Text-Bild-Ansicht Band 342

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das Recht, das von ihm versorgte Stadtgebiet, soweit es innerhalb der alten Ringmauern lag, auch nach Ablauf des Vertrages weiter mit Gas zu beliefern. Ferner schloß die Imperial Continental Gas Association klugerweise schon frühzeitig mit verschiedenen westlichen und südlichen Vororten Berlins Gaslieferverträge ab, wodurch sie sich bei dem raschen Wachstum dieser Gemeinden ein umfangreiches neues Absatzgebiet schuf, dessen Bedeutung im Laufe der Jahre weitaus größer wurde als der heiß umstrittene Bezirk im Zentrum Berlins.

Zu dem ersten Gaswerk Berlins, das am Landwehrkanal vor dem Halleschen Tor lag, kam bereits im Jahre 1837 ein zweites hinzu, das auch heute noch bestehende Gaswerk in der Holzmarktstraße, das in der Folge zweimal erweitert – wurde. Im Jahre 1871 wurde das Gaswerk Schöneberg erbaut, 1888 folgte Weißensee, 1889 Grünau, 1898 Oberschöneweide und im Jahre 1901 Marlendorf, das heute eines der größten Gaswerke von ganz Europa ist. Diese sieben Werke der I.C.G.A. wurden im Weltkriege als englische Unternehmungen unter Zwangsverwaltung gestellt und die Gesellschaft selbst wurde im Jahre 1918 von der Regierung liquidiert. Zur Uebernahme der Werke der englischen Gesellschaft wurde dann die Deutsche Gas-A.-G. unter Beteiligung der Städte Schöneberg und Wilmersdorf, des Kreises Teltow sowie der Deutschen Continental-Gasgesellschaft in Dessau gegründet; das Aktienkapital dieser Gesellschaft beträgt heute 100 Mill. RM. Zum Betrieb der Werke sowie zum Vertrieb ihrer Erzeugnisse wurde eine besondere Untergesellschaft, die Gasbetriebsgesellschaft, errichtet, deren Aktien im Besitz der Deutschen Gas-A.-G. und der Deutschen Continental-Gas-Gesellschaft sich befinden; das Aktienkapital dieses Unternehmens beträgt 8 Mill. RM.

Die Schaffung der Gemeinde „Groß-Berlin“ im Jahre 1920 war auch im Hinblick auf die Gasversorgung sowie auf die Besitzverhältnisse der beiden Parteien, städtische Werke einerseits und Deutsche Gasgesellschaft anderseits, von großer Bedeutung. Die Stadt Berlin gelangte hierdurch in den Besitz der Gaswerke Charlottenburg, Spandau und einiger weiterer Vorortwerke, so daß sich die Zahl der in städtischem Besitz befindlichen Gaswerke auf insgesamt 17 erhöhte, von denen in der Folge aber im Interesse einer möglichst wirtschaftlichen Betriebszusammenfassung 9 kleinere Werke stillgelegt wurden, so daß heute nur noch die folgenden 8 städtischen Gaswerke in Betrieb sind: Danziger Straße, Charlottenburg, Tegel, Lichtenberg, Neukölln, Weißensee, Oberschöneweide und Spandau. Diesen stehen gegenüber 7 Gaswerke der Deutschen Gas-A.-G., an welcher die Stadt Berlin als Rechtsnachfolgerin der Gemeinden Schöneberg und Wilmersdorf nunmehr aber ebenfalls mit einem erheblichen Aktienbesitz beteiligt ist. Hierdurch war endlich eine Grundlage geschaffen, um den erwähnten, jahrzehntelang währenden Kampf der beiden Unternehmungen gegeneinander zu beenden und eine abschließende, großzügige Auseinandersetzung über die gesamte Gasversorgung von Groß-Berlin herbeizuführen. Im Jahre 1925 kam endlich ein Vertrag zustande, wonach das Gaswerk Holzmarktstraße am 1. April 1929 käuflich in den Besitz der Stadt Berlin übergeht; von diesem Termin ab stellt die Deutsche Gasgesellschaft die Gaslieferung im Stadtgebiet innerhalb der früheren Ringmauern ein und überläßt die Gasversorgung dieses Teiles den städtischen Werken allein. In den Vororten dagegen, die bisher von den Werken der Deutschen Gasgesellschaft beliefert worden sind, bleibt der derzeitige Zustand bis zum Ende des Jahres 1975 bestellen, zu welchem Zeitpunkt die Stadt Berlin berechtigt ist, die gesamten Anlagen zu bestimmten Bedingungen zu erwerben. Somit wird die Stadt Berlin erst nach 49 Jahren die gesamte Gasversorgung in eigene Hände bekommen; in diesem Zusammenhang muß jedoch darauf hingewiesen werden, daß heute bereits etwa 82% aller Einwohner aus den städtischen Werken und nur 18% aus den Werken der Gasgesellschaft mit Gas versorgt werden.

Weitaus langsamer als in Berlin vollzog sich begreiflicherweise die Einführung der Gasbeleuchtung in den anderen Städten Deutschlands. Nach Berlin und Hannover waren Dresden und Frankfurt a. M. die nächsten beiden Städte, die Gaswerke errichteten, und zwar schon im Jahre 1828. Bemerkenswert ist auch die Tatsache, daß diese beiden Gasanstalten bereits von deutschen Ingenieuren erbaut worden sind. Es folgten Leipzig 1837, Aachen und Elberfeld 1839, Köln 1840, Deutz 1844, Stuttgart 1845, Hamburg und Karlsruhe 1846, Nürnberg und Breslau 1847, Augsburg 1848 und München 1850.

Eine lebhaftere Entwicklung setzte erst in den fünfziger und sechziger Jahren ein, als durch die Eröffnung zahlreicher neuer Eisenbahnlinien die Beschaffung geeigneter Steinkohlen für die Gaserzeugung erleichtert wurde. Heute sind in ganz Deutschland ungefähr 1400 Steinkohlengaswerke in Betrieb, deren Gaserzeugung etwa 3200 Millionen cbm jährlich beträgt. Durch das überall zutage tretende Streben, die Gaserzeugung weiter Gebiete zu zentralisieren und die kleineren, weniger wirtschaftlichen Betriebe stillzulegen, ferner durch die in letzter Zeit mit besonderem Nachdruck betriebenen Bemühungen, die überschüssige Gaserzeugung der Kokereien durch Fernleitungen noch mehr als bisher an die Großstädte abzugeben, wird zwar die Zahl der Gaswerke in den nächsten Jahren eine Abnahme erfahren, dagegen ist mit Sicherheit zu erwarten, daß der Gasverbrauch in Zukunft noch beträchtlich wachsen wird, da namentlich der gewerblichen und industriellen Gasheizung, wie das Beispiel Englands und Amerikas zeigt, noch weite Gebiete offen stehen. So darf man denn der schon so oft totgesagten deutschen Gasindustrie, die mit ihren wertvollen Nebenerzeugnissen einen starken Pfeiler unserer gesamten Wirtschaft bildet, auch in den kommenden Jahrzehnten eine erfolgreiche Entwicklung voraussagen.