Text-Bild-Ansicht Band 318

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sie versichert sich durch Inanspruchnahme der geologischen Landesanstalt, ob der Boden auch für eine dauernde Rieselung geeignet ist und ob nicht Ueberflutungen der Nachbargrundstücke erfolgen werden. Hier hat eine Heilquelle ihre ursprüngliche Zusammensetzung allmählich verloren und es soll nun ermittelt werden, wo und wie dieselbe wieder zu erlangen ist. Doch genug, die Fälle lassen sich beliebig vermehren. Es genüge die Bemerkung, dass die Zahl der grösseren Begutachtungen im Jahre etwa die Ziffer 100 beträgt. – Und doch sind die Fälle, in denen der Eat der geologischen Landesanstalt zwar gegeben werden könnte, aber, sei es Unkenntnis, sei es aus Ueberhebung, unbegehrt bleibt – und zwar zum Schaden der Unternehmer – ausserordentlich zahlreich. Man könnte über dieses Thema, so zu sagen, ein Buch schreiben. Es giebt heute noch unter unseren sogenannten Gebildeten eine grosse Zahl von Leuten, die bei Anlage eines Brunnens, einer Wasserleitung u.s.w. sich lieber einen Mann mit der Wünschelrute oder mit einem ähnlichen, nur moderner klingenden Apparat, der galvanischen Kette, verschreiben als einen Geologen. Man wende dagegen nicht die Erfolge ein, die derartige Leute in zahlreichen Fällen vermöge einer gewissen Praxis und Erfahrung unzweifelhaft erzielt haben, weil sie sich in der Eegel auf so einfache Verhältnisse bezogen, dass auch ein einfacher erfahrener Brunnenmacher sie ebenso erzielt haben würde. Besonders häufig rächt sich die Vernachlässigung der geologischen Verhältnisse beim Eisenbahnbau. Es giebt Stellen in Einschnitten, z.B. an der Bahnlinie Leinefelde –Treysa, die dauernd in Bewegung bleiben, weil die Linie ein Gelände durchschneidet, in dem zahlreiche wasserbringende Verwerfungsklüfte durchsetzen. Das Gleiche ist z.B. auf der Linie Altenbeken-Warburg der Fall. Eine Verschiebung der Linie um 100 m oder weniger hätte genügt, das gefährdete Gebiet zu vermeiden. Bei Malsfeld überschreitet die Bahn die Fulda auf hoher Brücke gerade auf einer der wenigen Stellen, wo eine tiefe Tertiärmulde, die mit Sand, Braunkohlen und namentlich Thon gefüllt ist, das Thal überquert. Von den z. T. im Tertiär gegründeten Pfeilern stürzte einer sogleich nach Fertigstellung um. Wenige 100 m flussauf- und flussabwärts ist ganz sicheres Buntsandsteingebiet, in dem so etwas nie vorgekommen wäre. Beim Bau der Eisenbahnstrecke Plaue-Ilmenau (in Thüringen) versteifte man sich darauf, den Bahnhof an die Stelle eines alten kleinen Teiches zu legen, der im Dörfchen Elgersburg vorhanden war. Dem Geologen war wohl bekannt, dass der unschuldig aussehende kleine Weiher nur die Ausmündungsstelle einer grossen unterirdischen Gipsauswaschung der Zechsteinformation, einer sogenannten Schlotte, war. Man dachte den Teich mit dem Material eines benachbarten Einschnittes rasch zu füllen. Aber Wagen auf Wagen wurde hineingeschüttet und verschwand und mit der Erdmasse gelegentlich die Schienen, auf denen man die Wagen heranfuhr. Und endlich brach parallel zum Schienenstrang beiderseits die Erde auf und es ergoss sich eine Schlammmasse über die Umgegend, die zeitweilig selbst den immer wieder neu geschütteten Damm überspülte. Das war der Inhalt der Gipsschlotte! Nun, man hat sie ja schliesslich gefüllt und der Bahnhof steht heute wohl auch sicher, aber kaum 80 m von der Strecke läuft ihr parallel im Liegenden des Auswaschungsgebietes des Gipses ein von ihr völlig unabhängiger und unberührter Dolomitrücken, auf dem die Bahn von vornherein sicheren Halt gefunden hätte. Die Bahn Zella-Schmalkalden hat aussergewöhnlich viel Last durch Dammrutschungen gehabt, denn man hat hier beinahe planmässig die rutschigen Stellen mit offenen Einschnitten, die festen mit Tunnels durchschnitten, anstatt umgekehrt. Bei der Provinzial-Irrenanstalt Nietleben bei Halle a. S. ist ein Rieselfeld auf verthontem Porphyr angelegt worden, also auf einem der schwerstdurchlässigen Böden, die es giebt. Dass das natürlich wirkungslos blieb und schon nach verhältnismässig kurzer Zeit durchaus keine Pflanzen auf demselben mehr gedeihen wollten, konnte einen Geologen nicht Wunder nehmen. Derartige Dinge kommen leider in übergrosser Zahl selbst noch da vor, wo eine einfache Nachfrage bei der geologischen Landesanstalt oder schliesslich auch ein Blick auf die geologische Karte genügt hätte, den entstehenden Schaden abzuwenden“.

