Text-Bild-Ansicht Band 291

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Dieses Resultat bestätigt offenbar in hohem Grade die Zersetzung der Zuckerstoffe auch in der Fichtenrinde; es beweist aber noch keineswegs, dass es auch in der Rinde gerade Traubenzucker ist, welcher zerstört wird. Wenigstens braucht es nicht nothwendiger Weise Traubenzucker zu sein, da unser Rindenbacillus befähigt ist, auch andere Zuckerarten in ähnlicher Weise zu zersetzen.

So wurde z.B. auch seine Wirksamkeit gegen Milchzucker geprüft, wozu ich veranlasst wurde durch gewisse Aehnlichkeiten, die der Bacillus corticalis in seiner äusseren Erscheinung unter dem Mikroskop, sowie in seinem Verhalten in den Reinculturen mit dem Milchsäurebacillus zeigt. Auch die Lösung von Milchzucker, welche, um eine Analogie mit der gewöhnlichen Milch herzustellen, in einer Concentration von 4 Proc. angewandt wurde, entwickelte, nachdem sie durch ¾stündiges Kochen sterilisirt und nach dem Wiedererkalten mit dem Rindenbacillus geimpft worden war, ein farbloses Gas in folgender Quantität:

Nach der 1. Woche 2,5 cc
2. 18,0 cc
3. 28,5 cc
4. 20,5 cc
5 12,0 cc
–––––––––––––––
Summa 81,5 cc

Die Gasanalyse ergab neben etwas aus der Gelatine stammendem Stickstoff auch hier Wasserstoff und Kohlensäure, und zwar von ersterem 74,3 Vol.-Proc., von letzterem 25,7 Vol.-Proc.

Diese merkwürdige Thatsache, dass der Bacillus corticalis auch Milchzucker zersetzen kann, bewog mich nun, auch umgekehrt den Milchsäurebacillus, welchen ich mir zu diesem Zweck zuvor aus sauer gewordener Milch in der oben beschriebenen Weise rein züchtete, in seinem Verhalten gegen die Fichtenrindenbrühe zu untersuchen. Letztere, in der üblichen Stärke von 20 g auf 1 l hergestellt, sterilisirt und mit Reincultur von Bacillus acidi lactici geimpft; zeigte selbst nach 3 Wochen noch nicht die geringste Gasentwickelung. Hierdurch ist zugleich die Verschiedenheit des Bacillus corticalis von dem Milchsäurebacillus erwiesen.

Wie ein anderer (noch nicht beendigter) Versuch erkennen lässt, wird auch Rohrzucker durch den Bacillus corticalis zerlegt unter Entwickelung eines farblosen Gases, während die Lösung gleichzeitig eine saure Reaction erhält.

Ich liess ferner unseren Rindenbacillus auf Stärkemehl einwirken, erzielte aber trotz einer 5wöchentlichen Versuchsdauer nur einen negativen Erfolg. Die Stärke, welche ja auch in der Fichtenrinde in geringer Menge vorhanden ist, wird demnach von dem Rindenbacillus direct nicht angegriffen. Vielleicht geschieht dies aber bei gleichzeitiger Gegenwart anderer Fermente, durch welche die Stärke zuvor in zuckerartige Stoffe umgewandelt wird.

Die beiden Thatsachen, dass der Rindenbacillus Zuckerarten unter Entbindung von Kohlensäure und Wasserstoff zerlegt und dass in der Fichtenrinde das Verschwinden des Zuckers mit der Entwickelung des Gasgemisches Hand in Hand geht, lassen nun sicher auf einen ursächlichen Zusammenhang beider Erscheinungen schliessen. Man kann daher den weiteren Satz aussprechen: Die in den Fichtenrindenextracten enthaltenen zuckerartigen Stoffe werden durch die Thätigkeit des Bacillus corticalis zersetzt, wobei Wasserstoff und Kohlensäure als gasförmige Zersetzungsproducte auftreten.

Es ergibt sich nun unmittelbar als dritte Frage: Was wird aus den Restbestandtheilen der Zuckerstoffe nach Abgabe von Kohlensäure und Wasserstoff?

Der mit den Vorgängen in der Gerberei vertraute Leser wird die Antwort darauf bereits richtig vermuthen. Da nach Verlauf einiger Zeit Stoffe in den Gerbebrühen auftreten, welche ursprünglich nicht darin vorhanden waren, nämlich Säuren, und da andererseits ursprünglich vorhandene Stoffe, besonders die zuckerartigen, an Menge abnehmen oder ganz verschwinden, so drängt sich von selbst der Gedanke auf, dass eben jene zuckerartigen Stoffe das Material zur Bildung der Säuren liefern. Schon seit längerer Zeit pflegt man die in der Fichtenrinde und anderen pflanzlichen Gerbmaterialien enthaltenen zuckerartigen Substanzen geradezu als Säure bildende Stoffe zu bezeichnen, weil alle darauf gerichteten Untersuchungen das Resultat ergeben haben, dass das Auftreten von Säure und das Verschwinden des Zuckers Hand in Hand gehen.

Es erübrigt nun aber noch, experimentell zu beweisen, dass die Umbildung der Zuckerstoffe in Säure in ursächlichem Zusammenhang mit der Gasentwickelung steht und dass beide Erscheinungen auf die Lebensthätigkeit des Bacillus corticalis als ihre gemeinsame Ursache zurückzuführen sind.

Mehrere hierüber angestellte Versuche sind in folgenden Zusammenstellungen enthalten:



I. Versuch.
Gehalt des Fichtenrinden-
extractes in 100 cc

an Zucker
an Säure als
Essigsäure be-
rechnet
g g
Ursprünglich 0,0334
Nach 40 cc Gasentwickelung in
7 Tagen

0,0060

0,0172
Nach 47 cc Gasentwickelung in
23 Tagen

0,0023

0,0236


II. Versuch.
Gehalt des Fichtenrinden-
extractes in 100 cc

an Zucker
an Säure als
Essigsäure be-
rechnet
g g
Ursprünglich 0,0354
Nach 35 cc Gasentwickelung in
7 Tagen

0,0087

0,0193
Nach 50 cc Gasentwickelung in
9 Tagen

0,0051

0,0204

Wenn nun auch die vorstehenden Zahlen für die Menge des entwickelten Gases, des verschwindenden Zuckers und der auftretenden Säure keine strenge Proportionalität aufweisen, was bei der Schwierigkeit der Bestimmung so kleiner Mengen mit den gegenwärtig vorhandenen Methoden nicht Wunder nehmen kann, so tritt doch eine gewisse Parallelität aller drei Vorgänge deutlich hervor. Die gegenseitige Abhängigkeit wird ja für Zucker und Säure überhaupt von Niemand bezweifelt, nachdem sie durch wiederholte Untersuchungen festgestellt worden ist.4) Sie tritt sehr schön hervor in einer Reihe von Analysen eines ganzen

4)

Vgl. B. Kohnstein, „Beitrag zur Kenntniss der säurebildenden Stoffe in den Gerbebrühen“, Der Gerber, 1886 Nr. 293. v. Schroeder, „Ueber Gerbung mit Fichtenextract und Quebrachoextract“, Deutsche Gerberzeitung, 1889 Nr. 38.