Text-Bild-Ansicht Band 291

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und Kohlensäure könnte aber vielleicht zum Theil auch darin begründet sein, dass die Entwickelung des Wasserstoffes und die Bildung der Kohlensäure in gar keinem unmittelbaren genetischen Zusammenhang stehen, sondern zwei neben einander herlaufende, auf ganz verschiedenen Ursachen beruhende Erscheinungen darstellen. Einer solchen Annahme widerspricht aber zunächst die Regelmässigkeit, mit der die Kohlensäure neben dem Wasserstoff auftritt, ferner das Unterbleiben der Kohlensäurebildung in allen Fällen, wo die Wasserstoffenwickelung unterdrückt wurde, weiterhin die Analogie mit bereits bekannten Zersetzungserscheinungen, bei welchen, wie z.B. bei der Buttersäuregährung, auch Wasserstoff und Kohlensäure gleichzeitig auftreten, und schliesslich auch die Thatsache, dass unser Bacillus aus gewissen Kohlehydraten dasselbe Gasgemisch producirt, wie aus der Fichtenrinde, ein Umstand, der weiterhin noch zur Sprache kommen soll.

Ein wesentlich höheres Interesse für die Gerberei beansprucht nun aber die zweite der oben aufgeworfenen Fragen, nämlich die nach der Quelle des Gases. Wenn es sich um Wasserstoff allein handelte, oder wenn man von der immerhin möglichen Voraussetzung ausgehen wollte, dass das Auftreten der Kohlensäure eine nebensächliche Erscheinung sei, so könnte man eventuell an eine Zersetzung des Wassers selbst denken, wobei der freiwerdende Sauerstoff anderweitige Verbindungen einginge oder zum Theil von dem Bacillus zur Athmung verbraucht würde. Aber abgesehen davon, dass eine solche Zersetzung des Wassers aus mehrfachen Gründen eine innere Unwahrscheinlichkeit in sich trägt, habe ich einen sogen. blinden Versuch in der Weise angestellt, dass ich in einen Apparat destillirtes Wasser brachte und dasselbe mit frischer Reincultur des Bacillus corticalis impfte unter Zusatz einer kleinen Menge von Nährgelatine. Wie zu erwarten, entwickelte sich keine Spur von Gas und der Versuch wurde nach 14 Tagen abgebrochen. Der Lieferant des Gasgemisches muss demnach – worauf ja schon die regelmässige Gegenwart der Kohlensäure hindeutet – in einer organischen, in der Fichtenrinde selbst enthaltenen Substanz zu suchen sein.

Die Bestandtheile der Fichtenrinde und der vegetabilischen Gerbmaterialien überhaupt, wie sie uns als Resultat der zum Zwecke der Werthbestimmung ausgeführten chemischen Analyse entgegentreten, sind wesentlich dreierlei Art, nämlich: 1) Wasser, 2) in Wasser lösliche Stoffe, 3) Unlösliches. Die wasserlöslichen Stoffe werden dann noch mit Rücksicht auf Werth und Bedeutung für die Gerberei unterschieden in gerbende Stoffe, organische Nichtgerbstoffe und Mineralstoffe (Extractasche).

Wie die bisher mitgetheilten Versuchsresultate schon klar erkennen lassen, ist der Ursprung des Gasgemisches in den im Wasser löslichen Stoffen zu suchen, – ob aber ausschliesslich? – das ist eine Frage, die erst durch besondere Versuche zu beantworten war. Es wurden daher 12 g Fichtenrinde mit 600 cc Wasser 2 Stunden bei Zimmertemperatur unter häufigem Umschütteln ausgelaugt. Der erhaltene Extract wurde abfiltrirt und in einen Gasentwickelungsapparat gebracht. In einen zweiten Apparat wurde die ausgelaugte Rinde gebracht und der Apparat wieder mit destillirtem Wasser gefüllt.

Das Ergebniss war folgendes:


Extract
Ausgelaugte
Rinde
Entwickelte Gasmenge
nach 6 Tagen
nach weiteren 7 Tagen
cc
10
21
cc
1,5
9,5
In Summa 31 11,0

Wenn auch hieraus hervorgeht, dass die Menge der zersetzungsfähigen Substanzen in der ausgelaugten Rinde eine wesentlich kleinere ist, als die der leichtlöslichen Stoffe, so lässt sich doch dagegen einwenden, dass die Dauer der Extraction zu kurz war, um alle löslichen Stoffe zu entfernen, und dass ausserdem ein geringer Theil bereits gelöster Substanzen mechanisch von der Rinde zurückgehalten wurde und nicht mit in das Filtrat gelangte. Die letztere Quantität ist indessen ohne Zweifel zu unbedeutend, um die immerhin noch beträchtliche Menge gasförmiger Zersetzungsproducte, die sich im zweiten Apparate entwickelte, zu erklären.

Es wurden daher nochmals 10 g Fichtenrinde, in einem Leinwandbeutel verwahrt, durch 3tägiges Einhängen in den oberen Theil eines mit Wasser gefüllten hohen Cylinders unter öfterem Erneuern des Wassers von löslichen Stoffen nahezu erschöpft. Die Flüssigkeit gab nur noch schwache Spuren von Gerbstoffreaction. Da die Rinde aber durch die wiederholte Behandlung mit Wasser offenbar auch den grössten Theil der an ihr haftenden gährungserregenden Bakterien eingebüsst hatte, so wurde sie nach dem Einbringen in den Gasentwickelungsapparat noch mit frischer Bakterienmasse von einer Reincultur geimpft. Die entwickelte Gasmenge betrug nach 7 Tagen 0 cc, nach weiteren 7 Tagen 4,5 cc, nach abermals 7 Tagen 3,5 cc und nach wieder 7 Tagen 4 cc; in Summa also 12 cc in 28 Tagen.

Die wesentlich geringere Menge von gasförmigen Zersetzungsproducten, welche hier der unlösliche Rückstand im Vergleich mit dem ersten Extract geliefert hat und wozu überdies noch ein relativ langer Zeitraum erforderlich war, beweist einerseits, dass in der That die leichtlöslichen Stoffe die Hauptquelle für das Gemenge von Wasserstoff und Kohlensäure bilden, andererseits geht aber auch daraus hervor, dass der unlösliche Rückstand immer noch zersetzungsfähige Stoffe enthält bezieh. dass sich aus demselben im Laufe der Zeit noch zersetzungsfähige Substanzen bilden. Zu einem gleichen bezieh. ähnlichen Ergebniss, aber auf ganz anderem Wege haben auch Untersuchungen von Prof. v. Schroeder und Bartel2) geführt, aus denen sich ergab, dass durch wiederholte Behandlung schon ausgelaugter Gerbmaterialien immer wieder neue Quantitäten von unlöslichen Stoffen in lösliche übergeführt werden können.

Doch kehren wir zunächst zu den löslichen Stoffen zurück, welche, von dem geringen Mineralstoffgehalt abgesehen, sich aus gerbenden Stoffen und sogen. Nichtgerbstoffen zusammensetzen. Welcher von beiden Antheilen wird nun unter Erzeugung von Wasserstoff und Kohlensäure von dem Rindenbacillus zersetzt? Sind es die Gerbstoffe oder die Nichtgerbstoffe oder beide?

2)

„Zur Extraction der Gerbmaterialien von Prof. Dr. v. Schroeder und A. Bartel in Tharand“, D. p. J. 1893 289 113.