Text-Bild-Ansicht Band 291

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ausgespannten sogen. Fahrdrähte; sie wird isolirt an Stangen befestigt, welche dem Charakter der zu befahrenden Strecke entsprechend entweder als einfache Holzmasten mit schmiedeeisernen Auslegern (vgl. Fig. 1) hergestellt werden, oder als schmucke eiserne Masten mit geschmackvoll geformten Auslegern.

Hat die Bahnstrecke eine grössere Länge, so verwendet man ausser dem Fahrdrahte noch einen oder mehrere Zuführungsdrähte, welche nach Art der Telegraphendrähte auf Porzellanisolatoren an den eigentlichen Stangen befestigt werden und den Zweck haben, den Fahrdraht auf seiner ganzen Länge mit Strom von möglichst gleicher Spannung zu versorgen.

Textabbildung Bd. 291, S. 39
Dem soeben beschriebenen Fahrdrahte entnehmen sich die einzelnen Motorwagen ihren Strombedarf mittels einer an einer federnden Ruthe angebrachten Rolle. Die von der Firma angestellten eingehenden Versuche mit einem Contactbügel2) an Stelle der Rolle haben die bedeutende Ueberlegenheit der Rolle unzweifelhaft nachgewiesen.

Die Ruthe ist an ihrem unteren Ende mittels eines Scharniers auf dem Deck des Wagens gelagert und derartig mit einer Anzahl langer Spiralfedern verbunden, dass die Rolle stets kräftig gegen die stromführende Leitung gedrückt wird. Die Federn sind so elastisch, dass der durch den Durchhang des Drahtes, die Durchfahrt unter Brücken u.s.w. bedingte Unterschied in der Höhenlage des Fahrdrahtes schon sehr bedeutend sein kann, ohne dass die gute Berührung zwischen dem Fahrdrahte und der Rolle darunter leidet. Von der Ruthe wird der Strom einem Umschalter zugeführt, welcher in der Mitte des Wagens unter der Decke angebracht ist und den Führer des Wagens befähigt, die Fahrrichtung zu ändern. Von dem Umschalter geht nämlich der Strom, je nach der Stellung desselben, nach den oberen oder nach den unteren Bürsten der beiden Elektromotoren und von hier nach den beiden auf den Plattformen des Wagens angeordneten Steuerapparaten.

Mit Hilfe der letztgenannten Apparate vermag der Führer des Wagens: erstens die Fahrgeschwindigkeit innerhalb weiter Grenzen ohne Kraftverschwendung nach Bedürfniss zu verändern, sowie auch den Strom ganz zu unterbrechen; zweitens den Wagen zu bremsen; drittens das Glockensignal zu geben. Alle diese verschiedenen Thätigkeiten werden mit nur einer Kurbel ausgeführt, im Gegensatz zu den Anordnungen anderer Firmen, welche in der Regel zwei Kurbeln anwenden. Der Steuerapparat wird also genau so gehandhabt wie die Bremskurbel der heutigen Pferdebahnwagen, was als ein besonderer Vorzug anzusehen ist. Da der Steuerapparat Gegenstand eines Patentgesuches ist, so kann hier von ihm noch keine ausführliche Beschreibung und Zeichnung gegeben werden.

Da nur etwa anderthalbe Umdrehungen der Kurbel für den Uebergang von schnellster Fahrt auf Bremsen nothwendig sind und da die Bremse überdies viel stärker wirkt als die gewöhnlichen Bremsen, so ist es erklärlich, dass die Bremsung eines in schnellster Fahrt befindlichen Wagens mit dem hier benutzten Steuerapparate in überraschend kurzer Zeit erfolgt. Umgekehrt wird beim Anfahren durch Zurückdrehen der Kurbel zunächst die Bremse gelöst und durch Weiterdrehen dann erst die langsamste Fahrt begonnen und darauf mehr und mehr Kraft bis zur höchsten Geschwindigkeit eingeschaltet. Somit ist hierdurch jede Kraftvergeudung ausgeschlossen, und dazu ist die Handhabung des ganzen Apparates so ausserordentlich einfach, dass jeder Laie dieselbe ohne irgend welche Schulung sofort zu übernehmen vermag. Unter dem Wagengestell sind in der Regel zwei Elektromotoren angebracht, welche normal je 8 effective entwickeln, für kurze Zeiträume, z.B. beim Anzüge des stehenden Wagens, auf einer Steigung u. dgl., sogar bis zu je 15 effective leisten können. Jeder Motor ist einerseits mittels Federn an dem Wagengestelle aufgehängt, andererseits mit zwei Lagern auf einer der beiden Radachsen gelagert, welche von den Motoren durch zwei Stirnräder im Uebersetzungsverhältniss 1 : 5 angetrieben werden. Fig. 3 und 4 zeigen die Motoren und ihre Aufhängung an den Radachsen, sowie den Antrieb und die um das Ganze angeordneten Schutzkappen.

Textabbildung Bd. 291, S. 39
Das kleine Stirnrad ist nahezu ganz aus Leder hergestellt, so dass das den sonstigen Rädergetrieben in der Regel anhaftende Geräusch nach Möglichkeit vermindert und auf der Fahrt im Wagen durchaus unhörbar ist. Der Motor ist ganz in ein gusseisernes Gehäuse eingeschlossen, um ihn gegen Schmutz und Witterungseinflüsse zu schützen; die Möglichkeit, zum Stromsammler zu gelangen, ist jedoch durch Anordnung einer Thür beschafft.

2)

Ein solcher Bügel wird u.a. auf der Bahn Dresden-Loschwitz benutzt. Vgl. auch Fig. 1.