Text-Bild-Ansicht Band 291

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Prof. v. Schroeder und Bartel3) hatten bei einer von ganz anderem Gesichtspunkte aus angestellten Untersuchung über Gerbstoffverluste beim Gähren der Gerbebrühen nach mehrtägigem Stehen der Flüssigkeit bereits einen „kahmigen Absatz“ beobachtet und es kann keinem Zweifel unterliegen, dass dieser kahmige Absatz im Wesentlichen aus Bakterien bestand, welche höchst wahrscheinlich mit unserem Rindenbacillus identisch waren. Obgleich daher ihre Gerbebrühen während der Versuchsdauer dem Einflüsse der Bakterien unterworfen waren, konnten sie doch in mehreren Versuchsreihen, wovon sich die längste über einen Zeitraum von 16 Tagen erstreckte, durchaus keinen wesentlichen Verlust an Gerbstoff constatiren.

Wenn es auch hiernach schon von vornherein unwahrscheinlich war, die Production des Gasgemisches auf eine Zersetzung des Gerbstoffes zurückzuführen, so prüfte ich doch das specielle Verhalten unseres Rindenbacillus in dieser Beziehung noch auf anderem Wege. Da es nicht möglich ist, die Gerbstoffe aus der Fichtenrinde für sich allein in Lösung zu erhalten, so wurde diese Frage vorläufig auf einem halb indirecten Wege zu beantworten gesucht. 16 g Fichtenrinde wurden mit 800 cc Wasser 4 Stunden lang bei gewöhnlicher Temperatur extrahirt, der Extract filtrirt und das Filtrat zur Entfernung des Gerbstoffes hierauf durch 2 Stunden mit 10 g Hautpulver unter häufigem Umschütteln behandelt. Das Filtrat hiervon wurde wieder 4 Stunden hindurch in gleicher Weise mit Hautpulver behandelt und das neue Filtrat nochmals 1 Stunde lang mit 5 g Hautpulver geschüttelt. Die Flüssigkeit; welche nun nur noch sehr schwache Spuren von Gerbstoffreaction zeigte, wurde nun nach abermaligem Filtriren mit Reincultur des Rindenbacillus geimpft und in den Gasentwickelungsapparat übergeführt.

Nach 2 Wochen hatten sich 20,5 cc Gas angesammelt, die sich nach weiteren 14 Tagen noch auf 25,5 cc vermehrten.

Gleichzeitig wurde ein zweiter Apparat mit einer 1procentigen Lösung von Tannin beschickt und gleichfalls mit Reincultur von Bacillus corticalis geimpft unter Zusatz von etwas Nährgelatine. Hier war in dem gleichen Zeitraume, also nach Verlauf von vollen 4 Wochen noch keine Spur von Gasentwickelung eingetreten.

Im ersten Versuche war auch ohne Gerbstoff eine reichliche, im zweiten Versuche aber trotz Anwesenheit von reinem Gerbstoff gar keine Gasproduction erfolgt.

Ein Vergleich beider Versuche drängt daher zu dem Schlusse, dass die gerbenden Stoffe von dem Rindenbacillus nicht angegriffen werden, sondern dass die sich zersetzenden Substanzen in der Kategorie der organischen Nichtgerbstoffe zu suchen sind.

Vorstehender Satz wird überdies in seinem zweiten Theile durch folgenden Versuch noch direct erwiesen. 40 g Fichtenrinde wurden in gewöhnlicher Weise mit 2 l Wasser extrahirt und das Filtrat in zwei Portionen getheilt. Die eine Portion wurde zur sofortigen Analyse verwendet, die andere Portion wurde in einen Gasentwickelungsapparat gebracht und nach 7 Tagen, als sie 34,5 cc Gas geliefert hatte, ebenfalls analysirt. Hierbei kam folgendes Resultat zum Vorschein:

100 cc des Extractes enthielten:

Vor
der Gasent-
wickelung
Nach
der Gasent-
wickelung

Differenz
g g g
Organische gerbende Sub-
stanzen
Organische Nichtgerbstoffe
Extractasche

0,1655
0,1670
0,0125

0,1690
0,1220
0,0120

+ 0,0035
– 0,0450
– 0,0005
Gesammtextract 0,3450 0,3030 – 0,0420
Unter den Nichtgerbstoffen ist
Zucker

0,0412

0,0036

– 0,0376

Wie die vorstehenden Zahlen zeigen, hat während der Gasentwickelung auch eine Abnahme der gelösten Stoffe stattgefunden, und zwar betrifft der Verlust die Nichtgerbstoffe, speciell den Zucker.

Die löslichen „Nichtgerbstoffe“ stellen überhaupt ihrerseits wieder ein Gemenge verschiedenartiger Substanzen dar, welche ihrer näheren chemischen Natur nach noch wenig bekannt sind und von denen nur so viel feststeht, dass unter ihnen besonders zuckerartige Stoffe und andere Kohlehydrate eine Hauptrolle spielen. Ihres unter einander ähnlichen chemischen Verhaltens wegen sind sie schwer zu isoliren und in quantitativer Weise einzeln nicht zu bestimmen.

Wenn es sich also darum handelt, nachzuforschen, welcher specielle Nichtgerbstoff unter Abgabe von Wasserstoff und Kohlensäure durch die Bakterien zerlegt wird, so könnte es zunächst zweifelhaft erscheinen, ob der directe Weg, d.h. das Experiment mit Fichtenrinde oder dem Extract derselben, Aussicht auf Erfolg bietet. Da nun aber durch anderweitige Untersuchung hinreichend erwiesen ist, dass es vor allen Dingen die zuckerartigen Stoffe sind, welche aus den Gerbebrühen im Laufe der Zeit verschwinden und womit auch die obigen Analysenresultate übereinstimmen, so lag es nahe, auch unseren Bacillus corticalis direct auf Zucker und ähnliche Stoffe einwirken zu lassen.

Eine 2procentige Lösung von Traubenzucker wurde daher mit etwas Nährgelatine und Reincultur des Rindenbacillus versetzt. Sie entwickelte im Apparate folgende Gasmengen:

In der 1. Woche 15,5 cc
2 13,5 cc
3. 10,0 cc
4 8,0 cc
––––––––––––––––
Summa in 28 Tagen 46,0 cc

Das Gas erwies sich als brennbar.

Es wurde nun eine zweite Quantität Gas aus Traubenzuckerlösung in gleicher Weise erzeugt und zur Gasanalyse verwendet. Das Gas enthielt eine kleine Menge Stickstoff, welcher offenbar nur aus der zugesetzten Nährgelatine herrühren konnte. Der Rest erwies sich ganz wie das aus der Fichtenrinde producirte Gas als ein Gemenge von Wasserstoff und Kohlensäure, und zwar ergab sich die procentische Zusammensetzung in zwei Versuchen:

I II Mittel
Wasserstoff 86,13 87,31 86,72
Kohlensäure 13,87 12,69 13,28
3)

„Ueber Gerbstoffverluste beim Gähren der Gerbebrühen von Prof. Dr. v. Schroeder und A. Bartel“, Deutsche Gerberzeitung, 1890 Nr. 67 ff.