Text-Bild-Ansicht Band 291

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beim Forschen in dieser Richtung gemachten Erfindungen und nachgesuchten Patente; bei allen handelt es sich um die Verwendung von besonders zubereiteten Mineral- und Pflanzenarten und Harzen, Wachsarten u. dgl. bezieh. von Mischungen dieser Stoffe mit anderen, namentlich kohlenstoffreichen Stoffen. Alle sind aber mehr oder weniger schlechter Ersatz für Guttapercha und Gummi; ihnen fehlt mehr oder minder die elastische Zähigkeit; sie sind zum Theil wenig wärmebeständig, oder sie werden mit der Zeit rissig und brüchig.

Den ersten wirklichen Erfolg erzielte man, als man darauf kam, die vorgenannten Oele, Harze und Wachsarten in Verbindung mit faserigem Material zu verwenden, indem man den Leiter mit Garn umspann oder umflocht, oder ihn mit Band, später mit Papier bewickelte und diese Umspinnung, Umflechtung oder Bewickelung mit Oel, Harz, Theer oder Wachs oder mit aus solchen zusammengesetzten Mischungen tränkte. Durch die Umspinnung, Bewickelung oder Beflechtung des Leiters bleibt dessen centrale Lage gesichert und durch das Tränken mit den genannten Stoffen bezieh. Mischungen wird die wünschenswerthe Isolirfähigkeit erreicht. Für einige Zwecke bedarf es der Tränkung nicht und wird die trockene Umspinnung, Umflechtung und Bewickelung allein genügende Isolation ergeben. So war denn in der Faser-, Band- und Papierisolation, getränkt oder trocken, ein billiges und doch gut isolirendes Material gefunden, mit welchem sich weiter arbeiten liess, und welches dann im Laufe der Jahre mehr und mehr vervollkommnet worden ist.1)

Da alle Faserisolation, auch wenn dieselbe getränkt wird, mehr oder weniger hygroskopisch ist, so ist sie sorgfältig gegen Eindringen von Feuchtigkeit zu schützen. Dies erreicht man am besten dadurch, dass man die Kabelseele mit einem Bleimantel umgibt, welcher zugleich einen gewissen Schutz gegen mechanische Beschädigung gewährt. Solche sogen. Bleikabel werden jetzt in den verschiedensten Anordnungen von fast allen grösseren Kabelfabrikanten mit mehr oder weniger gutem Erfolge hergestellt.

Mit der wachsenden Bedeutung des telephonischen Verkehrs und dem immer dringender werdenden Bedürfnisse, auch auf grösseren Entfernungen durch Kabel sprechen zu können, sah man sich genöthigt, der Capacität mehr Aufmerksamkeit zu schenken; man hatte nämlich gefunden, dass gewisse Schwierigkeiten, welche dem Telephoniren durch längere Kabelstücke entgegenstanden, nur durch Herabminderung der Capacität beseitigt werden konnten (vgl. 1893 289 41). Die schädliche Wirkung der Capacität tritt schon auf kürzeren Kabelstrecken zu Tage, indem die Lautwirkung gegenüber der auf Luftlinien sehr geschwächt erscheint, und daher hatte man es schon fast aufgegeben, durch längere Kabel zu sprechen. Den Kabelfabrikanten war somit die Aufgabe gestellt, Kabel zu erfinden mit möglichst niedriger Capacität, in denen also der Leiter in einer Weise zu isoliren war bezieh. mit einem Isolirmittel zu umgeben war, welches in Bezug auf Capacität die günstigsten Ergebnisse haben würde. Obenan in dieser Beziehung steht bekanntlich die atmosphärische Luft2), dann kommt Papier, dann Paraffin (bei dem die Capacität doppelt so gross ist wie bei Luft), dann Baumwolle, Seide, Gummi, Guttapercha und endlich Glas mit einer 6- bis 10fach höheren Capacität als Luft. Danach würde also ein Kabel, in welchem der Leiter ganz von Luft umgeben wäre, in Bezug auf Capacität die besten Resultate ergeben; da aber der Leiter ohne eine Unterstützung der einen oder der anderen Art nicht central gehalten werden kann, so wird dasjenige Kabel das beste sein, in welchem der Leiter in dem lufterfüllten Raume mittels einer Unterstützung von möglichst geringen Abmessungen central gehalten wird, und in welchem auch diese Unterstützung aus einem Material mit möglichst geringer Capacität besteht, oder in welchem der Leiter so geformt ist, dass er die isolirende Hülle mit einem möglichst kleinen Theile seines Umfanges berührt. Von dieser letzteren Möglichkeit ist eingangs gesprochen und auf die Verminderung der Capacität durch Verwendung dreieckigen, rechteckigen oder sternförmigen Drahtes, oder durch Wellen oder Verknicken des Drahtes in seiner Längenrichtung hingewiesen worden. In der anderen Richtung sind verschiedene Versuche gemacht worden, welche sich in der Hauptsache wie folgt gruppiren lassen, nämlich:

a) Aufziehen von perlartigen Körpern (Fortin-Herrmann), kugelförmig oder auch anders geformt, aus Holz, Hartgummi, Glas u.a.m., auf den Leitungsdraht.

