1849 vollendet.

Zu den Abnehmern der städtischen Gasanstalt zählte auch das Kgl. Opernhaus, das bis zum Jahre 1847 mit Oelgas aus einer sog. Portativ-Gasanstalt versorgt worden war. Derartige private Unternehmungen befanden sich bis in die fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein in zahlreichen Städten. Sie lieferten ihren Abnehmern das Gas täglich mit Hilfe eines fahrbaren Gasbehälters, eines auf Rädern befestigten eisernen Kastens mit blasebalgartig ausziehbarer Decke aus gummierter Leinwand, ins Haus, wo ein zweiter Gasbehälter aufgestellt war, der aus dem fahrbaren Behälter täglich frisch gefüllt wurde. Das Ueberfüllen des Gases aus dem fahrbaren Gasbehälter in den Behälter des Gasabnehmers erfolgte in der Weise, daß beide Behälter durch einen Schlauch miteinander verbunden und die Hähne geöffnet wurden, worauf der gefüllte Balg mit einer an dem Wagen angebrachten Winde zusammengedrückt wurde, bis der Hausbehälter gefüllt war. Die gelieferte Gasmenge wurde im Beisein des Abnehmers an einer an dem Behälter angebrachten Meßlatte abgelesen, so daß also Gasmesser hierbei entbehrlich waren.

Alsbald nach der Eröffnung der städtischen Gasanstalten in Berlin begann ein scharfer Konkurrenzkampf zwischen diesen und der englischen Gasanstalt, die den Gaspreis, der bis dahin 10 Mk. für 1000 engl. cbf. (= 35,3 Pfg. für 1 cbm) betragen hatte, auf die Hälfte herabsetzte und, als die städtischen Anstalten diesem Beispiel folgten, ihren Abnehmern überdies 5% Rabatt einräumte. So kam es, daß die Gaspreise in Berlin weitaus niedriger waren als in irgend einer anderen Stadt Deutschlands, und dieser Umstand hatte wiederum zur Folge, daß der Gasbeleuchtung zahlreiche neue Abnehmer gewonnen wurden. Infolgedessen war bereits im Jahre 1856 die Errichtung einer dritten städtischen Gasanstalt notwendig, die im Norden Berlins erbaut wurde und mit ihrem ersten Teile Ende 1859 in Betrieb kam. Diese sowie die beiden älteren Gasanstalten mußten im Laufe der sechziger Jahre erheblich erweitert werden, um den immer wachsenden Ansprüchen zu genügen. Trotzdem mußte schon zu Beginn der siebziger Jahre eine vierte Gasanstalt im Nordosten der Stadt (Danziger Straße) erbaut werden, die 1873 in Betrieb kam. Die Gaserzeugung im südlichen Stadtgebiete erfuhr dagegen erst verhältnismäßig spät die so notwendige Verstärkung, und zwar durch die Errichtung des Gaswerks Schmargendorf, das 1893 den Betrieb aufnahm. Den Abschluß dieser Entwicklung bildet im Jahre 1902 die Errichtung des riesigen Gaswerks in Tegel, das heute den Schwerpunkt der von der Stadt Berlin betriebenen Gaswerke darstellt. Im Jahre 1925 erreichte die Gaserzeugung der acht städtischen Werke, deren Einrichtungen in den letzten Jahren einer durchgreifenden Erneuerung unterzogen worden sind, den Betrag von 427 Mill. cbm, das ist genau das Hundertfache der Gaserzeugung im Jahre 1850.

Neben den städtischen Gaswerken entwickelten sich aber auch die Betriebe der englischen Gasgesellschaft recht erfolgreiche Dieses Unternehmen hatte auf Grund des Vertrages aus dem Jahre 1825