Zu diesem Thätigkeitszweige der Anstalt sei noch bemerkt, dass sie damit den aus Gutachten ihren Lebensunterhalt ziehenden privaten Geologen schlimme Konkurrenz macht, indem sie nur die Rückerstattung etwa entstehender Kosten zu fordern pflegt und auch in den Fällen, wo sie den Auftrag an einen Privatgeologen weitergiebt, Honorarsätze normiert, die gegenüber den Taxen der deutschen Ingenieurvereine armselig zu nennen sind. Befindet sich aber der Punkt, über welchen um geologischen Rat gebeten wird, innerhalb eines Gebietes, dessen Aufnahme gerade in Arbeit ist, so wird einfach der aufnehmende Geolog mit der Erledigung beauftragt, der dann noch nicht einmal das Recht hat, für die Erreichung des von seinem Standquartiere vielleicht über 25 km entfernten Punktes Reisekosten zu fordern; so werden denn in diesen Fällen fast alle Auskünfte ganz kostenlos erteilt. Dabei bietet der Umstand, dass der betreffende Geolog in seinem Berichte an die Anstalt sein Urteil ausführlich zu begründen hat, überdies die Bürgschaft, dass solches mit Sachkunde und möglichst frei von subjektiver Voreingenommenheit gebildet wurde, da die Direktion eine Kontrolle hierüber auszuüben vermag.

Während die geologischen Spezialk arten im Massstabe 1 : 25000 allen verschiedenartigen Interessen genügen sollen, wird speziellen Bedürfnissen durch solche von entweder grösserem oder geringerem Massstabe entsprochen. Die Wissenschaft verlangt nach einer Zusammenfassung der Ergebnisse, wirtschaftliche Praxis dagegen noch einer grösseren Spezialisierung. Jenem Wunsche nachkommend ist schon mit der Herausgabe einer das ganze Staatsgebiet umfassenden Karte im Massstabe 1 : 100000 begonnen worden und Averden andererseits Bergwerksbezirke und Landgüter vielfach bereits im Massstabe 1 : 10000 oder sogar 1 : 2500 kartiert.

Um aber nach allen Richtungen gehörig wirken zu können und so dem Volkswohle möglichst zu nutzen, bedarf die geologische Anstalt des Verständnisses ihrer Arbeiten in den weitesten Kreisen. Der jetzige Zustand ist beschämend für einen deutschen Geologen, wo er doch im Auslande, z.B. in Skandinavien, oft die Erfahrung machen kann, bei in ganz armseligen Verhältnissen lebenden Arbeitern gleich verstanden zu werden. Bei uns dagegen pflegen auch sog. Gebildete sich nicht die, zumal bei Zuhilfenahme der den einzelnen Blättern der geologischen Spezialkarte beigegebenen Legenden und Erläuterungen, ungemein geringe Mühe zu geben, eine geologische Karte verstehen zu lernen. Es fehlt hierin vor allem an einem Druck von Oben. Imponiert hat es in dieser Beziehung dem Berichterstatter, beim Feldzuge in den französischen Dorfschulen die geologische Karte des betr. Departements (eingerahmt an der Wand hängend) anzutreffen, eine Karte, die, schon damals veraltet, für Laien viel schwerer verständlich war als die unserigen. Das verdient aber entschieden Nachahmung; auch dem Volksschüler muss das Bild und die Zusammenstellung seines heimatlichen Bodens von Jugend auf vor Augen geführt werden. Es ist aber im allgemeinen Interesse weiter dahin zu streben, dass fernerhin, wie Beyschlag seinen Vortrag mit Enthusiasmus schliesst: „Kein Unternehmer mehr in der Submission ein Gebot auf Erdarbeiten macht, ohne unsere Karten befragt zu haben, dass keine Eisenbahn und kein Kanal, keine Wasserversorgungs- und keine Entwässerungsanlage, keine Bergwerksanlage mehr gemacht wird, ohne dass vorher unsere Karten benutzt wären. Kein Landwirt darf ein Gut kaufen, ohne an Stelle des je nach Witterung und Jahr wechselnden und daher trügerischen Standes der Feldfrüchte die geologisch-agronomische Karte, die mechanischen und chemischen Bodenanalysen unserer Karten-Erläuterungen zu studieren. Jeder Landwirt, jeder Forstwirt endlich muss auch dahin kommen, die Einteilung und Abgrenzung seiner Schläge und Aecker nach der auf unseren Karten dargestellten Bodenbeschaffenheit zu bewirken oder zu korrigieren, um gleichartige Böden in gleicher Art zu bestellen und zu behandeln. Ja, unsere Arbeiten müssen Gemeingut werden, aus denen jeder lesen lernt, über welche natürlichen Hilfsquellen des Bodens jede einzelne Landschaft verfügt. So hoffen wir denn, dass unsere Arbeit der Wissenschaft Fortschritt, der Volkswirtschaft Segen bringe!“

O. Lang.