b) Umwickeln des Leitungsdrahtes in schlanker Spirale mit Garn oder Bindfaden, die einzelnen Windungen oder Schläge weit genug aus einander für die Bildung von Lufträumen.

c) Eine offene Umflechtung des Leitungsdrahtes mit Garn oder Bindfaden, wobei zwischen den sich kreuzenden Fäden rautenförmige Lufträume entstehen.

d) Eine Durchflechtung der verschiedenen Leitungsdrähte mit Garn, wobei die einzelnen Drähte durch die Garnfäden von einander getrennt werden und zugleich Lufträume entstehen.

e) Erzeugung von Lufträumen in dem Isolirmaterial (meistens Papier) durch Kräuseln, Riffeln, Durchlochen oder Aufpressen von erhabenen Figuren.

f) Schraubenförmige Verdrehung eines zusammengelegten Materialstreifens (Papiersteg), so dass sich spiralige Luftkanäle bilden zur Aufnahme der Leitungsdrähte, wie in Fig. 1.

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Die unter f) vorgeschlagene Lösung des Problems ist eine Erfindung der Firma Felten und Guilleaume, und thatsächlich sind mit Felten und Guilleaume's Patent-Bleikabeln mit Papier- und Luftisolation die besten Ergebnisse erzielt worden. Bei diesen Kabeln ist die Capacität herabgemindert auf 0,04 Mikrofarad für 1 km (0,06 Mikrofarad für 1 engl. Meile) bei einer Temperatur von + 15°C. (60° F.); während sie bei einem im Uebrigen gleichen Kabel mit Gummiisolation 0,3 und mit Faserisolation 0,1 bis 0,2 Mikrofarad für 1 km beträgt. Es ist daher möglich, durch ein Papierkabel mit Lufträumen auf eine entsprechend grössere Entfernung mit derselben Klarheit zu sprechen. Dabei ist die Raumbeanspruchung der einzelnen Adern im Kabel die denkbar kleinste und die Gruppirung derselben eine übersichtliche und gedrängte.

Ein weiterer Factor bei der Beurtheilung der Brauchbarkeit eines Telephonkabels ist dessen Inductionslosigkeit, da das Auftreten von inducirten Strömen bekanntlich die Ursache des so störenden Mithörens des auf den Nachbardrähten Gesprochenen ist. Da, wo das Doppelleitersystem eingeführt ist und also ohne Erde gesprochen wird, hat man mit diesen störenden Inductionserscheinungen nicht zu rechnen; wo es aber aus dem einen oder anderen Grunde nicht möglich ist, für jeden Theilnehmer zwei Drähte im Kabel vorzusehen, wo man vielmehr gezwungen ist, die Erde als Rückleitung zu benutzen, ist es unbedingt nöthig, bei der Kabelanordnung dafür zu sorgen, dass die störenden Einflüsse der Induction auf ein Minimum zurückgeführt werden. Die in dieser Richtung an den Kabelfabrikanten herantretende Aufgabe ist mehr oder weniger vollkommen in nachstehender Weise gelöst worden, nämlich:

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a) Man hat die Adern in bestimmten Abständen im Kabel oder auch in den Verbindungsmuffen gekreuzt, ähnlich wie man es für den gleichen Zweck bei offenen Leitungen thut. Diese Lösung erscheint aber wenig empfehlenswerth, weil sie die Fabrikation der Kabel sehr verwickelt macht und den gewünschten Zweck nur unvollkommen erreicht.

b) Ein anderer Vorschlag, um ein möglichst rechtwinkeliges Kreuzen der Adern zu erreichen, ging dahin, zwei Adern in möglichst kurzer Drehung mit einander zu verseilen.

c) Derselbe leitende Gedanke liegt der Erfindung der sogen. Solenoid(Lugo)-Kabel zu Grunde, in denen ein Theil der Adern um die anderen gewickelt ist.

d) Am vollkommensten erreicht man den Zweck jedenfalls durch Umwickeln der Adern mit Stanniol bei Anordnung einer geeigneten Anzahl nicht isolirter Erddrähte zwischen den Adern, wie dies Fig. 2 zeigt. Die Stanniolbeläge sammeln die inducirten Ströme und da sie unter einander und mit den Erddrähten in

1)

Vgl. Papierisolation der Norwich Insulated Wire Co., 1892 283 188; Celluloseisolation von Perci und Schacherer, sowie von Thame, 1892 283 188 und 1892 286 143; Isolation in Papierröhren von Raworth, Callender und Webber, 1892 286 * 143; Cook, Isolirung durch Faserstoffe und durch Kautschuk u. dgl. zugleich 1894 291 * 40.

2)

Luftisolation von Davidson und von Siemens und Halske vgl. 1892 285 302; von Felten und Guilleaume, 1893 287 72.